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Archiv der Kategorie Biographie

“Karambolagen” von Hellmuth Karasek

Hellmuth Karasek, geb. 1934, ist Buchliebhabern v.a. als Literaturkritiker und durch seine diskutierfreudige Rolle im legendären “Literarischen Quartett” bekannt. Doch Hellmuth Karasek blickt auf ein sehr bewegtes und abwechselungsreiches Leben mit vielen Begegnungen und Erlebnissen zurück und legt er mit dem Buch “Karambolagen - Begegnungen mit Zeitgenossen - Zeugnis davon ab.

Während seiner Laufbahn als Journalist, Chefdramaturg am Württembergischen Staatstheater Stuttgart und seinen langjährigen Tätigkeiten bei “Die Zeit” und “Der Spiegel” lernte er anlässlich von Preisverleihungen, Empfängen, Interviews und Recherchen aber auch ganz privat und zufällig das “who is who” der Kulturlandschaft - auch über die Grenzen von Europa hinaus - kennen.

In diesem Buch sammelte er Anekdoten über mehr oder weniger berühmte Zeitgenossen aus der Kultur-, Medien-, Theater-, TV- und Politikwelt, wobei manche Überschriften (wie z.B. “Wie ich in Marilyn Monroes Bett schlief….” oder “Mit Günter Grass im Regionalexpress”) oft mehr versprechen und spektakulärer sind als sich dahinter letztendlich verbirgt. Andererseits lässt er uns aber auch teilhaben an unvergesslichen Erlebnissen z.B. mit Woody Allen, Helmut Qualtinger oder Billy Wilder, dessen Biografie er verfasste.

Alles in allem aber eine sehr vergnügliche Reise durch die Jahrzehnte, manch menschliche Einblicke in das Leben der Promis oder auch in Karaseks eigenes bewegtes Leben, Rückschlüsse auf Sympathien und Antipathien (Stichwort Günter Grass) und die eine oder andere Insider-Info hinsichtlich des “Literarischen Quartetts”.

Christine

Ullstein Verlag 2004, Taschenbuch 7,95 €, 287 Seiten, ISBN: 978-3548364940

“Das periodische System” von Primo Levi

Sein turbulentes Leben hat Primo Levi in mehreren Büchern festgehalten. In „Ist das ein Mensch?“ zeichnet er seine Erfahrungen im KZ-Ausschwitz auf, in „Atempause“ berichtet er von der erschwerten Rückkehr nach Italien. „Das periodische System“ schließlich beleuchtet seine Tätigkeit als Chemiker, von einem Beruf und seinen Misserfolgen, seinen Siegen und seiner Not, eine Geschichte, die jeder erzählen möchte, wenn er fühlt, dass seine Laufbahn sich dem Ende zuneigt und die Kunst aufhört, endlos lang zu sein. Viele kleine Szenerien seiner Laufbahn greift er heraus und setzt sie lose nebeneinander zu einer Art Erzählband, berichtet über sein Heimatort, sein Studium, diversen Jobs vor, während und nach dem Krieg. Sein Leben und die Schwierigkeiten als Jude im faschistischen Italien werden nur angedeutet, doch reichen diese Einsprengsel aus, um ein beklemmendes Bild abzuliefern. Er selbst hingegen bleibt überraschend emotionslos, versucht sich einer objektiven Wahrnehmung, selbst, als er nach Jahren seinem früheren KZ-Aufseher über dem Weg läuft. Die Zeit der Gefangenschaft lässt er offen und verweist an der Stelle auf seine autobiographischen Schriften.

Jede Erzählung kreist um ein chemisches Element - sei es Argon, das träge Edelgas, welches keine Verbindung zu anderen Molekülen eingeht und er diese Charaktereigenschaft nutzt, um seine Familie zu beschreiben; sei es das Nickel, deren Abbau er als verdeckter Jude annimmt, ohne zu ahnen, dass er dem Krieg zur Aufrüstung verhilft; oder Cer, das ihn im KZ hat überleben lassen. Kleine Einführungen in seinem Beruf vermittelt er recht kurzweilig, er berichtet von Pannen und Erfolgen, von Reaktionen bestimmter Materialien und von der Ehrfurcht vor Rezepten, die nutzlose Zutaten enthalten. Neben den Geschichten seines Lebens gibt er noch einige Anekdoten aus seinem Bekanntenkreis zum Besten.
Primo Levi ist eine faszinierende Gestalt, die trotz Menschen verachtender Erfahrungen überhaupt kein schlechtes Wort über irgendjemanden verliert, als ob die Hoffnung an bessere Zeiten niemals ausgeschöpft wurde. Ein Buch, das mit seiner erfrischend angenehmen Sprache Lust auf mehr macht.

SZ-Bibliothek, gebunden 2005, 264 Seiten, vergriffen ISBN: 978-3937793474

“Tee mit Buddha” von Michaela Vieser

buddha.jpgMichaela Vieser studiert in London Japanologie. Den Studenten wird ein Auslandssemester angeraten, aber Michaela Vierser will weit mehr. Ihr Traum ist es, in ein Zen-Kloster zu gehen. Trotz längerer Recherche sieht sie dafür aber keine Möglichkeit. Kurz davor, ihren Traum zu begraben, macht ein japanischer Mönch, der an der Universität Buddhismus lehrt und von von ihrem Ansinnen erfuhr, ihr das Angebot, ein Jahr in seinem Mutterkloster zu verbringen. Das ist zwar kein Zen-Kloster, sondern gehörte zur Jodo-Shinshu-Strömung und liegt im Süden des Landes. Im Kloster leben ca. 100 Bewohner, Mönche, Familien, japanische Angestellte, Studenten. Das Kloster ist ein Spiegelbild der Gesellschaft im Kleinen. Michaela hat 3 Jahre lang die Sprache studiert und macht sich nun als erste Westeuropäerin auf, ihr Jahr im japanischen Kloster in Angriff zu nehmen.

Lange bevor ich dieses Buch las, war ich mir nicht sicher, ob es etwas für mich ist, oder eher nicht. Und um ehrlich zu sein, ich weiß es nach der Lektüre noch immer nicht.

Die Autorin erzählt von ihrem Leben in der für sie völlig fremden Welt, auch von der Ernüchterung, die sie in der ersten Zeit überkam. Ihre Erwartungen waren durchaus anders als die Realität. Als Leser ließ sie mich am Alltagsleben in diesem Kloster teilhaben, am Tagesablauf, an der Bedeutung der Gebete, an Ritualen, an Grundlegendem und Profanen. Sie machte mich unter anderem mit der Teezeremonie, Ikebana, Kendo und der Kalligrafie vertraut. Mit viel Witz erzählt sie die verschiedensten Anekdoten und beschreibt die Fettnäpfchen, die sich ihr in den Weg stellten und in die sie trat. Dabei berichtet sie nicht in der zeitlichen Abfolge, sie erzählt, in dem sie in jedem Kapitel des Buches eine Person und die gemeinsamen Erlebnisse vorstellt. So erfuhr ich zwar vieles über Japan und die japanische Denk- und Lebensweise, aber trotzdem sprang der Funke zum Buch nicht über. Mir blieb vieles fremd, auch die Autorin selbst, vor allem weil die Emotionen für mich nicht immer nachvollziehbar waren und mir die gedankliche Tiefe fehlte. Der Sprachstil ist sehr einfach gehalten. Auch hatte ich gehofft, ein paar tiefgründigere Informationen über den Buddhismus zu bekommen. So bleibe ich ein wenig enttäuscht zurück und frage mich nun, ob ich einfach zu viel erwartet habe, oder ob das Buch nicht mehr hergab.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)
Michaela Vieser, geb. 1972, hat während und nach ihrem Japanologiestudium in Japan gelebt. Sie hat u. a. ein Jahr mit buddhistischen Mönchen verbracht, die Kunst der japanischen Bergasketen erforscht und das Drehbuch zu einem preisgekrönten Dokumentarfilm geschrieben. Zurück in Deutschland, arbeitete sie für Scholz & Friends an der Kampagne »Deutschland – Land der Ideen« mit. Vieser übersetzt außerdem japanische Drehbücher, schreibt u. a. für Geo, Financial Times,Vanity Fair, NZZ und arbeitet als Trendscout. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in Berlin.

Heike

Pendo Verlag 2009, Hardcover 19,95 €, 304 Seiten, ISBN: 978-3866122109

“Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt” von Helmut Schmidt und Giovanni DiLorenzo

helmut.jpgImmer am Freitagmittag trafen sich der ehemalige Bundeskanzler und jetzige ZEIT-Mitherausgeber Helmut Schmidt und der Chefredakteur der ZEIT Giovanni di Lorenzo auf eine Zigarettenlänge im Büro Lorenzos. Und dann beginnt ein Frage- und Antwortspiel der ganz besonderen Art und Güte.

Giovanni di Lorenzo fragt und Helmut Schmidt antwortet. Auf kurze aber sehr substantielle Fragen antwortet der ehemalige Bundeskanzler genauso kurz und auf den Punkt kommend. Beide reden nicht um den heißen Brei, denn eine Zigarettenlänge ist halt doch eine sehr endliche Zeitspanne.

In diesem Jahr wird Helmut Schmidt 91 Jahre alt und er hat immer noch etwas zu sagen, mischt sich immer noch ein und nimmt dabei weder auf Namen, Positionen oder Traditionen Rücksicht. Gradlinig vertritt er seine Ansichten und kann dabei durchaus sehr ätzend werden. Und es ist schon erwähnenswert und ein echtes Phänomen, dass man diesem Ex-Kanzler immer noch aufmerksam zuhört. Er drängt sich mit seinen Ratschlägen niemanden auf, aber sicher ist ihm auch bewusst, dass ihm nach wie vor sehr viel Aufmerksamkeit schenkt.

Wenn man dieses Buch liest, dann wird man sich sehr schnell der Tatsache bewusst, dass es Politiker seiner Couleur wohl leider kaum noch gibt. Helmut Schmidt ging es stets um die Sache, die eigene Person hat er nie sehr wichtig genommen – heute ist es leider vielfach genau anders herum.

Seinen ganz besonderen Reiz nimmt das Buch aus der Tatsache, dass es keine langen Monologe gibt, dass Frager und der Antwortende immer sehr schnell und ohne Umschweife auf den Punkt kommen.

Man erfährt viel über den Menschen Helmut Schmidt, über seine Gedanken zu Familie und politischen Weggefährten, über seine Beziehung zur Kunst und zur Musik, aber Fragen zum christlichen Glauben werden nicht ausgespart. Es ist ein durchaus emotionales und ein politisches Buch, es ist aber auch ein zutiefst menschliches Buch. Sehr empfehlenswert.

Jan

Kiepenheuer & Witsch Verlag 2009, Hardcover 16,95 €, 288 Seiten, ISBN: 978-3462040654

“unterwegs verloren” von Ruth Klüger

kluger.jpgIn ihrer 1992 erschienen Autobiografie „weiter leben“ erzählt Ruth Klüger, geb. 1931 in Wien, über ihre Kindheit im antisemitischen Wien, den Verlust ihres Vaters und Bruders, die Deportation nach Theresienstadt und Auschwitz, sowie über ihre Flucht aus dem KZ kurz vor Kriegsende. 15 Jahre nach „weiter leben“ erschien 2008 mit „unterwegs verloren“, die Fortsetzung der Geschichte dieses bewegten Lebens.


Ruth Klüger emigrierte nach dem Krieg in die USA, studierte dort Bibliothekswissenschaften und Germanistik. Ihr Leben war von einem stetigen Ortswechsel gekennzeichnet, sie unterrichtete an den verschiedensten Universitäten und war bald eine erfolgreiche Literaturwissenschaftlerin. Privat musste sie Niederlagen einstecken, ihre als lieblos und kühl beschriebene Ehe wurde geschieden, sie selber bezeichnet die Scheidung von ihrem Mann und Vater ihrer beiden Söhne als „große Befreiung“. Zu ihren Söhnen hat sie von jeher ein angespanntes Verhältnis. In „unterwegs verloren“ erzählt sie vom ständigen Kampf, sich als Frau (und Jüdin) durchzusetzen, von den Schwierigkeiten, als Alleinerzieherin für den Familienunterhalt verantwortlich zu sein, von ihrer innigen Freundschaft zu Martin Walser, die nach Erscheinen dessen Buches „Tod eines Kritikers“ unheilbar zerrüttet wurde und letztendlich von der Rückkehr nach Deutschland in den 80er Jahren.

Ruth Klüger erzählt selbstkritisch, hart, schonungslos und nicht ohne Zynismus. Ihre Erfahrungen haben sie wohl dazu gebracht. Mir wurde aufgrund dieses Buches das Bild einer sehr egoistischen, mitunter trotzigen und auch misstrauischen Frau vermittelt, die - ohne Rücksicht auf Verluste – ihre eigenen Interessen durchsetzen will, ihre Kinder durch halb Amerika schleppt und sich ständig aufgrund ihres Frau-seins und Jüdin-seins diskriminiert fühlt. Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich jetzt in die „Nesseln“ setze, fehlt mir ein wenig die Toleranz, ein wenig das „Aufeinander Zugehen“, das doch ein so wichtiger Bestandteil unserer Vergangenheitsbewältigung sein soll.

Christine

ZSOLNAY-Verlag, 2008, Hardcover 19,90 €, 256 Seiten, ISBN: 978-3552054417

“Der Eremit von Peking” von Hugh Trevor-Roper

eremit.jpgWirklich sagenhaft!

Hugh Trevor-Roper erzählt uns in diesem Buch von Edmund Backhouse, einem Baronet aus England und Sinologen, der in Peking zum Eremit mutierte.
Backhouse wurde 1873 als ungeliebter Sohn einer Quäkerfamilie geboren. Als Teenager schickte man ihn auf ein geistliches Internat, wo die Prügelstrafe an der Tagesordnung war. 1886 erhielt er ein Stipendium für das Winchester College und studierte Altphilologie. Privat beschäftigte er sich mit orientalischen Sprachen. Trotz seiner hervorragenden Leistungen schloss er sein Studium nicht ab.
In den darauf folgenden Jahren lebte er weit über seine finanziellen Mittel hinaus und machte überall Schulden. 1895 kam dann die fatale Wende für ihn, denn er wurde für bankrott erklärt. 1898 landete er nach einer langen Odyssee in Peking.
Dort angekommen entwickelte sich Backhouse blitzschnell zu einem genialen Übersetzer der chinesischen Schriftzeichen. Er schloss Bekanntschaft mit Morrison, dem Chefredakteur (China) der „Times“ und war ihm bei seiner Korrespondenz und Artikeln sehr behilflich.
Wenig später lernte er auch Bland kennen, ebenfalls ein Redakteur der „Times“, mit dem er sein erstes Buch herausbrachte: „China unter der Kaiserin Witwe, dieses Werk beruht auf einem Tagebuch eines Kammer-Eunuchen und wurde zum Weltbestseller.
Backhouse sammelte in China über Jahrzehnte wertvolle Manuskripte, Büchersammlungen und Tagebücher, die er zeitlebens der Bodleian Bibliothek der Universität in Oxford spendete. Diese Sammlung bestand später aus über 30.000 seltenen Exemplaren und ist ein Vermögen wert.

Aber Backhouse war nicht nur der hervorragende Übersetzer und Sinologe, er war immer auch ein raffinierter Betrüger, der nie mit offenen Karten spielte, ständig mitten im Chaos stand, und immer in Geldnöte war.
Durch seine Erscheinung und Auftreten konnte er Menschen an sich fesseln, die er alle hinter ihren Rücken betrog. Er verkaufte seltene Schriftstücke, Perlen und Juwelen, die es nicht gab. Fadenscheinige Ausreden fand er immer, wenn es nicht zur Übergabe kam, er aber schon längst sein Geld einkassiert hatte.
Er war bei Hofe, Diplomaten, Botschaftern und Ministern angeblich überall bekannt, pflegte Freundschaften bis in die tiefsten Kreise, was ihn immer wieder zu guten Geschäften brachte (Kriegsschiffverkauf, Banknotenverkauf und Waffenhandel), aber letztendlich platzten alle Unternehmungen, denn es war der große Schwindel des Backhouse!

Selbst das Tagebuch des Eunuchen, in komplizierter Grasschrift verfasst, die angeblich kein Europäer je fälschen könnte, wurde von ihm gefälscht. Hugh Trevor-Roper hat dies in mühsamster Kleinarbeit in diesem Buch aufgedeckt. Als Beweis führt er die Memoiren des Backhouse an, ein Blendwerk eines Phantasten, welches über eine übersteigerte Illusionswelt die Wirklichkeit ausblendet.
Es ist sagenhaft diese Beweisführung zu lesen, es fasziniert, begeistert und verschlägt einem den Atem. Alles Betrug und Fälschung, obwohl es von namhaften Fachleuten mehrmals überprüft wurde!

In wie weit jetzt dieses Buch „Der Eremit von Peking“ an der Wahrheit dran ist, vermag ich nicht zu sagen. Aber das tut der Lektüre keinen Abbruch, sie liest sich wie ein spannender Kriminalroman und man erstaunt fortwährend.
Persönlich bin ich wegen „Hitlers letzte Tage“, die Trevor-Roper als echt anerkannt hatte, etwas mit Zweifel behaftet, aber es gibt zahlreiche Belege im Buch, die mir doch vor Augen halten, welch großer Phantast Backhouse war. Eine sagenhafte Lektüre!

Heidi Hof

Eichborn Verlag, Die Andere Bibliothek, 2009, OT 1976: A Hidden Life: The Enigma of Sir Edmund Backhouse, Übersetzung: Andrea Ott, Gebundene Ausgabe 32 €, 391 Seiten, ISBN: 978-3-8218-4590-6

“Der Wendepunkt” von Klaus Mann

Und Klaus Mann kannte sie alle!

„Er war homosexuell. Er war süchtig. Er war der Sohn Thomas Manns. Also war er dreifach geschlagen. Woran hat er am meisten gelitten? … „ (Marcel Reich-Ranicki 1976)

„Der Wendepunkt“ ist eine Autobiographie und darüber hinaus auch ein sehr subjektives Zeitzeugnis des vergangenen Jahrhunderts. Sie umfasst die Zeit von 1906 bis 1945. Klaus Mann wird 1906 als zweitgeborener Mann-Spross geboren. Mit seiner, nur knapp ein Jahr älter, Schwester Erika, die gemeinsam oft als Zwillinge auftreten, wird er sein ganzes Leben lang eng verbunden sein.

„Woran er am meisten gelitten hat?“ wird in den ersten zwei Kapiteln seiner Kindheit, anders als erwartet, nicht beschrieben. Thomas Mann wird als fürsorglicher Vater geschildert, der Gespenster aus dem Kinderzimmer vertreiben kann, der einfühlsam und mit Geschick auf die kindliche Phantasie einwirkt, und deshalb dauerhaft den Namen „Der Zauberer“ trägt.
Sicherlich ist auch eine gewisse Distanz vorhanden. Der „große“ Vater, der ja auch zeitlebens mit sich selber kämpft, und der in seinem Arbeitszimmer isoliert mit seinen Sätzen zaudert, ist nicht immer für die Kinder zu erreichen. Schließt man aber die Zeit mit ein, wo die Väter die Familie nach außen hin vertreten und für den Lebensunterhalt sorgen, so ist der „Zauberer“ keine all zu schlechte Vatergestalt: “Viel Glück mein Sohn. Und komm Heim, wenn du elend bist.”

Klaus Mann pubertiert und reift zum Mann in einem wilden Jahrzehnt, nämlich den 20 er des 20. Jahrhunderts. Seine Neigung ist ihm bekannt, aber sittlich illegal, die heißen Feste der Jugend, das Kokain, die verrufene Stadt Berlin, wo er mit seiner Schwester ein Theaterensemble gründet, und im Hintergrund erscheint der „Der Zauberberg“ sowie darauf folgend der Nobelpreis für die „Buddenbrooks“. Der erste Knacks?

„>Der Wendepunkt<: Das ist die raffiniert und ergriffen zugleich vorgetragene Schilderung einer glücklichen, aber gefährdeten, großbürgerlich-geborgenen, doch durch die Lust der Selbstzerstörung, die mit der allgemeinen Bedrohung des Zeitalters korrespondierende >Tendenz zum Abgrund< im privaten Bereich gefährdeten Jugend.“ (Walter Jens)

Was darauf folgt und meiner Meinung nach Klaus Mann den Rest gegeben hat, ist das Aufkommen des Faschismus, das braune Gespenst und die zahllosen Mitläufer, denen er kopfschüttelnd gegenübersteht. Klaus Mann wendet der Heimat am 13. März 1933 den Rücken zu, also kurz nach der Reichstagswahl und der Ernennung Hitler zum Kanzler. Er wandelt in ganz Europa umher, ist heimatslos, umhergetrieben und einsam. Die „Tendenz zum Abgrund“ ist gegeben, 1949 wählt er den Freitod.

Diese Autobiographie ist eine wunderbare subjektive Schilderung einer bedeutenden Zeit. Der Leser erhält tiefe Eindrücke wie es zu dieser Entwicklung kommen konnte.
Aber es ist eine Lektüre, die sehr viel Zeit in Anspruch nimmt, kein Werk zum weg lesen. Im Personenverzeichnis sind ca. 600 Personen aufgelistet, die natürlich alle im Werk erwähnt werden. Davon sind knapp 100 Personen ausführlicher beschrieben: An erster Stelle sicherlich seine Schwester Erika und der „Zauberer“, dann seinen väterlichen Ratgeber Stefan Zweig, seinen lebenslangen Freund André Gide, Ricki der Schulfreund (Richard Hallgarten), sein Onkel Heinrich Mann, und seine Mutter. Aber er kannte sie alle: Sybille Bedford, Eduard Benesch, Gottfried Benn, Björn Björnson, Bertoldt Brecht, Clemens Brentano, Paul Cézanne, Bruno Frank, Stefan George, Oskar Maria Graf, Gerhart Hauptmann, Ödön von Horvath, Ibsen, Kafka, Remarque, Rilke, Anna Seghers, Süskind, Tucholsky, die Wedekinds, Franz Werfel, Oscar Wilde, Zuckmayer und, und, und … um nur einmal ein paar zu erwähnen.

Heidi Hof

Clubausgabe Bertelsmann, Bibliothek des 20. Jahrhunderts, Sonderausgabe herausgegeben von Walter Jens und Marcel Reich-Ranicki

“Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein” von André Heller

heller.jpgPaul Silberstein ist der Sprössling eines Wiener Süßwarenfabrikanten. Sein zum Katholizismus konvertierte jüdische Vater ist ein Misanthrop der besonderen Art, tyrannisiert die Umwelt und macht seiner Familie das Leben zur Hölle. Das ungeliebte Kind wird in ein erzkatholisches Jesuiten-Internat geschickt und leidet unter den dort herrschenden Erziehungspraktiken und Zwängen. Paul flüchtet in seine Phantasiewelt, schottet sich völlig ab. In seinen Tagträumen steigt er mit der Jakobsleiter in den Himmel oder stellt sich vor, als erster Mensch in einem Asbest-Anzug in das Innere des Vesuvs zu kriechen.

Der plötzliche Tod seines Vaters gibt Pauls Leben – und dem seiner Familie – eine überraschende Wendung.
Anlässlich der Begräbnisfeierlichkeiten treffen die Silberstein-Brüder ein, Onkel Bel, Onkel Monte und Onkel York – benannt nach jenen Städten, in denen sie sich aufhalten. Die Beerdigung wird zur Farce, Anekdoten werden zum Besten gegeben, mal traurig, mal lustig, aber immer sehr bezeichnend. Den Ratschlag seines Onkels „Hör zu: Geboren wird man als Entwurf zu einem Menschen, und dann muss man zeit seines Lebens aus sich einen wirklichen Menschen machen.” macht sich Paul zu eigen und beginnt, sein Leben endlich in die eigene Hand zu nehmen.

André Heller hat mit Paul Silberstein sein Alter Ego geschaffen und gibt mit diesem Büchlein Einblick in seine schwierige Kindheit. Er klagt nicht an, er jammert nicht. Überraschend heiter, mit viel Wortwitz und Charme präsentiert er die Anekdoten und überlässt es dem Leser zu urteilen, was sich tatsächlich begeben hat, und was der schriftstellerischen Freiheit zuzuschreiben ist. „Diese Erzählung greift einige Themen und Begebenheiten auf, die meine Kindheit für mich bereithielt. Die Oberhand beim Schreiben hatte allerdings die Phantasie.“

Franz André Heller (* 22. März 1947 in Wien) ist ein österreichischer Chansonnier, Aktionskünstler, Kulturmanager, Autor und Schauspieler.

Christine

Fischer Verlag, 2008, Hardcover 16,90 €, 144 Seiten, ISBN: 978-3100302090

“weiter leben/Eine Jugend” von Ruth Klüger

kluger.jpg“Und in Wirklichkeit war es Zufall, dass man am Leben geblieben ist.”

Ruth Klüger ist Wienerin, geboren 1931, Jüdin. Als Germanistin, Feministin, Lyrikerin, Autorin lebt sie heute teils in Kalifornien, teils in Göttingen.
“weiter leben” ist die Autobiographie ihrer Kindheit und Jugend, behütet in Wien, ausgrenzt und verfolgt nach dem Anschluss, deportiert, überlebt und dabei immer: weiter gelebt. Was kann dem Leser so ein Buch Neues sagen über Theresienstadt, über Auschwitz? Glauben wir nicht uns eingefühlt zu haben in die Opfer, die Täter, genug Betroffenheit geäußert und gefühlt zu haben? Standen vielleicht schon selbst mit ernsten Mienen in Dachau oder Buchenwald?

Nein, betroffen machen will Klüger die Leserin (sic!) nicht, auch kein Mitleid erzeugen. Nüchtern und analysierend erzählt sie ihre Erlebnisse, die gestohlene Kindheit im KZ, den Hunger, die Leiden. Nüchtern und doch sehr persönlich, beispielsweise die lebenslang schwierige Beziehung zur Mutter, die Sprachlosigkeit zwischen Tochter und Mutter.
Besonders interessant fand ich dabei, dass Ruth Klüger nicht einfach nur ihr Leben erzählt, sondern häufig einstreut, wie sie und ihre Umgebung mit ihrer Vergangenheit umgeht.
Kann sie in gemütlicher abendlicher Runde, wenn reihum von harmlosen klaustrophobischen Erlebnissen (Aufzügen, lange Tunnel) erzählt wird, die Erfahrungen eines Transport per Güterwagon von Theresienstadt nach Auschwitz erzählen?
Wie geht man selbst mit der eintätowierten Nummer um, wie reagiert sie auf Menschen, die sagen, sie müsse dies Symbol der Erniedrigung wegmachen lassen.
Wütend ist sie oft über die Reaktionen der Menschen, wenn diese glauben, besser bescheid zu wissen als sie, die Betroffene, Traumatisierte; weil sie ihr das Erlebte absprechen (”Theresienstadt war ja nicht so schlimm” “Du warst ja noch ein Kind”), ihr vorschreiben, was sie zu fühlen hat. Gerade das macht das Buch so einzigartig und speziell, dass sie sich nicht allein auf das Erlebte und sein Grauen “beschränkt”, sondern die Auswirkungen auf ein ganzes Leben reflektiert. Damit eröffnete sie mir eine neue Sicht auf ein sensibles, vielbehandeltes Thema.
Sie zeigt aber auch den Weg einer starken Frau, die versucht IHR Leben anzunehmen und zu leben.

“Aber lasst euch doch mindestens reizen, verschanzt euch nicht, sagt nicht von vornherein, das gehe euch nichts an oder es gehe euch nur innerhalb eine festgelegten mit Zirkel und Lineal säuberlich abgegrenzten Rahmens an, ihr hättet ja schon die Photographien mit den Leichenhaufen ausgestanden und euer Pensum an Mitschuld und Mitleid absolviert. Werdet streitsüchtig, sucht die Auseinandersetzung.”

Kerstin

Deutscher Taschenbuch Verlag 1994, TB 7,90 €, 283 Seiten, ISBN: 978-3423119504

“Die Gräfin: Marion Dönhoff” von Klaus Harpprecht

grafin.jpgHochbetagt starb im Jahr 2002 Marion Gräfin Dönhoff - ein erfülltes und abwechslungsreiches Leben lag hinter ihr.
Aufgewachsen ist sie im aristokratischen Milieu Ostpreußens, dort führte sie auch als promovierte Volkswirtin jahrelang eines der Güter der Familie. Im zweiten Weltkrieg waren einige ihrer Freunde und Bekannten Mitglieder der Widerstandsgruppe um Graf Stauffenberg: sie verlor nach dem 20. Juli einige ihr sehr nahe stehende Menschen. Nach dem Krieg und der Vertreibung begann ihr “bürgerliches” zweites Leben bei der ZEIT, der Zeitung deren Gesicht sie jahrelang mitgeprägt hat, als Leiterin des Politikressorts, später auch als Chefredakteurin und schließlich als Herausgeberin.
Ihr “drittes” Leben im Alter wird in Harrprechts Biographie nur auf wenigen Seiten umrissen, während die Zeit bis zu den 70er Jahren gut 500 Seiten umfasst. Nicht zuviel für eine solch ungewöhnliche Frau wie ”die Gräfin” (wie sie in der ZEIT-Redaktion genannt wurde) - welterfahren, weitgereist, belesen, politisch, moralisch. Harpprecht beschreibt die Menschen, die sie geprägt haben, ihre Umgebung, ihre (sich wandelnde) politische Einstellung, ihren Einsatz, damit ihre im Widerstand hingerichteten Weggefährten nicht in Vergessenheit geraten, für das deutsch-polnische Verhältnis, für Europa. Dabei bleibt der Autor doch stets kritisch, z.B. wenn es um die NS-Vergangenheit ihres Bruders Christoph geht und legt auch mal einen Finger auf einen wunden Punkt. Leider kenne ich die autobiographischen Gespräche, die Alice Schwarzer mit Marion Dönhoff führte nicht, so dass ich hier keinen Vergleich ziehen kann.

Dreißig Fotos von Weggefährten und natürlich von Marion Dönhoff - vom Kinderbild bis zum sehr gelungenen Altersportrait - geben dem Leser auch einen visuellen Eindruck vom Leben der Gräfin zwischen Aristokratie und Zeitungsredaktion. Harpprecht hatte Zugang nicht nur zum ZEIT-Archiv, sondern auch zum Familienarchiv der Dönhoffs und konnte so viele Quellen erstmals einsehen. Leider enthält das Buch zwar Quellenangaben, aber da diese im Text nicht markiert sind, sondern lediglich nach Kapitel zusammengefasst aufgezählt werden, ist dem Leser die Zuordnung der Aussagen im Text zu den Quellen unnötig erschwert (und wenn man die Wikipedia schon zitieren will, sollte man das doch korrekt machen). Dafür erhält der Leser eine Biographie, die sich nicht nur angenehm flüssig lesen lässt, sondern aus der sich auch über das Leben der Dönhöff hinaus so manches interessante zeitgeschichtliche Detail ergibt. Der Leser, der Marion Dönhoffs autobiographische, politische und essayistische Schriften (schade übrigens, dass keine Bibliographie angefügt ist!) kennt, wird trotzdem in Harrprechts Buch viel Neues erfahren. Auch für Nicht-ZEIT-Leser eine Empfehlung das Leben dieser ganz besonderen Frau kennen zu lernen.

Kerstin

Rowohlt Verlag, 2008, Hardcover 24,90 €, 416 Seiten, ISBN: 978-3498029845