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Archiv der Kategorie Erzählung/en

“Herz der Finsternis” von Joseph Conrad

finsternis.jpgEine Reise ins Innere der Seele.

Der Held dieser Erzählung Marlow schafft es von einer belgischen Handelsgesellschaft als Kapitäns eines Kongo-Frachtboot für einen Handelsposten eingestellt zu werden. Voller Eifer und Elan macht sich der junge Mann auf den Weg und muss allerdings schnell erkennen, dass in der dunklen Wildnis Afrikas die Kolonialisten einen barbarischen Handel betreiben. Ein einzelnes schwarzes Menschenleben zählt nicht mehr als Schlachtvieh zum Verzehr.

Immer wieder hört Marlow den Namen Mr. Kurtz. Mr. Kurtz der bald die gesamte Organisation beherrschen werde. Wer ist dieser Mann? Und warum wird er so geheimnisvoll beschrieben?

Was und Wie es letztendlich zu dem kam, dessen Rätsel der Leser auf der Spur ist, kann nur erahnt und zwischen den Zeilen heraus gelesen werden. Aber die Reise ins Innere unserer Seele hat Conrad sehr anschaulich heraus gearbeitet.

Conrad verteufelt weder noch verherrlicht er etwas, und diese Haltung gefiel mir sehr bei dieser Novelle, die ich gerne weiterempfehlen kann.

Annaconda Verlag 2006, OT: Heart of Darkness 1899, Übersetzung: Elli Beger, Werner Beyer + Lore Krüger, Hardcover 2,95 €, 141 Seiten, ISBN: 3-938484-79-9

“Wir fliegen” von Peter Stamm

In 12 kurzen Erzählungen begegnen wir typischen Stamm-Figuren aller Gesellschafts- und Altersschichten, einsame Menschen und Menschen, die mitten im Leben stehen, Menschen, die still ihr Leben ertragen und andere, die aufbrechen wollen. Und es wäre nicht Peter Stamm, würde dieser Aufbruch immer gelingen. Die Personen führen allesamt ein unbefriedigendes Dasein, oft selbstverschuldet, leiden leise, träumen, fantasieren und werden begleitet von mehr oder weniger heftigen Neurosen. Es sind keine spektakulären Geschichten, manche muten fast banal an, als könnten sie auch dir und mir passieren. Es geht um das Erwachsenwerden und das Altern, Einsamkeit, unvergessliche Jugendlieben, verpasste Chancen, zerstörte Hoffnungen, Ängste, Sehnsüchte, Identitätssuche, Scheitern und oft nur um das schlichte Bewältigen des Alltags. Einfach und fast lakonisch werden diese Lebenswege und Lebenswendungen beschrieben, schnörkellos, atmosphärisch dicht und sehr eindringlich. Sehr lesenswert!

Peter Stamm, geboren 1963, studierte nach einer kaufmännischen Lehre einige Semester Anglistik, Psychologie, Psychopathologie und Wirtschaftsinformatik. Längere Aufenthalte in Paris, New York und Skandinavien. Seit 1990 freier Autor und Journalist. Verfasste mehrere Hörspiele, ein Theaterstück und arbeitet seit 1997 als Redakteur für die Literaturzeitschrift “Entwürfe für Literatur”. Peter Stamm lebt heute in Zürich.

Christine

Fischer Verlag 2009, Taschenbuch 8,95 €, 176 Seiten, ISBN: 978-3596178032

“So zärtlich war Suleyken” von Siegfried Lenz

suleyken.gifMit jeder Geschichte spinnt sich ein detailgetreues Gemälde um die Masuren.

Des Erzählers Großvater wird nach Kulkaken zum Kommandant Trunz beordert, er solle einen Oberfüsilier ersetzen, der krank geworden ist. Und so macht sich der Großvater mit seiner Schrotflinte und einem Stück Rauchfleisch auf den Weg. Als er in der Garnison eintrifft sitzen die anderen Kammeraden in einem Vortrag, wozu er sich auch gesellt. Trunz nimmt auch direkt den Neuling dran, fragt seine Reden ab, die der Großvater selbstverständlich nicht mitbekommen hat. Dieser aber nicht auf den Mund gefallen, plappert freudig drauf los, und bringt damit den Kommandant auf die Palme. Ein Wutanfall, Trunz flippt aus …
Lange Rede kurzer Sinn, Opa geht schlafen, er ist platt von der langen Anreise. Er legt sich ins Bett und schläft direkt ein. Am anderen Morgen eine ähnliche Situation: Trunz unterrichtet wie man Schmuggler überführt, und unser Held gerät wieder mit dem Kommandant aneinander. Daraufhin schnappt sich der Großvater seine Flinte und geht … Wie unter Schafen im Schafspelz erwischt er die anderen getarnten Schafe und bringt sie Trunz, die Schmuggler.
„Übrigens blieb er bei den Kulkaker Füsilieren nicht bis zu seinem Tode; im Frühjahr verschwand er eines Tages zum Kartoffelpflanzen und kam nicht mehr zurück.“

So das ist eine der zwanzig masurischen Geschichten. Alle hängen sie zusammen, oft sind es die gleichen Figuren, und zum Schluss kann man sich ein wirklich gutes Bild über Land und Leute machen. Ein wenig überzogen sind die Geschichten/Figuren alle, denn mit sehr viel klugen Humor werden ihre Charakteren gezeichnet. Ihre Begriffsstutzigkeit wird oft nur als Vorwand benutzt, denn darin steckt oft eine gute Portion Alltagsweisheit. Mir hat dieses Büchlein richtig gut gefallen!

Krümel

Büchergilde Gutenberg 2008, Erstveröffentlichung 1955, Fadenbindung Hardcover €, 173 Seiten, ISBN: 978-3-7632-5947-2

“Der liebe Gott macht blau” von Arto Paasilinna

Der liebe Gott ist seiner Schöpfung überdrüssig, von den Menschen genervt und möchte sich für ein Jahr eine Auszeit nehmen, um Abstand zu gewinnen und wieder Kraft zu tanken. In einem komplizierten Auswahlverfahren wird der finnische Kranführer Pirjeri Ryynänen als seine Vertretung bestimmt, der mit tatkräftiger Unterstützung von Petrus und dem Erzengel Gabriel die Geschäfte übernehmen soll.

Pirjeri ist voller Tatendrang und setzt sich als vorrangiges Ziel die Wiederherstellung des Weltfriedens und die Beseitigung der Armut. Doch bevor er diese großen Taten setzen kann muss er sich mit allerlei Kleinkram beschäftigen: Löschen eines Buschbrandes in Australien, Reparatur des Fahrrades eines alten Chinesen, Heilen von diversen Wehwehchen, … die Liste der Gebete, die eintreffen, ist unendlich. Zudem sitzt sein Freund, der unbeholfene aber größenwahnsinnige Geschäftsmann Torsti Rahikainnen ständig in der Klemme und begleitet und beschäftigt Pirjeri während dessen Amtszeit als Gott.

Bei seinem Vorhaben, Missstände aufzudecken und zu bereinigen merkt er rasch, dass es selbst als Gott gar nicht so einfach ist, festgefahrene Praktiken und Institutionen zu verändern. Er mischt sich in die Belange Indiens ein und wird von den Hinduisten ordentlich zurechtgewiesen, er lernt Mose kennen der ihm erklärt, warum er sich als Hauptverantwortlicher des Nahost-Konfliktes fühlt, er prangert die Bürokratie und Haltung des Vatikans an und schafft es dabei kaum, zu einer Audienz des Papstes vorgelassen zu werden. Zudem hat er mit der steten Versuchung des Satans, der überall seine Finger im Spiel hat, zu kämpfen. Pijeri muss eingestehen, „dass Gutes seine Zeit braucht und dass der ständige Kampf gegen das Böse undankbar und ermüdend ist“ (Seite 279).

Mit tiefschwarzem Humor zeigt Paasilinna die menschlichen Schwächen und die Missstände auf Erden auf und verschont dabei auch sein eigenes finnisches Völkchen nicht. Dennoch lässt sich immer wieder seine Verbundenheit zu Finnland herauslesen, nicht zuletzt als Pijeri alles daran setzt, den Himmelsthron von Bulgarien nach Finnland zu verlegen. Paasilinnas Auseinandersetzung mit der Gottesherrschaft ist ebenso skurril wie erschreckend real, ohne jemals die Pietät, die der Thematik zusteht, zu verlieren, ohne jemals in Geschmacklosigkeit abzugleiten.

Für mich war es das erste Kennenlernen des finnischen Erfolgsautors und es macht jedenfalls Lust auf mehr!

Christine

Bastei-Lübbe, 2008,  288 Seiten, Gebundene Ausgabe, ISBN: 978-3785716212

“König der Marionetten” von Joanne Owen

Prag Ende des 19.Jahrhunderts: Milenas Vater hatte bis zu seinem Tod ein Marionettentheater. Die Liebe zu den Puppen teilt sie mit ihm.
Als der „Meister der Marionetten“ ins winterliche Prag kommt, ist Milena ganz aufgeregt und ahnt noch nicht, dass besagter Meister ihr Leben grundlegend ändern wird..

König der Marionetten ist ein unglaubliches Romandebüt der aus England stammenden Autorin.

Die Geschichte entführt nach Prag und macht die Stadt selbst beinah zum Protagonisten. Joanne Owen schafft es, die Stadt trotz der Kürze des Romans so eindringlich zu schildern, dass die Stadt vor dem geistigen Auge Konturen annimmt und man meint, selbst durch die Straßen zu gehen.

Vor allem die düstere und verheißungsvolle Atmosphäre zieht einen schnell in den Bann und man möchte gar nicht mehr aufhören zu Lesen, bis man auch das letzte Geheimnis gelüftet hat.
Diese Atmosphäre ist Wegbereiter für eine schaurige Geschichte, die die Autorin durch Figuren wie den Zwillingen Zendko und Zendka wunderbar unterstreicht.

Vor allem begeistern konnten mich die Illustrationen und die Legenden und Geschichten rund um die Gründung und Gründer der Stadt Prag, die wunderbar in die Geschichte eingeflochten wurden und ihr so einen ganz eigenen Charme verleihen.

Einziges Manko: auf Grund der Länge (214 Seiten im Original und nur ein paar mehr in der deutschen Übersetzung) kommt einiges gerade die Handlung betreffend zu kurz und ich hätte mir gewünscht, dass vieles etwas ausführlicher beschrieben worden wäre. Das hätte das Buch sicherlich runder wirken lassen.

Das Ende ist in sich abgeschlossen und doch offen genug, dass man durchaus zu einer weiteren Geschichte über Milena ansetzten könnte. Ich würde mich auf jeden Fall freuen, mehr über das Mädchen und seine Marionetten zu lesen.
Bis dahin jedoch warte ich auf Owens neuen Roman, der im Mai auf Englisch erscheinen wird.

Rebecca

Loewe Verlag 2009, 210 Seiten, Gebundene Ausgabe, ISBN-13: 978-3785568255

“Seide” von Alessandro Baricco

seide.jpgEine wunderbare Erzählung zum Entspannen!

Hervé Joncour ist Seidenraupen-Importeur. Er fährt einmal im Jahr, zunächst nach China und Indien, später nach Japan, um in diesen Ländern Seidenraupeneier zu kaufen und sie dann kurz vor dem schlüpfen in Frankreich an die Seiden-Händler zu verkaufen. Den Rest des Jahres hat Hervé Joncour zur freien Verfügung, und ist dennoch ein reicher Mann.

Als allerdings die Raupen an einer Krankheit sterben, muss er den langen Weg nach Japan in Kauf nehmen, und so kommt es zu einer verhängnisvollen Begegnung.

Diese Erzählung liest sich wie ein Märchen aus „1001 Nacht“, wunderbar und wohltuend. Es entsteht ein fließendes Gefühl beim Lesen, als ob man in eine Ruhe hinein getragen wird, mal alle Sinne vom Alltag abwenden, einfach wunderschön entspannend. Eine klare Empfehlung!

Alessandro Baricco, geboren 1958 in Turin, studierte Philosophie und Musikwissenschaften. Seit dem sensationellen internationalen Erfolg von »Seide« (1996) gehört er zu den großen italienischen Autoren. Neben Essays, Erzählungen und Theaterstücken hat Baricco bisher sechs Romane geschrieben, die weltweit übersetzt, mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und zum Teil verfilmt wurden

Krümel

Brigitte Edition 2006, Übersetzung: Karin Krieger, Hardcover vergriffen, 119 Seiten, ISBN: 3-570-19531-7

“Wissenschaftliche Erzählungen” von Charles Howard Hinton

hinton.gifEinen fast vergessenen Autor hat J. L. Borges in seine Bibliothek von Babel aufgenommen. Ein britischer Mathematiker, der die Theorien seiner wissenschaftlichen Beobachtungen in die Erzählungen einfließen lässt. Wir dürfen gewiss sein, einem klugen Kopf Gehör zu verleihen, wenn sich sogar Albert Einstein von ihm inspirieren ließ. Sein Phantasiepotenzial ist gewaltig, allerdings bewegén sich diese Konstruktionen stets innerhalb mathematisch logischer Grenzen. Die erste Erzählung beschreibt die Vorgangsmechanismen einer flachen Welt. Zweidimensionale Figuren und Orte werden hin und her geschoben, durch Diagramme und Tabellen erklärt, gewürzt mittels dieser typischen mathematischen Lehrsätze, die wir noch aus der Schule kennen dürften. Wie verhält sich AB zu CD, … und ja, so trocken diese Sätze damals unter die Schüler gebracht wurden, so liest sich auch das Buch. Die anderen Erzählungen sind nicht anders gestaltet. In “Der König von Persien” strandet der König in einem abgeschotteten Tal, der dem Schöpfer begegnet und ihm ein neues Bewusstsein des Herrschens aufzeigt. Der ihm die Macht über den Menschen verleiht, die ihm nur gelingen soll, sobald er das Glück mit dem Schmerz in Balance gebracht hat. Dies gelingt ihm nur durch mathematische Berechnungen.

Die abstrakten Gebilde und Überlegungen sind wirklich spannend, nur muss man sich die Spannung selbst schaffen, indem man die gleichen Bahnen besteigt wie dieser Autor, die gleiche Phantasie aufbietet, damit seine Welten plastisch erscheinen können. Wer dieses Kunststück schafft, wird seine Freude an dem Buch haben. Ich kann wohl zugeben, dieser Aufgabe nicht gewachsen gewesen zu sein.

Patrick

Büchergilde 2007Die Bibliothek von Babel Band 10, Leine gebunden Fadenbindung 14,90 €, 152 Seiten, Bestellnummer 158108

Charles Howard Hinton, geboren 1853, war Mathematiker. Er studierte in Oxford und war von 1880 bis 1886 als Lehrer tätig. In Amerika lehrte er zunächst Mathematik in Princeton; später arbeitete er als Patentprüfer in Washington/D.C. In seinem Artikel What is the Fourth Dimension? Von 1880 bezeichnete Hinton die Zeit als vierte Dimension. Diese Idee wurde von Albert Einstein in seiner Relativitätstheorie aufgegriffen. Seine Thesen erläuterte Hinton in mehreren Büchern, darunter eines mit Phantastischen Geschichten. Charles Hinton starb 1907 in Washington/D.C.

“Die Ringeltaube” von André Gide

ringeltaube.jpgIch denke mal, dass dieses Büchlein ein Bonbon für Gide-Kenner ist, aber nicht zum Einstieg gedacht.

Deshalb direkt zum Aufbau. Die 74 Seiten setzen sich folgendermaßen zusammen: Ein Vorwort von Catherine Gide, der Tochter und eine Vorrede von Jean-Claude Perrier von insgesamt 15 Seiten. Ein Nachwort von David H. Walker von starken 38 Seiten Länge, Nachweise und Anmerkungen 5 Seiten. Sinn und Zweck dieser ganzen Reden ist das Pro und Kontra, ob diese 15 Seiten „Die Ringeltaube“ die André Gide nicht zur Veröffentlichung frei gegeben hat, nachträglich veröffentlich werden durften?

Zu damaliger Zeit hätte diese Veröffentlichung wohl zu einer Verhaftung geführt, dafür sind die 15 Seiten zu eindeutig. Gide lernt den Teenager Ferdinand auf einem Fest kennen, „zufällig“ fahren sie gemeinsam nach Hause und verleben eine Nacht miteinander. In der heutigen Zeit nichts Außergewöhnliches mehr. Dennoch bleibt für mich einfach die respektvolle Frage, ob man sich nach dem Tod eines Autors über dessen Wünsche hinwegsetzen darf? (Max Frisch wird derzeit ja auch ausgeschlachtet.) Nun, darüber sollen sich andere die Köpfe einschlagen. Ich denke mal, dass es für richtige Gide-Fans ein Bonbon ist.

André Gide wurde 1869 in Paris geboren. Schon früh hatte er Kontakte zur französischen Avantgarde und schloß Freundschaft mit Mallarmé, Claudel, Valéry und Oskar Wilde. 1895 heiratete er seine Cousine Madeleine Rondeaux. Die Ehe war aufgrund seiner homosexuellen Neigung schwierig. 1909 begründete er als Herausgeber die Nouvelle Revue Francaise und war jahrzehntelang einer der wichtigsten Literaten seiner Zeit. Für sein literarisches Schaffen erhielt er 1947 den Nobelpreis. Gide starb 1952 in Paris.

Heidi Hof

DVA – München 2006, OT: Le Ramier 2002, Übersetzung: Andrea Spingler, Hardcover 9,90 €, 74 Seiten, ISBN: 3-421-05896-2

“Das periodische System” von Primo Levi

Sein turbulentes Leben hat Primo Levi in mehreren Büchern festgehalten. In „Ist das ein Mensch?“ zeichnet er seine Erfahrungen im KZ-Ausschwitz auf, in „Atempause“ berichtet er von der erschwerten Rückkehr nach Italien. „Das periodische System“ schließlich beleuchtet seine Tätigkeit als Chemiker, von einem Beruf und seinen Misserfolgen, seinen Siegen und seiner Not, eine Geschichte, die jeder erzählen möchte, wenn er fühlt, dass seine Laufbahn sich dem Ende zuneigt und die Kunst aufhört, endlos lang zu sein. Viele kleine Szenerien seiner Laufbahn greift er heraus und setzt sie lose nebeneinander zu einer Art Erzählband, berichtet über sein Heimatort, sein Studium, diversen Jobs vor, während und nach dem Krieg. Sein Leben und die Schwierigkeiten als Jude im faschistischen Italien werden nur angedeutet, doch reichen diese Einsprengsel aus, um ein beklemmendes Bild abzuliefern. Er selbst hingegen bleibt überraschend emotionslos, versucht sich einer objektiven Wahrnehmung, selbst, als er nach Jahren seinem früheren KZ-Aufseher über dem Weg läuft. Die Zeit der Gefangenschaft lässt er offen und verweist an der Stelle auf seine autobiographischen Schriften.

Jede Erzählung kreist um ein chemisches Element - sei es Argon, das träge Edelgas, welches keine Verbindung zu anderen Molekülen eingeht und er diese Charaktereigenschaft nutzt, um seine Familie zu beschreiben; sei es das Nickel, deren Abbau er als verdeckter Jude annimmt, ohne zu ahnen, dass er dem Krieg zur Aufrüstung verhilft; oder Cer, das ihn im KZ hat überleben lassen. Kleine Einführungen in seinem Beruf vermittelt er recht kurzweilig, er berichtet von Pannen und Erfolgen, von Reaktionen bestimmter Materialien und von der Ehrfurcht vor Rezepten, die nutzlose Zutaten enthalten. Neben den Geschichten seines Lebens gibt er noch einige Anekdoten aus seinem Bekanntenkreis zum Besten.
Primo Levi ist eine faszinierende Gestalt, die trotz Menschen verachtender Erfahrungen überhaupt kein schlechtes Wort über irgendjemanden verliert, als ob die Hoffnung an bessere Zeiten niemals ausgeschöpft wurde. Ein Buch, das mit seiner erfrischend angenehmen Sprache Lust auf mehr macht.

SZ-Bibliothek, gebunden 2005, 264 Seiten, vergriffen ISBN: 978-3937793474

“Zugvögel” von Josef Haslinger

Josef Haslinger schickt einen Ich-Erzähler auf Reisen, vielleicht ihn selber, trägt er doch in der letzten von insgesamt sieben Erzählungen seinen Namen. Seine Wege führen nach Ostdeutschland, an die kroatische Küste und sogar jenseits des Atlantiks. Nicht die Orte fallen in sein Blickfeld, vielmehr sind es die Menschen, die er dort trifft. Ein Wiedersehen an vergangene Zeiten. Menschen, die er aus den Augen verloren hat, und nun feststellen muss, wie die Zeit mit ihnen umgegangen ist.

„Ich hatte in Frankfurt zu tun“ oder „eine Nachricht meiner Mutter auf dem Anrufbeantworter“ sind Anlass genug, um Haslinger zum Niederschreiben seiner Erlebnisse – oder die seines fiktiven Ich-Erzählers - zu bewegen. Ein Treffen mit seinem Jugendfreund, der heute nach einem Schlaganfall noch mit den Nachwirkungen kämpft und seinen Freund an Erinnerungen eines Mädchens wiederzubeleben versucht. Die Rückkehr zum Ort seiner Kindheit, wo er versucht, einen Nachbarstreit zu schlichten. Ein Besuch bei einem drittklassigen Musiker, um dort als Dealer verwechselt und als solcher unsanft behandelt zu werden.
Da die letzte Erzählung „Amerika – ein Reiseepos“ als reiner Text weniger überzeugt, liegt im Buch eine entsprechende CD bei, auf der der Autor diese eigens vorliest und sogar den Budweiser-Rap, nun ja, überaus… mutig vorträgt. Auf jeden Fall hörenswert.

Gemeinsam erlebte Augenblicke werden mit der nüchternden, heutigen Betrachtung gekreuzt, sporadisch niedergeschrieben, wobei die konsequente Kleinschreibung die Notizartigkeit der jeweiligen Erzählung verstärkt. Die Sätze sind recht einfach gehalten, hochgeschraubte Kunstformen weichen dem vertrauten Plauderton, um die Authentizität hervorzuheben. Haslinger präsentiert in diesem Buch den Alltag mit verschärftem Blick auf die unscheinbaren Dinge und macht einige (nicht alle!) der Erzählungen zu einem gelungenen Abbild des Lebens.
Ein weiterer Beweis, dass das Leben nicht aus weltbewegender Action bestehen muss, um erkennen zu lassen, ein gelebtes Leben für sich beansprucht zu haben.

Fischer- Verlag, kartoniert 2007, 203 Seiten, 8,95 €, ISBN: 978-3596154500