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„In Zeiten des abnehmenden Lichts“ von Eugen Ruge
Eine nachdenklich stimmende Familien-Chronik.
>>Zwei Tage lang hatte er wie tot auf seinem Büffelledersofa gelegen. Dann stand er auf, duschte ausgiebig, um auch den letzten Partikel Krankenhausluft von sich abzuwaschen, und fuhr nach Neuendorf.<<
Der Protagonist dieser Chronik heißt Alexander. Im Jahr 2001 erhält er die Diagnose unheilbaren Lymphknotenkrebs, und dass sein Vater Kurt ihn höchstwahrscheinlich überleben wird. Um mit dieser Situation fertig zu werden, beschließ Alexander nach Mexiko zu reisen. Dort wandelt er auf den Spuren seiner Großmutter, allerdings entpuppt sich diese Spurensuche immer mehr einer Selbsterkenntnis. Und mit dieser Ausgangssituation eröffnet der Autor den Blick auf Alexanders Familie:
Charlotte, Alexanders Großmutter, mit ihrem zweiten Mann Wilhelm, der nicht der Großvater ist, sind leidenschaftliche Kommunisten, die nach dem II. Weltkrieg freiwillig in die Deutsche Demokratische Republik heimkehren. Zwei Söhne gab es aus erster Ehe, beide verbrachten Jahre in einem Gulag, aus dem nur Kurt zurück kehrte. Da bröckelt also schon der kommunistische Gedanke, und in der nächsten Generation ist er völlig abhanden gekommen, denn Alexander türmt 1989 in den Westen.
Das ist die schwierige Familiensituation, die der Autor gut gewählt mit „Zeiten des abnehmenden Lichts“ betitelt. Das utopische Licht, das einst so schön von Marx in die Welt gesetzt worden ist, und dennoch nie wirklich gestrahlt hat.
>>Der Letzte Satz, den Kurt zusammenhängend hatte sagen können war: Ich habe die Sprache verloren.<<
Der Roman beginnt mit einer sehr gehetzten und getrieben Sprache, die mit Assoziationsketten/Bewusstseinsstrom arbeitet. Sie ist etwas kompliziert zu lesen, passt aber hervorragend zum Protagonisten. Da aber der Autor auch andere Kapitel und Figuren zu Beginn in diesem Stil beschreibt, ihn nicht ausschließlich auf Alexander verwendet, sondern leider generell nach knapp 100 Seiten in einen weichen, erzählerischen Stil, der sich dann so richtig gut lesen lässt, verfällt, empfand ich als störend. Ausgesprochen gut gefallen hat mir, dass die Kapitel 1. Oktober 1989 immer aus der Blickrichtung eines anderen Familienmitglied neu erzählt wurde. Der Leser bleibt nach der Lektüre mit einem vollen Gefühl und vielen guten Lesestunden zurück, so dass ich das Buch gerne weiter empfehlen kann.
Krümel
Rowohlt Verlag 2011, Hardcover 19,95 €, 426 Seiten, ISBN: 978-3-498-05786-2


18.2.2012 bei 18:22
Meine Meinung zu diesem Buch:
In aller Bescheidenheit nannte der Rowohlt-Verlag dieses Buch „einen großen Deutschland-Roman“ – man kann wirklich nur froh sein, dass der Verlag sich nicht noch weiter hat hinreißen lassen und dieses Buch als „DEN großen Deutschland-Roman“ bezeichnete. Denn mehr als ein durchaus lesenswerter, aber eben auch höchst durchschnittlicher Roman, ist dieses Buch ganz sicher nicht. Selbst die Bezeichnung „ein großer Deutschland-Roman“ ist schon arg an der Grenze der Vermessenheit.
Eugen Ruge beschreibt das, was schon häufig in ähnlicher Form beschrieben wurde. Neue Wege geht dieser Autor leider nicht, obwohl der eine oder andere neue Weg diesem Buch ganz sicher nicht geschadet hätte. So bleibt im Ergebnis eben nur ein durchschnittlicher Allerweltsroman, der ohne große Höhepunkte bleibt und der sicher auch nicht das Zeug dazu hat, sehr lange im Gedächtnis haften zu bleiben. Ruge bedient sich leider der gängigen Klischees über die deutsche Vergangenheit, über das Exil in der Sowjetunion, über die Verbannung nach Sibirien, über die Emigration nach Mexiko und über das Leben im geteilten und dann wiedervereinigten Deutschland.
Was der Autor allerdings sehr gelungen beschreibt, ist die spießbürgerliche deutsche Lebensart, in der DDR aber eben auch in der damaligen Bundesrepublik Deutschland – eine Sache, in der sich beide deutschen Staaten offenbar immer ganz einig war. Egal wie – Hauptsache aber spießbürgerlich und verbissen.
Eugen Ruge hat einen durchaus lesbaren Roman geschrieben der es aus mir unerfindlichen Gründen sogar auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2011 geschafft hat. Dieses Buch wirkt insgesamt ein wenig griesgrämig, eine kleine Prise Humor hätte ihm ganz sicher nicht geschadet – allerdings verkörpert diese Griesgrämigkeit aber wohl auch deutsche Lebensart. Die wiederum wurde, wie bereits erwähnt, treffend beschrieben.
Wieso die FAZ allerdings meinte, Günter Grass wäre beim gespannten Zuhören die Pfeife ausgegangen, das erschließt sich mir nicht. Das ist mal wieder so ein Satz, der sich auf einem Buchrücken vielleicht ganz gut macht, der aber in seiner Sinnleere schon beeindruckend ist.
Muss man dieses Buch nun gelesen haben? Wenn man mitreden will, wenn man im literarischen Smalltalk mangels anderer Themen ansonsten den Mund halten müsste – ja, dann sollte man dieses Buch lesen – so hat man in der „elitären“ Runde wenigstens einmal den Mund aufgemacht. Manchmal gehört es eben zum „guten Ton“ dieses oder jenes Buch gelesen zu haben.
Wenn man aber liest, weil man Freude am Lesen hat – nein, dann muss man dieses Buch ganz sicher nicht unbedingt gelesen haben.
Aufmerksam auf dieses Buch wurde ich übrigens als ich auf 3SAT ein Gespräch des Autors mit einer sich unglaublich wichtig nehmenden Dame sah, deren Name mir leider entfallen ist, die sich in halsbrecherischen Formulierungen verhedderte und dabei versuchte den Anschein zu erwecken, sie hätte Ahnung von der Materie.
Dieses Buch von Eugen Ruge bot mir keine neuen Erkenntnisse, Altbekanntes wurde nur wieder aufgewärmt. Sicher gibt es auf diesem Gebiet weitaus schlechtere Bücher – aber es gibt eben auch bessere Bücher. In Tom Liehrs „Sommerhit“ beispielsweise erfährt man mehr Wissenswertes über das geteilte Deutschland als in diesem Buch von Eugen Ruge.
Vielleicht sollte noch erwähnt werden, dass Ruge nicht chronologisch erzählt – er springt zwischen den einzelnen Zeitabschnitten hin und her, für den Leser durch die jeweilige Jahreszahl gut kenntlich gemacht. Diese Zeitsprünge lockern das Buch ein wenig auf und sind in stilistischer Hinsicht ein gutes Mittel den Leser bei der Stange zu halten.
Fazit: Kein schlechtes Buch, kein überragendes Buch – solider Durchschnitt.
19.2.2012 bei 09:38
Dieses Buch hat also den “Deutschen Buchpreis 2011″ gewonnen. Nach der Lektüre kam mir schon die Frage in den Sinn, ob im gesamten Jahr 2011 keine besseren Bücher im deutschsprachigen Raum geschrieben wurden.
Ich kann mich Jan in fast allen Punkten anschließen. Ein netter Roman mit vielen guten Ansätzen, der aber, für mich, an der Oberfläche bleibt. Alle Personen bleiben farblos, lediglich Charlotte wurde teilweise “greifbar”.
Die Zeitsprünge haben mich, da die dazu gehörenden Kapitel nicht sehr lang sind, eher verwirrt.
Insgesamt ein netter Roman aber ich kann mich heute, 2 Monate nach der Lektüre, nur noch bruchstückhaft an die Handlung und vor allem die Personen erinnern. Es ist wie oben beschrieben: man muss diesen Roman wirklich nicht gelesen haben!
19.2.2012 bei 11:31
Mittlerweile habe ich ja auch “Gegen die Welt” von Jan Brandt gelesen, also dieser Roman ist fulminanter, und steht meiner Meinung nach klar oberhalb von “In Zeiten des abnehmenden Lichts”. Aber diese Jurie konnte ich eh noch nie verstehen