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“Matigari” von Ngũgĩ wa Thiong’o
Was für ein Roman – seltsam, weil ein schwarzer Kämpfer, der gegen weiße Kolonisten gekämpft und gesiegt hat, seine Waffen vergräbt und nun um seine Lenden ein Band des Friedens trägt, in der zivilisierten Welt Kenias, und das ist das Seltsame, als ein Mensch erscheint, der an Jesus Christus erinnert. Er befreundet sich mit den Ärmsten der Armen, einem Jungen, der wie andere Jungen in einem Autowrack sein Hause gefunden hat, stolz darauf ist, dass es ein Mercedes Benz ist, und auch mit einer Prostituierten sich befreundet, die, um ihre Geschwister zu ernähren, sich verkaufen musste. Matigari, so heißt der kenianische Christus, vollbringt mutige Taten, ihm werden Wunder nachgesagt, niemand weiß, wer er wirklich ist, niemand weiß, ob er wirklich der wiedergeborene Christus ist, oder einfach nur ein mythischer Hoffnungsträger, der die Menschen aus ihrer Armut treiben könnte, ihm zugetraut wird, er könne Frieden und Gerechtigkeit ins Land bringen, das Volk darum hinter ihm steht. Eines der Großartigkeiten des Romans ist, dass der Schleier des Geheimnisvollen dem Matigari nie entrissen wird.
Weitaus gefehlt an einen frömmelnden Roman zu denken, an einem Jesus, der nun endlich gekommen ist um Kenia aus dem Sumpf von Korruption, Machtgier, verlogener Politik, Ungerechtigkeit und Bevölkerungsarmut zu ziehen. Himmel sei Dank. Trivialitäten sind aber keine Werkzeuge des Autors. Ngũgĩ wa Thiong’o verwendet die Figur des Matigari um auf die Missstände seiner Heimat aufmerksam zu machen, nicht zu warten auf das Neue Jerusalem, wo alles schöner sein soll als auf der versündigten Erde, sondern aufstehen, handlungsbereit und keine Angst zeigen, denn Angst lähmt.
Pazifisten werden aufmucken, weil nicht ganz eindeutig gezeigt wird, inwieweit Matigari wirklich zu Gewalt schreiten würde, um normale Rechte zu verteidigen. Die Kolonialisten, die ihm sein Haus geraubt haben, bringt er jedenfalls um. Das hätte Jesus nicht bewerkstelligt. Nun ist Matigari drauf und dran, die Söhne der Kolonisten zu vertreiben, weil sich inzwischen diese Halunken sich seines Hauses bemächtigt haben. Der Kampf geht also weiter.
„Der Baumeister baut ein Haus.
Jener, der beim bauen zugeschaut hat, zieht ein.
Der Baumeister schläft draußen,
ohne Dach über dem Kopf……..
……….
Der Arbeiter stellt Waren her.
Ausländer und Schmarotzer verfügen darüber.
Der Arbeiter steht mit leeren Händen da.“
Allein Wahrheit und Gerechtigkeit suchen und darüber reden hilft nicht, darum will Matigari wieder zu den Waffen greifen. Das ist die wichtige Konsequenz die Matigari zieht, und damit kritisiert der Autor meines Erachtens auch das Friedensgerede von Kirchenleuten, die nur reden können aber keinen Frieden, Gerechtigkeit o.ä. schaffen können. Auf der Erde muss man was dafür tun, im Himmel, möge es ihn geben, ist sowieso Frieden (über diese Thematik gibt es ein Gespräch zwischen Matigari und einem Pfarrer).
Glanzvoll dargestellt ist, wie ein totalitär fieser Staatsapparat funktioniert, der dann auch noch von den USA und von der Europäischen Gemeinschaft mit Waffen und Finanzspritzen versorgt wird. Das ist so gut erzählt, dass es jeder versteht. Wenn wir lesen, einige unbequeme Bürger werden als geisteskrank ins Irrenhaus gesperrt, so dürfen wir gerne an die DDR denken, auch wenn der Roman in Kenia spielt.
Ein politischer Roman mit einer Prise Abenteuer. Im Oktober 1986 erschien der Roman in Kenia. Sehr abenteuerlich mutet es an, als im Januar 1987 Berichte der Geheimpolizei erzählten, dass von Bauern in Zentralkenia ein Gerücht ausging, ein gewisser Matigari wandere durch das Land und fordere Wahrheit und Gerechtigkeit. Die Polizei wurde beauftragt, diesen Matigari festzunehmen, bis sie darauf kamen, er sei nur eine Romanfigur. Buchhandlungen wurden durchsucht, der Roman wurde beschlagnahmt.
mArtinus
Hammer Verlag 1991, 210 Seiten, ISBN: 978-3872944498 - vergriffen

