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“Far North” von Marcel Theroux
26.11.2009 von Krümel.
Seit ich fünfzehn bin sehe ich der Welt, die ich kenne, zu wie sie zur Hölle fährt.
So genannte Entvölkerungsromane sind meist in der Domäne von Si Fi, Fantasy oder auch Horror beheimatet, eher selten schafft es ein Roman diese einschlägigen Grenzen zu überwinden. Einer der es geschafft hat war, wir erinnern uns, Cormac McCarthy mit The Road (Die Strasse) und auch jener Roman ist es an den man sich erinnert fühlt wenn man Marcel Theroux´s neuestes Buch Far North (Weit Nördlich) zu lesen beginnt.
Der Leser steht einer scheinbar leeren Welt gegenüber dessen einziger Bewohner unser Hauptcharakter Makepeace ist. Tod und Feuer sind durch das Land gezogen und haben alles menschliche hinweggerafft. Lediglich vereinzelt sieht man Menschen ums nackte überleben kämpfen und als Makepeace noch ein Kind aufgabelt scheint man schon fast zu ahnen wie das Buch weitergehen könnte…aber, glücklicherweise, beginnt der Schreiberling vom Weg abzubiegen und macht sein ganz eigenes Ding.
Solche Romane haben eigentlich nur zwei Punkte wo man als Leser wirklich ansetzen kann. Zum einen ist es der Schauwert, die Wucht und das Ausmaß von geschilderten Katastrophen, Zerstörung und Häresie. Das große Sterben von Mensch und Natur, meist einer sehr beflügelten Fantasie entsprungen.
Wie McCarthy hält sich auch Theroux in diesen Belangen eher bedeckt. Zwar bringt die Erzählweise, es wird aus der Sicht von Makepeace erzählt, eine etwas deutlichere und auch zugänglichere Sicht mit sich und man kann sich aus den wenigen Informationen zwischen den Zeilen ein bisschen was zusammenreimen aber größtenteils bleibt der Leser im Ungewissen.
Und zum anderen sind da die Charaktere zu denen ich aber nicht viel sagen will/kann da der Schriftsteller es hier wirklich geschafft hat mich das eine oder andere mal zu überraschen und zu verblüffen und es schade wäre dem potenziellen Leser diese sehr gelungenen Momente hier nun zu nehmen.
Es gibt in diesem Buch keine eindeutige Handlung. Auch wenn man es nicht vermuten mag umspannen die gerade mal 300 Seiten fast 6 Jahre im Leben von Makepeace. 6 Jahre voll von Reisen, Entbehrungen, Krankheit und immer wieder mit dem sicheren Tod konfrontiert.
Heruntergebrochen, nur auf den einzigen Erzählstrang, folgt der Leser einem puren, unverfälschten und von allen Beiwerk befreiten roten Faden.
Fern von allen Pathos und Hollywoodgehabe zeigt das Buch Menschen die versuchen wieder zurück zu kehren. Nach Süden oder Norden, Nachhause in andere Länder einer ungewissen Zukunft entgegensehend oder ganz einfach auch zurück zu sich.
Zu erfahren was es heißt ein Mensch zu sein auch wenn schon lange niemand mehr da ist der dies bewerten könnte.
Wer nach The Road auf ein Buch mit verwandter Thematik gewartet hat und sich nicht am kargen Erzählstil stört dürfte dieses kleine Juwel sehr schätzen.
Daniel
Farrar Straus & Giroux 2009, englische Ausgabe 17,99 €, 320 Seiten, ISBN: 978-0374153533
Geschrieben in Daniel, Roman | 1 Kommentar »
“The Lost Symbol” von Dan Brown
3.10.2009 von Krümel.
Diesmal hat Dan Brown eindeutig Heimspiel. Nach Rom und Paris treibt sich Robert Langdon in Washington D.C. rum wo er von einem alten Freund gebeten wurde eine Vorlesung über Architektur in Verbindung mit den Freimaurern zu halten. Als er jedoch im Auditorium ankommt merkt er sofort, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmt, und als dann auch noch Minuten später in der Rotunda am Capitol Hill eine abgesägte Hand gefunden wird scheint Robert tiefer in die Machenschaften der Freimaurer hineingezogen zu werden als ihm lieb ist.
Nach dem Sakrileg -Debakel konnte es nicht mehr schlimmer kommen um so positiver überrascht war ich als ich in The Lost Symbol den exakten Sound von Illuminati wieder fand. Vom Timing, Einsatz von Neben- und Hauptcharakteren bis hin zur textlichen Konzeption könnte man das aktuelle Buch fast als den amerikanischen Zwillingsbruder seines römischen Vorgängers bezeichnen. Weck von all den Religiösen Firlefanz und wirklich wieder hin zu Mystik gemixt mit High Tech. Zwar ist jene nicht wirklich relevant für das Buch aber Fans von Robert Langdons erstem Abenteuer werden in der ersten Hälft ganz bestimmt auf ihre Kosten kommen.
Auch nicht zu verachten ist das sich die Vorhersehbarkeit, die einem beim letzten Buch schon ab der Mitte ereilt und einem jegliche Lust aufs weiterlesen genommen hat, hier auf die letzten 100 Seiten reduziert werden konnte. Zwar wissen wir alle das Brown immer ein Happy End abliefert aber dennoch wird das letzte Rätsel (um wer, was, warum) vom Leser verhältnismäßig spät geknackt.
Was, wenn man das Buch zur Hand nimmt, klar sein muss ist, dass wir es hier mit dem Buch zum Film zu tun haben. Alle Romanrelevanten Dinge wurden aus dem Schmöker verbannt und an derer Statt regieren meist knappe Dialoge, Einzeiler die Tom Hanks (seinem doch schon fortgeschrittenem Alter entsprechend) auf den Leib geschneidert wurden genau so auch unnütze Beschreibungen von Waffen, Fahrzeugen und Örtlichkeiten. Jeglicher Funke Einfallsreichtum wurde getilgt so das man sich nach 100 Seiten in einem Film von Michael Bay wähnt. Die Charaktere sind uninteressant was zählt ist die Action und die Spezialeffekte (in dem Fall eher die Rätsel), das Visuelle muss bestechen der Rest ist schnödes Beiwerk. In solchen Filmen gucke ich nach 20 Minuten das erste mal auf die Uhr, so auch im Buch in dem jegliche Regung charakterlicher Wärme fehlt. Ich fühle mich nicht beteiligt an der Geschichte, ich darf nur gucken aber nicht mitmachen.
Die Charaktere sind ein weiterer Schwachpunkt, jetzt nicht nur in diesem Buch sondern generell bei Brown, aber gerade hier ist die leere Hülle am stärksten zu spüren.
Katharine Solomon ist, wie auch schon ihre beiden Vorgängerinnen, eine (für mich) schwarzhaarige, verjüngte Version von Farrah Fawcett nett, taff aber manchmal zu sehr Frau.
Robert Langdon ist wieder der gutmütige Fachidiot der diesmal, aber wirklich, von meiner Fawcett -Vision an die Wand gespielt wird. Der Mann ist nun endgültig zur Alibifigur mutiert, ein Nebencharakter der, herumgeschubst von allen anderen, zufällig am Buchdeckel erwähnt wird.
Der Rest der Truppe ist nicht der Rede wert.
Obwohl vielleicht der Bösewicht eine nähere Betrachtung verdient.
Bis jetzt waren Browns Schurken immer gesittetes Gesocks das am Ende den Löffel abgegeben hat. Zumindest im Vergleich zu Mal´akh´s Druckstelle im Pfirsich.
Nicht nur das er das ganze Schurkenlatein drauf hat auch hab ich immer schon auf die Szene gewartet wo man ihn, gewandet in ein schwarzes Cape, im Hobbykeller am Yamaha Keyboard sitzen sieht wo er, mit ernster Mine, alte Songs von Andrew Lloyd Webber orgelt und dabei sein MUHAHAHAHA! übt.
Dan Brown reiht einfach Höhepunkt an Höhepunkt an Höhepunkt, alles was dazwischen liegt (Story, Charaktere etc.) interessiert ihn nicht. Das ist etwas was er nicht mal so schlecht macht, immer zu versuchen mit einem Cliffhanger zu enden, den Leser stets Anreiz zum weiterlesen zu geben. Da kommt es ihm natürlich grad gelegen das er mit seiner Schreibaversion nie mehr als 4 Seiten für ein Kapitel füllen muss. Hat er doch dadurch seine neuesten 500 (englischen) Seiten mit nicht weniger als über 130 Kapiteln perforiert.
Wir haben bereits festgehalten das der Beginn nicht schlecht ist, in der Mitte strauchelt er zwar und die Charaktere sind auch nicht so der Bringer aber was birgt das Ende?
Darüber wird zwar nix verraten aber eifrige Kinogänger, die bei anderen Büchern von Brown beim ableben des Böslings schon die Jacke in der Hand haben, weil sie wissen da kommt nix mehr, sollten bei Das verlorene Symbol (Übersetzung, die jetzt im Oktober erscheint) noch etwas warten.
Denn war das Ende meist kurz und schmerzlos scheint Brown hier auf biegen und (er)brechen die 500 Seiten voll machen zu wollen. Mit belanglosen Details die für die Geschichte keine Relevanz mehr besitzen langweilt er den Leser, mit mehr als 6! durchgehenden Seiten in einem Kapitel, und droht bei Erwähnung des sagenumwobenen Bibelcodes (noch mal) dem Leser Langdons viertes Abenteuer an.
Generell scheint mir das Buch vom bösen Wort “Zeilenhonorar” beseelt zu sein. Viel leere Luft wird zwischen den Seiten verstaut und steht dann mal was dann sind´s die ewig selben Dialoge von vor 300 Seiten. Das war etwas was ich wirklich schade fand. Nicht nur den Roman um gut 200 Seiten künstlich zu strecken sondern unter dem Niveau der Leserschaft zu schreiben.
Die Leute sind nicht so dumm für was man sie immer verkaufen will aber kann man dafür wirklich Dan Brown alleine die Schuld geben?
So ein Buch wie The Lost Symbol ist bereits als Unterhaltungsroman konzipiert. FastFood für den Kopf, schnell lesen, Spaß haben aber auch flott wieder vergessen. So lange niemand zu Dan Brown hingehen und sagen wird, “du, nimm dieses Kapitel raus, kürz da ein bisschen und versuche aus Robert Langdon endlich wieder einen Charakter zu machen der sich selbst die Senkel binden kann”, wird sich wohl auch nichts ändern.
Ich würde lügen würde ich behaupten das mich das Buch nicht zumindest ein wenig unterhalten hätte. Vielleicht nicht immer auf die Art wie vom Schreiberling gedacht aber dennoch. Und wenn es Brown schafft eine Millionenschaft von Lesern zu unterhalten, warum nicht?
Ich will nicht behaupten das man solche Romane nun auf Grund ihres Inhalts nicht ernst nehmen soll, aber ein eher augenzwinkernder Umgang mit ihnen sollte schon erlaubt sein. Auch eingefleischte Fans und Thriller Junkies wissen meist das es sich hier nicht um große Literatur handelt.
Kurz und Knapp
Wer über den literarischen Totalschaden hinweg sieht, Illuminati mochte und es hinbekommt nicht zu viel zu denken dürfte hier gut aufgehoben sein.
Wer jedoch ein zweites Sakrileg erwartet wird bitter enttäuscht werden.
Ich persönlich würde mich über einen neuen High Tech Thriller von Brown sehr freuen wobei ich den nächsten Langdon wohl auslassen werde.
Wieso, wird man nun fragen, gibt es von mir, trotz einiger Wohlwolligkeiten, nur einen einzigen Stern für das Buch?
Dan Brown hatte Zeit genug sich weiter zu entwickeln was er aber leider nicht getan hat. Im Gegenteil. Sein aktuelles Buch ist auf dem Stand von vor 5 Jahren, null Innovation und null Einfallsreichtum, und da trag ich ihm die miesen Charaktere noch nicht mal nach.
Ich danke für die Aufmerksamkeit, Daniel
Bantam Books Verlag, 2009, Originalausgabe 18,90 €, 528 Seiten, ISBN: 978-0593054277
Geschrieben in Daniel, Roman | 3 Kommentare »
“Blumen für Algernon” von Daniel Keyes
13.1.2009 von Krümel.
Charlie Gordon ist Mitte 30 und geistig zurückgeblieben. Sein IQ betrug seit Geburt an nie mehr als 68 Punkte so das er stets auf dem Geistigen Niveau eines 10 Jährigen verblieben ist. Mit leichteren Hilfsarbeiten in einer Bäckerei verdient er sich tagsüber seinen Lebensunterhalt und besucht abends eine Sonderschule um seine Fähigkeiten in Lesen und Schreiben zu verbessern.
Zufällig wird Charlie, eben auf Grund seiner Beeinträchtigung, zu Tests an die hiesige Universität eingeladen. In diesen Tests wird sein genauer IQ bestimmt, die Leistungsfähigkeit seines Kurzzeit- bzw. Langzeitgedächtnis und seine Möglichkeiten abstrakteren Denkens. Im Zuge dieser Tests lernt Charlie Algernon kennen. Eine kleine Labormaus gegen die er, auf Zeit, in einem spielerischen Wettlauf durch ein einfaches Labyrinth antreten muss. Zu Charlies großer Enttäuschung gewinnt jedoch ausnahmslos jedes mal die kleine Maus. Einer der Doktoren versucht dem jungen Mann auch zu erklären woran das liegt.
Algernon ist keine gewöhnliche Maus sondern wurde einer Operation unterzogen die sie zwei- bis dreimal so schlau wie normale Mäuse macht und eben jene Operation wolle man nun das erste mal auch am lebenden Menschen durchführen.
Durch die große Begeisterung die Charlie für dieses Projekt aufbringt und den Versuch alles Mögliche zum gelingen des selbigen beizutragen wird er als erster für den Eingriff auserkoren.
Nach der Operation beginnt ein langer und auch stellenweise sehr entmutigender Lernprozess für Charlie, der glaubte bereits nach dem Eingriff ein Genie zu sein aber feststellen musste das dem nicht so war. Erst Wochen später stellten sich erste kleine Erfolge ein in denen zB. der junge Mann endlich die kleine Maus in ihrem Wettlauf durch das Labyrinth schlug oder er nun endlich richtig schreiben lernte.
Immer schneller schien Charlie nun das Wissen, einem Schwamm gleich, aufzusaugen. Er verbrachte ganze Tage lesend in Bibliotheken, blätterte sich in Windeseile durch zig Bücher und beschränkte sich nicht nur mehr auf Romane sondern fing bald auch damit an Wissenschaftliches und Sprachen zu lernen.
Endlich schien Charlies Traum eines normalen Lebens unter normalen Menschen, wo er behandelt wird wie jeder andere, wahr geworden zu sein aber schon bald musste er erkennen das er auch jetzt, überdurchschnittlich intelligent, kaum Freunde hatte.
Aber nicht nur das persönliches Seelenleben des jungen Mannes geriet zusehends außer Kontrolle auch das Experiment im allgemeinen schien nicht den erwarteten Verlauf zu nehmen.
Von Tag zu Tag ging es Algernon schlechter, er wurde depressiv und begann schlicht alles gelernte zu vergessen und Charlie wusste das sein Schicksal ganz eng mit dem der Maus verknüpft war.
Ursprünglich schrieb Daniel Keyes die Kurzgeschichte Flowers for Algernon 1958 für ein amerikanisches Fantasy und Si-Fi Magazin und gewann damit den Hugo Award for best Short Story. Erst von 1962 bis 1965 arbeitet der Autor die Kurzgeschichte zu einem vollständigen Roman aus der, nach dem er von fünf verschiedenen Verlagen (unter Forderung der Abänderung des Endes) abgelehnt wurde, 1966 das erste mal erschien.
Das Buch ist in der Form eines Tagebuchs gehalten wobei die ersten Seiten, als physisches Dokument für Charlies Geistiges Unvermögen, fast ohne Strich und Komma und mit allen möglichen Rechtschreibfehlern versehen sind. Erst nach der Operation ist für den Leser eine Besserung zu bemerken, nicht nur was die Interpunktion sondern auch die Wahl der Worte wie auch die Verbesserung der Grammatik betrifft.
Lange habe ich überlegt in welche Kategorie ich das Buch einordnen soll da viele Rezensenten vor mir das Werk als Si-Fi bewertet haben, meine Freundin meinte es sei eher als Jugendbuch anzusehen während es andere wiederum als Unterhaltungsroman bewerten.
Ich setze mich nun zwischen alle Stühle und behaupte es sei ein Zeitgenössischer Roman da es primär um die Selbstfindung des Hauptcharakters geht der das Leben eines 100 Jährigen innerhalb weniger Monate lebt.
Dies mag natürlich jetzt den Aspekt des Jugendromans unterstützen da Charlie versucht seinen Platz in der auf ihn einstürzenden Welt zu finden. Wie alle Jugendlichen auch die Leiden der Pubertät mitmacht und erste Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht sammeln muss und natürlich auch von Verunsicherungen getrieben ist. Darüber hinaus ist der Schreibstil, im Original, sehr gut lesbar und leicht verständlich. Vor allem schafft es Keyes aber sich einem sehr komplexen Thema überraschend simpel zu nähern. Nicht durch philosophisch, tiefgründige Aspekte sondern durch eine schmerzlich menschliche Erzählweise schafft es der Schreiberling den Leser in das Schicksal von Charlie einzubinden und ihm das Gefühl zu geben eigentlich der Einzige zu sein der Charlie voll und ganz versteht.
Etwas weiter weck vom Jugend- eher hin zum Erwachsenenroman rücken für mich das Buch jedoch die leicht Schizophrenen Fasen die der junge Mann durchlebt.
In jenen stoßen immer wieder, in Rückblenden, Details seiner früheren Kindheit an die Oberfläche seines Unterbewusstseins. Das Aufarbeiten der Beziehung zwischen ihm und seinen Eltern bzw. die schwierige Situation seiner gut 5 Jahre jüngeren Schwester gegenüber bilden ebenfalls einen Schwerpunkt in diesem Buch.
Nicht nur das sehnen nach Annerkennung, vor allem bei seiner Mutter, sondern der allgemeine Wunsch nach Liebe und Nestwärme die ihn dann, nach 17 Jahren, zu einem Wiedersehen mit seiner Familie treibt bilden für mich die stärksten Momente im ganzen Buch. Denn nicht nur Emotional sondern auch Dramaturgisch wird hier ein sehr eleganter, schon fast spielerischer, Bogen gespannt der mich doch sehr tief angerührt hat.
Mit zunehmender Intelligenz entwickelt sich bei Charlie auch ein gesteigertes sich-selbst-bewusst-sein. Der Wunsch nicht nur nach Annerkennung für die Dinge die er als Genie leistet sondern auch der Wunsch als Mensch wahrgenommen zu werden, egal ob nun mit einem IQ von 68 oder von 180, führen im späteren Verlauf immer öfters zum Bruch mit der Außenwelt und innerlich spürt er bereits den emotionalen Abstieg bevor er überhaupt noch geistig den Gipfel erreicht hatte.
Und dies ist vielleicht auch eine der Kernaussagen, oder zumindest interpretiere ich als Leser sie so ins gelesene Buch, den Mensch einfach Mensch sein lassen und ihn auch als solches zu respektieren. Gerade durch solche Schlüsse und Überlegungen, die man nach dem lesen des Buches hegt und mit sich rum trägt, besitzt das Werk selbst 40 Jahre nach seinem erscheinen noch außerordentliche Aktualität.
Mein Fazit fällt somit sehr kurz aus: Uneingeschränkte Empfehlung für jeden der es noch nicht gelesen hat.
Daniel
Klett-Cotta Verlag, 2007, Hardcover 19,50 € (TB 5 €), 298 Seiten, ISBN: 978-3608937824
Geschrieben in Daniel, Roman | Keine Kommentare »
“Die Winter im Süden” von Norbert Gstrein
15.9.2008 von Krümel.
Marija, fünfzig und in Wien lebend, hat sich mit ihrem Mann auseinander gelebt und sucht Abstand zu ihm in dem sie den Sommer 91 alleine in Jugoslawien verbringt, dem Land ihrer Kindheit aus dem sie und ihre Mutter nach dem zweiten Weltkrieg geflohen waren.
Marija möchte das Land noch einmal sehen, Zagreb wie es mal war bevor es vom nahenden und alles verschlingenden Krieg aufgesogen wird.
Ludwig, ein Ex-Polizist den es nach dem Tod seiner Kollegin und Geliebten nach Buenos Aires verschlagen hat, lernt zufällig Claudia kennen und wird von ihrem Mann als Leibwächter angeheuert. Der alte Mann, wie so viele nach dem letztem Weltkrieg ans Ende der Welt emigriert, ist ein schon etwas älterer Zausel der nicht Nazi genannt werden kann aber dennoch die alten Werte zu schätzen weiß. Aufmerksam verfolgt er die Nachrichten aus der alten Heimat und gebärdet sich wie ein kleiner Junge dem es nicht schnell genug gehen kann auch selber in diesem Konflikt einzugreifen. Den alten Kampf gegen den Kommunismus wieder mit seinen alten Waffenbrüdern aufzunehmen und sein Heimatland Jugoslawien doch noch von diesem Partisanen- Unrat zu befreien.
Während nun Marija ihr Heil in einer schnellen und haltlosen Liebe zu einem Soldaten sucht erlebt Ludwig Monate der Idylle und Ruhe deren einziger Makel der etwas wunderliche alte Mann ist. Doch als jener alte Mann selber in den Krieg zieht und Ludwig mit sich nimmt kollidieren ihrer beider Leben.
Zwei Dinge die beim lesen von Norbert Gstreins Buch Die Winter im Süden gleich auffallen sind zum einen die Thematik des Krieges in Jugoslawien, jener scheint Gstrein, wie auch schon in Das Handwerk des Tötens, nicht mehr loslassen zu wollen und zum anderen die bedächtige Erzählweise mit der er seine Geschichte darbietet. Er vergeht sich nicht in unnützen Betrachtungen und philosophischen Aphorismen wie andere Autoren aber dennoch hält er den Leser zum langsamen lesen und nachdenken an in dem er zeilenlange Sätze ineinander verschachtelt und mit Komata spickt.
Auch findet man in der Charakterisierung von Marijas verschwunden geglaubten Vater Anwandlungen an sein vorhergehendes Buch wieder. Nur durch den indirekten Blickwinkel Ludwigs lernen wir diesen namenlosen alten Mann kennen. Nie tritt er selber als erzählende Figur auf und bleibt dem Leser somit viele Antworten zu seiner Vergangenheit und seiner früheren Familie schuldig.
Norbert Gstreins Sprache ist klar, präzise und verständlich. Obwohl auf blumige Bilder verzichtet wird wirken Worte nie steril und behalten ihre Kraft auch wenn man schon 10 Seiten weiter ist.
Es sind brechende Charaktere in einer zerstörten Welt die durch das erzählerische Geschick des Schreibers zusammengehalten werden. Schwankend zwischen dem Krieg der mal war und dem Krieg der da noch kommt sind es Sünder auf der Suche nach Absolution die ausziehen um vielleicht nicht Erlösung aber vielleicht doch Antworten zu finden, nur um am Ende doch wieder in das Leben zurückzukehren aus dem sie versucht haben auszubrechen.
Ohne Zeigefinger und Moral schreibt Gstrein nicht vom Krieg sondern vom Leben das von ihm verformt und deformiert wird. Und genau so wie jede Zeit ihren eigenen Krieg hat bringt auch jeder Krieg seine eigene Art von Menschen mit sich die vortrefflich gezeichnet in Gstreins Büchern wieder zu finden sind.
Daniel
Hanser Verlag, 2008, Hardcover 19,90 €, 288 Seiten, ISBN: 978-3446230484
Geschrieben in Daniel, Deutsche Gegenwartsliteratur | Keine Kommentare »
“Einer” von Norbert Gstrein
2.9.2008 von Krümel.
Einer- Einer ist Jakob der apathisch in einem Zimmer liegt und womöglich schläft.
Währenddessen stehen unten in der Küche, bei der Mutter und den Geschwistern, ein Inspektor und sein Gehilfe. Jeder weis etwas über Jakob zu erzählen.
Wie er geschlagen wurde als Kind, wie er in die große Stadt geschickt wurde um dort das Gymnasium zu besuchen, wie er wieder verstört -nach einigen Monaten- zurück kam, sich vor allen andern verschloss, sich eindeutig gegen jeden und alles stellte, sich für ein Leben hier im Bergdorf entschied wo er begann sich als Schilehrer zu verdingen und wo er nach Monaten und Jahren immer mehr der Einsamkeit und dem Alkohol anheim fiel…und jetzt kommen sie ihn holen.
Der Inspektor und sein Gehilfe…
Der Text Einer, des gebürtigen Tirolers Norbert Gstrein, entstand 1988 und dürfte damals, meines Erachtens, nicht nur bei den Kritikern sondern auch beim interessierten Leser positiv aufgenommen worden sein. Gerade zum Ende der 1980-er hin wo immer stärker Begriffe wie No Future und Generation-X als Schlagworte, und schön gewandete Synonyme für die Null-Bock-Generation, herhalten mussten und durch die damaligen Medien geisterten dürfte Gstrein mit seinem Statement den Zeitgeist getroffen haben. Die goldenen 60-er und fetten 70-er wahren vorbei und vieles war im Umbruch begriffen.
Jakob ist eine Charakter der frei zu sein scheint von jeglichen Zukunftsängsten. Zu sehr ist er in seine Routine aus persönlichen Komplexen und jeglicher Ablehnung der Öffentlichkeit gegenüber sowie dem stetigen Alkoholkonsum eingespannt, als das er sich Sorgen über die Zukunft machen könnte. Er hat einfach keine Motivation sich darum zu kümmern und den Teufelskreis zu durchbrechen.
Ein Lob verdient der Autor dahingehend das er nicht den selben Fehler begangen hat wie viele vor ihm, nämlich das Geschehen in eine ländliche Umgebung zu verfrachten und dann unmerklich zu ironisieren. Diesen Problemen durch ein unpassendes Augenzwinkern den Ernst zu nehmen nur weil es auf dem Lande, oder wie hier in einem kleinen Wintersportort in Tirol, stattfindet. Denn gerade in solch einem Kontext wirkt das Schicksal des einzelnen unweit tragischer als in einer großen Stadt.
In der Stadt währe Jakob nur einer von vielen die sich versaufen, aber so -in diesem kompakten Sozialen Umfeld wo jeder jeden kennt- wird er als tragisches Einzelschicksal wahr genommen.
Zwar nicht weniger aber leider auch nicht mehr.
Gstrein entlarvt gekonnt den Mechanismus des “Weckschauens” wodurch das WO? eine gewisse Irrelevanz bekommt.
In Einer sind bereits alle Grundmuster vorhanden die den Autoren auch schon bei Romanen wie Das Handwerk des Tötens auszeichneten. Wieder umkreisend und aus anderen Blickwinkeln versucht er den Werdegang von Jakob anhand von Kommentaren dritter herzuleiten und packt all dies in eine sehr dichte und homogene Sprache. Jene erfordert vom Leser selbst zwar etwas Aufmerksamkeit besticht jedoch im gleichen Maße mit einem makellosen Lesefluß.
Mit 106 Seiten ist der Text durchaus für einen geruhsamen Sonntag geeignet wobei ich ihm jetzt keinen “Lesezwang” hinzudichten will. Zwar fallen (eben aufgrund der Kürze) keine nennenswerten Kritikpunkte an aber dennoch werden eher Fans Norbert Gstreins zu diesem -doch merklich österreichisch gefärbten- Büchlein greifen.
Wobei sich hier natürlich niemand abhalten lassen sollte, denn wem auch schon neueres wie obig genannter Roman, Das Handwerk des Tötens, zugesagt hat wird hier einen durchaus interessanten Einstieg in die Frühwerke des Autoren finden.
Daniel
Suhrkamp Verlag, 1998, broschiert 10,80 €, 116 Seiten, ISBN: 978-3518406175
Geschrieben in Daniel, Deutsche Gegenwartsliteratur | Keine Kommentare »
“Kollateralschaden” von Olga Flor
28.8.2008 von Krümel.
Menschen kommen, Menschen gehen.
In keiner Einrichtung ist dies so gut zu beobachten wie in einem Supermarkt.
Genau 60 Minuten lang leuchtet die Autorin Olga Flor das Leben verschiedenster Charaktere bis hin zu den tiefsten Winkeln ihrer Seelen aus.
Zufällige Menschen mit den unterschiedlichsten Lebenshintergründen treffen hier als Unbekannte aufeinander. Sei es eine allein lebende Singlefrau, eine Politikerin, ein abgehalfterter Journalist oder auch nur der Kaufmannslehrling des Supermarktes. Jede dieser Figuren hat ihre Geschichte, eine mehr die andere weniger. Und durch dieses Gewirr von Gedanken, Wünschen und Ansichten windet sich der Leser ohne erkennbare Handlung bis sich gegen Ende hin alles zu verdichten scheint und mit einem Knall alles umgeworfen wird und die Charaktere zu kollidieren beginnen.
Wie bereits geschrieben gibt es in Olga Flors neuen Roman Kollateralschaden keine eindeutige Handlung im herkömmlichen Sinne. Der Leser folgt eher vielen kleineren Handlungen gleichzeitig deren einziger Dreh- und Angelpunkt die Zeitebene ist auf der sich alles zur selben Zeit abspielt.
Minute für Minute, Absatz für Absatz schreitet das Buch voran.
Gerade in dieser -ich nehm jetzt 6 Kurzgeschichten und tu alles in den Mixer- Schreibweise sehe ich als Leser auch das größte Manko des Buches. Auch wenn die Geschichten zum Teil ineinander fließen und sich überschneiden muss man des öffteren nachdenken mit wem man es nun wieder zu tun hat und bei welcher Geschichte man den Faden wieder aufnehmen muss.
Verschmerzt man dies und hat sich mal daran gewöhnt erwartet den Leser mit Kollateralschaden ein überraschend scharfsinniges und mit guten Blick für Details geschriebenes Buch dessen Sprache sich von Charakter zu Charakter ändert.
Wie eine Fotografin scheint Flor einfach mit ihrer Kammara draufzuhalten und abzudrücken ohne jedoch vorher durch den Sucher geblickt zu haben. Was auf den Bildern zu sehen ist sind zufällige Menschen von denen jeder seinen eigenen Weg geht. Manchmal sind die Bilder etwas unscharf was aber nicht störend wirkt da die Feder der Autorin die scheinbar banale Realität so preziese einfängt das ich mir als Leser immer wieder sagen musste -das kennst du doch von wo-.
Dies ist auch die große Stärke des Buches. Charaktere wie auch Handlung völlig zufällig wirken zu lassen. Nicht jetzt eine Hand voll Personen mit Problemen und Komplexen in einen Supermarkt zu sperren sondern alles völlig freiwillig wirken zu lassen. Schon fast so als ob Flor keinen Einfluss mehr auf ihre Charaktere hätte.
Und jene vielgeschriebene Zufälligkeit ist es dann auch am Ende des Buches daß einen auffahren und die Soziale/Gesellschaftliche Kritik wahrnehmen lässt die sich schon die ganze Zeit über, bitterböse und makaber, in den Unterton der Erzählung gemengt hat.
Mit Präzision und scharfer Klinge häutet Olga Flor hier diese Zwiebel. Für Freunde deutscher Literatur äußerst empfehlenswert.
Daniel
ZSOLNAY-VERLAG, 2008, Hardcover 17,90 €, 208 Seiten, ISBN: 978-3552054400
Geschrieben in Daniel, Deutsche Gegenwartsliteratur | Keine Kommentare »
“Die einsamen Schrecken der Liebe” von James Meek
21.8.2008 von Krümel.
Ein Fremder hockt mitten in Sibirien an einem Fluss und wird Zeuge eines grausigen Unfalls. Eine Dampflok schiebt sich auf den winterlichen Geleisen entlang, fährt über eine hohe Brücke. Plötzlich öffnet sich der letzte Wagon und Pferde springen in Panik heraus. Eines davon überlebt, die anderen kommen unter die Räder des Zuges oder stürzen über das Geländer der Brücke in den sicheren Tod.
Eines dieser Pferde, das den Tod unter der Brücke fand, hat auch den Betreuer mit in die Tiefe gerissen dessen Leiche nun in gerade jenem Flussbett schwimmt an dem der Fremde hockt.
Der verwahrloste Fremde, Samarin sein Name, geht zu den Toten und beäugt sich die Leichen. Dem Mann schneidet er eine Hand ab und vergräbt sie. Einem der Pferde schneidet er, als Wegzehrung, ein noch warmes Stück Fleisch aus dem Fuß.
Nach beschwerlichem Aufstieg auf der Brücke angekommen trifft er auf einen Einheimischen (Balaschow) der aus dem nahe gelegenen Dorf Jasyk stammt und auf dem Weg dorthin ist. Beide beschließen ein Stück weit miteinender zu gehen um sich die Einsamkeit zu vertreiben.
Jasyk scheint ein seltsames Dorf zu sein. Obwohl wir bereits das Jahr 1919 schreiben befindet es sich dennoch im Würgegriff der Tschechischen Armee. Gerade jene ist es dann auch die Samarin nach seiner Ankunft auch sofort hinter Gitter setzt, zumindest so lange bis seine Zugehörigkeit geklärt ist.
Oberkommandant des kleinen Haufens Soldaten ist Matula der hinter vorgehaltener Hand beschuldigt wird die Rückzugsbefehle zu unterschlagen um so seine Macht in dem Dorf nicht zu gefährden. Hier ist er das Gesetz und befiehlt über Land und Einwohner, während er Zuhause nur ein kleiner Handwerker ist der unter der Knute seines Chefs steht.
Die Einwohner Jasyks gehören großteils einer Gottesfürchtigen Sekte an die im Irrglauben lebt Engel zu sein um so Gott näher zu stehen.
Und dann gibt es noch ein kleines Häuschen in dem Anna Petrowna lebt. Die allein erziehende Mutter ist nach dem Tod ihres Mannes mit ihrem Sohn hier hergezogen um Ruhe, Einsamkeit aber auch Frieden vor ihrer Vergangenheit zu suchen.
Einen Tag nach dem Samarin festgenommen wurde, wurde ihm auch schon eine Anhörung vor Militär und Volk gewährt um zu entscheiden was mit ihm weiterhin geschehen soll.
Samarin berichtete von seiner Flucht aus dem Weißen Garten, ein nördlich des Polarkreise gelegenes Arbeitslager, aus dem er und noch ein Mitgefangener alleine quer über die Eiswüste entkommen konnten. Zugleich warnt er die Bewohner Jasyks vor einem geheimnisvollen Mann der “Der Mohikaner” genannt wird. Mit ihm ist Samarin aus dem Lager geflohen wobei ihn der Mohikaner nur deswegen mitgenommen hat um ihn, wenn alle Vorräte aufgebraucht währen, zu schlachten.
Der Erzähler konnte dem Messer des Kannibalen zwar gerade noch so entkommen aber nun ist sein Häscher auf dem Weg hier her um sein Werk zu Ende zu führen…
Dieser kurze Abriss von James Meeks Erstling Die einsamen Schrecken der Liebe wird nun wohl viele, die das Buch schon mal in der Hand hatten und den Klappentext gelesen haben, erstaunen. Der hier zusammengefasste Inhalt will so gar nicht dem Text gleichen mit dem der Verlag das Buch seinerzeit beworben hat und das ist etwas was ich äußerst schade finde. Dem Klappentext und Cover nach wurde verstärkt auf eine weibliche Leserschaft gesetzt, die in Erwartung eines Liebesromans tief enttäuscht wurde und andere Leser die offen für weniger Liebe dafür für komplexere Charaktere gewesen währen wurden durch die Titel/Cover-Kombination abgeschreckt.
Das Buch ist souverän und mit einem guten Gespür für düstere Weiten, eisiger Einsamkeit und grausamen Seelenwelten der Charaktere geschrieben. Auch wenn die Handlung der eigentlichen Geschichte fast minimalistisch ist werden in zwei großen Rückblenden die Geschichten von Samarin und Anna erzählt. Ihre Verbindungen zu anderen Charakteren die wiederum ihre eigenen kleinen Geschichten mit sich bringen. So zaubert Meek eine überraschend vielschichtige Erzählung aus dem Hut die man dem Buch fast nicht zugetraut hätte.
Große Themen wie den ersten Weltkrieg, Liebe, Loyalität, Freundschaft/Kameradschaft und auch Kannibalismus gewürzt mit einem hauch Mystizismus ergeben eine, ja schon fast, faszinierende Mischung deren Sog man sich nicht wirklich entziehen kann.
Etwas störend empfand ich beim Lesen zwar die Vorhersehbarkeit im letzten Drittel die jedoch durch das schreibende Geschick des Autoren fast wieder wett gemacht wird.
Denn nicht die Spannung steht im Vordergrund dieser Geschichte sondern das Erzählerische mit dem Meek versucht seine Charaktere fühlbar lieben aber auch leiden zu lassen.
Unterm Strich ist der Roman ein Werk das nichts falsch macht. Kurzweilig und Atmosphärisch dicht streift man durch James Meeks postrevolutionäres Russland und sucht zusammen mit Samarin, Anna, Balaschow oder auch Mutz nach den einsamen Schrecken der Liebe.
Äußerst lesenswert.
Daniel
Droemer/Knaur Verlag, 2007, Übersetzung: Karen Nölle-Fischer, broschiert 8,95 €, 432 Seiten, ISBN: 978-3426634738
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“Ein komplizierter Akt der Liebe” von Miriam Toews
19.8.2008 von Krümel.
Die Teenagerin Nomi wohnt in East Village, das genau an der Grenze zwischen Kanada und den USA liegt, und versucht sich irgendwie durch die Irrungen und Wirrungen des Erwachsenwerdens zu schlängeln.
Erste Liebe, Trotzigkeit den Eltern und Lehrern gegenüber, rauchen und auch die ersten Drogenerfahrungen. All dies ist für uns eigentlich kein Problem, ja schon fast selbstverständlich. Aber bei Nomi ist der Fall schon etwas anders gelagert.
Ihre Eltern gehören der Sektengemeinschaft der Mennoniten an die nur auf der Welt zu sein scheinen um zu leiden und um so eines Tages in´s jenseitige Paradies zu kommen.
In dieser Gemeinschaft scheint so ziemlich alles was Spaß macht verboten zu sein. Keine Bars, Fressbuden, Shopingmals ja nicht einmal Geburtstage werden gefeiert.
Zu allem Überfluss ist auch noch Nomis Vater einer der erzkonservativsten Gläubigen die nicht mal für die Gartenarbeit Anzug und Krawatte ausziehen.
Mit einem Wort, der Horror für einen heranwachsenden Jugendlichen.
Erst als Nomis ältere Schwester Tash von Zuhause abhaut bekommt ihre unglückliche Welt Risse und als auch noch ihre Mutter geht und sie mit ihrem Vater alleine lässt, sieht sie ihre Zweifel den Gläubigen gegenüber bestätigt.
Die Autorin Miriam Toews wurde selbst in eine Minnoniten-Gemeinde hineingeboren so das es für den Leser nahe liegt vieles hier als Biografisch anzusehen. Dennoch ist das Buch keine Ausbruchsstory aus einer Sekte und auch kein Tatsachenbericht von abartigen Glaubenspraktiken oder gar Kindesmisshandlungen.
Das Buch ist eher eine (erschreckend) simple Coming of Age Story um ein Mädchen das seinen Platz in dieser Welt sucht.
Auch wenn sich die Zusammenfassung der Geschichte etwas “streng” anhört so erkennt man doch rasch das Toews mit Witz, Ironie und -ja muss man fast sagen- auch etwas Wehmut auf ihre Vergangenheit zurückblickt. Gerade die Ironie ist es die immer wieder die Glaubensgemeinschaft als Menschen mit verschrobenen Ansichten entlarvt die ihren Glauben meist auch nur dann ausüben wenn es ihnen Spaß macht. Meist dann wenn es darum geht Kindern etwas zu verbieten.
Musterbeispiel dafür ist natürlich Nomis Vater. Zwar ein absolut gottestreuer Kirchengänger kann er jedoch seine patriachale Rolle keines Wegs ausfüllen und tut sich als herzensguter Mensch nun mal schwer seinen Töchtern das rauchen oder das hören von Popmusik zu verbieten.
Überhaupt stehen in diesem Buch die Charaktere, genauer Nomis Familie, im Fordergrund und die Beziehungen die sich daraus ergeben wenn die Töchter erwachsen werden und selbstständig versuchen ihre Existent in so einer Gemeinde zu ergründen bzw. sich dafür oder auch dagegen zu entscheiden.
Auf den hier vorliegenden 300 Seiten gibt es zwar keine Längen aber dennoch kann man Stellen ausmachen an denen die Geschichte etwas unrund läuft. Wo die Ironie nicht ganz ins Bild passt und eindeutig weniger mehr gewesen wäre.
Auch werden gegen Ende der Geschichte Fragen aufgeworfen die vor allem Nomis Eltern betroffen hätten. Wie z.B.. ein Leben vor der Sekte das nur ganz grob angedeutet wird aber für den Leser sicher noch interessant gewesen wäre.
Frau Toews hat mit Ein komplizierter Akt der Liebe ein sehr nettes Buch geschrieben das, zwar nicht auf Anspruch verzichtet aber dennoch leicht lesbar und kurzweilig, jedem für heiße Sommermonate am Baggersee empfohlen werden kann.
Daniel
Berliner Taschenbuch Verlag. 2007, Übersetzung: Christiane Buchner, broschiert 9,90 €, 299 Seiten, ISBN: 978-3833304491
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“Die Entbehrlichen” von Ninni Holmqvist
22.5.2008 von Krümel.
Was bist du wert?
Wellchen Wert produzierst du als Frau bis zu deinem 50ten Lebensjahr?
Das höchste Gut bis dahin ist es wohl Kinder zu bekommen die gut aufwachsen und gedeihen, eingefügt werden können in eine Gesellschaft in der SIE wiederum, im Verlaufe ihres Lebens, einen Wert für die selbige produzieren.
Das ist das Ideal in der Welt in der Dorrit Wegner lebt nur das sie es nicht zustande gebracht hat ein Kind zu gebären oder sonst wie besonders im Leben aktiv zu werden um einem unheimlichen und unheilvollen Schicksal zu entgehen. Nämlich für die Gesellschaft entbehrlich zu werden.
Sie hat es nicht fertig gebracht sich von einer Brücke zu stürzen oder eine Überdosis Tabletten zu nehmen. Nein, stattdessen steht sie an ihrem 50ten Geburtstag am Straßenrand und wartet das sie von Mitarbeitern der „Einheit“ abgeholt wird.
Die “Einheit” ist in einem großen Gebäudekomplex untergebracht der einzig und alleine dazu da ist Frauen ab 50, ohne Kinder oder sonstige Verpflichtungen, und Männer ab 60, ebenfalls ohne Familie oder sonstigen Verpflichtungen der Gesellschaft -den Benötigten- gegenüber, zu beherbergen die, stückweise oder im ganzen, physischen wie psychischen Versuchen zugeführt werden.
Testreihen mit körperlicher Ertüchtigung, Tabletten die noch nicht Marktreif sind und erst noch auf Nebenwirkungen untersucht werden müssen oder das Spenden von Organen.
Eine Niere, ein Stückchen von der Lunge oder gar, wenn es akut ist, ein Herz oder eine Bauchspeicheldrüse. Dies wird dann formschön die “Endspende” genannt bei der der Spendende zu 100% zu Tode kommt.
Am Anfang ist Dorrit noch verschreckt und verunsichert obwohl sie sich recht schnell an den Luxus gewöhnt der in der “Einheit” geboten wird. Sie muss sich um nichts mehr sorgen, bekommt nebst einer kleinen Zweiraumwohnung, Kleider, Lebensmittel und alle erdenklichen Möglichkeiten der Freizeitgestaltung und sollte mal ihr Lieblingsmüsli oder ihre Designerjeans nicht lagernd sein kann es ohne weiteres von draußen bestellt werden.
Geld spielt keine Rolle, wenn der Staat zahlt.
Nein, kein totalitäres Regime hat diesen Entwurf einer ökonomischen Verwaltung entbehrlichen Lebens erdacht sondern die Politik mit Absegnung der Bevölkerung.
Bald lernt Dorrit Wegner das Leben in der “Einheit” zu schätzen. Für sie ist nicht nur gesorgt sondern sie hat auch rasch Freunde gefunden die sie so akzeptieren wie sie ist und die für sie schnell zum Familienersatz werden. Und in Johannes findet sie die Liebe wieder die ihr im normalen Leben verwehrt blieb.
Abgesehen von einigen Versuchen physischer Natur die keine weiteren Gesundheitsbeeinträchtigungen nach sich ziehen, und der Gewissheit nach spätestens 4-5 Jahren Aufenthalt der Endspende zugeführt zu werden, führt sie ein ganz normales Leben bis zu jenem Tag an dem das unmögliche eintritt.
Dorrit wird schwanger…
Nach dem zuschlagen des Buches Die Entbehrlichen, von Ninni Holmqvist, muss man erst mal überlegen was man da gerade gelesen hat. Muss es sacken lassen um dann wieder etwas Fuß zu fassen. Das Buch macht es einem nicht leicht alles entweder schwarz oder weiß zu sehen. Es gibt kein Gut und kein Böse in dieser Erzählung, ja stellenweise ertappt man sich wirklich dabei zu überlegen das jener Entwurf gar nicht mal so schlecht ist, nur um jedoch einige Seiten später auch die Kehrseite der Mediale von Holmqvist präsentiert zu bekommen. So human das ganze System auch scheinen mag so sperrt sich dann doch das innere Denken des Lesers gegen eine grundsätzliche Frage:
Was ist ein Menschenleben wert?
Ist es wert einen Menschen zu opfern damit bis zu 8 andere (in der Gesellschaft benötigte) Menschen weiterleben können?
Alleine die Einteilung der Gesellschaft in “Benötigte” und “Entbehrliche” Individuen birgt Stoff für lange Diskussionen. Ein trügerisches Gleichheitsprinzip beherrscht die Erzählung. Egal was man früher im Leben gemacht hat, so bald man in die “Einheit” kommt ist man nicht besser oder schlechter als die anderen. Alle sind gleich, egal ob man nun diesseits oder jenseits der Mauern sitzt.
Holmqvist schreibt leicht, direkt und kommt fast immer rasch auf den Punkt in ihrem Schreiben. Nur manchmal benutzt sie die spärlichen 270 Seiten dafür metaphorische Miniaturen zu mahlen die einen ins Herz treffen.
Dies wurde auch von manchen Lesern bekrittelt, das die Autorin zu sehr an der Oberfläche herumkratzt und nicht wirklich in die Tiefe der Materie eindringt. Ich jedoch halte das Buch in dieser Form für sehr gelungen. Die Geschichte Dorrit Wegners ist ein Bericht von Innen der sich keine abgehobene Objektivität leisten kann.
Und dennoch ist die Schriftstellerin nicht darum verlegen gegen Ende ein kleines Statement anklingen zu lassen. Andeutungen einer Spirale nach unten schimmern durch, immer mehr Humanmaterial wird gebraucht wobei die Nachfrage nicht befriedigt werden kann und die Gesellschaft im Umkehrschluss der guten Tat immer mehr zu einem kannibalistischen, Menschenverschlingenden System mutiert das sich selber frisst.
Ich halte es nicht nur für ein gutes Buch was Ninni Holmqvist da vorgelegt hat sondern ich halte es auch für gut das von Zeit zu Zeit solche Bücher verlegt und (hoffe) auch gelesen werden denn Charles Darwin´s Ausspruch -das Überleben des Stärkeren- liegt immerhin schon weit über 140 Jahre zurück…
Daniel
Fahrenheit Verlag, 2008, Übersetzung: Angelika Grundlach, Hardcover 19,90 €, 269 Seiten, ISBN: 978-3940813008
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