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Archive für Dezember 2011

“Der ultimative Ratgeber für alles” von Dieter Nuhr

„Dieses Buch ist etwas völlig Neues. Denn es macht schlau. Man liest ja kein ganzes Buch um am Ende immer noch blöd zu sein wie ein Sack Dinkelmehl.“

Diesen Satz findet man auf dem Klappentext zu diesem Buch. Und weiter kann man zu diesem Buch noch lesen:

„Dieter Nuhr gibt Ratschläge zur Reinkarnation, dem Umgang mit Alkohol, Hautcreme, dem Schöpfer, Privatfernsehen, Weinbrandbohnen und dem Leben an sich.“

Man kann der BERLINER MORGENPOST nur beipflichten, die da schreibt, dass „Komik und Intelligenz sich nicht ausschließen“. Intelligenter Humor, das ist es, was dieses Buch wirklich lesenswert macht. Wer allerdings diesen primitiven Humor eines Mario Barth erwartet, wer diesen grässlichen „humorlosen“ Humor eines Michael Mittermeier erwartet oder wer gar diesen peinlichen Humor dieser schlimmen Cindy aus Marzahn erwartet, der sollte dieses Buch wohl besser nicht lesen.
Denn dieses Buch ist weder primitiv, noch humorlos, noch ist es peinlich. Dieter Nuhr feuert unzählige Breitseiten intelligenten Humors auf seine Leser ab. Und wenn man sich dann noch seine Stimme dazu vorstellt, wenn man seine Mimik und Gestik vor Augen hat, dann kann man sich schon in einem Liveauftritt von Dieter Nuhr wähnen.

Dieter Nuhr verletzt nicht, aber er kennt auch keinen Respekt. Nichts und niemand ist vor ihm sicher. Dabei hat er es aber nicht nötig, in die untersten Schubladen der deutschen Klamaukkomik zugreifen – alles was er sagt resp. schreibt macht Sinn und regt durchaus auch zum Nachdenken an. Nuhr rückt so manches Ding wieder gerade, das macht er aber auf eine ganz feine Art, so dass man oftmals gar nicht merkt, dass da gerade wieder etwas zurechtgerückt wurde. Aber Dieter Nuhr kann nicht nur feinsinnig, ganz im Gegenteil, wenn notwendig kann er auch mal die Keule schwingen und ordentlich draufhauen. Allerdings wirkt es bei ihm nie gewöhnlich oder billig, wie leider bei so vielen anderen deutschen Witzfiguren (auch in Neudeutsch „Comedian“ genannt).

Ein Buch, das den Leser herzlich lachen lässt, das aber nachdem Lachen durchaus auch zu neuen Erkenntnissen und eventuellen „Aha-Erlebnissen“ führen kann.

Eigentlich passen intelligenter Humor und Deutschland nicht so richtig zusammen; dieses Buch von Dieter Nuhr aber zeigt, dass es vielleicht doch noch zu einem Schulterschluss kommen kann bzw. kommen könnte.

Jan

Bastei Lübbe Verlag 2011, Taschenbuch 12,99 €, 304 Seiten, ISBN: 978-3785760550

Neuerscheinungen im Januar

“Die Untersuchung” von Philippe Claudel

Der Ermittler kommt in eine namenlose Stadt. Er soll in einem großen Unternehmen die auffällig zahlreichen Selbstmorde von Angestellten untersuchen. Von Beginn an scheint sich alles gegen ihn verschworen zu haben – es regnet, er findet kein Hotel, kommt zu spät …

“Du sollst eventuell nicht töten” von Simon Borowiak

Als Schlomo, der Hypochonder mit dem scharfen Blick, und Mendelssohn, sein blinder Freund mit dem Fledermaus-Radar, ihr neues Domizil in einer vornehmen Hamburger Villengegend beziehen, sind beide ganz verzückt von ihren Nachbarn. Und in der Tat: …

“Ruhepol” von Amy Sackville

Ein heißer Augusttag in der Nähe von London: Julia, Mitte dreißig, streift durch das alte viktorianische Haus der Familie und sichtet die Hinterlassenschaft ihres Urgroßonkels, der vergeblich versucht hat, den Nordpol zu entdecken. Sie versetzt sich in seine junge Frau Emily, die jahrzehntelang auf den Verschollenen gewartet hat, sie träumt von weißer Weite und kaltem Indigoblau, während sie die Risse in ihrer eigenen Ehe zu ignorieren versucht.

“Unterwegs im Namen des Herrn” von Thomas Glavinic

Mit seinem Freund Ingo meldet sich der Ich-Erzähler und Atheist, der überraschenderweise Thomas Glavinic heißt, zu einer Busreise nach Medjugorje an. Weil er sehen möchte, „welche Menschen Pilgerreisen unternehmen“, und er erfahren will, „ wie es auf einer solchen Reise zugeht“. Er will „Menschen in ihrem Glauben erleben“, vielleicht auch, weil er sie „irgendwo tief in sich drin darum beneidet“. Soviel zu seinem frommen Wunsch. Eigentlich hätte es Lourdes werden sollen, doch die lange Anreise schreckt ihn ab, so wird Medjugorje als Ziel gewählt, und wie sich herausstellt, ist die Reise lange genug. Vor allem für den Leser. Denn der ungläubige Thomas, wie er sich gerne selber bezeichnet, wird nicht müde, Belanglosigkeiten und oberflächliche Beschreibungen der Mitreisenden zum Besten zu geben und nebenbei immer wieder zu betonen, wie trinkfest er nicht ist. Zudem sieht er sich als Nabel des Universums, sieht ständig die Blicke des Reiseleiters auf sich gerichtet, fühlt sich ständig persönlich angesprochen, was weniger auf sein gewinnendes Wesen als vielmehr auf seine ausgeprägte, ich würde sagen fast krankhafte, Egomanie zurückzuführen ist.
Und so begleitet der ungläubige Thomas diese – vor Klischees nur so strotzende – Pilgergruppe, die hauptsächlich aus alten frommen Bäuerinnen zu bestehen scheint, die rosenkranzbetend die Fahrt verbringt. Endlich am Ziel angekommen wird er von einer Angina dazu gezwungen, neben Alkohol auch noch Unmengen an Schmerztabletten zu konsumieren, sodass der Wallfahrt ein jähes Ende beschieden ist und er auf Freunde seines Vater zurückgreifen muss, die ihn über Mafia-Umwege nach Wien zurückbringen.

Aus der Thematik dieses Buches kann ein talentierter Schriftsteller viel herausholen. Wallfahrten und Pilgertum geben genug Stoff für eine gleichsam ironische wie auch ernsthafte Betrachtungsweise, doch was Glavinic hier vorlegt, hat mich eher fassungslos zurückgelassen. Das Buch ist lieblos, oberflächlich und belanglos, seine halbherzigen Versuche, die Angelegenheit mit Humor zu betrachten, scheitern kläglich. Er beleuchtet weder die Menschen, die Pilgerreisen unternehmen, er möchte eigentlich auch gar nicht wissen, wie es auf so einer Reise zugeht, noch weniger will er Menschen in ihrem Glauben erleben. Es dreht sich einzig und allein alles um einen Herrn Thomas Glavinic, der hauptsächlich mit seinem Handy befasst ist, sms-schreibend oder auf Netzsuche, und dessen Augenmerk in erster Linie darin liegt, den Alkoholfluss nicht versiegen zu lassen.

Es drängt sich mir der Verdacht auf, dass Herr Glavinic noch schnell ein Buch veröffentlicht hat, um vielleicht als Trittbrettfahrer ein wenig auf dem einträglichen (aber sinkenden) Markt der Pilgerberichte mitzufahren. Für mich ist das Buch eine Enttäuschung, ich kann den Hype rund um den Autor nicht nachvollziehen, und ich lasse nun endgültig die Finger von ihm.

Christine

Carl Hanser Verlag 2011, Hardcover 17,90 €, 208 Seiten, ISBN: 3446237399

„Die Farben der Insel“ von Kristín Marja Baldursdóttir

insel.jpgGanz so wunderbar geht es nicht weiter, der zweite Teil hat Längen.

Karitas kann sich von der Insel losreißen: die Kinder sind aus dem Haus, der Ehemann ist irgendwo in der Weltgeschichte und sie startet ihren zweiten Anlauf zum Erfolg in Paris. Doch da kommt ihr jüngster Sohn ihr in die Quere und hinterlässt ihr sein Kind damit er zur See fahren kann. Wild entschlossen nimmt sie ihr Enkelkind einfach mit nach Paris, mietet ein Atelier, lernt französisch und macht sich mit um mit einen Namen in der Kunstwelt.

Der zweite Teil ist nun in der Ich-Form geschrieben und die Kapiteleinführungen beschreiben Karitas Bilder:

>>Tinte und Aquarellfarben auf Papier

Die Farbe hat sich aus den Fesseln der Form gelöst, und zunächst scheint es sich um eine reine Abstraktion zu handeln, nur undeutliche Saiten, die an ein Instrument erinnern, verleihen dem Werk vielschichtigere Nuancen. Es kommt einer lyrischen, formauflösenden Abstraktion nahe, … <<

Der Mittelteil dieses Buches, also nachdem die Protagonistin wieder Daheim in Island ist und mit ihren Freundinnen sowie ihrem Enkelkind zusammen wohnt, der ist mir um viele Stellen zu lang gewesen. Diese Eintönigkeit vergällt einem den Lesespaß, doch der Schluss tröstet dann über vieles hinweg. Als Leser denkt man sich, „endlich! und warum erst so spät?“, denn die Eises-Kälte Karitas bleibt unerklärlich. Muss man dazu Isländerin sein?

Kristín Marja Baldursdóttir ist eine der bekanntesten Journalistinnen und Schriftstellerinnen in Island. Die Autorin lebt in Reykjavik. Weitere Romane sind: „Möwengelächter“, „Kühl graut der Morgen“, „Hinter fremden Türen“ und „Die Eismalerin“. Die Autorin lebt in Reykjavik.

Krümel

Krüger Verlag (S. Fischer) 2010, OT: Óreida á striga 2007, Übersetzung: Coletta Bürling, Hardcover €, 558 Seiten, ISBN: 978-3-8105-0264-3

“Der Friedhof in Prag” von Umberto Eco

Ein Roman, der lieber ein Sachbuch gewesen wäre!

Umberto Eco ist Autor von Sachbüchern, Essays und Romanen. Sein neuster Roman „Der Friedhof im Park“ handelt von fiktionalen Quellen, die eine Weltverschwörung der Juden belegen sollen. Dieses Pamphlet, eine Fälschung, entstand wenige Jahre nach 1897, dem zeitlichen Ende des Romans, in diesem Jahr der Protagonist des Romans, der Antisemit, Vielfraß und Frauenhasser Simone Simonini, in Paris sein Tagebuch schreibt, in dem er die Vorgeschichte dieser Fälschung darlegt, Die Protokolle der Weisen von Zion. Dieses Lügenwerk war den Nazis willkommen, einige Unverbesserliche halten diese Protokolle für wahr, wie der Holocaustleugner und Bischof der Piusbruderschaft Richard Williamson, der diesen Unsinn als „gottgesandt“ einstuft.

Der in Paris lebende Simone Simonini ist die einzige Figur des Romans, die Umberto Eco der Fantasie entsprungen ist, alle anderen Personen sind historisch belegt. Trotzdem ist Simonini auch nur eine Collage von mehreren Personen, die es im neunzehnten Jahrhundert gegeben hat. Ich gehe davon aus, und vieles spricht dafür, dass der Roman größtenteils aus Textcollagen besteht. Das ist eine Kunst, deren Thomas Mann sich auch gerne bedient hat. Schwierigkeiten, die bei der Lektüre vorkommen können, kann zu einem Teil einer historischen Unkenntnnis des Lesers ursächlich sein. Das schreibe ich mal so provokant hin, als ob man dem Leser Vorwürfe machen könnte. Das ist natürlich Unsinn. Es liegt immer noch in der Verantwortung eines Schriftstellers, wie er einen Roman konzipiert. Um es kurz zu machen: In den Kapiteln um Garibaldi und Napoleon III. begann es schon, dass ich inhaltlich den Faden verlor, vieles verständnislos wurde, weil meine Bildung (oder Unbildung) versagte. Nach der Lektüre ist man gescheit: Ach, hätte ich vor dem Schinken die Geschichte Italiens und Frankreichs studiert, dann hätte ich mehr vom Roman gehabt. Eine große Hilfestellung während der Lektüre war der wikipedia-Artikel „Protokolle der Weisen von Zion.“ Momentmal. Erstmals ist es mir passiert, dass ich einen Roman in etwa nur folgen konnte, weil ich einen bestimmten wikipedia- artikel zur Verfügung hatte. Das kann ich gar nicht gutheißen. Sicher, Eco hat recherchiert bis in die letzten Winkel. Sogar die Theosophin Madame Blavatzky findet Erwähnung, wir erfahren auch nebenbei, Simonini sei mit Alphonse Daudet befreundet, dieses aber hätte gar nicht erwähnt werden müssen, denn Daudet taucht im Roman niemals auf, Victor Hugo wird zweimal erwähnt, George Sand und Chopin dürfen natürlich auch nicht fehlen, natürlich auch nicht Charcot, Freud, Hysterieforschung, Mesmerismus. Was ich sagen will, Umberto Eco packt alles in dem Roman hinein, als ob er das ganze Paris in den Roman packen wolle, obwohl niemandem aufgefallen wäre, wenn Simonini mit Daudet nicht befreundet gewesen wäre. Das mag eine Liebelei von Umberto Eco sein, der aus Freude an seiner überaus großen Bildung alles in den Roman hineinfließen lassen wollte.. Unbedingt nötig ist das nicht, eher eine Überfrachtung, allerdings das herrliche wunderbare Kapitel um Freud, Charcot und Hysterie für den Roman unverzichtbar ist. Ja, naturlich. wunderbare literarisch gut ausgeformte Passagen gibt es natürlich wie auch der einführende Monolog Simoninis, auch wenn dieser Monolog an Gehässigkeit wohl kaum zu überbieten ist. Dass sogar Dostojewskij (seltsamerweise?) für eine Weltverschwörung herhalten muss, hätte wohl niemand erwartet. Dostojewskij sei ein guter Rhetoriker heißt es. Erst zeige er Verständnis für die Juden und drücke seine Hochachtung aus,

>> dass alles, was Humanität und Gerechtigkeit erfordere, alles was Menschlichkeit und das christliche Gesetz erfordere, für die Juden getan werden muss…<<

und dann wird gesagt, Dostojewskij hätte ausführlich beschrieben,>>wie diese unglückliche Rasse darauf abziehlt, die christliche Welt zu zerstören.<<

Natürlich hätte ich gerne gewusst, wo diese Ausführungen Dostojewskijs im Werk dieses Schriftstelles zu finden ist, Eco allerdings in einem Roman nicht zu Quellenverweisen verpflichtet ist. Allerdings, wenn ich mir die zweite Hälfte des Romans anschaue, hätte ich mir gewünscht, Umberto Eco hätte sich für die Form eines Sachbuches entschieden. In der zweiten Hälfte des Romans verarbeitet Eco fast nur abstruse fiktive Ideen aus der Literatur, z,B. Hermann Goedsche, der in seinem Roman „Biarritz“ höchst seltsames über Juden verfasste und LéoTaxil, der abstruses über satanische Riten und Freimaurerei veröffentlicht hat, was nun ein gefundenes Fressen für den bösartigen Simonini ist. Allerdings ebbt dies bischen Romanhandlung im Roman ziemlich ab, dass ich mich wirklich fragen muss, warum dieses Buch nicht ein erstklassiges Sachbuch geworden ist, jetzt aber einen unausgegorener Roman vor uns liegt, dabei aber nicht vergessen werden darf, Umberto Eco den wunderbaren großartigen Roman „Der Name der Rose“ geschrieben hat. Ein Roman mit Historie, Theologie, Philosophie; dieses Werk aber ein großartiger Roman geworden ist, den ich ohne Sekundärliteratur inhaliert habe. Ein großes Vergnügen. Trotzdem hatte der Verlag eine „Nachschrift“ veröffentlicht.. Für „Der Friedhof im Park“ halte ich einen Kommentar mit Quellen für notwendig. Ein paar wikipedia-artikel als Sekundarmaßnahme ist mir einfach zu bleich.

mArtinus

Hanser Verlag 2011, Übersezung: Burkhart Kroeger, Hardcover 26 €, 528 Seiten, ISBN: 978-3446237360

Neuerscheinungen im Januar

“Für den Rest des Lebens” von Zeruya Shalev

Es gibt noch keine Info zum Buch.

“Ende” von David Monteagudo

DER ÜBERRASCHUNGSBESTSELLER AUS SPANIEN NEUN FREUNDINNEN UND FREUNDE VERBRINGEN EIN WOCHENENDE IN DEN BERGEN. DOCH EINER NACH DEM ANDEREN VERSCHWINDET. WAS GESCHIEHT MIT IHNEN? DIESER ROMAN GRÄBT SICH SEINEN LESERN IN EINEM UNAUSWEICHLICHEN SOG TIEF INS GEDÄCHTNIS EIN.

“Winesburg, Ohio” von Sherwood Anderson

Mit «Winesburg, Ohio» revolutionierte Sherwood Anderson die moderne amerikanische Short Story. Lakonischer war das Leben seiner Landsleute nie erzählt worden. In der vorliegenden Neuübersetzung, der ersten seit über 50 Jahren, lässt sich dieser wegweisende US-Klassiker nun endlich wiederentdecken.

“Solar” von Ian McEwan

Michael Beard: Physiker, Nobelpreisträger, fünf Ehen, keine Kinder, ungezählte Affären. Ein Anti-Held, der sich arrogant und selbstsicher durch die Welt bewegt und Probleme am liebsten durch Ignorieren löst. Seine Karriere lebt von seiner einzigen, großen wissenschaftlichen Leistung, dem Beard-Einstein-Theorem, das ihm neben dem Nobelpreis, eine Vielzahl von Positionen im Wissenschaftsbetrieb eingetragen hat. Im Jahr 2000, als die Handlung beginnt, leitet er ein Institut für Erneuerbare Energie. Doch wissenschaftliche Arbeit im eigentlichen Sinne leistet er nicht: er gibt sein Renommee, andere denken und forschen. Auch das Thema “Klimawandel” interessiert ihn eigentlich nur randwertig. Mehr beschäftigt ihn (neben der nächsten Nahrungs- und Alkoholaufnahme) sein Privatleben: seine fünfte Frau Patrice legt sich ebenfalls einen Liebhaber zu und Michael entdeckt seine Leidenschaft für Sie neu. Doch dann spielt das Schicksal Michael eine Erfindung in die Hände, die das Zeug hat, die Sonnenenergie auf neue Art zu nutzen, den Klimawandel zu beenden und die Welt mit genug Energie zu versorgen….
In drei Teilen umfasst der Roman die Jahre 2000, 2005 und 2009 und begleitet sowohl Beard und “seine” Erfindung auf dem Weg zur Serienreife als auch Beards Privatleben, das er nie im Griff zu haben scheint.

Ein Roman, in dem die Ausnahme-Liegruppe E_8 erwähnt wird, hat natürlich meine besondere Sympathie verdient, aber das ist nicht der einzige Grund, warum ich ihn mag. Anfangs hab’ ich kaum verstanden, warum ich ihn eigentlich so gern lese: Slapstick und Klischees jagten einander; von Patrice’ bulligem Handwerkerliebhaber, der natürlich auch gern mal zuschlägt, angefangen, über den Todesfall, der in seinem Ablauf aus jedem schlechten Krimi stammen könnte, bis zur Zugszene, die nicht umsonst später als Urban Legend entlarvt wird. Warum mag ich das bei McEwan, wo ich einen Roman von John Irving für solche Szenen am liebsten an die Wand werfen würde? Weil bei McEwan das Klischee nicht Teil der Geschichte ist, sondern Teil einer Romankonstruktion, die der Autor mit Selbstironie und Augenzwinkern einzusetzen weiß. Sie sind nicht Selbstzweck, sondern entlarven den Anti-Helden Beard, sind Elemente einer bösen, englischen Satire, bei der linke Klimaschützer sich mit höchstem CO_2-Aufwand nach Spitzbergen begeben, um im nicht mehr ganz so ewigen Eis Tänze aufzuführen und Eispinguine zu schnitzen.
Neben dem Klimaschutz, werden der Wissenschaftsbetrieb und die Genderbewegung seziert.

Der ganze Roman unterliegt dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik: die Unordnung nimmt laufend zu!
Selten habe ich mich so gut amüsiert und dabei doch soviel zum Nachdenken gefunden.

Kerstin

Diogenes Verlag 2010, Übersetzung: Werner Schmitz, Hardcover 21,90 €, 405 Seiten, ISBN: 978-3257067651