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Archiv der Kategorie Deutsche Gegenwartsliteratur
“Der Geist am Berg” von Tim Krohn
17.8.2010 von Krümel.
Eine amüsante Gegenüberstellung.
Die Stine wächst auf der Piz Spiert Alp auf. Doch der Berg droht seit einiger Zeit zu zerbröseln. Immer wieder werden die Ziegen, die die Stine, ihre Mutter und der Severin dort oben hüten, von Gesteinsbrocken erschlagen. Die Berghütte weist vom Steinschlag nach und nach überall Löcher, Risse und starke Schäden auf. Als dann auch noch der Stromaggregat kaputt geht, bedeutet dies letztendlich das Aus für die Drei.
Die Stine, die mit den Ziegen oben auf der Alp von Stein zu Stein springt, und wie ein Tier stundenlang auf der Stelle verharren kann, erhält einen Job als Zimmermädchen im Grandhotel, wenige hundert Meter unterhalb des Piz Spiert. Dort lernt sie Bruno kennen.
Animalisch frönen diese Beiden ihre Leidenschaft. Das Archaische übt auf Bruno eine unbändige Lust aus, dass er ihr das Blaue vom Himmel verspricht … Bis er eines Tages keinen Nerv mehr auf die Stine hat!
Diese Gegenüberstellung von Zivilisation und dem Archaischen fand ich sehr plastisch, aber auch sehr drastisch transportiert. Allerdings ist das so nun mal bei Märchen! Mir gefiel der Humor und Stil äußerst gut.
Krümel
Galiani Verlag Berlin 2010, Hardcover 13,90 €, 78 Seiten, ISBN: 978-3-86971-022-8
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“Eine Frau flieht vor einer Nachricht” von David Grossmann
13.5.2010 von Krümel.
Ora verlässt ihr Zuhause, als ihr geliebter Sohn Ofer sich freiwillig zum Militärdienst meldet. Sie hat Angst vor der Botschaft seines Todes und meint, wenn sie nicht zu Hause ist, wird sie die Nachricht nicht erreichen und somit ist der Tod ungeschehen. Ihr Jugendfreund Avrim, zugleich leiblicher Vater des Ofer, begleitet sie auf einer Reise quer durch Galiläa, die beiden verbindet eine turbulente Zeit über die letzten 30 Jahre.
Mit jedem Kilometer, den sie sich von ihrer Heimat entfernt, entflieht sie einerseits dem Alltag und den gegenwärtigen Problemen, nähert sich aber gleichzeitig den Geschehnissen in den letzten 30 Jahren, immer im Hintergrund der politischen Lage des Israel im ausgehenden 20. Jahrhundert. Aus dem anfänglichen Geplänkel über belanglose Angelegenheiten geht es immer mehr ans „Eingemachte“, gleichzeitig distanziert sie ihre Person von den Erlebnissen, die dadurch aber nur noch eindrücklicher werden. Da ist ihre Ehe mit Ilan und dem gemeinsamen Sohn Adam einerseits, demgegenüber Ofer, der geliebte uneheliche Sohn mit Avirm, der seinen Vater nie kennen gelernt hat und um den sich Ilan so fürsorglich kümmert. Und da sind vor allem ihre Ängste, wenn die Söhne in den Krieg ziehen, ihre Enttäsuchung über deren Begeisterung darüber, ihre Alpträume, ihre Mutmaßungen, und nicht zuletzt aber auch ihre Hoffnung.
Avrim, von Kriegsgefangenschaft gezeichnet und ohne jegliche Lebensfreude, ist anfänglich nur der stumme, passive Zuhörer (wenn überhaupt), wird aber immer tiefer in die Geschichte hineingezogen (in der auch er eine so große Rolle spielt) und entwickelt sich zu einem immer mehr Anteil nehmenden, betroffenen Zuhörer, der nach und nach selber in die Geschichte eingreift, seinen Part dokumentiert und seine Erlebnisse einbringt. Die Zerrissenheit der Familie spiegelt sich in der Zerrissenheit des Landes wider. Wunderschöne Beschreibungen des Landes Israel, das landschaftlich von Wüsten bis Gebirgszügen, von ausgetrockneten Wadis bis zu fruchtbaren Gegenden alles bietet, runden die Erzählung ab. Viele Rückblenden – die zudem nicht chronologisch erzählt werden - geschehen auf Gedankenebene, in inneren Monologen, die Kombination dieser Erzählstile entwickelt einen unheimlichen Sog, den Grossman meisterlich über 736 Seiten (!) aufrecht erhält, der einem allerdings die ganze Aufmerksamkeit abverlangt aber dem man sich kaum entziehen kann.
Ein großartiges Buch, ein eindringliches Buch, ein Meisterwerk!
Christine
Hanser Verlag 2009, Hardcover 24,90 €, 736 Seiten, ISBN: 978-3446233973
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“Falsche Himmel” von Liane Dirks
27.4.2010 von Krümel.
Interessante Spekulation was werden könnte.
>Sonntag, 10. August, Uhrzeit: 21.40, Temperatur: 37 Grad, Ozonwert: 360, Zustand des Himmels: klar< So beginnt diese Erzählung und danach werden einige skurrile Gedanken niedergeschrieben. Das Tagebuch wird von einer Frau verfasst, die mit ihrer Tochter in einem 18 stöckigen Hochhaus wohnt, an dem Fassadenkletterer hinauf kraxeln um sich dann wieder hinab zu stürzen. Sie isst die sauer eingelegten Gurken ihrer Mutter und weiß, wenn sie die letzte Seite beschrieben hat, muss sie die Stadt verlassen.
>Der Mensch ist der Motor, erstellt den Grundzustand immer wieder her, das Chaos. Allerdings ein anderes Chaos als das Urchaos, das ja wohl eher eine Suppe war. Flüssig. Das Chaos des Menschen stimmt mit dem des Universums nicht überein. Der Mensch hofft es, aber es ist nicht so.<
Ganz langsam entschlüsselt sich diese Erzählung, und der Leser erfasst, worauf die Autorin hinaus möchte. Der Mensch ist die Ursache des Chaos und erzeugt „falsche Himmel“. Eine außergewöhnliche Erzählung, die vielleicht tief in die Zukunft blickt.
Liane Dirks ist 1955 geboren und arbeitet seit 1985 als freie Schriftstellerin. Sie pendelt und lebt zwischen Köln und Berlin. Weitere Titel, die von ihr erschienen sind: „Vier Arten meinen Vater zu beerdigen“, „Narren des Glücks“ und „Krystyna“.
Krümel
Kiepenheuer & Witsch Verlag 2006, Hardcover €, Seiten 143, ISBN: 978-3-462-03713-5
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“Die dunkle Seite des Mondes” von Martin Suter
23.4.2010 von Krümel.
Ein erfolgreicher Wirtschaftsanwalt und Mittvierziger lernt eine neue Welt kennen, als er die junge Flohmarktverkäuferin trifft. Er ist begeistert vom lockeren Lebensstil dieser jungen Frau und beginnt die Struktur seines eigenen Lebens zu ändern. Eine gewöhnliche Mitlife-Krise, in die er steckt. Lucille, so der Name dieser Frau, lädt ihn eines Tages zu einer Drogenparty ein, die für ihn gründlich schief geht, hat er doch einen Pilz erwischt, der sich mit den anderen nicht verträgt. Durch jenen verhängnisvollen Rausch hat er sein Gewissen abgeschaltet und meuchelt sich nun hemmungslos durch den Tag. Ihm wird im Nachhinein bewusst, was er in Anwesenheit seiner Mitmenschen anstellt, trägt darum die Konsequenz und flüchtet in die Einsamkeit der Wälder. Nun versucht er die unmögliche Suche nach dem seltenen Pilz, um den Rausch zu wiederholen und die schadhafte Stelle seines Geistes zu reparieren.
Soweit die Story, mit der man einige spannende Stunden verbringen dürfte. Wenn sie denn ordentlich erzählt wird. Das aber hat Suter versäumt. Er nimmt sich ein psychologisches Thema vor, vergisst dabei aber die psychologischen Aspekte. Seine Figuren könnten platter nicht sein, nicht einmal ein Schwarz-Weiß-Profil ist erkennbar. Sie haben kein Profil, sie dienen dem Helden eigentlich nur als Richtungsweiser. Selbst der Schicksalsengel Lucille wird nach der Hälfte der Geschichte einfach fallen gelassen, nachdem sie ihre Arbeit, ihm den Weg zu weisen, getan hat. Statt einer ordentlichen Beschreibung der Figuren stopft Suter die Seiten mit völlig nichtigen, unnützen Informationen auf. Er könnte ein ganzes Kochbuch mit Gerichten, die seine Figuren auf ihren Tellern liegen haben, füllen. Anfangs liest sich das Buch noch ansatzweise reizvoll, zum Beispiel die Erkenntnis, dass seine Persönlichkeit einen Schaden genommen hat, später bleibt die Erzählung bloß noch für ambitionierte Pilzsammler und Amateure für Survivaltrainings anziehend. Wir erfahren, wie man Hasen von Eingeweiden befreit und welche Pilzarten in schweizerischen Wäldern heimisch sind, inkl. der lateinischen Bezeichnungen. Quälend lese ich mich durch etliche Wiederholungen, weil der Stoff nicht für 300 Seiten ausreicht und erhoffe mir zumindest ein überraschendes Ende. Doch auch hier werde ich Zeuge einer löchrigen, zufallsgesteuerten Jagd. Ein Buch, das in einer kalten Jahreszeit etwas Wärme zu spenden in der Lage ist - indem man es in den Ofen wirft.
Patrick
Süddeutsche Zeitung Bibliothek 2006, Hardcover vergriffen (TB 9,90 €), 221 Seiten, ISBN: 978-3866152601
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“unverarschbar” von Martell Beigang
11.4.2010 von Krümel.
Martell Beigang war Musiker in verschiedenen Bands. Sein Instrument war das Schlagzeug. Für seine Arbeit mit Dick Brave and the backbeats bekam er Doppelplatin. Beigang lebt in Köln.
In diesem Buch geht es um Ben Schröder, Bassist und von der Freundin verlassen, dazu ehemaliges Bandmitglied der Gruppe SERVOKINGS, die sich nach sieben mehr oder weniger erfolglosen Jahren aufgelöst haben.
Ben ist Vollblutmusiker und macht sich so seine Gedanken über das Musikbusiness. Er sieht den Untergang der „abendländischen Musikkultur“ am Horizont. Schuld daran sind auch solche Popsternchen wie Janine Paffrath, die offenbar alles daran setzt – wenigstens nach Ben Schröders Ansicht – um das Niveau der Popmusik noch weiter in den Keller zu drücken. Ben meint es wäre an der Zeit, diesem Trällersternchen mal ordentlich die Meinung zu sagen. Und das macht er auch, aber trotzdem kommt alles anders als er es sich vorgestellt hat.
Im Gesamtergebnis ist dieses Buch eher enttäuschend. Martell Beigang beginnt durchaus nicht schlecht, verliert dann aber im Laufe der Geschichte den anfänglichen Drive und sein Buch wird immer nichtssagender und flacher. Wer meint, aufgrund des Hintergrundes des Autors, es würden erhellende Dinge über das Musikgeschäft Einzug in das Buch finden, der wird wohl enttäuscht werden. Beigang ergeht sich in Allgemeinplätzen und ist sich auch für kein Klischee zu schade. So ist die ganze Geschichte eher nichtssagend und wird vom Leser wohl auch schnell wieder vergessen werden.
Auf dem Buchrücken wird davon gesprochen dass dieses Buch „ein lakonischer, humorvoller Blick auf den ganz normalen Wahnsinn des Musikbusiness“ sei. Wäre schön wenn es denn wirklich so wäre. Das Buch ist oberflächlich, sein literarischer Tiefgang muss bei „4 unter Normalnull“ angesiedelt werden und man kann seine Zeit sicher besser verbringen, als sie mit dem Lesen dieses Buches mehr oder weniger zu vergeuden.
Ich habe mehr erwartet – viel mehr.
Zudem wirkt die Geschichte an manchen Stellen doch arg konstruiert und auch das Verhalten der handelnden Personen wirkt nur gestelzt und ziemlich unglaubwürdig. Aber egal – auch solche Leseerfahrungen muss man mal gemacht haben, weiß man doch dann die qualitativ guten Bücher erst so richtig zu schätzen.
Von meiner Seite aus wenig empfehlenswert.
Jan
Schardt Verlag 2007, broschierte Ausgabe 10 €, 190 Seiten, ISBN: 978-3898412926
Geschrieben in Deutsche Gegenwartsliteratur, Jan | Keine Kommentare »
“Das ausgestellte Kind” von Peter Härtling
7.4.2010 von Krümel.
Ein zartes, leises Büchlein, welches mir gut gefallen hat.
Peter Härtling beschreibt in dieser Novelle eineinhalb Jahre, vom 7. bis zum 9. Lebensjahr, aus dem Leben des Musik-Genies Wolfgang Amadeus Mozart. Der Vater hat seine zwei Kinder, wohl gemerkt, sehr vermarktet, die Familie zog von Ort zu Ort, von Gaststätte zu Hof, von Land zu Land. Dabei hat er weder auf die kindlichen Seelen geachtet, noch auf deren Gesundheit. Allerdings war das auch das Bild der Zeit, und selbstverständlich wird und würde man heute darüber anders denken. Aber das ist gar nicht zwingend das Augenmerk des Autors, obwohl er überall zwischen den Zeilen darauf hinweist, vielmehr ist es die Übertragung, dass heute keiner mehr darüber nachdenkt, wenn man „Die Zauberflöte“ hört, dass das Genie ausgestellt wurde. Ganz zu schweigen davon was man dem Buch noch so hinterher sagt: Schnell mal ein Mozartbuch im Mozartjahr heraus zu bringen. (Vermarktung früher und heute, wo ist da Unterschied?) Dieses Buch macht auf dieses Problem aufmerksam und erhält alleine dadurch seine Berechtigung.
Härtling zeichnet hier ein zartes Portrait des großen Komponisten, und wie Wolferl versucht, die Strapazen der Reisen und der ganzen fremden Menschen in eine kindergerechte Form zu fügen, in dem er beispielsweise den “Quintus” erfindet. Er schafft es hier ein ganz zartes und leises Aufbegehren des Genies zu zeichnen, welches mir sehr zu Herzen ging. Der Autor hat mir die Augen geöffnet, dass wenn ich mir nun „Eine kleine Nachtmusik“ anhöre, mir auch dazu den Komponisten vorstelle. Er hat ihn mir lebendig gemacht, und das ist die Intention. Härtling wollte gewiss kein zeitgeschichtliches Werk schreiben.
Krümel
Kiepenheuer & Witsch Verlag 2007, Hardcover 12,90 € (TB 7,90 €), 105 Seiten, ISBN: 978-3-462-03762-3
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“Alte Liebe” von Elke Heidenreich & Bernd Schroeder
5.4.2010 von Krümel.
Lore und Harry sind nun 40 Jahre verheiratet. Während Harry bereits in Rente ist und sich mit aller Energie seinem Garten widmet und zwischendurch gerne mal ein Bier trinkt, schiebt Lore ihre Pensionierung immer vor sich her. Sie arbeitet in einer Bibliothek, organisiert Lesungen und meint, ohne ihr ginge es ohnedies nicht, sie sei unabkömmlich. Ihre ganze Liebe gilt den Büchern und sie hat für Harrys Garten nur ein müdes, mitleidiges Lächeln übrig. Sie misst den Zeitaufwand für den Garten daran, wie viele Bücher man in der Zeit lesen könnte (S. 63).
Überhaupt führt jeder der beiden ein sehr selbstständiges Leben, sie leben mehr nebeneinander als miteinander. Früher waren beide engagierte 68-er, von dieser Haltung ist nicht mehr viel übrig geblieben.
Der anstehenden Hochzeit – es ist die dritte Verehelichung - ihrer einzigen Tochter Gloria mit einem „Firmenbonzen“, der ihr Vater sein könnte, stehen die beiden sehr skeptisch gegenüber und seit langem gibt es wieder Einigkeit – nämlich Ablehnung. Sie überdenken ihre Erziehungsmethoden, suchen Fehler und fragen sich, warum Gloria so geworden ist. Auch mit ihrer 11-jährigen Enkeltochter, die sich lieber mit Gameboy und Handy beschäftigt, haben sie ihre Probleme.
In den einzelnen Kapiteln kommen abwechselnd Harry und Lore zu Wort, es folgt jeweils ein Dialog, der von schnippischen Wortgefechten genauso geprägt ist wie von tiefsinnigen Gedanken über Themen des Lebens, über Ideale, Zukunftspläne, gemeinsame Erlebnisse, verpasste Chancen.
Ich konnte mich sowohl in Lore, als auch in Harry gut hineinversetzen. Meine Leidenschaft gilt den Büchern ebenso wie dem Gärtnern. Das Buch bescherte mir sehr vergnügliche aber auch sehr nachdenkliche Lesestunden und wird gekrönt mit einem sehr rührenden - wenn auch überraschenden - Ende.
Christine
Hanser Verlag 2009, Hardcover 17,90 €, 192 Seiten, ISBN: 978-3446233935
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“Lila, Lila” von Martin Suter
30.3.2010 von Krümel.
Jemand, in diesem Fall nämlich David Kern, seines Zeichens Kellner mit mangelndem Selbstbewusstsein und dem Zwang, einer bestimmten Clique von „intellektuellen“ Studenten, die Stammgäste des Lokals sind, anzugehören, findet in einem alten Möbelstück am Trödlermarkt ein Manuskript. Die Story rund um eine zerbrochene – nämlich von den Eltern nicht gutgeheißene - Liebe zwischen Peter Landwei und dessen angebetenen Sophie fesselt ihn. Um bei Marie, einer Literaturstudentin, Eindruck zu machen gibt er sich als Urheber des Manuskripts aus. Marie ist hellauf begeistert und stellt – ohne Davids Wissen und noch weniger dessen Einverständnis – Kontakt zu einem Verlag her, der das Buch auch gleich veröffentlichen will. David Kern wird als neuer Shooting Star der deutschen Gegenwartsliteratur gefeiert, der Schriftsteller ist in aller Munde, hält Lesungen in den größten Sälen ab und ist sich der ungeteilten Aufmerksamkeit Maries sicher. Ziel erreicht. Aus Angst, diese Aufmerksamkeit (und mittlerweile auch Liebe?) Maries zu verlieren, verschweigt David die wahren Hintergründe des Buches. Die Angst vor der Aufdeckung, die Angst vor dem Auftritt des wahren Verfassers treibt ihn beinahe in den Wahnsinn und jede Lesung, jeder Auftritt wird zu einer Hochschaubahn der Gefühle. Als sich dann ein heruntergekommener Alkoholiker als Autor ausgibt und David damit erpresst, nimmt das Unheil erst richtig seinen Lauf und Davids Lügengebäude droht einzustürzen.
Martin Suter ist ein guter Erzähler, zwischen Örtlichkeiten, Perspektiven wird mit leichter Feder gewechselt, Suter weiß auch, wovon er schreibt, der Literaturbetrieb wird von innen beleuchtet, er wird – rund um Vertragsverhandlungen, gezieltes Lancieren eines „Hypes“ und die dazugehörigen Marketinginstrumente – nicht nur wohlwollend dargestellt, und David Kern ist ein sehr dankbares Opfer dieser Vermarktungsmaschinerie. Die Idee des „Buch im Buch“ rund um die Liebesgeschichte zwischen Franz/Sophie und David/Marie verblasst immer mehr, die Parallelen werden nur mühsam aufrecht erhalten, das Buch verliert sich in belanglosen Dialogen, skizzenhaften Szenen und klischeehaften Protagonisten. Der Fortlauf der Story ist absehbar, auch wenn mich das fast schon originelle Ende dann doch wieder etwas versöhnt hat.
Christine
Diogenes Verlag 2005, Taschenbuch 9,90 €, 344 Seiten, ISBN: 978-3257234695
Geschrieben in Deutsche Gegenwartsliteratur, Christine | Keine Kommentare »
“Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel” von Moritz Rinke
17.3.2010 von Krümel.
Fällt schon sehr aus dem Rahmen!
Paul Kück-Wendland wird aus Berlin beordert, wo er eine Galerie mit blinden Malern betreibt, und soll am Ort seiner Kindheit in Worpswede das Familiengut vorm versinken im Moor retten. Doch Paul ist ein Mensch, der auch noch nicht recht im 21. Jahrhundert angekommen ist. Er pflegt zwar den Umgang mit Handy und Computer, aber seine Prägung liegt in der Künstlerkolonie des Teufelsmoors. Und so stellt diese reale Aufgabe schon eine enorme Herausforderung für ihn dar.
In Worpswede angekommen wird der Protagonist vom Baumeister darüber informiert, wie man das Anwesen vorm Versinken schützen könnte. Es werden Bohrungen angeordnet und dabei wird eine Nazi-Bronze-Statue entdeckt. Eine Kunstfigur seines Großvaters, allerdings überdimensional groß als alle anderen Bronzen, die im Garten an der Eiche gekettet sind: Bismarck, Nietzsche, Willi Brandt, Max Schmeling und Ringo Star u.a.. Sein Onkel Nullkück hilft Paul dabei diese Statue wieder im Moor zu versenken, doch Paul wird durch diesen Vorfall hellhörig und beginnt seine Familiengeschichte zu durchforsten …
Dabei stellt nicht nur Paul, nein auch der Leser, fest, dass es einfach herrlich ist seine Mutter und seinen Großvater wegen diesem Fund anschuldigen, anzuprangern, Paul hat endlich die Oberhand, aber nach außen hin verteidigt er seine Familie bis aufs Messer … Soweit ist es dann mit der Ehrlichkeit und der Wahrheit …
Die ganze Handlung und das ganze Drum und Dran ist sehr umfangreich, skurril und raffiniert, man kann es nicht kurz in Worte fassen. Trotz des prekären Themas behält das Buch eine wunderbare Leichtigkeit, es ist sogar sehr spannend diese Familiengeschichte von Seite zu Seite aufzudecken. Dieses Romandebüt hat mir richtig gut gefallen und ich werde auf weitere Bücher des Autors gespannt warten.
Moritz Rinke wurde 1967 in Worpswede geboren, studierte „Drama, Theater, Medien“ in Gießen und zählt zu den erfolgreichsten deutschen Gegenwartsdramatikern. Sein Stück „Republik Vineta“ wurde 2001 zum besten deutschsprachigen Theaterstück gewählt und 2008 verfilmt. Einige seiner Reportagen, Kurzgeschichten und Essays sind unter dem Titel „Der Blauwal im Kirschgarten“ sowie „Das große Stolpern“ erschienen. Der Autor lebt in Berlin und ist Gastprofessor für Szenisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut Leipzig.
Heidi Hof
Kiepenheuer & Witsch Verlag, 1. Auflage Köln 2010, Hardcover €, 488 Seiten, ISBN: 978-3-462-04190-3
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“Hellersdorfer Perle” von Katja Oskamp
15.3.2010 von Krümel.
Eigentlich hat die Frau alles, was sich eine Mitte-30-Jährige wünscht: einen Mann, der sie liebt und ihr die Welt zu Füßen legt, eine süße kleine Tochter, gutsituierte und gesicherte Wohn- und Lebensverhältnisse, einen interessanten Job, eine gutmeinende Freundin, die sie ständig mit Beziehungstipps versorgt. Sie führt genau das Leben, das in ihrer Kindheit nach Vorbild der Eltern als Ziel und Berufung vorgegeben wurde.
Gefallen an der „anderen Seite“ des Lebens fand sie während eines Trampurlaubes in Osteuropa und in der leidenschaftlichen Beziehung zum – um einiges älteren – Schauspieler Karl. Erlebnisse und Erfahrungen, die sie nicht vergessen kann.
Als wieder einmal das große Schweigen im Familienleben überhand nimmt, packt die Protagonistin kurzerhand den Koffer, steigt in die Straßenbahn, fährt bis zur Endstation, betritt eine zwielichtige Bar - die “Hellersdorfer Perle” - und trifft auf den namenlos bleibenden „Mann mit Stock“, zu dem sie sich auf unerklärliche Weise hingezogen fühlt. Ihm gelingt es ohne vieler Worte, sie aus ihrer Reserviertheit zu holen, ihre so lange unterdrückten Wünsche und Begehren zu Tage zu fördern. Ohne viel voneinander zu wissen, beginnen sie eine hemmungslose Affäre und die biedere Hausfrau wird zur leidenschaftlichen „Königin der Nacht“.
In kurzen, fast staccatoartigen Sätzen, sehr dialoglastig und mit großer Leichtigkeit und viel Humor wird das Doppelleben der Protagonistin beschrieben, hin- und hergerissen zwischen ihrer Verantwortung als Mutter und Frau und der Flucht aus genau diesem biederen, aber gesicherten Leben, das sie so unglücklich macht. Die Charaktere bleiben allerdings sehr an der Oberfläche und bleibt es dem Leser überlassen, sich Gedanken über die tieferen Beweggründe - so es welche gibt - zu machen.
Gleichzeitig wird ein authentisches Bild der Mitte-30-Generation vermittelt mit ihrer Orientierungslosigkeit, der zufriedenen Selbstgefälligkeit im erreichten Wohlstand, und doch dem unbestimmten Gefühl dass das “noch nicht alles sein kann“.
Über die Autorin:
Katja Oskamp, geboren 1970 in Leipzig, aufgewachsen in Berlin, studierte Theaterwissenschaften und Germanistik, war Dramaturgin am Volkstheater in Rostock. Sie lebt heute mit ihrer Tochter in Berlin.
“Hellersdorfer Perle” ist nach “Die Staubfängerin” (2007) der zweite Roman, 2004 erschien die Prosasammlung “Halbschwimmer”, für die sie mit dem Rauriser Literaturpreis ausgezeichnet wurde.
Christine
Eichborn Verlag 2010, Hardcover 18,95 €, 219 Seiten, ISBN: 978-3821861104
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