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Archiv der Kategorie Kerstin

“Frau Sartoris” von Elke Schmitter

Frau Sartoris war als junge Erwachsene schön, intelligent, selbstständig - sie verliebte sich zunächst glücklich, alles schien perfekt. Erst als ihr Freund, der aus besseren Kreisen stammt, sie abrupt verlässt, ist sie so tief gekränkt, dass sie Ernst heiratet. Den lieben Vereinsmeier Ernst Sartoris mit der Beinprothese und der netten Mutter, der sie auf Händen trägt, dessen abenteuerlichstes Attribut sein Nachname ist: dies verspricht ein einfaches Leben im kleinen Landstädtchen. Damit ist Fr. Sartoris erstmal zufrieden. Jahre später, die Tochter bereits in der Pubertät, verliebt sie sich: Michael, der Theaterwissenschaftler, auf einmal scheint ein aufregenderes Leben wieder möglich.

Elke Schmitters dünner Roman wird von Fr. Sartoris selbst erzählt, kurze Absätze sind eingestreut, die einen Verkehrsunfall andeuten, dessen Bedeutung erst im Lauf des Romans klar wird. Geschildert wird ein ganz normales Leben, die Spießigkeit und Muffigkeit der 60er Jahre und eine Frau, die sich verletzt, eigentlich genau wissend, was sie erwartet, darauf einlässt. Ob es die Kriminalromanelemente wirklich gebraucht hätte? Sie machen das Buch spannend, haben mich aber irgendwie an Ingrid Nolls “Der Hahn ist tot” erinnert. Was aber wahrscheinlich weniger an der Ähnlichkeit der beiden Bücher, als an meiner Verweigerung Kriminalromane zu lesen, liegt, da fehlen mir die Vergleichsmöglichkeiten. Tatsächlich fand ich die Auflösung etwas unbefriedigend, obwohl das auch wieder sehr gut zum Leben der Fr. Sartoris passt. Und dieser ganze Vorabendkrimi-Handlungsstrang gut zur spießigen Atmosphäre der Kleinstadt.
Die Grundhandlung “unzufriedene Frau in der Provinz nimmt sich Liebhaber” lässt natürlich im Hintergrund Flaubert anklingen, eine moderne Bovary sozusagen (auch eine Begegnung mit einer Kutsche darf da natürlich nicht fehlen). Da zielt Fr. Schmitter mit Fr. Sartoris natürlich hoch, aber in weiten Zügen gelingt ihr das auch, auch wenn Sie sich manchmal hart an der Grenze zum Klischee rumtreibt.

Alles in allem eine spannende, gut geschriebene Lektüre für einen langen Nachmittag auf der Couch. Ich hab’ es sehr gerne gelesen!

Berliner Taschenbuch Verlag 2004, TB 7,50 €, 158 Seiten, ISBN: 978-3833301193

“Ihr werdet (noch) merken, wie schnell wir sind” von Dave Eggers

Was für ein seltsamer Titel, was für ein atemloses Buch! Will und Hand, 27, gehen auf Weltreise: eine Woche haben Sie Zeit, ihr Ziel ist es 32 000 $ an Menschen zu verschenken. Nur mit einem kleinen Rucksack geht es auf den ersten Flug nach Grönland - der gleich mal wegen Wind ausfällt, so dass sie lieber nach Dakar fliegen. Symptomatisch wird dies für den Rest der Reise: so spontan zu reisen, ist gar nicht so einfach, wie die beiden sich das vorstellten, Flugpläne, Visa, Wartezeiten, damit hatten sie nicht gerechnet. Und auch Geld zu verschenken erweist sich als schwieriger als erwartet: wem schenkt man es und wie, ohne sich komisch dabei zu fühlen?
Erst nach und nach erfährt der Leser, was die beiden jungen Männer so umtreibt, insbesondere den Ich-Erzähler Will, dessen Gedanken, Selbstgespräche, fiktive Gespräche mit anderen, der Leser hautnah mitbekommt. Der Tod ihres besten Freundes Jack, dem dritten im Freundschaftsgespann, wenige Monate zuvor. Sie fliehen vor ihren Gedanken, Sie fliehen vor ihrem langweiligen Leben und treiben eine Woche rastlos durch die Welt, wo ihnen immer wieder verschiedene und doch gleiche Menschen und Landschaften begegnen.

Eggers Roman beginnt bereits auf dem Cover, passend zur (meist) schnellen Sprache, die Hektik und Rastlosigkeit unserer Reisenden unterstreichend. Trotz all seiner amüsanten Stellen - Geld, das an Ziegen geklebt wird, Verfolgungjagden, die keine sind - ist dies ein zutiefst trauriges Buch. Ein Buch über eine leidende Seele, einen jungen Mann, der sich von seiner Vergangenheit gezeichnet ist, der - vielleicht typisch für unsere Zeit? - mit Mitte 20 noch alles andere als erwachsen fühlt, denkt und handelt. Ein Buch über einen Verlust, eine sinnlose Suche.

Als Randbemerkung: schön, dass Droemer das englische Originalcover 1:1 übernommen hat, es gefällt mir sehr gut. Schade, dass die Übersetzung des Titels so missglückt ist. Erst gegen Ende wird erklärt, woher der Titel kommt: der Wahlspruch eines vor den Spaniern fliehenden südamerikanischen Indianerstammes, übersetzt von einem amerikanischem Wissenschaftler: “You Shall Know Our Velocity” hat einen biblische Ton, der in der mit Klammern verunstalteten deutschen Übersetzung völlig untergeht. Schade!

Selten hat mich ein Buch so in sein Tempo eingebunden, ich habe es sehr schnell gelesen, mich oft genauso gehetzt gefühlt wie die beiden Protagonisten. Eine Empfehlung? Mir hat’s gut gefallen, auch wenn es mich ein bisschen ratlos zurücklässt und mit zwei, drei Seiten Probelesen hat man einen guten Eindruck, ob der Roman und seine Sprache einem zusagt.

Kerstin

Kiepenheuer & Witsch 2006, OT: You shall know our velocity, Übersetzung: Timmermann und Wasel, broschierte Ausgabe 12,95 €, 495 Seiten, ISBN: 978-3462037340

“Die Musik der Primzahlen” von Marcus du Sautoy

Mag der Titel zunächst plakativ klingen, merkt der Leser von du Sautoys Buch schon bald wie er gemeint ist. Die Primzahlen, die elementaren Bausteine der Zahlen, lassen sich mit Schwingungen in Verbindung bringen. Schwingungen sind Töne und so kommt es, dass man die Primzahlen hören kann. Und doch sind diese Zusammenhänge noch nicht bis zum letzten durchschaut, vor 150 Jahren hat Riemann diesen Zusammenhang aufgedeckt und seine berühmte Vermutung aufgestellt. Mag die Riemannsche Vermutung nie in der breiten Bevölkerung die Bekanntheit erreicht haben wie die Fermatsche, so liegt dies daran, dass sie nicht so elementar darstellbar ist. 1 Million Dollar gewinnt derjenige, der sie als beweisen (oder widerlegen) wird. Doch auch ohne diesen Anreiz gilt sie als eine der interessantesten Vermutungen …

Das Übliche, was populärwissenschaftlicher mathematische Bücher so enthalten: wie die Griechen entdeckten, dass es unendliche viele Primzahlen gibt, Euklids Elemente, der junge Gauß, der blitzschnell die Zahlen von 1 bis 100 addieren konnte…..dachte ich zuerst! Doch du Sautoys Buch hebt sich auf angenehmste Weise aus der Masse hervor: dadurch, dass er sich auf ein enges Thema fokusiert und dessen Geschichte bis in die heutige Zeit detailliert nachvollzieht: Die Riemannsche Vermutung. Dadurch dass er trotz der Abstraktheit dieser Vermutung es schafft fast ohne Formeln und “Mathsprech” auszukommen. Was für mich manchmal gedankliche Übersetzungsarbeit bedeutete, ist für den mathematischen Laien mit Sicherheit eine große Erleichterung und trägt zum Fluss des Buchs bei. Angereichert mit Kurzbiographien und Anekdoten verliert das Buch trotzdem nie den roten Faden und stellt auch die großen Zusammenhänge her: wie das Zentrum der Mathematik über Paris und Göttingen in die USA wanderte, wie sich die “mathematische Philosophie” über die Jahrhunderte änderte.
Für mich ein großer Lesespaß, der Sehnsucht weckt meinen Kopf mal wieder mathematisch zu betätigen. Hier wird nicht versucht dem Leser mathematische Wissen zu vermitteln, sondern ein allgemeines Verständnis dafür geweckt, was mathematisches Denken ist. Sehr geglückt!

Kerstin

Deutscher Taschenbuch Verlag 2006, Übersetzung: Thomas Filk, TB 12,90 €,  400 Seiten, ISBN: 978-3423342995

“Judiths Liebe” von Meir Shalev

liebe.jpgSejde hat drei Väter und eine Mutter, Judith. Drei Männer beanspruchen Judiths Liebe und damit auch die Vaterschaft für ihren Sohn. Auf Mosche Rabinowitz Hof leben Judith und Sejde, der bullige Witwer mit der ruhigen Art bietet Unterkunft, Arbeit und Versorgung. Dagegen sorgt der Viehhändler Globerman für genügend Geld. Er war derjenige, der in seiner eher groben Art sehr direkt um Judith geworben hat. Und dann ist da noch Jakob, der ruhige zurückhaltende Jakob, der obwohl mit der schönsten Frau im Dorf verheiratet sich unsterblich in Judith verliebte und auf ungewöhnlichste Weise um ihre Liebe kämpfte. Nach Judiths Tod bereitet er vier Festmahle für seinen Drittelsohn Sejde zu, diese Treffen bilden den erzählerischen Rahmen, in dem Sejde, die Geschichte seiner Mutter und seiner Väter erzählt.


Shalevs Roman ist von orientalischem Erzählreichtum, erfrischend, geheimnisvoll, lebensfroh und doch zutiefst melancholisch. Der Tod lauert immer im Hintergrund, nur der kleine Sejde (dessen Namen “Großvater” bedeutet) ist sicher vor ihm.
Es ist eine enge Welt, in der der Roman spielt, ein hebräisches Dorf mit seinen teils schrullig, liebenswerten Charakteren. Langsam baut Shalev aus einzelnen Andeutungen, Episoden seine Handlung auf,erfüllt seine Charaktere und ihre Welt mit Leben.
Ich mag diese jüdische Erzähltradition wie ihr wisst ja sehr gerne, am türkischen Strand, die oft erwähnten Granatäpfel ganz nahe, war es eine ideale und entspannende Lektüre. Eine Geschichte zum Eintauchen, zum Mitleiden und Mitfreuen!

Kerstin

Diogenes Verlag 1999, Übersetzung: Ruth Achlama, broschiert 11,90 €, 395 Seiten, ISBN: 978-3257231199

South of the Border, West of the Sun (Gefährliche Geliebte) von Haruki Murakami

south.jpgHajime ist 36 und führt ein scheinbar perfektes Leben: glücklich verheiratet, zwei kleine Töchter, Besitzer zweier Jazz-Bars - er hat das einsame Leben seiner Studienzeit und der Jahre danach abgestreift. Und doch verfolgen ihn die Schatten seiner Vergangenheit. Da ist einmal Izumi, seine erste Freundin, die er betrogen hat und dadurch ihr Leben fast zerstört. Und Shimamoto, die er mit 12 das letzte Mal gesehen hat, eine Kindheitsliebe “nur”, die ihm aber nichts desto trotz nicht aus dem Kopf geht. Als Shimamoto eines Tages in seiner Bar auftaucht, droht sein Leben aus seinen eingefahrenen Gleisen zu geraten.

Murakami verzichtet in diesem Roman (fast) auf die phantastischen Elemente, die seine Bücher sonst oft so speziell machen. Er erzählt eine Geschichte eines zweifachen Erwachsenwerdens und eine bewegende Liebesgeschichte mit einer mysteriösen Frau.

“Gefährliche Geliebte” war mein erster Murakami, den ich vor fast 10 Jahren gelesen habe. (An dieser Stelle unverständiges Kopfschütteln über den deutschen Titel) Ich war überrascht, wie schnell er mich beim Wiederlesen gepackt hat. Als Shimamoto wieder auftauchte, ließ dies nach — tatsächlich schafft es Murakami wie kaum ein zweiter, mich durch seine Romane herunterzuziehen (auf “Naokos Lächeln” habe ich ähnlich reagiert). Auch wenn mir das in diesem Fall das Lesen schwer gemacht hat, zeigt es doch wie sehr mich seine Geschichten packen.
Murakamis kurzer Roman lässt wie so oft viele Fragen offen. Motive, die zu Beginn wichtig sind (z. B. das Einzelkind-Sein oder später die Firma, die der Vater in Hajimes Namen gründet), werden weiter hinten nicht mehr aufgenommen. Dies kann man sicher negativ sehen, aber für mich gibt es dem Leser Spielraum sich seine eigenen Gedanken zu machen. Wer sind diese drei Frauen in Hajimes Leben, was bedeuten sie? Etwas Geheimnisvolles durchdringt Murakamis Welt auch wenn er wie meist nüchtern und sachlich erzählt.
Vielleicht nicht Murakamis bester Roman (da schließe ich mich der gängigen Meinung an: “The Wind-Up-Bird Chronicle”), für mich damals ein guter Einstieg und jetzt eine schöne Wiederentdeckung.

Völlig unverständlich ist mir weiterhin, warum sich damals im Literarischen Quartett ausgerechnet an diesem Buch dieser unsägliche Streit Löffler/Reich-Ranicki entspann. Es gibt “nur” eine große Sexszene und ich wüsste nicht, was an der ist, um sich daran besonders zu reiben. Es ist eine Geschichte aus Männersicht, Yukikos und Izumis zurückhaltende Art ist mir sicher ebenso fremd wie Shimamoto … daran habe ich mich aber nicht gestört, das zentrale Thema sind nicht diese konkreten Frauen, sondern verpasste Chancen im Leben, ob und wie man sie nachholen kann, den Einfluss den eigenen Entscheidungen auf das Leben anderer haben.

Kerstin

Harvill Press 2000, Übersetzung: Philip Gabriel, Taschenbuch 9,97 €, 192 Seiten, ISBN: 978-0099448570

“Der schwedische Reiter” von Leo Perutz

reiter.jpgSchlesien um 1700. Zwei Männer treffen sich und tun sich in ihrer Not zusammen: Ein Dieb und ein Deserteur. Der Schwede Christian von Tornefeld ist aus dem Feld geflohen um sich zur schwedischen Armee durchzuschlagen, auf der Seite seiner Landsleute zu kämpfen und dem König die Bibel Gustav Adolfs zu übergeben. Der Dieb, eben dem Galgen entronnen sieht nur in der Sklavenarbeit an den Brennöfen des Fürstbischofs eine Chance seinen Häschern zu entkommen. Doch als er für den Edelmann einen Botengang erledigt, begegnet er nicht nur seinem Erzfeind, dem Malefiz-Baron, sondern auch der schönen Maria Agneta und ihrem verwahrlosten Hof. Hofherr und Ehemann müsste man sein, diese Wirtschaft auf Vordermann bringen: den Gedanken bekommt er nicht aus dem Kopf und schon bald ergibt sich die Gelegenheit die Rolle mit dem jungen Edelmann zu tauschen…

Ein historischer Roman der ganz besonderen Art ist Perutz geglückt. Nicht um den Spannungsbogen geht es ihm primär (dazu nimmt das Vorwort schon viel zu viel vorneweg), es geht ihm ums Erzählen an sich, aber auch um die Nöte seiner Charaktere, um ihren Überlebenswillen in widrigen Zeiten. Märchenhafte Züge tragen Handlung und Personen, die Sprache hat ihren ganz eigenen, liebenswerten Klang. Was oberflächlich als Verwirrspiel und Liebesgeschichte daher kommt, trägt auch gesellschaftskritische Seiten in sich (die Hölle des Bischofs), Schuld, Identität, sind weitere Themen. Die Handlung und wenig ausgeprägte Charakterzeichnung lässt dem Leser “Denkspielraum”, engt ihn nicht auf eine Bedeutungsebene ein.
Auf dem Umschlag bezeichnet Daniel Kehlmann Perutz als “magischen Realisten” und tatsächlich liest sich das Buch ähnlich wie Marquez oder Vargas Llosa: da treten Tote mit der Selbstverständlichkeit Lebender auf, der an sich realistische Roman ist an einigen Stellen durchbrochen von fast wundersamen Zufällen und symbolischen Handlungen.
Ein wunderbares Lesevergnügen und mit Sicherheit nicht mein letzter Perutz!

Kerstin

Süddeutsche Zeitung, 2008, Sonderausgabe 5,90 €, 223 Seiten, ISBN: 978-3866155497

“weiter leben/Eine Jugend” von Ruth Klüger

kluger.jpg“Und in Wirklichkeit war es Zufall, dass man am Leben geblieben ist.”

Ruth Klüger ist Wienerin, geboren 1931, Jüdin. Als Germanistin, Feministin, Lyrikerin, Autorin lebt sie heute teils in Kalifornien, teils in Göttingen.
“weiter leben” ist die Autobiographie ihrer Kindheit und Jugend, behütet in Wien, ausgrenzt und verfolgt nach dem Anschluss, deportiert, überlebt und dabei immer: weiter gelebt. Was kann dem Leser so ein Buch Neues sagen über Theresienstadt, über Auschwitz? Glauben wir nicht uns eingefühlt zu haben in die Opfer, die Täter, genug Betroffenheit geäußert und gefühlt zu haben? Standen vielleicht schon selbst mit ernsten Mienen in Dachau oder Buchenwald?

Nein, betroffen machen will Klüger die Leserin (sic!) nicht, auch kein Mitleid erzeugen. Nüchtern und analysierend erzählt sie ihre Erlebnisse, die gestohlene Kindheit im KZ, den Hunger, die Leiden. Nüchtern und doch sehr persönlich, beispielsweise die lebenslang schwierige Beziehung zur Mutter, die Sprachlosigkeit zwischen Tochter und Mutter.
Besonders interessant fand ich dabei, dass Ruth Klüger nicht einfach nur ihr Leben erzählt, sondern häufig einstreut, wie sie und ihre Umgebung mit ihrer Vergangenheit umgeht.
Kann sie in gemütlicher abendlicher Runde, wenn reihum von harmlosen klaustrophobischen Erlebnissen (Aufzügen, lange Tunnel) erzählt wird, die Erfahrungen eines Transport per Güterwagon von Theresienstadt nach Auschwitz erzählen?
Wie geht man selbst mit der eintätowierten Nummer um, wie reagiert sie auf Menschen, die sagen, sie müsse dies Symbol der Erniedrigung wegmachen lassen.
Wütend ist sie oft über die Reaktionen der Menschen, wenn diese glauben, besser bescheid zu wissen als sie, die Betroffene, Traumatisierte; weil sie ihr das Erlebte absprechen (”Theresienstadt war ja nicht so schlimm” “Du warst ja noch ein Kind”), ihr vorschreiben, was sie zu fühlen hat. Gerade das macht das Buch so einzigartig und speziell, dass sie sich nicht allein auf das Erlebte und sein Grauen “beschränkt”, sondern die Auswirkungen auf ein ganzes Leben reflektiert. Damit eröffnete sie mir eine neue Sicht auf ein sensibles, vielbehandeltes Thema.
Sie zeigt aber auch den Weg einer starken Frau, die versucht IHR Leben anzunehmen und zu leben.

“Aber lasst euch doch mindestens reizen, verschanzt euch nicht, sagt nicht von vornherein, das gehe euch nichts an oder es gehe euch nur innerhalb eine festgelegten mit Zirkel und Lineal säuberlich abgegrenzten Rahmens an, ihr hättet ja schon die Photographien mit den Leichenhaufen ausgestanden und euer Pensum an Mitschuld und Mitleid absolviert. Werdet streitsüchtig, sucht die Auseinandersetzung.”

Kerstin

Deutscher Taschenbuch Verlag 1994, TB 7,90 €, 283 Seiten, ISBN: 978-3423119504

“Die Gräfin: Marion Dönhoff” von Klaus Harpprecht

grafin.jpgHochbetagt starb im Jahr 2002 Marion Gräfin Dönhoff - ein erfülltes und abwechslungsreiches Leben lag hinter ihr.
Aufgewachsen ist sie im aristokratischen Milieu Ostpreußens, dort führte sie auch als promovierte Volkswirtin jahrelang eines der Güter der Familie. Im zweiten Weltkrieg waren einige ihrer Freunde und Bekannten Mitglieder der Widerstandsgruppe um Graf Stauffenberg: sie verlor nach dem 20. Juli einige ihr sehr nahe stehende Menschen. Nach dem Krieg und der Vertreibung begann ihr “bürgerliches” zweites Leben bei der ZEIT, der Zeitung deren Gesicht sie jahrelang mitgeprägt hat, als Leiterin des Politikressorts, später auch als Chefredakteurin und schließlich als Herausgeberin.
Ihr “drittes” Leben im Alter wird in Harrprechts Biographie nur auf wenigen Seiten umrissen, während die Zeit bis zu den 70er Jahren gut 500 Seiten umfasst. Nicht zuviel für eine solch ungewöhnliche Frau wie ”die Gräfin” (wie sie in der ZEIT-Redaktion genannt wurde) - welterfahren, weitgereist, belesen, politisch, moralisch. Harpprecht beschreibt die Menschen, die sie geprägt haben, ihre Umgebung, ihre (sich wandelnde) politische Einstellung, ihren Einsatz, damit ihre im Widerstand hingerichteten Weggefährten nicht in Vergessenheit geraten, für das deutsch-polnische Verhältnis, für Europa. Dabei bleibt der Autor doch stets kritisch, z.B. wenn es um die NS-Vergangenheit ihres Bruders Christoph geht und legt auch mal einen Finger auf einen wunden Punkt. Leider kenne ich die autobiographischen Gespräche, die Alice Schwarzer mit Marion Dönhoff führte nicht, so dass ich hier keinen Vergleich ziehen kann.

Dreißig Fotos von Weggefährten und natürlich von Marion Dönhoff - vom Kinderbild bis zum sehr gelungenen Altersportrait - geben dem Leser auch einen visuellen Eindruck vom Leben der Gräfin zwischen Aristokratie und Zeitungsredaktion. Harpprecht hatte Zugang nicht nur zum ZEIT-Archiv, sondern auch zum Familienarchiv der Dönhoffs und konnte so viele Quellen erstmals einsehen. Leider enthält das Buch zwar Quellenangaben, aber da diese im Text nicht markiert sind, sondern lediglich nach Kapitel zusammengefasst aufgezählt werden, ist dem Leser die Zuordnung der Aussagen im Text zu den Quellen unnötig erschwert (und wenn man die Wikipedia schon zitieren will, sollte man das doch korrekt machen). Dafür erhält der Leser eine Biographie, die sich nicht nur angenehm flüssig lesen lässt, sondern aus der sich auch über das Leben der Dönhöff hinaus so manches interessante zeitgeschichtliche Detail ergibt. Der Leser, der Marion Dönhoffs autobiographische, politische und essayistische Schriften (schade übrigens, dass keine Bibliographie angefügt ist!) kennt, wird trotzdem in Harrprechts Buch viel Neues erfahren. Auch für Nicht-ZEIT-Leser eine Empfehlung das Leben dieser ganz besonderen Frau kennen zu lernen.

Kerstin

Rowohlt Verlag, 2008, Hardcover 24,90 €, 416 Seiten, ISBN: 978-3498029845

“Erfolg” von Lion Feuchtwanger

erfolg.jpg“Das Buch Bayern” heißt des Schriftsteller Jacques Tüverlins Buch, das er nach über 800 Seiten von Lion Feuchtwangers Roman beginnt zu schreiben. “Das Buch Bayern” könnte auch der Titel des Romans “Erfolg” sein; und ist es in gewisser Weise auch - ist doch Tüverlin in diesem Schlüsselroman das Alter Ego Feuchtwangers.
Also in Bayern, genauer in München, spielt das voluminöse Werk - in den 20er Jahren als statt “Laptop und Lederhosen” noch Landwirtschaft und Gemütlichkeit angesagt war. Ein böser Blick ist es, den Feuchtwanger da auf die Stadt, in der er lange gelebt hat und ihre Menschen wirft - er seziert die schwierige Zeit der Inflation, des Hitler-Putsches (im Roman: Kutzner). Und insbesondere beschäftigt er sich mit der Gerechtigkeit und der Justiz.
Martin Krüger ist die tragische Hauptperson, der Museumsdirektor, der ein unliebsames Bild aufgehängt hat und schließlich wegen angeblichen Meineids im Gefängnis landet - ein Prozess, der nur geführt wird, um den unangepassten Krüger aus seiner Postion zu enthaben. Spielball wird er nicht nur des Gerichts, sondern der großen und kleinen Politik. Johanna Krain, die Frau an seiner Seite, kämpft um ihn, spricht mit all den großen, einflussreichen Männern - immer wieder keimt Hoffnung auf, immer wieder wird sie enttäuscht.

Eine Vielzahl von Charakteren begleitet der Leser durch die Seiten, manchmal (auch weil ich extrem langsam gelesen habe) fiel es mir schwer im Kopf zu behalten, wer nun für was einstand. Aber so gibt es auch eine Fülle kleiner und großer Nebenschauplätze, die sich um die Geschichte Johannas und Martins gruppiert, Politisches, Menschlisches. Die interessanteste für mich die um Rupert Kutzner (Adolf Hitler) und seine Partei der “Wahrhaften Deutschen”.
Feuchtwanger schreibt in einer ungewöhnlichen Sprache, die dem bayrischen Dialekt angelehnt ist - imitiert den Satzbau, baut ab und an Dialektbegriffe ein. Seine distanzierte Erzähl-Position, die wirkt als würde er nicht über seine Zeit, sondern eine vergangene schreibt, ist ebenso ungewöhnlich und interessant.
Das Nachwort schlüsselt viele Personen auf die ich (bis auf Hitler und Karl Valentin) so nicht erkannt hatte, darunter die Schriftsteller Bert Brecht, Ludwig Thoma und Ludwig Ganghofer, sowie eine gute Handvoll “Großkopfiger” (Politiker).
Bedrückend wie hellsichtig der Autor in den Zwanziger Jahren den aufkommenden Nationalsozialismus darstellt - ein Thema das im zweiten Teil der Wartesaal-Trilogie “Die Geschwister Oppermann” weiterverfolgt wird.

Kerstin

Aufbau Verlag, 2002, Taschebuch 12,50 €, 878 Seiten, ISBN: 978-3746656069

“Die Badewanne des Archimedes” von Sven Ortoli

badewanne.jpgArchimedes, der in der Badewanne “Heureka” ruft, Newton, dem beim Fall eines Apfels die Gravitation klar wird, Schrödingers Katze, Einsteins E=mc^2, der Urknall und Schwarze Löcher - die beiden Autoren gehen Mythen und Legenden, die aus der Wissenschaft ins kollektive Bewusstsein gerückt sind auf den Grund. War Leonardo wirklich so außergewöhnlich genial, gibt es keinen Nobelpreis für Mathematik, weil Nobels Frau ein Verhältnis mit einem Mathematiker hatte? 22 solcher Fragestellungen werden auf leider immer nur etwa 10 Seiten abgehandelt, oder besser angerissen.
Dass die beiden Autoren Franzosen sind, zeigt sich nicht nur in der Erwähnung mancher Wissenschafter, sondern mehr noch in der Art wie Kultur und Wissenschaft verstanden und beurteilt wird, gerade in Kapiteln wie “Fortschritt”, die sich nicht mit einem einzelnen Mythos beschäftigen.

Ich fand das Buch überraschend inhaltsleer - zwar werde in manchen Fällen tatsächlich Legenden beleuchtet, doch oft geht es mehr um andere Themen: es wird in knappester Form etwas Wissenschaftsgeschichte und -rezeption erzählt, es wird beleuchtet, was von der großen Wissenschaft bei den wissenschaftlichen Laien noch ankommt. Dass die Abschnitte so kurz und unzusammenhängend sind, lässt wenig Lesefluss aufkommen. Die Autoren verlieren sich in Philosophierereien, die vom eigentlichen Thema wegführen.
Schade, denn die Idee des Buches als solche fand ich interessant, leider bliebt es so auf halben Weg zwischen den knappen Erklärungen der Kolumne “Stimmt’s” aus der ZEIT und ausführlicheren populärwissenschaftlichen Werken hängen.

Kerstin

Piper Verlag, 2007, Sonderausgabe 7 €, 207 Seiten; ISBN:  978-3492250917