Infos

Sie befinden sich aktuell in den Archiven des Blogs Das Literaturblog für Februar, 2012.

Calendar
Februar 2012
M D M D F S S
« Jan   Mrz »
 12345
6789101112
13141516171819
20212223242526
272829  
Kategorien

Archive für Februar 2012

“Schostakowitsch” von Krzysztof Meyer

Diese Biografie des Komponisten Krzysztof Meyer, in Krakau geboren, seit 1987 Professor für Komposition an der Musikhochschule in Köln, ist erstmals 1972 erschienen und wurde 1998 überarbeitet. Über 500 Seiten lang erzählt Krzysztof Meyer über das Leben und die Musik des sowjetischen Komponisten Dimitri Schostakowitsch, den ich gerne als letzten großen Klassiker der Musikgeschichte bezeichne. Im Vorwort erklärt Meyer von den Schwierigkeiten, einer Biografie über Schostakowitsch zu schreiben, denn der Zugang zum Quellenmaterial war schwierig oder auch gar unmöglich. Ohne politischer Zeit – und Kulturgeschichte kann sich mit Schostakowitsch nicht beschäftigt werden, denn er war sehr tief in der Sowjetunion verankert, er war verstrickt mit der politischen Führung im Kreml, die von dem Komponisten und von allen sowjetischen Komponisten forderte, für die Sowjetunion zu komponieren und nicht dagegen. Die Kremlführung wollte Macht und Kontrolle über Künstler haben. Manche Komponisten wurden, damit sie nicht weiter verfolgt wurden, dazu verdammt, nur noch russische Volksliedbearbeitungen o.ä. zu schreiben. Schostakowitschs Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ wurde in dem Artikel „Chaos statt Musik“ in der Prawda vom 28.01.1936 dem Erdboden gleichgemacht. Natürlich sind solche VorwürfeDiese Biografie des Komponisten Krzysztof Meyer, in Krakau geboren, seit 1987 Professor für Komposition an der Musikhochschule in Köln, ist erstmals 1972 erschienen und wurde 1998 überarbeitet. Über 500 Seiten lang erzählt Krzysztof Meyer über das Leben und die Musik des sowjetischen Komponisten Dimitri Schostakowitsch, den ich gerne als letzten großen Klassiker der Musikgeschichte bezeichne. Im Vorwort erklärt Meyer von den Schwierigkeiten, einer Biografie über Schostakowitsch zu schreiben, denn der Zugang zum Quellenmaterial war schwierig oder auch gar unmöglich. Ohne politischer Zeit – und Kulturgeschichte kann sich mit Schostakowitsch nicht beschäftigt werden, denn er war sehr tief in der Sowjetunion verankert, er war verstrickt mit der politischen Führung im Kreml, die von dem Komponisten und von allen sowjetischen Komponisten forderte, für die Sowjetunion zu komponieren und nicht dagegen. Die Kremlführung wollte Macht und Kontrolle über Künstler haben. Manche Komponisten wurden, damit sie nicht weiter verfolgt wurden, dazu verdammt, nur noch russische Volksliedbearbeitungen o.ä. zu schreiben. Schostakowitschs Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ wurde in dem Artikel „Chaos statt Musik“ in der Prawda vom 28.01.1936 dem Erdboden gleichgemacht. Natürlich sind solche Vorwürfr bodenloser Unsinn. Die Sowjetbonzen, das zeigt diese Biografie auch, hatten keine Ahnung von Musik und Kunst. In dem Artikel steht drin, die Musik verneine die Oper, der Komponist bediene sich der nervösen, verkrampften und hysterischen Jazzmusik, die Musik gehe auf mangelnde Begabung des Komponisten zurück oder auf das Unvermögen, starke und einfache Gefühle in der Musik auszudrücken, die „Liebe“ werde in der Oper auf ausgesprochen vulgäre Art ausgebreitet, der Komponist soll sich auch nicht um die Erwartungen der sowjetischen Kultur gekümmert haben, er chiffriere seine Musik durch Zusammenklänge, die nur Formalisten und Ästheten interessieren können, deren Geschmack sich schon längst verformt habe usw…

Wenn wir über Schostakowitchs Studienjahre lesen, können wir leicht erkennen, dass sich ein Generationswechsel von Komponisten vollzieht. Glasunow, der Tschaikowski und Rimsky-Korsakoff noch persönlich gekannt hat, vertrug die Modernen nicht. Mit Strawinsky, Prokofiew und den neuartigen Klängen von Schostakowitsch konnte er nichts anfangen, auch wenn er Dimitris Talent erkannte. Ähnlich erging es auch Maximillian Steinberg, Schostakowitschs Lehrer im und Konservatorium.

>>„Als Schostakowitsch kam und mir seine Aphorismen zeigte, sagte ich ihm, dass ich nichts davon verstünde, und dass mir diese Musik völlig fremd sei.“<<

Zeitweise musste Schostakowitsch Angst haben, selber verhaftet oder umgebracht zu werden. Künstler in seinem Umkreis fielen dem Stalinterror zum Opfer. Ab 1946 setzte eine harte Welle von Repressalien ein. Alles was aus dem Westen kam, wurde verteufelt: Jazz, Unterhaltungsmusik, Zwölftonmusik als Kakophonie verpönt. Besonders auch Literaten wurden verfolgt. Krzysztof Meyer hat den richtigen Weg eingeschlagen, und schreibt in Extrakapiteln über sowjetische Kulturpolitik. Natürlich dürfen wir nicht denken, Schostakowitsch habe unter dieser Diktatur keine Erfolge gehabt. Das stimmt natürlich nicht. Im Grunde genommen galt Schostakowitsch den Sowjets sogar als Vorzeigekomponist, obwohl, dafür gibt es genügend Hinweise, der Komponist sich niemals der Kremldiktatur unterworfen hat. Das zeigt auch diese Biografie. Schostakowisch befand sich ständig im Kampf, sich nicht völlig unterkriegen zu lassen. Nach dem Sieg in der Schlacht bei Stalingrad, erwarteten die Staatsbonzen eine heitere Symphonie des Sieges, Schostakowitsch aber einer sehr lange Symphonie des Trauers komponierte, die Achte, die zu den größten Meisterwerken des Komponisten zählt. Sie gedachte der Opfer. Die Symphonie Nr. 9, die dann wirklich den Sieg symbolisiert, ist zwar sehr heiter, aber ziemlich kurz. Ale er 1960 quasi mehr oder weniger gezwungen wurde, der Komunisischen Partei beizutragen, vergoss er sehr viele Tränen. Es ist kaum zu verstehen, wie Schostakowisch den Druck durch den Staat aushalten konnte. Immerhin schrieb er seit seit seinen Jüdischen Liedern, 1948, viele Jahre lang nur für die Schublade.

Da Krzysztof Meyer, der Autor dieser Biografie, selbst Komponist ist, erfahren wir über die Musik Schostakowitschs sehr viel. Viele Werke werden beschrieben, und dieses kann auch ohne große Bildung in Musiktheorie gut verstanden werden. Diejenigen, die Musiknoten lesen können, erfreuen sich sicher über die zahlreichen Notenbeispiele. Meyer ordnet ein, welche Stellung einzelne Musikwerke im Gesamtschaffen des Künstlers haben. Meiner Ansicht nach sollte während der Lektüre auch die besprochene Musik gehört werden. Eine gute Chance, sich in diese Musik zu vertiefen, da auch Meyer uns in seinen Beschreibungen einen Zugang zur Musik öffnet. Schostakowitschs Musik ist mal traurig, dann lustig, grotesk, witzig. Das Hörstudium seines Werkes hat mir deutlich gezeigt, dass seine Musik ein reichliches Spektrum von Emotionen ausdrückt. Einige Symphonien und andere Werke kannte ich ja schon, neu hinzugekommen ist besonders meine Aufmerksamkeit auf seine Streichquartette. Auch für Leser, die sich für ein Künstlerleben in der Sowjetunion interessieren, ist die Beschäftigung mit Schostakowitsch unerlässlich. Es ist natürlich verständlich, dass Meyer als Komponist insgesamt genauer über die Musik zu schreiben weiß als über Sowjethistorie. Als Ergänzung bieten sich Bücher des Historikers Kurt Schlögel („Terror und Traum. Moskau 1937“) o.a. an. Wahrscheinlich ist es dem Autoren dieser Biografie nicht anzulasten, dass wir in dieser umfangreichen Biografie verhältnismäßig wenig persönliches über den Autor erfahren. Schostakowitsch war etwas schüchtern, hatte nur sehr wenig intimere Freundschaften, und zeigte sich in manchen Situationen doch etwas merkwürdig, was nicht unbedingt jeder außenstehende verstand. In dieser Hinsicht wissen wir sicher viel mehr über Beethoven, als über Schostakowitsch.

>>„Sein Verhalten entzog sich einer eindeutigen Beurteilung. Die einen sahen in ihm einen Opportunisten, andere wiederum respektierten sein Verhalten, in dem sie Beweise für eine Ablehnung des sowjetischen Machtanspruchs erkannten. Es gab auch einzelne, die Schostakowitsch für einen typischen russischen Sonderling hielten – einen Menschen, der den Tölpel spielt und unter der Narrenmaske der Welt auf umständliche Weise die Wahrheit sagt, wobei er seine Gedanken absichtlich in raue, farblose und ungelenke Worte kleidet.“<<

Der Anhang ist vorbildhaft. Neben Werkverzeichnis und anderen Selbstverständlichkeiten finden wir auch Inhaltsangaben der Opern „ Die Nase“ und „Lady Macbeth von Mzensk“.

mArtinus

Atlantis Musikbuch-Verlag 1998, Taschebuch 19,95 €, 608 Seiten, ISBN: 978-3254083760

Neuerscheinungen im März

“Der Ameisenhügel” von Doris Lessing

Farbenfroh und leidenschaftlich schildert sie Menschen und Landschaften, aber auch Konflikte und Spannungen in der kolonialen Gesellschaft. Zwei der Geschichten erscheinen in dieser Ausgabe erstmals in deutscher Übersetzung. 

“Schwarzes Schilf” von Matthias Wegehaupt

Ein Roman, der die großen Fragen der modernen Existenz voll innerem Ernst und mit ruheloser Sehnsucht umkreist. „Er hatte einiges begriffen. Man schimpft nicht auf den Wind, der ist, wie er ist, man lernt es, ihn zu nutzen und den Böen zu begegnen.“ 

“Der kleine Rest des Todes” von Ulla Lenze

Seit ihr Vater bei einem Flugzeugabsturz tödlich verunglückt ist, ist auch Ariane irgendwie nicht mehr da. Und die rauschende Stille der indischen Palaniberge, in denen sie Monate in einem Zen-Kloster verbracht hat, scheint Lichtjahre entfernt. Spätestens als sie eines Morgens unter dem Fenster ihres Liebhabers erwacht, weiß sie, dass mit ihr etwas nicht stimmt.

“Erbarmen” von Hermann Peter Piwitt

Über die Liebe, über Phantaisen und Realität, erzählt aus der Sicht einer FrauDass Hermann Peter Piwitt eine Frau erzählen lässt, in Ich Form, ist gewiss eine Überraschung. Und sie gelingt! Vielleicht weil der Autor sich selbst und seine Geschlechtsgenossen, so aus ironisch komischer Perspektive in den Blick nehmen kann.

Neuerscheinungen im März

“Der Junge mit dem Herz aus Holz” von John Boyne

Eines Morgens läuft Noah von zu Hause fort. Ein einsamer Waldweg führt ihn zu einem Spielzeugladen voller Zauber und Magie. Hier lernt Noah einen sehr ungewöhnlichen Spielzeugmacher kennen.

“Verflucht sei Dostojewski” von Atiq Rahimi

In Kabul tötet ein verarmter junger Mann eine alte Frau. Der ehemalige Jurastudent Rassul hat es auf Schmuck und Geld der Wucherin abgesehen, denn er weiß nicht mehr, wovon er seine Familie ernähren soll. Doch während derTat kommt ihm plötzlich sein Gewissen in die Quere und erinnert ihn an das Schicksal …

“Der aufrechte Mann” von Davide Longo

Eine grandiose Parabel auf das heutige Italien und das bestechende Porträt eines Mannes, der vieles verlieren muss, um zu sich selbst zu finden. Das Land ist komplett abgeschottet. Seine Straßen sind leer; streunende Hunde und Männer mit Gewehren durchqueren die Felder; Lebensmittel, Benzin und Zigaretten werden knapp; Geschäfte und Banken schließen, es ist kein Geld mehr im Umlauf.

“Die Schwestern” von Judka Strittmatter

Kindheitsmuster Obwohl die Beziehung zwischen den Schwestern Martha und Johanne Andruschat kompliziert ist, wollen sie ein paar Tage an der Ostsee verbringen. Dort aber haben sie auch eine lieblose Kindheit verlebt, die sie als Rivalinnen zurückließ und deren Deutung sie immer wieder entzweit …

„Jahrmarkt der Eitelkeit“ von Wiliam Makepeace Thackeray

Ein Roman mit einigen Längen!

Die Entwicklung insbesondere zweier Damen und anderen Figuren wird hier vom Autor beschrieben und von einem auktorialen Erzähler kommentiert. Rebecca, Tochter eines Malers und einer Balletttänzerin, wird in der gleichen Mädchenschule unterrichtet wie Amelia, die aus einer reichen Kaufmanns-Familie stammt. Rebecca ist eine sehr erfolgreiche Hochstaplerin, sie lässt ihr Äußeres immer für sie arbeiten, und in der Hoffnung auf eine gute Partie, angelt sie sich einen Spross einer adeligen Familie, doch seine Erbtante lässt durch diese Liaison ihren Neffen unberücksichtigt.
Amelias Verlobter aus Kindheitstagen wird ebenfalls enterbt aufgrund seiner Heirat, da ihr Vater eine große finanzielle Niederlage und seinen Ruin erlitten hat. Und so kämpfen vier Schicksale um ihr Auskommen, ihre Anerkennung und Stellung in der Gesellschaft. Das eine Paar auf hocherhobenen Füßen und voller Selbstbewusstsein, das andere in Selbstüberschätzung und genügsamer Demut.
Diese Ausgangssituation wird von historischen Ereignissen, die Schlacht bei Waterloo sowie Napoleons Untergang, eingerahmt. Alles in Allem ist das ein sehr interessanter Stoff für einen großen Roman! Wenn da nicht der leidige Kommentator wäre, der immer wieder die Handlung in die Länge zieht. So entsteht etwa in der Mitte des Geschehens (m. M. n.) ein großes Loch, da er dort in die Zukunft vorweg nimmt. Störend dabei ist, dass eben der Roman nicht von irgendeiner Atmosphäre, Sprache oder sonstige literarische Feinheiten getragen wird, sondern lediglich von den Figuren und deren Entwicklung im Rahmen ihrer Zeit. Durch das Einmischen des Kommentators nimmt sich der Autor selbst sein Spannungsfeld und dem Leser das Lesevergnügen.
Zum Schluss wird es teilweise nur noch nervend, wenn der Leser von einer Abschweifung in die nächste gezogen wird. Persönlich mag ich eigentlich den auktorialen Erzähler wie beispielsweise im „Zauberberg“, aber dieser hier ist mir am Ende arg aufgestoßen. Zu Beginn als er seinen „Jahrmarkt der Eitelkeit“ vorstellt, war er witzig, spritzig und oft auch ironisch, im Laufe des Geschehens werden seine Einmischungen immer mehr belehrend und aufdringlich!

Krümel

Kindle Edition aus dem Rowohlt Verlag 2011, 1289 KB, ASIN: B004UBDO1C

“Ein allzu kurzes Leben” von Ronald Reng

Fußballer sind Volkshelden.
Fußballer sind stark.
Fußballer sind Vorbilder.
Fußballer genießen ihr Leben im Rampenlicht.
Fußballer haben sich ihr Hobby zum Beruf gemacht.
Fußballer haben keine Zweifel.

Soweit, so gut.

Dann aber kam der November 2009 und Robert Enke, die potentielle Nummer Eins für die WM 2010 in Südafrika, geht einen Weg, auf dem ihn niemand folgen kann - er nimmt sich das Leben. Für kurze Zeit schien es ein Aufwachen zu geben, sah man den Fußballzirkus mit neuen Augen. Er hat die Menschen aufgerüttelt und wurde zum traurigen Vorbild - seitdem trauen sich immer mehr Fußballer und jüngst auch ein Fußballtrainer zu sagen “Ich habe ein Problem. Ich lass mich behandeln.”

Ronald Reng gelingt mit seinem Werk zweierlei - zum einen zeichnet er sehr authentisch das Leben eines Mannes, der viele Höhen und Tiefen zu bewältigen hatte, der auch ein Meister der Maske war, der es selten zuließ, dass sein Umfeld hinter die Fassade schauen durfte. Zum anderen schafft er es, die Krankheit “Depression” so darzustellen, dass man als Außenstehender wenigstens den Hauch einer Ahnung davon bekommt, was es bedeutet selber oder passiv davon betroffen zu sein.
Er drückt dabei nicht auf die Tränendrüse, sondern läßt den Leser teilhaben am Innenleben von Robert Enke - mit Hilfe von Tagebuchnotizen, Berichten von Freunden oder seiner Frau Teresa.

Mich hat die Biographie sehr bewegt, da sie sehr eindrucksvoll das Leben mit einer Krankheit beschreibt, die die eigene Seele dunkel macht und das Leben lähmt.

Ronald Reng, Jahrgang 1970, liebte London schon, als er es noch gar nicht kannte. 1996 zog er für fünf Jarhe dorthin, 2001 erschien sein vielbeachteter Roman »Der Traumhüter«, 2003 »Mein Leben als Engländer«. Ronald Reng lebt heute als Sportreporter in Barcelona.

Sabine

Piper Verlag 2010, Hardcover 19,95 €, 426 Seiten, ISBN: 978-3492054287

Neuerscheinungen im März

“Wohin mit mir” von Sigrid Damm

Es ist das letzte Jahr des vergangenen Jahrtausends. Gerade erst hat die Erzählerin ihren Lebensmittelpunkt im hohen Norden gefunden, in einer Landschaft, in der sie unendliche Weite und Ruhe umgibt, in der alles liegt, was sie erzählen will – …

“Der Umweg” von Gerbrand Bakker

An klaren Tagen kann man in der Ferne das Meer sehen, und auf den verwunschenen Wegen rings um das alte walisische Farmhaus ist lange niemand mehr gewandert. Es ist ein schöner Flecken Erde, den Agnes sich als Versteck ausgesucht hat. Die Gedanken an das, was sie von Amsterdam vertrieben hat ihr ahnungsloser Mann, der junge Student, vor allem aber die verstörende Angst vor dem Kommenden , lassen sich so leichter im Zaum halten.

“In hellen Sommernächten” von John Burnside

»In hellen Sommernächten« ist ein Spiel aus Licht und Schatten, aus Sehen und Verstehen, das in eine Welt entführt, in der sich alle Gewissheiten auflösen.

“Kripp” von Otto Licha

Zukunft trifft Vergangenheit in Innsbruck, der kleinen Großstadt in den Alpen, Erinnerungen an das alte Jugendzentrum MK steigen auf, das, von Sigmund Kripp und seiner im Hintergrund allgegenwärtigen Schwester Theresa geleitet, zum größten seiner Art in Europa aufstieg.

“Niemand, nirgends” von Bosko Tomasevic

Niemand, nirgends ist die Beschreibung einer Landschaft: das historische Pannonien. Tomasevic Roman umfasst das ganze 20. Jahrhundert mit all seinen Schrecken, die den Menschen seiner Illusionen beraubt und ihn nackt und orientierungslos auf sich selbst zurückgeworfen haben. 

Neuerscheinungen im März

“Eine große Zeit” von William Boyd

Boyds neuer Roman ist eine Erkundung der Tiefen menschlicher Psyche und ein Spionageroman zugleich. Mit meisterlicher Hand entwirft Boyd einen Kosmos, der die Unruhe und Rastlosigkeit einer Epoche zeigt, den schmalen Grat zwischen Brillanz und Scheitern.

“Der Nachtzirkus” von Erin Morgenstern

Er kommt ohne Ankündigung und hat nur bei Nacht geöffnet: der Cirque des Rêves – Zirkus der Träume. Um ein geheimnisvolles Freudenfeuer herum scharen sich fantastische Zelte, jedes eine Welt für sich, einzigartig und nie gesehen. Doch hinter den Kulissen findet der unerbittliche Wettbewerb zweier verfeindeter Magier statt.

“Große Ferien” von Nina Bußmann

Mit unheimlicher Präzision zieht Nina Bußmann uns hinein in ein Indizienspiel von parabolischer Gestalt. Während wir noch Opfer von Tätern zu unterscheiden suchen, drängt es uns unaufhaltsam hin zu jenem Moment, in dem ein Mann alles auf eine Karte setzt. 

“Im Tal von Vajont” von Mauro Corona

Severino Corona, genannt Zino, wächst Ende des 19. Jahrhunderts in einem kleinen Bergdorf im Friaul auf, als Waisenjunge. Als er später den jungen Raggio kennen lernt und sich mit ihm anfreundet, beschließen die beiden, eine Käserei aufzumachen. Die floriert auch bald… Aber da versucht Raggios Frau, …

„In Zeiten des abnehmenden Lichts“ von Eugen Ruge

Eine nachdenklich stimmende Familien-Chronik.

>>Zwei Tage lang hatte er wie tot auf seinem Büffelledersofa gelegen. Dann stand er auf, duschte ausgiebig, um auch den letzten Partikel Krankenhausluft von sich abzuwaschen, und fuhr nach Neuendorf.<<

Der Protagonist dieser Chronik heißt Alexander. Im Jahr 2001 erhält er die Diagnose unheilbaren Lymphknotenkrebs, und dass sein Vater Kurt ihn höchstwahrscheinlich überleben wird. Um mit dieser Situation fertig zu werden, beschließ Alexander nach Mexiko zu reisen. Dort wandelt er auf den Spuren seiner Großmutter, allerdings entpuppt sich diese Spurensuche immer mehr einer Selbsterkenntnis. Und mit dieser Ausgangssituation eröffnet der Autor den Blick auf Alexanders Familie:

Charlotte, Alexanders Großmutter, mit ihrem zweiten Mann Wilhelm, der nicht der Großvater ist, sind leidenschaftliche Kommunisten, die nach dem II. Weltkrieg freiwillig in die Deutsche Demokratische Republik heimkehren. Zwei Söhne gab es aus erster Ehe, beide verbrachten Jahre in einem Gulag, aus dem nur Kurt zurück kehrte. Da bröckelt also schon der kommunistische Gedanke, und in der nächsten Generation ist er völlig abhanden gekommen, denn Alexander türmt 1989 in den Westen.

Das ist die schwierige Familiensituation, die der Autor gut gewählt mit „Zeiten des abnehmenden Lichts“ betitelt. Das utopische Licht, das einst so schön von Marx in die Welt gesetzt worden ist, und dennoch nie wirklich gestrahlt hat.

>>Der Letzte Satz, den Kurt zusammenhängend hatte sagen können war: Ich habe die Sprache verloren.<<

Der Roman beginnt mit einer sehr gehetzten und getrieben Sprache, die mit Assoziationsketten/Bewusstseinsstrom arbeitet. Sie ist etwas kompliziert zu lesen, passt aber hervorragend zum Protagonisten. Da aber der Autor auch andere Kapitel und Figuren zu Beginn in diesem Stil beschreibt, ihn nicht ausschließlich auf Alexander verwendet, sondern leider generell nach knapp 100 Seiten in einen weichen, erzählerischen Stil, der sich dann so richtig gut lesen lässt, verfällt, empfand ich als störend. Ausgesprochen gut gefallen hat mir, dass die Kapitel 1. Oktober 1989 immer aus der Blickrichtung eines anderen Familienmitglied neu erzählt wurde. Der Leser bleibt nach der Lektüre mit einem vollen Gefühl und vielen guten Lesestunden zurück, so dass ich das Buch gerne weiter empfehlen kann.

Krümel

Rowohlt Verlag 2011, Hardcover 19,95 €, 426 Seiten, ISBN: 978-3-498-05786-2

“Gegen alle Zeit” von Tom Finnek

Nach der Premierenfeier der „Bettleroper“ wird Henry Ingram mit einem unvorstellbaren Kater wach – und um fast 300 Jahre in der Zeit zurückversetzt. Er erwacht in einem stinkenden Keller in der illustren Gesellschaft von Dieben, Gaunern und Huren im London des Jahres 1724 als Captain Machead. Gemeinsam mit ihnen erlebt er spannende Abenteuer. Dabei kommt auch Henry selbst über kurz oder lang mit dem Gesetz in Konflikt und wird zum gesuchten Verbrecher.
Bisher ernteten Zeitreiseromane nie viel Lob von mir, um ehrlich zu ist sein, ich habe noch nie einen beendet. So griff ich ein wenig skeptisch zu dem neuen historischen Roman Tom Finneks. Meine Zweifel erwiesen sich jedoch als haltlos. „Gegen alle Zeit“ ein Abenteuerroman, eine Gaunergeschichte, ein Zeitreiseroman, aber vor allem ein sehr gut geschriebener historischer Roman. Als Leser konnte man das Gefühl bekommen, der Autor hat selbst so einen Zeitensprung hinter sich, so detailliert und bildhaft schildert er das alte London, mit all seinen Einwohnern, Gerüchen und Geräuschen. Mit dem Finger auf dem im Buch enthaltenen Stadtplan Londons wusste ich mich schnell in der Stadt zu orientieren und konnte den Protagonisten auf ihren Wegen folgen. Sehr gelungen waren auch die von Henry Ingram gezogenen Vergleiche vom heutigen und damaligen Aussehen der Stadt. Der Autor zeichnet mit seiner Geschichte ein hervorragendes Panorama Londons im frühen 18. Jahrhundert.
„Gegen alle Zeit“ ist keine Fortsetzung von Finneks knapp 60 Jahre vorher spielenden Roman „Unter der Asche“, aber manch Bekannter begegnet dem Leser auch in diesem Buch und die eine oder andere Begebenheit des Vorgängerromans kommt auch in diesem zur Sprache. Die Protagonisten des Romans gehören nicht zur Oberschicht. Es sind die kleinen Ganoven, Diebe, Betrüger und Huren, die dem Roman das menschliche Kolorit verleihen. Sie alle sind Persönlichkeiten mit Eigenheiten, Stärken und Schwächen, aber auf ihre ganz besondere Art doch liebenswert. Wie ein roter Faden zieht sich die Bettleroper von John Gay durch diesen Roman. Deren Figuren sind es, denen Tom Finnek mit seinem Roman Leben eingehaucht hat. Das Buch ist sehr flüssig zu lesen, die Sprache ist sehr angenehm und der Zeit angepasst. Leider mag man das Buch kaum aus der Hand legen und ist so viel zu schnell auf der letzten Seiten angelangt. Ein ausführlicher Epilog tröstet über das fehlende Nachwort ein wenig hinweg. Darin wird deutlich, welche Figuren der Fantasie des Autors entspringen und welche einen realen Hintergrund haben.
Auch vom optischen Aspekt ist dieses Buch etwas Besonderes, ein wahrer Hingucker. Der zur Handlung passende Schutzumschlag, der enthaltene Stadtplan, das Lesebändchen und nicht zuletzt die wunderschönen Illustrationen von Tina Dreher vor jedem neuen Teil und Kapitel runden den äußerst positiven Leseeindruck ab.
Mein Fazit: „Gegen alle Zeit“ ist ein farbenprächtiger und detailreicher Schmöker, im positivsten Sinne des Wortes. Man taucht als Leser ab in die damalige Zeit und ist bei der Rückkehr in die Gegenwart traurig, das Henry, Bess, Blueskin und all die anderen in ihrer Welt geblieben sind. Ich wünsche diesem Roman viele begeisterte Leser.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)
Tom Finnek, 1965 in Westfalen geboren, lebt als Filmjournalist und Schriftsteller in Berlin. Als Autor (unter dem Namen Mani Beckmann) beschäftigt er sich schon länger mit historischen Stoffen, insbesondere zum Münsterland. Für ihn ist London mit seiner langen, wechselhaften Geschichte genauso faszinierend wie Berlin. Tom Finnek ist verheiratet und hat zwei kleine Söhne, auf die er sehr stolz ist. Weitere Informationen: www.tomfinnek.de

Heike

Bastei Lübbe Verlag 2011, Illustrator: Tina Dreher, Hardcover 19,99 €, 541 Seiten, ISBN: 978-3431038439

Neuerscheinungen im März

Mohn Und Gedächtnis” von Paul Celan

Ein Schlüsselwerk der deutschen Nachkriegslyrik – zum 60. Jahrestag jetzt in bibliophiler Neuausgabe.

“Hoppe” von Felicitas Hoppe

Eine Geschichte über vergebliche Wünsche, gescheiterte Hochzeiten und halbierte Karrieren. Und über das unbestreitbare Glück, ein Kind des Rattenfängers aus Hameln zu sein.

“Solange die Welt noch schläft” von Petra Durst-Benning

Berlin, um 1890. Josefine, Tochter eines Berliner Hufschmieds, lernt auf einer Reise in den Schwarzwald die gefährliche, für Frauen geradezu skandalöse Leidenschaft des Radfahrens kennen. Zurück in Berlin, riskiert sie dafür alles. Und sie verliert alles – …

“Kein Feuer, das nicht brennt” von Rayk Wieland

 W. ist etwa vierzig Jahre alt und Reisereporter. Ungewöhnlich ist nur, dass er nicht reist. Seine Reportagen, die in der renommierten International Geographic Revue erscheinen, sind allesamt erfunden, aber …