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Archiv der Kategorie Roman
“Eine exklusive Liebe” von Johanna Adorján
9.9.2010 von Krümel.
Vera und István haben als ungarische Juden den Holocaust überlebt. Infolge des ungarischen Aufstandes im Jahre 1956 flohen sie nach Dänemark. Dort zogen sie gemeinsam ihre Kinder groß und als István dann 1991 schwer erkrankte planten sie den gemeinsamen Tod. Als am 13. Oktober 1991 der Tag dann gekommen war, brachte Vera den Hund zu Freunden, denen sie von einer Reise erzählte, räumte die Wohnung auf und kümmerte sich ein letztes Mal um die Rosen. Tage später fand man die beiden, die miteinander alt wurden und sich so liebten, dass der Tod sie nicht scheiden konnte, Hand in Hand in ihrem Bett.
„Davon sprechen wir nicht.“ Damit verdrängten Vera und István ihre Erlebnisse aus den Zeiten des Holocaust und der Zeit als Kommunisten im Ungarn der Nachkriegszeit. „Davon sprechen wir nicht.“, beschloss auch die Familie der beiden nach ihrem Tod. Aber 16 Jahre danach brach Johanna Adorján ihr Schweigen und setzte sich mit dem gemeinsamen Sterben ihrer Großeltern auseinander. Minutiös rekonstruierte die Autorin den letzten Tag ihrer Großeltern und versuchte weiße Flecken in deren Leben durch die Befragung von noch lebenden Bekannten und Freunden Veras und Istváns mit Wissen zu färben. So entstand die Geschichte der Liebe eines außergewöhnlichen Paares, dass sich aus großem Respekt voreinander ein Leben lang siezte. Eine Liebe, die so außergewöhnlich, so exklusiv war, dass sich darin nur Platz für die Eheleute fand.
Am Anfang hatte ich ein paar Bedenken, da die Schilderungen der Zeitzeugen doch zum Teil sehr oberflächlich waren, dass nicht wirklich klar wird, warum beide den gemeinsamen Tod wählten. Schließlich war Vera an die 10 Jahre jünger als ihr Mann, immer noch eine schöne Frau und für ihr Alter recht gesund. Die Vielzahl der Befragungen schuf jedoch ein wirklich rundes und nachvollziehbares Bild des Ehepaares. Vieles, was erst schwer verständlich erschien, wurde nach und nach greifbar. Manches blieb für immer verloren.
In verschiedenen, abwechselnden Erzählperspektiven berichtet die Autorin ohne zu moralisieren oder zu werten, sie hinterfragt und analysiert die ihr vorliegenden Fakten und rekonstruiert so den letzten Tag im Leben ihrer Großeltern. Sie klärt damit aber auch ihre eigenen Identitätsfragen und sucht nach ihren Wurzel.
Die Sprache von Johanna Adorján ist von angenehmer Leichtigkeit, nüchtern und trotz der Thematik oft mit leisem Humor gespickt.
Beim Lesen bekam ich häufig eine Gänsehaut, so berührte mich das Buch. Ich war beeindruckt von der Tiefe der Gefühle und der Eindringlichkeit der Sprache. Trotz einiger offen gebliebener Fragen, weil ja über vieles nicht gesprochen wurde, ist mir dieses ruhige Buch ans Herz gewachsen.
Mein Fazit: „Eine exklusive Liebe“ ist das außergewöhnliche Liebesgeschichte eines faszinierenden Paares, das einander so nah war, dass sie im Tod nicht getrennt sein wollten.
Über den Autor (Quelle: amazon.de)
Johanna Adorján, 1971 in Stockholm geboren, studierte in München Theater- und Opernregie. Seit 1995 arbeitet sie als Journalistin, seit 2001 in der Feuilleton-Redaktion der »FAS«. »Eine exklusive Liebe« ist ihr erstes Buch.
Heike
Luchterhand Literaturverlag 2009, Hardcover 17,95 €, 192 Seiten, ISBN: 978-3630872919
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“Das Wetter vor 15 Jahren” von Wolf Haas
7.9.2010 von Krümel.
15 Jahre lang verbringt Vittorio Kowatsch mit seinen Eltern den Sommerurlaub in einem österreichischen Tourismusort. Dort lernt er die gleichaltrige Anni, Tochter des Vermieters, kennen und lieben. Nach einem „Jahrhundertgewitter“ bricht jeder Kontakt ab, Vittorio kann seine Freundin aber nicht vergessen. Akribisch beobachtet er über die nächsten 15 Jahre das Wetter des Urlaubsortes, ein „Hobby“ das ihn zu einem Auftritt bei „Wetten, dass…“ bringt.
Nach 15 Jahren kommt es zu einem Wiedersehen mit Anni, die in Begriff ist, den Nachbarjungen Lukki zu heiraten. Ein neuerliches Aufsuchen der Stätten von damals verhilft ihm zu umwerfenden Erkenntnissen ….
Zugegeben, es klingt wie ein hochkitschiger, klischeehafter, vorhersehbarer Liebesroman (den ich nie lesen würde). Doch die originelle Erzählweise, die Wolf Haas wählt, ist genial. Anhand des Mitschnitts eines Interviews des Schriftstellers Wolf Haas mit einer Journalistin der „Literaturbeilage“ über dieses neu erschiene Buch erfährt man erst vom Inhalt. Dabei wird die Handlung nicht chronologisch erzählt, die Story ergibt sich aus den Fragen und Antworten, Reflexionen, Kritiken und Vermutungen im Interview. Es liegt am Leser, sich die Story „zusammenzubasteln“, was gar nicht so einfach ist … Das Ende wird vorweg genommen, zwischen den Zeitebenen wird munter hin- und hergesprungen und auch die Rolle des Autors wird beleuchtet. Voller Sprachwitz und mit viel Ironie wird hier das Handwerk eines Schriftstellers beschrieben, über literarische Kniffe, Wahrheitstreue, Verantwortung gegenüber dem Leser berichtet.
Ein literarisch höchst anspruchsvolles und außergewöhnliches Buch, das sich zwar locker-leicht liest doch aufgrund der Erzählweise alle Aufmerksamkeit erfordert.
Wenn Liebesgeschichten SO präsentiert werden, dann kann auch ich mich dafür absolut begeistern, bravo, Wolf Haas!
Christine
Deutscher Taschenbuch Verlag 2008, TB 8,90 €, 224 Seiten, ISBN: 978-3423136853
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“Frau Sartoris” von Elke Schmitter
31.8.2010 von Krümel.
Frau Sartoris war als junge Erwachsene schön, intelligent, selbstständig - sie verliebte sich zunächst glücklich, alles schien perfekt. Erst als ihr Freund, der aus besseren Kreisen stammt, sie abrupt verlässt, ist sie so tief gekränkt, dass sie Ernst heiratet. Den lieben Vereinsmeier Ernst Sartoris mit der Beinprothese und der netten Mutter, der sie auf Händen trägt, dessen abenteuerlichstes Attribut sein Nachname ist: dies verspricht ein einfaches Leben im kleinen Landstädtchen. Damit ist Fr. Sartoris erstmal zufrieden. Jahre später, die Tochter bereits in der Pubertät, verliebt sie sich: Michael, der Theaterwissenschaftler, auf einmal scheint ein aufregenderes Leben wieder möglich.
Elke Schmitters dünner Roman wird von Fr. Sartoris selbst erzählt, kurze Absätze sind eingestreut, die einen Verkehrsunfall andeuten, dessen Bedeutung erst im Lauf des Romans klar wird. Geschildert wird ein ganz normales Leben, die Spießigkeit und Muffigkeit der 60er Jahre und eine Frau, die sich verletzt, eigentlich genau wissend, was sie erwartet, darauf einlässt. Ob es die Kriminalromanelemente wirklich gebraucht hätte? Sie machen das Buch spannend, haben mich aber irgendwie an Ingrid Nolls “Der Hahn ist tot” erinnert. Was aber wahrscheinlich weniger an der Ähnlichkeit der beiden Bücher, als an meiner Verweigerung Kriminalromane zu lesen, liegt, da fehlen mir die Vergleichsmöglichkeiten. Tatsächlich fand ich die Auflösung etwas unbefriedigend, obwohl das auch wieder sehr gut zum Leben der Fr. Sartoris passt. Und dieser ganze Vorabendkrimi-Handlungsstrang gut zur spießigen Atmosphäre der Kleinstadt.
Die Grundhandlung “unzufriedene Frau in der Provinz nimmt sich Liebhaber” lässt natürlich im Hintergrund Flaubert anklingen, eine moderne Bovary sozusagen (auch eine Begegnung mit einer Kutsche darf da natürlich nicht fehlen). Da zielt Fr. Schmitter mit Fr. Sartoris natürlich hoch, aber in weiten Zügen gelingt ihr das auch, auch wenn Sie sich manchmal hart an der Grenze zum Klischee rumtreibt.
Alles in allem eine spannende, gut geschriebene Lektüre für einen langen Nachmittag auf der Couch. Ich hab’ es sehr gerne gelesen!
Berliner Taschenbuch Verlag 2004, TB 7,50 €, 158 Seiten, ISBN: 978-3833301193
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“Tirza” von Arnon Grünberg
24.8.2010 von Krümel.
Jörgen Hofmeester, Ende 50, wohlhabend, Vater zweier Töchter, Tirza und Ibi. Seine Frau hat die Familie vor 3 Jahren verlassen, um mit einem Jugendfreund auf ein Wohnboot zu ziehen. Der Vater kümmert sich fürsorglich, vorbildlich und rührend um seine Jüngste, Tirza ist sein ein und alles, Tirza ist sein Augenstern, seine Sonnenkönigin. Jeder Wunsch wird ihr von den Lippen abgelesen, der Weg geebnet, Komplikationen aus dem Weg geräumt. Nach außen hin ist Jörgen Hofmeester ein Bilderbuch-Vater und präsentiert sich auch dem Leser als solcher.
Im Zuge der Vorbereitungen zur Abiturparty seiner Tochter Tirza die Jörgen mit all seiner Pedanterie und Perfektionismus zu einem unvergesslichen Fest machen will und dem plötzlichen Erscheinen der Mutter der Kinder (die im Buch immer nur als „die Ehefrau“ bezeichnet wird), kommen die wahren Zustände und Verhältnisse ans Tageslicht und legen den wahren Charakter des Jörgen Hofmeester offen.
Die Ehefrau hat ihn verlassen, weil sie ihn nicht mehr aushielt, auf der Arbeit wurde er bei vollen Bezügen freigestellt, weil er unbrauchbar ist, für eine Entlassung aber zu alt. Mit Akribie baut sich Jörgen eine Scheinwelt auf, verlässt jeden Tag pünktlich – mit Aktentasche unterm Arm – das Haus, um seine „Arbeitszeit“ am Flughafen zu verbringen, kehrt zu „Dienstschluss“ wieder heim und kümmert sich um seinen einzigen (Über-)lebensgrund, seine Tochter Tirza. Ihr Vorhaben, nach dem Abitur auf Weltreise zu gehen, wirft ihn aus der Bahn.
In Rückblenden, Erinnerungen werden die 20 Jahre Ehe – vom Kennenlernen, über die Geburt der Töchter, den Bruch mit der älteren Tochter, bis zu seinen beruflichen (Miss-)Erfolgen mosaikartig zusammengebaut, Abgründe offengelegt, Zusammenhänge deutlich gemacht. Einzelne Hinweise, Andeutungen werden erst in den letzten Kapiteln des Buches erklärt, was den Leser in einen ungeheuren Sog versetzt, das Buch ist kaum aus der Hand zu legen.
Es ist ein ruhiges Buch, die Erzählung „plätschert“ dahin, ist aber in keiner Passage langweilig. Gefesselt und atemlos liest man über das Scheitern des Jörgen Hofmeester, sein Versagen in beruflicher, sexueller und zwischenmenschlicher Hinsicht, liest gebannt die Anfeindungen und Gehässigkeiten, die ihm seine Ehefrau vorwirft, erfährt die menschlichen Abgründe des Protagonisten mit all seinen Wahnvorstellungen und Neurosen, als würde man einen Reißverschluss langsam öffnen. Und am Ende? – Ja, damit hat wohl keiner gerechnet …..
Arnon Grünberg:
geb. 1971 in Amsterdam, lebt seit 1995 in New York. Er publiziert auch unter dem Pseudonym Marek van der Jagt. Mit seinen mit Preisen ausgezeichneten Romanen “Phantomschmerz” oder “Der Vogel ist krank” gelang ihm der internationale Durchbruch.
Genial aufgebaute Story, eines meiner Highlights 2010 und den „üblichen Verdächtigen“ ans Herz gelegt!
Christine
Diogenes Verlag 2009, Übersetzung: Rainer Kersten, broschiert 11,90 €, 572 Seiten, ISBN: 978-3257239379
Geschrieben in Christine, Roman | Keine Kommentare »
“Alles über Sally” von Arno Geiger
19.8.2010 von Krümel.
Seit 30 Jahren sind Sally und Alfred verheiratet. Diese lange Zeit spürt man in ihrer Beziehung, längst haben sich Alltag und Gewöhnlichkeit in der Ehe breit gemacht. Das Leben geht seinen Gang, bis sie im Urlaub in England die Mitteilung erreicht, in ihr Haus in Wien sei eingebrochen worden. Die Wohnung wurde verwüstet. Auch Alfreds Tagebücher, die er seit gefühlten Ewigkeiten akribisch führt, wurden von den Einbrechern nicht verschont. Alfred versinkt in Selbstmitleid und bricht sich schließlich noch ein Bein. Sally dagegen, die Unstete, die Impulsive, die Lebenshungrige, wird aktiv. Sie renoviert das Haus und stürzt sich in eine Affäre mit Erik, dem Freund der Familie. Die Kinder zeigen sich mehr oder weniger desinteressiert. Die Rollen sind in dieser Ehe seit langem verteilt, Sally ist die Starke, Alfred eher schwach, fast schon ein Langweiler. Aber sie haben sich arrangiert.
Mit diesem Buch erging es mir wie in einer langen Beziehung, Höhen und Tiefen wechselten ab. Eintönigen Stellen folgten kurzweiligen, in gegenwärtige Betrachtungen wurden geschickt Rückblenden eingebaut. Die beiden Eheleute wurden so treffend realistisch charakterisiert, dass beim Lesen bald ein vertrautes Gefühl bei mir aufkam. Beeindruckend empfand ich, wie genau Arno Geiger die kleinen alltäglichen Situationen im Ehealltag schilderte und wie gut er sich in das Seelenleben seiner Protagonistin einfühlen konnte.
„Alles über Sally“ ist ein Roman der „Brüche“, neben den handlungsbedingten Brüchen, Einbruch, Beinbruch und Ehebruch, gibt es fast ganz am Ende noch einen Stilbruch. „Alfreds Monolog“ unterscheidet absolut vom Stil der vorangegangenen und dem noch folgenden Kapitel. Damit setzt Geiger einen augenfälligen Kontrast und grenzt Alfred ganz deutlich von Sally ab.
Am Ende zeigt Arno Geiger auf, dass die Ursache für Sallys Ehebruch nicht einzig in ihrer Person begründet liegt. Sie ist zwar die Titelgeberin und Hauptfigur des Romas, aber auch Alfreds Innenleben wird beleuchtet und so zeigt sich, das der penible Tagebuchschreiber auch andere Facetten besitzt und nicht nur ein Langweiler ist.
Bis zum Schluss stellten sich ich mir die Fragen, was hält diese Ehe zusammen, führen die beiden überhaupt eine glückliche Ehe? Für mich habe ich diese Fragen beantwortet. Aber genau diese Antworten können sicher von Leser zu Leser unterschiedlich ausfallen und das ist das, was „Alles über Sally“ ausmacht. Dieses Buch lädt förmlich ein zum Reflektieren, zum Werten, zum Vergleichen.
Mir hat dieser Alltagsroman mit Szenen einer Ehe sehr gut gefallen. Der hintergründige Humor des Autors, die nüchterne Bestandsaufnahme der Ehesituation, die gelungenen Charaktere der Protagonisten und die feinfühligen Beschreibungen derer Gefühle trösteten mich über die oder andere gefühlte Länge hinweg.
Heike
Hanser Verlag 2010, Hardcover 21,50 €, 363 Seiten, ISBN: 978-3446234840
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“bonjour tristesse” von Françoise Sagan
10.8.2010 von Krümel.
Was für eine wunderbare Erzählung!
Cécile, die Ich-Erzählerin, verbringt die großen Ferien mit ihrem Vater in einer Villa am Mittelmeer. Die Beiden, Vater und Tochter, lieben „das süße Leben“. Und so ist die Freundin des Vaters auch dabei, sie ist gerade mal ein paar Jahre älter als die Cécile. (Die Mutter von ihr ist sehr jung verstorben, und Cécile wurde danach in einem Mädchen-Pensionat erzogen. Erst vor zwei Jahren holte der Vater sie wieder zu sich.) Die „Vier“ genießen das herrliche Strandleben, zumal Cécile Cyrill kennen lernt …
Doch dann trifft Anne ein, ganz unverhofft hat sie die Einladung angenommen.
Anne war die beste Freundin von Céciles Mutter und hat sich dem Mädchen seit Jahren als eine Art Ersatzmutter angenommen. Sie ist eine intelligente, kluge und belesene Frau von Welt, die mit dem geistlosen, oberflächlichen Leben der Beiden wenig anfangen kann!
Und so beginnen alle Probleme.
„Ich zögere, diesem fremden Gefühl, dessen sanfter Schmerz mich bedrückt, seinen schönen und ernsten Namen zu geben: Traurigkeit.“ (Erster Satz)
Die Sprache (zumindest in der Übersetzung von Helga Treichl) ist wunderbar melodisch und gefühlvoll, sie trägt die Handlung und den Leser leicht federnd. Diese tiefe Leichtigkeit hat mich beeindruckt und bewegt. Unbeschwert liest man diese Erzählung, egal ob linear mit Tiefgang oder in anderer höherer Ebene, wunderbar!
Krümel
Bertelsmann Lesering 1961, OT erschien 1954, Übersetzung: Helga Treichl, Hardcover vergriffen, 190 Seiten (das habe ich gelesen)
Ullstein Verlag 2005, Taschenbuch 7,95 €, 183 Seiten, ISBN: 978-3548262772
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“Der Duft des Schnees” von Helen Dunmore
28.7.2010 von Krümel.
Catherine wächst auf einem tristen und weit ab vom geselligen Leben Landgut auf. Ihre Mutter hat das Gut fluchtartig verlassen und ihr Vater ist darüber dem Wahnsinn verfallen. Sie und ihr Bruder Robert werden von Kate, dem Hausmädchen und dem Großvater erzogen. An ihre Eltern sind nur noch vage Erinnerungen zurückgeblieben, und so ist es kein Wunder, dass die Geschwister unzertrennlich werden. Sie kennen ihre Gefühle, Gedanken und Ängste und „niemand weiß es, nur wie zwei“.
Sie besuchen als Kinder ein letztes Mal ihren Vater in einem Sanatorium. Beide bekommen mit, dass ihr Vater in sich gekehrt und ganz anders ist als zuvor. Bedrohlich ist dann die Abschiedsszene und wenig später ist er verstorben.
Die einzige Abwechslung auf dem Gut sind die seltenen besuche von Mr. Bullivant. Er spielt mit dem Großvater Schach oder spaziert mit Catherine durch seine Besitztümer. Eines Tages bringt er ihr einen Brief ihrer Mutter mit, die er in Frankreich hat kennen gelernt.
Trist und trostlos wachsen diese jungen Menschen auf, nur der Ball, den der Großvater ausrichtet, obwohl das weit über seine finanziellen Möglichkeiten liegt, ist die große Ausnahme. Und immer enger zieht sich das Band um die Geschwister …
Helen Dunmore beschreibt sehr plastisch wie es zu dem kommen konnte was nicht geschehen durfte. Und der Leser begreift es und betrachtet es als die einzige Möglichkeit, die den Zweien letztendlich übrigblieb.
Ein einfühlsames Buch, welches ich gerne weiter empfehlen kann.
Krümel
Lübbe Verlag 2000, OT: A Spell of Winter 1995, Übersetzung: Lore Pilgram, Hardcover €, 410 Seiten, ISBN: 3-7857-1511-0
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“Letzte Nacht in Twisted River” von John Irving
22.7.2010 von Krümel.
Höhen und Tiefen, alles war vorhanden.
Coos Country, Danny und sein Vater Dominic leben am Holzfäller-Fluss Twisted River, einer kleinen Gemeinde von Arbeitern in den Wäldern von New Hampshire. Dominic ist der Koch der Holzfäller, und eigentlich will und wollte er schon immer fort um Danny ein besseres Leben zu ermöglichen …
Als dann der Sohn die Freundin des Kochs mit der Bratpfanne erschlägt, wird es auch höchste Zeit den Ort zu verlassen, zumal sie die Geliebte des Hilfssheriffs war. So beginnt der Roman, das ist der Dreh.- und Angelpunkt der Geschichte.
Vater und Sohn flüchten nach Boston. Dominic wird Koch in einem italienischen Restaurant, und findet auch wieder eine neue Freundin. Danny entdeckt, dass er Schriftsteller werden möchte. Das Leben könnte so schön sein, wenn da nicht das Bratpfannenereignis wäre und sie weiter flüchten müssen, da der Sheriff sie gefunden hat …
In Vermont richten die Beiden wieder ihr Leben neu ein. Doch ab dort mischt sich zu dem ganzen typischen Irving-Stil (skurrile Figuren, abenteuerliche Situationen, starke Frauen, schwache Männer) eine schleichende Lethargie in die Handlung hinein. Dem Leser werden zwei Dinge klar: Man kann nicht sein Leben lang auf der Flucht sein; und Danny der Schriftsteller wird zum Sprachrohr Irvings.
Diese aussichtslose Situation zieht sich durch ganz Vermont, und ich war mehrfach geneigt das Buch zur Seite zu legen. Zum Glück hat mich das Gefühl, dass Irving mir mittels Danny noch etwas flüstern möchte, bei der Stange gehalten. Dann endlich erfolgt der ersehnte Schlag …
„Letzte Nacht in Twisted River“ ist Irvings politischster Roman. In aller Deutlichkeit und in der derbsten Sprache schreit der Autor etwas in die Welt, was wohl sehr tief in ihm brodelte und einfach heraus musste. Im Nachhinein passt der langatmige Mittelteil sehr genau in dieses Bild der Befreiung (Ruhe vor dem Sturm), und somit ist der ganze Roman in sich doch stimmig.
Persönlich fand ich diese Stellungnahme beeindruckend, ich mag es, wenn man Farbe bekennt und zu etwas steht! Ob nun dieser Roman darunter gelitten hat, wie man das teilweise in Kritiken liest, da Irving eben kein politischer Autor ist, das mag evtl. zutreffen. Das Bedürfnis kann ich allerdings nachvollziehen und gutheißen, und im Großen und Ganzen mochte ich auch dieses Werk von Irving.
Krümel
Diogenes Verlag 2010, OT: Last Night in Twisted River, Übersetzung: Hans M. herzog, Hardcover 26,90 €, 731 Seiten, ISBN: 978-3-257-06747-7
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“Die Demütigung” von Philip Roth
13.7.2010 von Krümel.
Simon Axler ist 65 und seine große Zeit als gefeierter Bühnenschauspieler ist abgelaufen. Jeder Auftritt wird zur Qual, das Publikum schwindet, und Versagensängste führen zu einem Zusammenbruch, der ihn für 26 Tage in die Psychiatrie bringt. Seine Frau – für die er zeit seiner Ehe der Fels in der Brandung war, verlässt ihn und Simon spielt mit Selbstmordgedanken. Als die um 20 Jahre jüngere – lesbisch veranlagte – Pegeen, die Tochter von Jugendfreunden bei ihm auftaucht beginnt er eine Affäre mit ihr, und spürt sich plötzlich wieder leben. Er wendet alle Kraft dafür auf, Pegeen zu „seiner“ Frau zu machen, muss aber schmerzhaft entdecken, dass er sich einer Illusion hingegeben hat.
Die Thematik ist nicht neu, man trifft auf typische Roth-Figuren. Im Mittelpunkt steht ein scheiternder, „ausgedienter“ Künstler, von sämtlichen Altersleiden gezeichnet, einsam, selbstherrlich, nicht wahrnehmen wollend, dass der Lebensabend erreicht ist, jedoch ausgestattet mit fast ausufernden sexuellen Phantasien.
Es ist zwar immer wieder ein Genuss, Philip Roths routinierten, kompakten, teils ironischen, teils berührenden Schreibstil zu lesen, doch ich habe vielleicht schon zu viele dieser Roth-Bücher gelesen, für mich gab es nichts Neues zu entdecken. Ein Buch, das mit seinen gut 130 Seiten schnell gelesen ist, aber auch genauso schnell wieder in Vergessenheit gerät. Für Roth-Kenner ein weiteres Stück in der Sammlung, für Roth-Neueinsteiger nicht empfehlenswert.
Christine
Hanser Verlag 2010, Übersetzung: Dirk von Gunsteren, Hardcover 15,90 €, 137 Seiten, ISBN: 978-3446234932
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“Marie Antoinette” von Stefan Zweig
8.7.2010 von Krümel.
Eine Roman-Biographie!
Stefan Zweig schildert sehr eindringlich das Leben der Marie Antoinette. Beginnend mit der Reise der 15 Jährigen nach Frankreich, wo sie die Königin des Landes werden soll. Die Häuser Habsburg und Bourbon sollen durch diese Ehe ein Bündnis schließen, Blutvergießen vermeiden und Kriege verhindern.
Zunächst lebt das Paar noch unter der Herrschaft von Ludwig den XV., dem Vater des Dauphins, Ludwig den XVI.. Mit 21 Jahren besteigt dann die junge Königin den Thron und zeigt von nun ab ihr wahres Gesicht:
Marie Antoinette ist eine Verschwenderin in jeglicher Sicht. Nur um ihre Langweile zu vertreiben, wirft sie die Staatseinnahmen mit vollen Händen zum Fenster hinaus. Und ihr Gatte schenkt ihr noch zum Zeitvertreib ein kleines Schloss „Trianon“, in der Nähe von Versailles, welches Marie Antoinette in ein Rokoko-Schloss verwandelt. Zusammen mit ihren Roben und dem Schmuck kostet sie ein Vermögen. Alles zu Zeiten in denen das Volk kaum weiß sich zu ernähren und Frankreich in eine Krise gerät. Zum Schluss wird die „Halsbandaffäre“ das Zünglein auf der Waage sein …
Die Monarchie von Frankreich unterliegt der Revolution, Häupter werden geköpft!
Der Leser erhält sicherlich einen guten Überblick über das Geschehen der Zeit und ihren Wandel. Nur der Stil hat mir überhaupt nicht gefallen, zu subjektiv wird über Gefühle, Gedanken und Empfindungen der Königin spekuliert, gepaart mit Fakten und politischen Zusammenhängen. Diese Kombination aus romanhaften Erzählen und informativen Berichten hat mir nicht gefallen. Oftmals haben sich gar meine Nackenhaare aufgerichtet, so sehr störte mich diese Herangehensweise.
Stefan Zweig wurde am 28. November 1881 in Wien geboren, lebte von 1919 bis 1934 in Salzburg, emigrierte von dort nach England und 1941 nach Brasilien. Sein episches Werk machte ihn ebenso berühmt wie seine historischen Miniaturen und die biographischen Arbeiten. Am 22 Februar 1942 schied er in Petrópolis, Brasilien, freiwillig aus dem Leben.
Krümel
RM Buch und Medien Vertrieb GmbH, 2007, erschien erstmals 1932, Softcover vergriffen
Fischer TB Verlag, 1980, Taschenbuch 12,95 €, 592 Seiten, ISBN: 978-3596222209
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