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Archiv der Kategorie Patrick
“Die dunkle Seite des Mondes” von Martin Suter
23.4.2010 von Krümel.
Ein erfolgreicher Wirtschaftsanwalt und Mittvierziger lernt eine neue Welt kennen, als er die junge Flohmarktverkäuferin trifft. Er ist begeistert vom lockeren Lebensstil dieser jungen Frau und beginnt die Struktur seines eigenen Lebens zu ändern. Eine gewöhnliche Mitlife-Krise, in die er steckt. Lucille, so der Name dieser Frau, lädt ihn eines Tages zu einer Drogenparty ein, die für ihn gründlich schief geht, hat er doch einen Pilz erwischt, der sich mit den anderen nicht verträgt. Durch jenen verhängnisvollen Rausch hat er sein Gewissen abgeschaltet und meuchelt sich nun hemmungslos durch den Tag. Ihm wird im Nachhinein bewusst, was er in Anwesenheit seiner Mitmenschen anstellt, trägt darum die Konsequenz und flüchtet in die Einsamkeit der Wälder. Nun versucht er die unmögliche Suche nach dem seltenen Pilz, um den Rausch zu wiederholen und die schadhafte Stelle seines Geistes zu reparieren.
Soweit die Story, mit der man einige spannende Stunden verbringen dürfte. Wenn sie denn ordentlich erzählt wird. Das aber hat Suter versäumt. Er nimmt sich ein psychologisches Thema vor, vergisst dabei aber die psychologischen Aspekte. Seine Figuren könnten platter nicht sein, nicht einmal ein Schwarz-Weiß-Profil ist erkennbar. Sie haben kein Profil, sie dienen dem Helden eigentlich nur als Richtungsweiser. Selbst der Schicksalsengel Lucille wird nach der Hälfte der Geschichte einfach fallen gelassen, nachdem sie ihre Arbeit, ihm den Weg zu weisen, getan hat. Statt einer ordentlichen Beschreibung der Figuren stopft Suter die Seiten mit völlig nichtigen, unnützen Informationen auf. Er könnte ein ganzes Kochbuch mit Gerichten, die seine Figuren auf ihren Tellern liegen haben, füllen. Anfangs liest sich das Buch noch ansatzweise reizvoll, zum Beispiel die Erkenntnis, dass seine Persönlichkeit einen Schaden genommen hat, später bleibt die Erzählung bloß noch für ambitionierte Pilzsammler und Amateure für Survivaltrainings anziehend. Wir erfahren, wie man Hasen von Eingeweiden befreit und welche Pilzarten in schweizerischen Wäldern heimisch sind, inkl. der lateinischen Bezeichnungen. Quälend lese ich mich durch etliche Wiederholungen, weil der Stoff nicht für 300 Seiten ausreicht und erhoffe mir zumindest ein überraschendes Ende. Doch auch hier werde ich Zeuge einer löchrigen, zufallsgesteuerten Jagd. Ein Buch, das in einer kalten Jahreszeit etwas Wärme zu spenden in der Lage ist - indem man es in den Ofen wirft.
Patrick
Süddeutsche Zeitung Bibliothek 2006, Hardcover vergriffen (TB 9,90 €), 221 Seiten, ISBN: 978-3866152601
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“Die Perlmutterfarbe” von Anna Maria Jokl
13.4.2010 von Krümel.
Nach dem 2. WK wird dieses Buch zur meistgelesenen Lektüre in Deutschland. Der eigentlichen Handlung ist die abenteuerliche Rettung des Manuskripts aus dem NS besetzten Prag vorangesetzt. Sie schrieb, wie sie selbst sagt, einen Kinderroman für fast alle Menschen. Der Roman behandelt den Mechanismus und die Entstehung des Naziregimes Deutschlands und transferiert diese Epoche in einem Klassenzimmer. Zwei Schulklassen, die sich nach etlichen Missverständnissen bekriegen. Ganz harmlos steckt sich Alexander versehentlich das selbst gemischte Töpfchen Farbe seines besten Freundes in die Tasche. Zu Hause geschieht ihm ein Missgeschick und versucht nun, die Tat zu verschweigen. Schließlich weiß niemand, dass er die Farbe mitgenommen hat. Aus Feigheit ruht er auf seine Lüge aus, die sich zu seinem Schrecken verselbständigt. Der lange Gruber weiß von dem kleinen Geheimnis, nutzt die Gelegenheit dazu, diese Macht des Wissens auszuspielen und hetzt die Klasse A gegen die vermeintlichen Diebe der Klasse B auf. Alexander muss dieses Spiel mitspielen, wenn er die Aufdeckung seiner Tat vermeiden will. Er wird so gezwungen, gegen seinen besten Freund zu intrigieren. Alle möglichen Charaktere porträtiert Jokl auf überzeugende und authentische Weise. Da gibt es den machtbesessenen Anführer, den Aufrührer, den euphorischen Kämpfer, den Feigling, den Mitläufer, … und …
den neutralen Außenseiter:
“Man soll niemanden unterschätzen. Am wenigsten solche wie Meyer. Sie sind verschwunden, wenn es Gefahr gibt, sie sind immer auf der Seite, wo die Übermacht ist, sie haben die längsten Ohren, sie denken nicht über Recht und Unrecht nach.”
Während die B sich gegen die hetzerische Kampagne der A verteidigen muss und beide vor Blindheit jede Äußerung als Angriff auf sich interpretieren, spaltet sich eine kleine Gruppe von beiden Parteien ab, eine Art Resistance, um die Wahrheit ans Licht zu ziehen. Dabei müssen sie geschickt handeln, denn die Fronten verhärten sich mit jedem weiteren Tag, an dem Alexander schweigt.
Jokl hat eine gelungene Geschichte mit sehr einfachen Mitteln geschrieben. Ohne übertriebene Stilistik und verbale Kunststückchen erzählt sie eine packende Erzählung über Schuld und Verrat, Machtgier und Freundschaft, Misstrauen und Zusammenhalt.
“Die ganze A und B wachsen einem ans Herz, selbst die Schurken unter ihnen und die Drückeberger und Wichtigtuer.” (Die Zeit)
“Voller unvergesslicher Gestalten … Es gibt nicht viele Bücher, in denen ein ganzes Zeitalter vor uns aufersteht.” (SZ)
Patrick
Suhrkamp Verlag 2008, Taschenbuch 8,90 €, 280 Seiten, ISBN: 978-3518460399
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“Wissenschaftliche Erzählungen” von Charles Howard Hinton
22.3.2010 von Krümel.
Einen fast vergessenen Autor hat J. L. Borges in seine Bibliothek von Babel aufgenommen. Ein britischer Mathematiker, der die Theorien seiner wissenschaftlichen Beobachtungen in die Erzählungen einfließen lässt. Wir dürfen gewiss sein, einem klugen Kopf Gehör zu verleihen, wenn sich sogar Albert Einstein von ihm inspirieren ließ. Sein Phantasiepotenzial ist gewaltig, allerdings bewegén sich diese Konstruktionen stets innerhalb mathematisch logischer Grenzen. Die erste Erzählung beschreibt die Vorgangsmechanismen einer flachen Welt. Zweidimensionale Figuren und Orte werden hin und her geschoben, durch Diagramme und Tabellen erklärt, gewürzt mittels dieser typischen mathematischen Lehrsätze, die wir noch aus der Schule kennen dürften. Wie verhält sich AB zu CD, … und ja, so trocken diese Sätze damals unter die Schüler gebracht wurden, so liest sich auch das Buch. Die anderen Erzählungen sind nicht anders gestaltet. In “Der König von Persien” strandet der König in einem abgeschotteten Tal, der dem Schöpfer begegnet und ihm ein neues Bewusstsein des Herrschens aufzeigt. Der ihm die Macht über den Menschen verleiht, die ihm nur gelingen soll, sobald er das Glück mit dem Schmerz in Balance gebracht hat. Dies gelingt ihm nur durch mathematische Berechnungen.
Die abstrakten Gebilde und Überlegungen sind wirklich spannend, nur muss man sich die Spannung selbst schaffen, indem man die gleichen Bahnen besteigt wie dieser Autor, die gleiche Phantasie aufbietet, damit seine Welten plastisch erscheinen können. Wer dieses Kunststück schafft, wird seine Freude an dem Buch haben. Ich kann wohl zugeben, dieser Aufgabe nicht gewachsen gewesen zu sein.
Patrick
Büchergilde 2007, Die Bibliothek von Babel Band 10, Leine gebunden Fadenbindung 14,90 €, 152 Seiten, Bestellnummer 158108
Charles Howard Hinton, geboren 1853, war Mathematiker. Er studierte in Oxford und war von 1880 bis 1886 als Lehrer tätig. In Amerika lehrte er zunächst Mathematik in Princeton; später arbeitete er als Patentprüfer in Washington/D.C. In seinem Artikel What is the Fourth Dimension? Von 1880 bezeichnete Hinton die Zeit als vierte Dimension. Diese Idee wurde von Albert Einstein in seiner Relativitätstheorie aufgegriffen. Seine Thesen erläuterte Hinton in mehreren Büchern, darunter eines mit Phantastischen Geschichten. Charles Hinton starb 1907 in Washington/D.C.
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“Alias XX” von Joel Ross
30.1.2010 von Patrick.
Wir schreiben das Jahr 1941. Deutschlands Streitmächte überrollen unaufhaltsam den Kontinent. Der Osten bröckelt, der Norden kapituliert, der Westen kämpft ums Überleben. Der Sieg Hitlers rückt stetig näher. Seine Stärke wird intensiviert durch den Dreimächtepakt, zusammen mit Italien und Japan, während die USA beharrlich an ihrer Neutralität festhält. Doch hätte der Angriff der Japaner auf Pearl Harbour niemals stattgefunden, wäre die USA jemals bereit gewesen, das Leben ihrer Männer an der Seite der Alliierten für Briten, Juden und Kommunisten aufs Spiel zu setzen?
Nach dem misslungenen Einsatz in Kreta im Mai 1941 wird Sergeant Tom Wall, Freiwilliger der kanadischen Armee, schwer verletzt in ein britisches Armeekrankenhaus eingeliefert. Im Dezember desselben Jahres, traumatisiert und durcheinander, setzt er sich von dort ab, um sich bei seinem Bruder Earl zu rächen, beschuldigt er ihn doch des Verrats an seine Einheit. Dieser jedoch ist vor einigen Tagen spurlos verschwunden.
Schlaflosigkeit und Schmerzen lassen Tom durch die zerbombten Straßen Londons umherirren auf der Suche nach Hinweisen und landet dabei in die Fänge des MI-6. Diese haben die geheime Organisation „Double Cross“ – die auch im englischen Buchtitel auftaucht – ins Leben gerufen, deren Zweck es ist, deutsche Agenten „umzudrehen“, sie für sich arbeiten zu lassen und somit gefälschte Informationen nach Deutschland zu versenden. Dieses Lügengerüst scheint nun in sich zusammenzubrechen. Der geheimnisvolle und teuflische Sondegger, ein deutscher Agent, dessen Mission es ist, das deutsche Spionagenetz auf britischem Boden zu überprüfen, befindet sich in Gewahrsam des MI-6 und soll den Aufenthaltsort seines Komplizen „Abendammer“ herausrücken. Tom soll dabei als Mittelsmann fungieren und verstrickt sich allmählich in einem Netz aus Lüge, Täuschung und Manipulation. Etliche Personen scheinen ein doppeltes Spiel zu führen und blenden dabei nicht bloß Tom Wall – auch der Leser wird in die Irre geführt!
Überaus authentisch lässt Ross seine fiktiven Figuren über die reale Bühne jüngster Vergangenheit wandeln und lässt die Szenerie der letzten Woche vor Japans Angriff auf Pearl Harbour sowie die Ursache des Kriegseintritts der USA in ein neues Licht tauchen.
Joel Ross’ Roman basiert auf das Ergebnis neuester Archivfunde. Herausgekommen ist ein spannender und wendungsreicher Spionagethriller.
„Ihre Abneigung gegen ihre rechte Hand hat etwas Biblisches, Mr. Wall. ‚Wenn dich deine Hand zum Bösen verleitet, dann hau sie ab.’ Verführt ihre Hand sie zum Bösen? Haben Sie Angst davor, was sie tun könnte, bedauern Sie, was sie bereits getan hat? Sie haben in der Liebe versagt, Mr. Wall. Sie haben im Krieg versagt. Sie sind ein vielschichtiger Mensch, aber nichts davon ist ganz. Sie straucheln, Sie fallen, Sie versagen …“
Droemer/Knaur, gebunden 2005, 445 Seiten, 19,90€, ISBN: 978-3426197028
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“Der dritte Polizist” von Flann O’Brien
31.12.2009 von Patrick.
Die Schriften des Wissenschaftlers und Theoretikers de Selby beanspruchen Muße und Aufmerksamkeit, die unserem Ich-Erzähler über Jahre davon abhalten, sein Zimmer zu verlassen. Er überträgt die Verwaltung seines ererbten Anwesens dem ungehobelten Divney. Weil Letzterer bei der Instandhaltung schlampig haushält, beschließen Beide, einem wohlhabenden Zeitgenossen durch einen Raubmord um dessen Geldkassette zu erleichtern. Nach dreijährigem gegenseitigem Misstrauen wollen sie endlich die Beute teilen. Der Erzähler wird in das Haus des Ermordeten geführt und … was dort passiert, kann an dieser Stelle nicht verraten werden, denn als er das Anwesen wieder verlässt, kann er sich nicht einmal mehr an seinen Namen erinnern.
Die Geschichte erinnert an Alice im Wunderland, wo ihr nach dem langen Fall langsam dämmert, in eine verdrehte Welt gelandet zu sein. Die nachfolgenden Kapitel sind absurdes Theater à la Beckett, eine auf naturwissenschaftlichen Theorien basierende Konstruktion einer Welt, die eine neue Logik aufdeckt und erfordert. Der unglücklich gestrandete Held stützt sich bei seinen Beobachtungen auf seine Studien zu de Selby. Sie helfen zu begreifen, zumindest dem Leser. In ausführlichen Fußnoten definiert de Selby den Schlaf als eine Folge von Ohnmachtsanfällen, die Nacht als Verschmutzung der Atmosphäre und die Besessenheit zu Spiegeln führen zu der Behauptung, die Welt befinde sich eingeengt zwischen hölzernen Rahmen. Als Leser fragt man sich, ob es diesen Theoretiker wirklich gab, weil die Fußnoten sehr überzeugend zu Sekundärliteratur hinweisen, wo Zitate in Originalsprache wiedergegeben werden und wo selbst Streitgespräche unter Intellektuellen vermerkt sind – meist mit dem Hinweis angereichert, dass angegebene Manuskripte und Beweismittel nicht mehr aufzutreiben sind. Man kann sie als Verständnishilfe zum übrigen Text begreifen oder als wahnwitzige Satire auf den Wissenschaftsbetrieb.
Der gesamte Roman befindet sich auf einer abstrakten, schwebenden Ebene, die weder Realität noch Traum zu sein scheint. Eine Parallelwelt vielleicht, ein Bestrafungsritual für Verbrecher, Verdammung bis in Ewigkeit. Da ist von der Atomtheorie die Rede, bei der sich die Atome von Gegenständen bei kräftigen Erschütterungen vermischen. Ein Polizist auf seinem Fahrrad wird mit den Berufsjahren selbst zum Fahrrad – stützt sein Ellbogen gegen die Wand, um Halt zu finden, während das Fahrrad sich vermenschlicht und eingesperrt werden muss, damit es nicht verschwindet. Oder er berichtet von Handarbeiten des Polizisten, die nicht mehr im Bereich des Sichtbaren liegen. Die einzig rationell agierende Figur ist die reflektierende Seele des Erzählers. Dennoch führt kein Ausweg aus diesem verschachtelten Labyrinth heraus, denn ohne Name existiert er nicht, ohne Verständnis findet er keinen Halt in dieser Umgebung. Und er bleibt auf der Flucht vor seiner Verurteilung, auf ewig. Ein großer Spaß, dieses Buch zu lesen, wenn man sich auf in sich schlüssige, letzten Endes doch haltlose Thesen einlassen will.
Heyne, kartoniert 2007, 272 Seiten, 8,95€ ISBN: 978-3453811041
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“Das periodische System” von Primo Levi
17.12.2009 von Patrick.
Sein turbulentes Leben hat Primo Levi in mehreren Büchern festgehalten. In „Ist das ein Mensch?“ zeichnet er seine Erfahrungen im KZ-Ausschwitz auf, in „Atempause“ berichtet er von der erschwerten Rückkehr nach Italien. „Das periodische System“ schließlich beleuchtet seine Tätigkeit als Chemiker, von einem Beruf und seinen Misserfolgen, seinen Siegen und seiner Not, eine Geschichte, die jeder erzählen möchte, wenn er fühlt, dass seine Laufbahn sich dem Ende zuneigt und die Kunst aufhört, endlos lang zu sein. Viele kleine Szenerien seiner Laufbahn greift er heraus und setzt sie lose nebeneinander zu einer Art Erzählband, berichtet über sein Heimatort, sein Studium, diversen Jobs vor, während und nach dem Krieg. Sein Leben und die Schwierigkeiten als Jude im faschistischen Italien werden nur angedeutet, doch reichen diese Einsprengsel aus, um ein beklemmendes Bild abzuliefern. Er selbst hingegen bleibt überraschend emotionslos, versucht sich einer objektiven Wahrnehmung, selbst, als er nach Jahren seinem früheren KZ-Aufseher über dem Weg läuft. Die Zeit der Gefangenschaft lässt er offen und verweist an der Stelle auf seine autobiographischen Schriften.
Jede Erzählung kreist um ein chemisches Element - sei es Argon, das träge Edelgas, welches keine Verbindung zu anderen Molekülen eingeht und er diese Charaktereigenschaft nutzt, um seine Familie zu beschreiben; sei es das Nickel, deren Abbau er als verdeckter Jude annimmt, ohne zu ahnen, dass er dem Krieg zur Aufrüstung verhilft; oder Cer, das ihn im KZ hat überleben lassen. Kleine Einführungen in seinem Beruf vermittelt er recht kurzweilig, er berichtet von Pannen und Erfolgen, von Reaktionen bestimmter Materialien und von der Ehrfurcht vor Rezepten, die nutzlose Zutaten enthalten. Neben den Geschichten seines Lebens gibt er noch einige Anekdoten aus seinem Bekanntenkreis zum Besten.
Primo Levi ist eine faszinierende Gestalt, die trotz Menschen verachtender Erfahrungen überhaupt kein schlechtes Wort über irgendjemanden verliert, als ob die Hoffnung an bessere Zeiten niemals ausgeschöpft wurde. Ein Buch, das mit seiner erfrischend angenehmen Sprache Lust auf mehr macht.
SZ-Bibliothek, gebunden 2005, 264 Seiten, vergriffen ISBN: 978-3937793474
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“Die Bücherdiebin” von Markus Zusak
1.12.2009 von Patrick.
Der Tod erzählt von der Kindheit eines Mädchens, nachdem es in eine Pflegefamilie aufgenommen wurde… und das zu einer Zeit, wo der Erzähler alle Hände voll zu tun hat – im Dritten Reich. Die intensive Freundschaft zu ihrem Pflegevater und dem Nachbarsjungen Rudi helfen ihr zu Glück und Geborgenheit, während im Hintergrund der Krieg tobt. Sie lernt lesen und stiehlt Bücher, ganz harmlos beginnt es mit dem Auflesen eines liegen gebliebenen Buches im Schnee oder in der Rettung eines Buches vor den Flammen auf dem Hauptplatz der Stadt. Jedes Buch scheint als Markierungspunkt in ihrem Leben zu dienen. Als die Familie sich schließlich dazu entschließt, einen Juden im Keller zu verstecken, gewinnt das Mädchen einen neuen Freund. Von ihm lernt sie die Macht und die Liebe zu gedruckten Wörtern kennen. Verschwunden die äußerliche Druckerschwärze auf Papier, hier bricht die Phantasie und Wortgewalt über das Kind - Worte, die Leben rettet und eine fiktive Welt jenseits der tödlichen Realität entstehen lässt.
Daneben nutzt der Tod die Gelegenheit, um mit einigen Vorurteilen aufzuräumen. Er erzählt von seiner Abneigung gegenüber seinem Beruf, besitzt in seinen Phrasen eine Art menschliches Mitgefühl, ja, eine gewisse Sympathie für den Menschen.
„Ich habe keine Sense.
Ich trage nur den einen schwarzen Kapuzenmantel, wenn es kalt ist.
Ich habe auch kein Totenschädelgesicht, das ihr mir so gerne andichtet.
Wollt ihr wissen, wie ich wirklich aussehe?
Ich sage es euch. Schaut in einem Spiegel.”
Zusak schafft es, einfühlsam und ergreifend zu schreiben, ohne die Verwendung von Pathos, ohne Abgleiten in Kitsch wird die Hochherzigkeit in ihrer ganzen Pracht transportiert. Menschlichkeit, Opferbereitschaft, Zusammenhalt, die jene Zeit erträglicher macht und ein Beweis dafür ist, dass die Hoffnung an das Gute noch nicht aufgegeben wurde. Nebenbei wird die Leidenschaft zur Literatur geboren. Gutes Buch, guter Autor.
Blanvalet, gebunden 2008, 592 Seiten, 19,95€ ISBN: 978-3764502843
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“Das Doppelleben des Vermeer” von Luigi Guarnieri
18.11.2009 von Patrick.
„Endlich stand er vor dem Vermeer, den er strahlender in Erinnerung hatte, noch verschiedener von allem, was er sonst kannte, auf dem er aber dank dem Artikel des Kritikers zum ersten Mal kleine blaugekleidete Figürchen wahrnahm, ferner, dass der Sand rosig gefärbt war, und endlich auch die kostbare Materie des ganz kleinen gelben Mauerstücks. Das Schwindelgefühl nahm zu; er heftete seine Blicke – wie ein Kind auf einem gelben Schmetterling, den es gern festhalten möchte – auf das kostbare kleine Mauerstück. So hätte ich schreiben sollen, sagte er sich. Meine letzten Bücher sind zu dürr, ich hätte die Farbe in mehreren Schichten auftragen, hätte meine Sprache so kostbar machen sollen, wie dieses kleine gelbe Mauerstück es ist.“
Aus Marcel Proust „Eine Liebe Swanns“.
Dieser Roman beginnt mit der Verhaftung von Han van Meegeren im Jahre 1945, dem man Handelsbeziehungen mit dem Feind vorwirft. Angeblich soll er dem Nazischergen und Kunstliebhaber Hermann Göring nationales Kulturgut, Vermeers Gemälde „Christus und die Ehebrecherin“ verkauft haben. Nach etlichen unerbittlichen Verhören der niederländischen Polizei, gesteht van Meegeren, dieses Bild selbst gemalt zu haben. Da niemand bereit ist, ihm zu glauben, sieht er sich gezwungen, sein Geständnis zu beweisen. Und dies ist schwieriger, als eine Fälschung zu verkaufen. Was folgt ist die unglaubliche Biographie des wohl bedeutendsten Kunstfälschers aller Zeiten.
Die verletzte Eitelkeit van Meegerens, oder VM – wie er konsequent in diesem Buch genannt wird – durch die vernichtende Kritik seiner Bilder, führt zu Auflehnung und Verachtung gegenüber der Meute von Koryphäen und Journalisten der Kunstwelt.. Er wagt den Entschluss, die gesamte Kunstszene unwiderruflich in ihren Grundfesten zu erschüttern, indem er sie bloßstellt und die Gesellschaft an deren Gutachten zweifeln lässt. Er wird ihnen ein verschollenes Werk des Jan Vermeer präsentieren, welches zweifellos aus dem 17. Jht stammen könnte und jeglicher Analyse standhalten wird. Der Leser darf VM während der Entstehung dieses Gemäldes über die Schulter blicken. Uns werden die verwendeten Farben, die Techniken, die möglichen Motive, die Signatur von Vermeer und das „Craquelé“ – die entstandenen Risse nach Trocknung der Farben fachmännisch nahe gelegt, so technisch und sachlich beschrieben wie aus der Diplomarbeit eines Kunststudenten. Die Besonderheiten der Vermeer-Gemälde werden erläutert und selbstredend – seine Biographie.
Die Fakten entsprechen der Realität, doch hätte dem Buch eine Prise Dichtung sicherlich gut getan. Der Lesespaß lässt kurzzeitig nach, wenn Guarnieri ausschweift und seine eigentliche Geschichte aus den Augen verliert. Kehrt er jedoch zurück zur Biographie des VM, kehrt mit ihr das Vergnügen des Lesers zurück.
„Mehr als zweihundert Jahre nach seinem Tod berührt uns Vermeer immer noch so sehr, weil seine Bilder – vielleicht – rückwärts gewandte Sehnsucht, unmögliche Liebe, Einsamkeit evozieren. Weil seine rätselhaften, stillen Gestalten traumhafte Darstellungen der Schönheit, der Leidenschaft, der Ewigkeit sind – das, was alle undeutlich und unbewusst suchen, ohne es finden zu können.“
Kunstmann-Verlag, gebunden 2005, vergriffen, 240 Seiten ISBN: 978-3888973819
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“Zugvögel” von Josef Haslinger
23.10.2009 von Patrick.
Josef Haslinger schickt einen Ich-Erzähler auf Reisen, vielleicht ihn selber, trägt er doch in der letzten von insgesamt sieben Erzählungen seinen Namen. Seine Wege führen nach Ostdeutschland, an die kroatische Küste und sogar jenseits des Atlantiks. Nicht die Orte fallen in sein Blickfeld, vielmehr sind es die Menschen, die er dort trifft. Ein Wiedersehen an vergangene Zeiten. Menschen, die er aus den Augen verloren hat, und nun feststellen muss, wie die Zeit mit ihnen umgegangen ist.
„Ich hatte in Frankfurt zu tun“ oder „eine Nachricht meiner Mutter auf dem Anrufbeantworter“ sind Anlass genug, um Haslinger zum Niederschreiben seiner Erlebnisse – oder die seines fiktiven Ich-Erzählers - zu bewegen. Ein Treffen mit seinem Jugendfreund, der heute nach einem Schlaganfall noch mit den Nachwirkungen kämpft und seinen Freund an Erinnerungen eines Mädchens wiederzubeleben versucht. Die Rückkehr zum Ort seiner Kindheit, wo er versucht, einen Nachbarstreit zu schlichten. Ein Besuch bei einem drittklassigen Musiker, um dort als Dealer verwechselt und als solcher unsanft behandelt zu werden.
Da die letzte Erzählung „Amerika – ein Reiseepos“ als reiner Text weniger überzeugt, liegt im Buch eine entsprechende CD bei, auf der der Autor diese eigens vorliest und sogar den Budweiser-Rap, nun ja, überaus… mutig vorträgt. Auf jeden Fall hörenswert.
Gemeinsam erlebte Augenblicke werden mit der nüchternden, heutigen Betrachtung gekreuzt, sporadisch niedergeschrieben, wobei die konsequente Kleinschreibung die Notizartigkeit der jeweiligen Erzählung verstärkt. Die Sätze sind recht einfach gehalten, hochgeschraubte Kunstformen weichen dem vertrauten Plauderton, um die Authentizität hervorzuheben. Haslinger präsentiert in diesem Buch den Alltag mit verschärftem Blick auf die unscheinbaren Dinge und macht einige (nicht alle!) der Erzählungen zu einem gelungenen Abbild des Lebens.
Ein weiterer Beweis, dass das Leben nicht aus weltbewegender Action bestehen muss, um erkennen zu lassen, ein gelebtes Leben für sich beansprucht zu haben.
Fischer- Verlag, kartoniert 2007, 203 Seiten, 8,95 €, ISBN: 978-3596154500
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“Die toten Seelen” von Nikolai Gogol
8.10.2009 von Patrick.
Was ist schon eine Seele wert, wenn der Held der Geschichte vor den Gutsbesitzern Russlands tritt und wie Mephisto um die Seelen seiner Bauern feilscht? Nicht so viel wie man annehmen könnte, kriegt er sie meist schon geschenkt. Sein Augenmerk liegt auf die Namen und Seelen verstorbener Bauern, die in den Revisionslisten noch als lebend verzeichnet sind und für die der Gutsbesitzer bis zur nächsten Revision weiterhin Kopfsteuer zahlen muss. Aus dem Grund sind viele der Eigentümer dankbar, ihre Unterschrift unter dem Kaufvertrag setzen zu können. Der Leser erfährt erst spät, was den Helden antreibt, wie sein Lebenslauf aussieht und was es mit dem Kauf der Seelen auf sich hat – doch wird ihm sehr früh klar, dass er betrügt und über eine ausgeprägte teuflische Ader verfügt. Kein wahres Wort verlässt seine Lippen, keine Geste ist aufrichtig. Er übt seine Rolle in Perfektion aus, blendet seine Mitmenschen, indem er ihnen nach dem Mund redet, ihnen Interesse vortäuscht. Jedes seiner Reuebekenntnisse ist verflogen, sobald die sündhaften Luxusgüter der westlichen Welt seinen Blick streifen. Er schließt Bekanntschaft mit den Beamten, Politikern und Stadtverwaltern der Stadt, reist von Hof zu Hof um die Gutsbesitzer von seinem Vorhaben zu überzeugen. Diese aber reagieren und handeln ihrerseits eingegrenzt durch die Fesseln ihrer verwerflichen Eigenschaften. Geiz, Aberglaube, Wollust und Völlerei – um nur einige zu nennen, werden durch sie auf glänzende Weise karikiert, mit sehr viel Witz und Augenzwinkern vorgeführt. Dabei wirken diese stereotypen Menschen ironischerweise selbst wie leblose Gestalten. Oscar Wilde schrieb im „Brief aus dem Gefängnis“ an seinem Freund Alfred Douglas ziemlich treffend über ihn, was man auch für jene Gutsbesitzer hätte nutzen können, um sie zu beschreiben:
„Man kann Verblendung so weit treiben, dass sie grotesk wird, und eine phantasielose Natur, wenn nichts geschieht, was sie aufrüttelt, wird schließlich zu völliger Fühllosigkeit versteinern, so dass der Leib zwar essen und trinken und seinen Genüssen frönen mag, die Seele aber, die er beherbergt, wird gänzlich abgestorben sein, wie die Seele des Branca d’Oria bei Dante.“
Überhaupt verfügt Gogol über eine große Menschenkenntnis, weiß um deren Schwächen und Eigenarten, die er in grotesken Szenen und Beschreibungen auf die Spitze treibt; durch seine überzeichnete Weise wird umso deutlicher, dass der Mensch nur eine groteske Abbildung seiner Selbst darstellt. Der erste Teil des Buches ist faktisch ohne positive Figuren besetzt, was nicht bedeuten soll, dass diese Figuren grundlegend schlecht sind. Wenn der Geizhals den Schimmel vom Zwieback kratzt, um ihn dem Gast vorzusetzen, zeigt es die hilflose Versklavung seiner Lebensart. Doch schon der zweite Teil lässt hingegen einige viel versprechende Lichtblicke zu, sofern dieses löchrige Manuskript dies gestattet. Der fehlende Rest wurde Opfer der Flammen.
„Der jetzige feurige Jüngling wiche voller Entsetzen zurück, zeigte man sein Bild im Alter. Wenn ihr die sanften Jünglingsjahre verlasst und in das raue, hart machende Mannesalter eintretet, so nehmt alle menschlichen Regungen mit, lasst sie nicht am Wegrand liegen, ihr hebt sie dann nicht mehr auf! Furchterregend, entsetzlich ist das vor euch liegende Alter, und es gibt nichts wieder heraus oder zurück! Barmherziger als es ist das Grab, auf dem Grab steht: Hier liegt ein Mensch begraben! Doch nichts liest man in den kalten, gefühllosen Zügen des unmenschlichen Alters.“
Gogol wird nicht müde, vor den Gefahren der Verlockung des Bösen zu warnen. Er sieht den russischen Charakter in Drangsal, den er so wohlwollend ehrt und schätzt, ein Patriot seiner Herkunft. Das Buch ist durchtränkt von der Leidenschaft zu seinem Volk, seinem Land und es macht einfach Spaß, ihm dabei zuzuhören. Die Versuchungen westlicher Einflüsse schreibt er dem Teufel zu und kennt die Handhabung, ihnen zu entgehen:
„Ich weiß aus Erfahrung, Bruder: All die dummen Gedanken kommen einem nur in den Kopf, wenn man nicht arbeitet.“
Zu der Frage, ob man seine Zeit einem Fragment opfern soll, ihr kann ich heftig nickend zustimmen. Im ersten vollständigen Teil ist alles enthalten, was zu erfahren sich lohnt. Die Fortsetzung stellt den zukünftigen Werdegang Tschitschikows dar, der wohl zum ersten Mal mit einem frommen Menschen zusammentrifft, der aus Dostojewskis Feder entsprungen sein könnte. Insofern ist es nicht zu tragisch, wenn die Geschichte hier endet. Die Gefahr, in allzu christlich geprägten Ideologien zu stranden, wäre an dieser Stelle nicht gering.
Patrick
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