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Archiv der Kategorie Valerija
“Die schöne Olessja” von Alexander Kuprin
18.4.2009 von Krümel.
Den russische Adligen Iwan Panytsch hat es für ein halbes Jahr in ein gottverlassenes Dörfchen verschlagen und aus Langweile und Neugier macht er sich auf die Suche nach der sagenhaften Hexe, die im angrenzenden Wald leben soll. Er findet jedoch nicht nur die alte Hexe Manuilicha, die wegen ihr nachgesagter übernatürlichen Kräfte aus dem Dorf verbannt wurde, sondern auch deren wunderschöne und intelligente Enkelin Olessja.
Wie es sich für eine Liebesgeschichte gehört, verliebt sich Iwan in die junge Frau, doch das „Schicksal“ ist dieser Liebe nicht gnädig…
Diese traditionelle Erzählung zählt zu einer der bedeutendsten des silbernen Zeitalters der russischen Literatur. Mag sie auch nur 120 Seiten kurz sein, impliziert sie viele Aspekte der Russischen Gesellschaft am Beginn des 20. Jahrhunderts.
Das Städtische trifft das Dörfliche, der Aufgeklärte das Metaphysische, der Humanismus die Barbarei…
Kuprin, zunächst Anhänger und Unterstützer der russischen Revolution, äußert seine Einstellung auch in dieser Erzählung:
Zu allem anderen war mir dieses Händeküssen zuwider(…). Hierbei handelte es keineswegs um die Regung eines dankbaren Herzens, sondern einfach um eine abscheuliche, durch jahrhundertelange Sklaverei und Unterdrückung eingeimpfte Angewohnheit.
Seine Abneigung gegen die bewaffnete Macht, deren Angehöriger er selbst 14 Jahre lang war, versteckt er auch nicht:
Und ich wunderte mich nur über den besagten Buchhalter aus dem Unteroffizierstande und den Landpolizeiaufseher, wenn ich sah mit welch unerschütterlicher Wichtigkeit sie ihre riesigen roten Tatzen den Lippen der Bauern hinhielten.
Mit starkem Einfühlungsvermögen und wohlgesinnten Worten beschreibt Kuprin das Leben der zwei verstoßenen Frauen, die Entwicklung der Liebe zwischen Iwan und Odjessa. Die Illustration der schleichenden Missgunst des Dieners und der Reaktion der Dorfbevölkerung gelingt ihm einwandfrei indem er auf dramatische Effekte verzichtet.
Und doch ein Wermutstropfen: Dem Übersinnlichen und dem sogenannten Schicksal wird eine Bedeutung beigemessen, die mich unangenehm berührt hat.
Alexander Iwanowitsch Kuprin (1870 – 1938) verfasste Erzählungen aus dem Alltagsleben Russlands. Die verschiedenen Berufe und wechselnde Arbeitsplätze ermöglichten ihm Kontakt zu unterschiedlichsten Menschen und diese wurden Protagonisten seiner Geschichten. Neben den zahlreichen Novellen, veröffentlichte er auch mehrere Romane, so Das Duell, der einen differenzierten Blick auf das Militär wirft, dann der Moloch, wo kritisch die früh-kapitalistische russische Industrialisierung thematisiert wird.
1919 emigriert Kuprin zunächst nach Finnland und kurz danach nach Paris. Obwohl von russischen Schriftstellern umgeben, acht Erzählbände und drei Romane in Riga, Paris, Berlin und Belgrad veröffentlicht werden, kann er sich mit dem Emigrantenleben nicht abfinden.
Über Russland nach einem optischen Gedächtnis kann ich nicht schreiben, meint er und widmet sich der dokumentarischen Prosa aus dem in Frankreich erlebten.
1937, an fortgeschrittener Demenz leidend, laut Bunin, kehrt er in die Sowjetunion zurück, wo er ein Jahr später stirbt. (Quelle: Wolfgang Kasach)
Valerija
Insel Verlag Frankfurt am Main, 2000, vergriffen, aber gebraucht erhältlich, 133 Seiten, ISBN: 978-3458342908
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“Vater, Vater lichterloh” von Alan Bennett
4.3.2009 von Krümel.
Der Tod ist das Hauptthema der zwei Erzählungen in diesem schmalen Band. Nach so manchen schmunzelnden Momenten, die mir Cosi fan tutte bescheren konnte, freute ich mich auf weitere heitere Momente beim Lesen.
Zum Lachen war mir jedoch fast kein einziges Mal zumute…
Kennt ihr die Situation: Ihr sitzt mit einer Gruppe von mehr oder weniger Bekannten zusammen und einer von denen erzählt einen Witz nach dem anderen und ist auch der einzige der sich totlacht, während die anderen die Augen verdrehen und vergeblich auf ein Aufhören warten…
Nun, mir erging es so mit der ersten Geschichte:
Eine Messe für einen, dem Leser unbekannten Verstorbenen, wird vom Pater Jolliffe gehalten. Langsam kristallisiert sich heraus, dass der Tote der Geliebte von fast sämtlichen Trauergästen, inklusive Pater Jolliffe war. Es werden peinliche Reden geschmissen, die Angst der Untreue überführt zu werden geht um, darauf folgende Erleichterung, wenn doch so manches verschwiegen wird, worauf wieder unterdrückte Panik ausbricht bei der Nachricht, der Verstorbene könnte an Aids gestorben sein. Eigentlich hätten zwei Seiten genügt um eine schwarzhumorige Geschichte zu erzählen. Doch hier quält Bennett nur seine Leser, so wie sich die Gäste und der Pater quälen…
Die zweite Geschichte beginnt versprechender:
Midgley, Lehrer, mit einem Drachen verheiratet bekommt die Nachricht, dass sein Vater im Sterben liegt. Von schlechtem Gewissen geplagt, möchte er jede noch verbleibende Minute mit seinem Vater an dessen Sterbebett verbringen. Hier begegnet er nicht nur den nahen Verwandten, sondern auch einer attraktiven Krankenschwester…
Was eine die Heuchelei entlarvende Geschichte anmuten lässt, entwickelt sich zu einer peinlichen Aufzählung gähnend langweiliger Klischees; voraussehbar, witzlos, schwerfällig.
Die souveräne Leserin subbt noch, vielleicht werde ich diese Erzählung irgendwann mal lesen, zurzeit kann ich auf Benetts Humor sehr gut verzichten…
Valerija
Wagenbach Verlag, 2002, Hardcover vergriffen, ISBN: 978-3803131683
Geschrieben in Valerija, Erzählung/en | Keine Kommentare »
“Was vom Tage übrigblieb ” von Kazuo Ishiguro
20.1.2009 von Krümel.
Großbritannien. Nachkriegszeit. Der alte englische Butler Stevens fährt mit dem eleganten Ford seines neuen amerikanischen Dienstherrn zu einer früheren Arbeitskollegin. Die Reise dauert mehrere Tage und Stevens hat Zeit und Muße über seine Vergangenheit und sein Leben als Butler bei seinem früheren Gebieter, Lord Darlington, der sich vor Beginn des zweiten Weltkrieges, in faschistische Machenschaften einließ, nachzudenken…
Ein Roman, von vielen begeistert gelesen, mir mehrmals empfohlen, lässt mich etwas verwirrt zurück.
Eine schöne Geschichte? Zweifellos. Doch glaube ich nicht, dass es Ishiguros Absicht war, eine schöne Geschichte zu schreiben. Stevens, der entsprechend einem vollkommenen Klischee eines Butlers dargestellt wird, könnte auf Satire schließen lassen. Doch dazu fehlt dem Roman Biss, Humor und Malignität. Seiten und Seiten werden verschwendet um die Pedanterie, Blindheit und Naivität des Butlers zu beschreiben, zu belegen und zu bestätigen.
Ein Gesellschaftsroman? Wie viele Lords und Butler gab es im Großbritannien Anfang und Mitte des vorigen Jahrhunderts? Nicht allzu viele, nehme ich an, und solche, die ihren Herren so sklavisch untergeben waren wie Stevens, wahrscheinlich noch viel weniger. Die Haut ist näher als das Hemd und der Mensch lässt sich nur unter Zwang, Drohung und Gewalt zum Untertanen verdammen, eher selten ein Leben lang aus purer Blindheit und Naivität.
Viele gute Ansätze beinhaltet der Roman: Stevens äußert sich in verschiedensten Definitionen zum Thema Würde und doch ist sein Begriff von Würde genau der Gegenteil von der wahren Bedeutung des Wortes.
Mit seinen Unschuldsbeteuerungen, er würde nie an Türen lauschen, wäre an keinen Gesprächen interessiert und würde aus Loyalität nichts verraten, entlarvt er eigentlich seine Scheinheiligkeit, denn er hört und sieht doch alles und nicht nur durch Zufall. Er erlebt die menschenverachtenden Folgen des nationalsozialistischen Gedankenguts seines Arbeitgebers und schweigt. Nicht aus Überzeugung, nicht aus Angst, einfach aus Ergebenheit und Treue???
Und hier wird die Geschichte unstimmig. Wird Stevens‘ Unterwürfigkeit als Entschuldigung für sein Mitlaufen benutzt? Repräsentativ für alle Mitläufer des Faschismus? Soviel Trivialität darf nicht sein…
Und die Erkenntnis am Ende? Das einzige Augenzwinkern im ganzen Roman: Ohne Humor ist das Leben sinnlos, doch nicht um sich das Leben einfacher und angenehmer zu machen, sondern das Leben der Dienstherren. Von einem Entwicklungsroman, kann also auch keine Rede sein…
Valerija
Rowohlt Verlag, 2002, Hardcover vergriffen, 285 Seiten, ISBN: 978-3498032104
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