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Archive für November 2011
“Die Hauptmannstochter” von Alexander Puschkin
30.11.2011 von Krümel.
Puschkin schreibt mit sehr viel Humor und Ironie diese Erzählung, die die Bauernaufstände von 1773 bis 75 als historischen Hintergrund aufweisen, und drum herum eine Liebesgeschichte umspannt.
Der Ich-Erzähler, ein junger Adeliger, soll zum Mann reifen und deshalb die Militär-Laufbahn absolvieren. Er wird von seiner Mutter getrennt und nicht nach Petersburg oder Moskau zum flanieren geschickt, sondern in die Provinz. Und dort übernimmt ein Hauptmann seine Erziehung!
>>„Ach laß doch“, erwiderte die Hauptmannsfrau, „ ´s ist alles nur Gerede, daß du den Soldaten was beibringst – weder werden die Leute draus klug noch verstehst du was davon. Solltest lieber zu Hause sitzen und beten, das wäre vernünftiger. <<
Mehrmals wurde ich in dieser Erzählung an den großen Roman „Krieg und Frieden“ von Tolstoi erinnert, denn das Truppenchaos in Russland muss es wirklich gegeben haben, da die Beschreibungen äußerst ähnlich sind.
>>Ein Kinderpelz, den ich einem Landstreicher geschenkt hatte, rettete mich vor dem Galgen, und ein Säufer, der sich von Schenke zu Schenke herumtrieb, belagerte Festungen und erschütterte den Staat!<<
Eine zauberhafte Geschichte, allerdings auch kurzweilig, vielleicht weil für uns das damalige (wie heutige) Russland immer etwas fremd bleibt, und eigentlich nur dieses märchenhaft verklärte in Erinnerung bleibt.
Krümel
Büchergilde Gutenberg 2009, Übersetzung: Arthur Luther, Illustrationen von Vitali Konstantinov, Gebundene Ausgabe €, 215 Seiten, ISBN: 978-3-7632-6218-2
Geschrieben in Klassiker, Krümel | 1 Kommentar »
“Karte und Gebiet” von Michel Houellebecq
28.11.2011 von Krümel.
Jed Martin ist Sohn eines Architekten und einer Selbstmörderin, in guten Verhältnissen aufgewachsen, Absolvent der Ecoles des Beaux-Arts in Paris, und bereits als junger Künstler mit den Fotografien von Michelin-Straßenkarten, die er Satellitenbildern gegenüberstellt, sehr erfolgreich. Den großen Durchbruch feierte er allerdings mit seinen Gemälden, die Porträts von Menschen in ihrer Arbeitswelt zeigen. Bilder vom einfachen Handwerker oder Kellner bis zu Werken mit ebenso klingenden wie sperrigen Namen wie „Bill Gates und Steve Jobs unterhalten sich über die Zukunft der Informatik” ,”Die Beate Uhse AG geht an die Börse” oder “Damien Hirst und Jeff Koons teilen den Kunstmarkt unter sich auf” gelangen zu Weltruhm und erreichen exorbitante Preise am Kunstmarkt.
Es gelingt ihm, den sehr kontrovers diskutierten und sehr bekannten, aber völlig zurückgezogen lebenden Schriftsteller Michel Houellebecq für die Verfassung eines Vorwortes für den Ausstellungskatalog zu gewinnen. Im Gegenzug soll der Schriftsteller, neben einer Gage von mehreren Hunderttausend Euro, ein Porträt – „Michel Houellebecq, Schriftsteller“ erhalten. Im Zuge der Zusammenarbeit entwickelt sich eine distanzierte Freundschaft zwischen den beiden, die durch einen bestialischen Zwischenfall ein jähes Ende findet.
Ich möchte vorausschicken, dass es mein erstes Buch von Michel Houellebecq war. Er ist mir natürlich bekannt als „enfant terrible“, als extravaganter, provozierender und in der Tat sehr kontrovers diskutierter Schriftsteller. „Karte und Gebiet“ ist ein sehr gesellschaftskritisches Buch, doch ich fand es weder provokant, noch sexbesessen oder aggressiv. In manchen Buchbesprechungen wurde dieses Buch als „gemäßigt“ oder sogar „weichgespült“ bezeichnet, wie gesagt fehlt mir der Vergleich. Als Einstieg in Houellebecqs Werk halt ich es für nicht sehr geeignet. Zu sehr wird auf die Person des Michel Houellebecq Bezug genommen, der ja in diesem Buch eine tragende Figur spielt und ich kann nicht abschätzen, wie sehr diese Darstellungsweise ironisch, selbstkritisch oder gar arrogant gemeint ist. Ich habe aber schwer das Gefühl, dass Houellebecq seinen Kritikern mit diesem Buch eins auswischen will, hier auf seine eigene Art und Weise Stellung nimmt zu Unterstellungen und Gerüchten rund um seine Person.
Houellebecq zeichnet eine Vision der nahen Zukunft – wir sehen uns etwa im Jahr 2030. Das Künstlermilieu ist Hauptschauplatz, die Vereinnahmung und Vermarktung der Künstler durch die Medien und durch Agenturen im Blickpunkt. Es fallen viele Namen französischer Künstler, Medienstars und Institutionen mit denen ich nicht viel anfangen konnte. Insider können mit diesen Informationen wohl mehr anfangen. Mit teils wehmütigem, aber immer sehr kritischem Blick wird die Gesellschaft analysiert, der Verlust der Kultur aufgezeigt, der sich nicht nur im Sterben der Kaffeehäuser oder im Überhandnehmen von asiatischen oder russischen Restaurantketten manifestiert. Kinder werden durch Hunde ersetzt, Familienleben, zwischenmenschliche Beziehungen, Freundschaften fallen der Schnelllebigkeit zum Opfer.
Houellebecqs glasklare Formulierkunst und prägnanter Stil konnten mich überzeugen, und ich möchte auf jeden Fall mehr von ihm lesen.
Christine
Dumont Buchverlag 2011, Übersetzung: Uli Wittmann, Hardcover 22,99 €, 416 Seiten, ISBN: 978-3832196394
Geschrieben in Christine †, Roman | 3 Kommentare »
Neuerscheinungen im Dezember
26.11.2011 von Krümel.
“Bekenntnisse eines jungen Schriftstellers” von Umberto Eco
Sein erster Roman “Der Name der Rose” wurde ein Welterfolg. Jetzt, vor seinem achtzigsten Geburtstag, blickt Umberto Eco zurück auf seine Karriere als Theoretiker und Romancier. Warum sind wir zu Tränen gerührt vom Unglück einer Figur? In welchem Sinne “existieren” Anna Karenina, …
“Der junge Hebbel” von Carsten Scholz
Friedrich Hebbel gilt als einer der bedeutendsten Dramatiker des 19. Jahrhunderts. Nicht nur sein Werk, auch die Biographie steckt voller Brüche und Widersprüche. Die Untersuchung widmet sich Hebbels ersten 22 Lebensjahren in Wesselburen. …
Geschrieben in Bücher-Tipps, Literaturthemen | Keine Kommentare »
“Katzenberge” von Sabrina Janesch
25.11.2011 von Krümel.
Nele Leipert, eine junge, in Berlin lebende Journalistin, hat ihre familiären Wurzel im Oberschlesischen. Als sie die Nachricht vom Tod ihres geliebten Großvaters erhielt, führ sich nach Polen zu dessen Beerdigung. Schnell kommen Fragen nach dessen Vergangenheit auf und so beschloss Nele, weiter Richtung Osten zu reisen, in die Ukraine, dem ehemaligen Galizien. Von dort wurde die Familie nach dem 2. Weltkrieg nach Polen vertrieben.
Sabrina Janesch legt mit „Katzenberge“ einen beachtenswerten Debütroman vor. Sie erzählt einerseits die Geschichte der Nele Leipert, die sich selbst als in Deutschland angekommen betrachtet, von den Deutschen und den Polen jedoch immer der anderen Seite zugeordnet fühlt. Viele der beiderseitig gängigen Vorurteile werden bedient und mit den dazugehörigen Klischees ad absurdum geführt. Die Autorin erzählt aber gleichzeitig die Lebensgeschichte von Neles Großvater. Mit Neles Reise ins frühere Galizien lichten sich nach und nach die Schleier, die über dessen Vergangenheit lagen. Durch die gekonnten Beschreibungen fühlt man sich als Leser schnell in die harte Nachkriegszeit hineinversetzt. Gelegentlich hatte ich den Eindruck, dass die verschiedenen Zeiten ineinander verlaufen, ebenso wie die Grenzen zwischen Realem und Mystischem. Diese etwas rätselhaften Elemente haben mich überhaupt nicht gestört, sie stehen für sich und sind nach der Lektüre des Buches selbsterklärend.
Der Roman ist wegen der angenehmen Sprache und der unterschwelligen Ironie sehr gut und flüssig zu lesen. Er besitzt eine ganz eigene Spannung, die es einem schwer machte, das Buch zur Seite zu legen. Die Charaktere sind lebensnah, wenn auch nicht alle bis zur letzten Konsequenz für mich greifbar waren.
Nicht anfreunden konnte ich mich mit den immer wieder im Buch vorkommenden polnischen Redewendungen und Floskeln. Auch ohne diese wären ihm weder Glaubwürdigkeit noch Authentizität verlorengegangen.
„Katzenberge“ ist eine sehr schöne Reise in die Vergangenheit, in dieser Richtung wird die Geschichte erzählt. Schuld, Vertreibung, ein Familienfluch und die große Liebe einer Enkelin zu ihrem verstorbenen, geheimnisvollen Großvater sind die tragenden Pfeiler in diesem Roman, den ich mit viel Freude gelesen habe und gern anderen Lesern empfehle.
Über den Autor (Quelle: amazon.de)
Sabrina Janesch studierte Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim, außerdem Polonistik in Krakau. U. a. Gewinnerin des O-Ton Literaturwettbewerbes des NDR, Stipendiatin des Schriftstellerhauses Stuttgart und des LCB. Sie war erste Stadtschreiberin von Danzig und erntete dabei viel Medienaufmerksamkeit. Zurzeit arbeitet sie an ihrem zweiten Roman. http://www.sabrinajanesch.de
Heike
Aufbau Verlag 2010, Hardcover 19,95 €, 273 Seiten, ISBN: 978-3351033194
Geschrieben in deutschsprachige Gegenwartsliteratur, Heike | Keine Kommentare »
“Turgenjews Schatten” von William Trevor
23.11.2011 von Krümel.
William Trevor erzählt von Marie Louise Dallon, die mit dem Textilhändler Elmer Quarry eine Vernunftehe eingeht, um dem kargen Leben auf dem Bauernhof zu entfliehen . Ihr lockt das Leben in der Stadt, und Elmer, der übrigens 14 Jahre älter ist als das Bauernmädchen, heiratet sie aus Berechnung. Ihm geht es darum, die Fortführung seines Textilunternehmens zu gewährleisten. Die Ehe steht unter einem schlechten Stern. Schon körperlich passen sie nicht zusammen. Sie, ein zierliches Bauermädchen, er, ein dickleibiger kleinwüchsiger Herr im Anzug. Sie leben in zwar in einem Hause, aber getrennt. Elmers Schwestern Rose und Matilde mögen sie nicht, und haben ihn vor der Ehe mit ihr gewarnt. Sie wirken eher wie Hexen, die nur böses in Mary Louise sehen, aber auch Letty, Mary Louises Schwester, ist enttäuscht über diese Verbindung.
Ein typisch irisches Extra, der Konflikt der Konfessionen, wird im Roman gelegentlich angedeutet:
Unter den Hochzeitsgeschenken zu Lettys Hochzeit befindet sich
>>ein gerahmtes Bild der Jungfrau Maria mit einer Herz-Jesu Darstellung. Letzteres kränkte Mrs. Dallon. Es stammte entweder von jemandem, der nichts von Lettys Glauben wußte, oder aber von jemandem, der das Bildnis in dem Hausstand, der gegründet wurde, für unverzichtbar hielt. Letty würde es nicht aufhängen, sie würde es bestrimmt beiseite legen.<<
In erster Linie erzählt Trevor von Mary Louises unerfüllter Liebe zu ihrem Cousin Robert. Schon in ihrer Schulzeit war sie in ihn verliebt gewesen. Als sie ihn Jahre später wieder trifft, stellt sich heraus, dass Robert ihre Zuneigung erwiedert. Er liest ihr auf einem Friedhof aus Turgenjew vor. Nach ein wenig Recherche bin ich darauf gekommen, das Robert ihr aus dem Roman „Vorabend“ vorgelesen hat. Bei Trevor heißt es über Turgenjews Roman:>>Jelena Nikolajewna liebte Insarow, ohne es zu wissen.<<
So war ja Mary Louises Liebe zu Robert einige Jahre verschüttet gewesen. Auch Roberts Schicksal ähnelt dem Schicksal Insarows.
William Trevors Prosa erzählt von Liebesschmerz, Tod, Einsamkeit und Wahn, und wie er es erzählt, erinnert an Prosa des neunzehnten Jahrhunderts. Sehr nachvollziehbar ist das Zitat des Hessischen Rundfunks auf dem Klappentext.>>Turgenjews Schatten wirkt, als hätte William Trevor die Geschichte einer Madame Bovary aktualisiert und dadurch für die Leser das Erzählen traditionellen Stils in unsere Zeit hinübergerettet.<<
Um nochmal auf Turgenjews Roman „Vorabend“ zurückzukommen: Auch Jelena war brünnet wie Mary Louise. Das Jelena „ ein schwieriges Wesen hatte“, wie Trevor erzählt, gilt auch für Mary Louise.
Den Roman empfehle ich gerne weiter, nur rätsele ich darüber, warum bloß hat Mary Louise den Textilhändler geheiratet. Wohl aus “kindlicher Unschuld”.mArtinus
Hoffmann und Campe Verlag 2011, Übersetzung: Thomas Gunkel, Hardcover 19,99 €, 283 Seiten, ISBN: 978-3455403428
Geschrieben in mArtinus, Roman | Keine Kommentare »
“Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand ” von Jonas Jonasson
21.11.2011 von Krümel.
„Es ist wie es ist, und es kommt wie es kommt“ – dieser Leitspruch begleitet den mittlerweile 100-jährige Allan Emanuel Karlsson sein Leben lang, ein Leben das turbulenter nicht sein kann.
Trotz seines fortgeschrittenen Alters ist Allan körperlich und geistig überaus agil, und um den angekündigten Feierlichkeiten zu seinem 100. Geburtstag, zu denen sich sogar der Bürgermeister angekündigt hatte, zu entkommen, springt er kurzerhand aus dem Fenster des Seniorenheimes und verschwindet Richtung Bahnhof. Dort wird ihm von einem etwas zwielichtigen Kerl dessen Koffer zum Aufpassen während des WC-Besuches überlassen, da aber Allans Bus ging und er denn Koffer nicht unbeaufsichtigt lassen konnte und auch ein bisschen deshalb, weil er sich im Koffer nützliche Utensilien wie Kleidung oder Schuhe erhoffte, nimmt er den Koffer mit, ohne zu ahnen, dass sich darin jede Menge Geld aus einem illegalen Drogendeal befindet. Sein Reiseziel wählte er willkürlich, dort trifft er zufällig auf Julius, einen liebenswerten Kleinkriminellen, der sich mit Gaunereien, Diebstählen und Betrügereien aller Art über Wasser hält. Für beide beginnt eine turbulente Flucht, die seinesgleichen sucht, einerseits vor der Drogendealer-Bande, die den Koffer zurückhaben will, andererseits vor der örtlichen Polizei und den Medien, da das Verschwinden des Hundertjährigen natürlich nicht unentdeckt blieb und großes Echo auslöste. Abwechselnd mit der Schilderung dieses urkomischen Roadtrips, der von neuen Freunden bereichert, von zwei Leichen gepflastert und jeder Menge Alkohol gezeichnet ist, wird aus dem nicht weniger turbulenten Leben des Allan Karlsson erzählt, den so schnell nichts mehr überraschen kann. Ohne selber allzuviel beizutragen, hatte er bei unzähligen historischen Ereignissen des 20. Jahrhunderts seine Finger im Spiel. Schicksal, Zufall und meist eine Verkettung von mehr oder weniger glücklichen Umständen lassen ihn auf den historischen Schauplätzen des 20. Jahrhunderts agieren. Selber zutiefst unpolitisch, war er auf Du und Du mit den Großen der Weltpolitik. Er rettete z.B. Franco das Leben, trank mit Truman und Stalin um die Wette, hatte bei der Erfindung der Atombombe die zündende Idee, spielte im Kalten Krieg eine entscheidende Rolle und mischte die Politik in Asien ordentlich auf.
Wenn auch die Idee nicht neu ist – wurde sie doch durch die Figur des Forrest Gump m.E. unübertrefflich abgehandelt – so bescherte mir Jonas Jonasson einen Lesegenuss der besonderen Art. Mit ungeheurer Phantasie und Kreativität, Situationskomik und Wortwitz wird hier eine absurde Lügengeschichte dermaßen ernsthaft und selbstverständlich erzählt, wie ich es bisher nur bei John Irving gelesen habe. Ohne Rücksicht auf historische Tatsachen und oft fast schon an der Grenze zur Geschmacklosigkeit werden Realität und Fiktion vermischt, werden historischen Personen besondere Eigenschaften und/oder Familienmitglieder angedichtet, werden Staaten verunglimpft und politische Systeme irrwitzig dokumentiert.
Stilistisch ist das Buch einfach gehalten, stellt keine allzu hohen Ansprüche und liest sich dementsprechend enorm flott. Wer unter diesen Voraussetzungen sich ein paar Stunden gut unterhalten lassen will, zudem Fan von John Irving und/oder Arto Paasilinna ist, dem sei dieses Buch sehr ans Herz gelegt!
Jonas Jonasson (Klappentext):
geb. 1962 im schwedischen Växsjö, arbeitete nach seinem Studium in Göteborg als Journalist. Später gründete er eine Medien-Consulting-Firma. Doch nach 20 Jahren in der Medienwelt verkaufte er alles und zog in den Schweizer Kanton Tessin, wo er sich seither dem Schreiben widmet. Zurzeit arbeitet Jonasson an seinem zweiten Roman.
Christine
carl’s books Verlag 2011, Übersetzung: Wibke Kuhn, Brochur 14,99 €, 416 Seiten, ISBN: 978-3570585016
Geschrieben in Christine †, Roman | Keine Kommentare »
Neuerscheinungen im Dezember (Kalender)
19.11.2011 von Krümel.
Weltliteraturkalender für Kinder 2012: Mit Bildern von Almud Kunert und Originalzitaten aus Shakespeares - Ein Sommernachtstraum
Lyrikkalender 2012: Für jeden Tag ein Gedicht
Der literarische Reisekalender 2012: Wochenkalender
Literaturkalender Leselust 2012: Wochenkalender
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“Für´ne Moment” von Wolfgang Niedecken
18.11.2011 von Krümel.
Wolfgang Niedecken wurde 1951 in Köln geboren, studierte von 1970 bis 1976 Freie Malerei an der FHBK Köln. Bekannt wurde er aber als Frontmann der deutschen Rockband BAP, deren Texte ausschließlich in Kölschen Dialekt vorgetragen werden. Trotzdem wurde diese Gruppe weit über die Grenzen auch Deutschlands hinaus bekannt und verkümmerte nicht als nur mässig bekannte Regionalband.
BAP ist ohne Wolfgang Niedecken nicht denkbar und ohne ihn hätte es diese Band auch nicht gegeben. Er ist der Kopf der Gruppe – ein echter Leader.
In seiner Autobiographie erzählt Wolfgang Niedecken aus seinem bewegten und sehr interessanten Leben. Dabei ist hervorzuheben, dass er sich niemals in Selbstbeweihräucherung auf einen Sockel stellt – ganz und gar nicht. Dieser Mensch Wolfgang Niedecken ist ein Mensch wie du und ich, der auch durch seine Bekanntheit niemals abgehoben hat. Er ist immer authentisch geblieben, vertritt seinen Standpunkt, auch wenn dieser vielen unbequem ist, hat sich nie verbiegen lassen und hat sich auch nie für etwas Besseres gehalten. Niedecken steht zu seinen Wurzeln, zu seinen Irrtümer und zu den Fehlern die er im Laufe seines Lebens gemacht hat. Er beschönigt nichts, sucht nicht nach billigen Ausreden oder faden Entschuldigungen. Er übt aber da Kritik wo er meint das sie angebracht ist, nimmt auch keine Rücksicht auf vermeintlich große Namen.
Wolfgang Niedecken erzählt nicht chronologisch. Er schreibt so wie man vielleicht in einem direkten Gespräch auch erzählen würde. Seine erzählerische Unordnung wirkt trotzdem sehr geordnet. Niemals verliert man als Leser den Faden oder ärgert sich über Zeitsprünge – vielmehr hat man den Eindruck, dass alles irgendwie zueinander passt, dass alles genau da aufgeschrieben wurde wo es letztendlich auch hingehört.
Wenn man mit dem Alter von Wolfgang Niedecken fast im Gleichklang marschiert, dann ist das Lesen dieser Autobiographie fast wie eine Reise in die eigene Vergangenheit. Man versteht Zusammenhänge, begreift das Besondere an gewissen Lebenssituationen. Man erinnert sich an die Fernsehsonnabende im Kreise der Familie, man konnte sich auch ohne Handy und Internet mit Freunden verabreden, man hatte schwerer gegen starre Konventionen zu kämpfen als es heute der Fall ist. Wolfgang Niedecken schafft es mit seiner Autobiographie vieles wieder lebendig werden zu lassen, was schon als verstaubte Erinnerung ganz nach hinten in den Erinnerungsschrank geschoben worden war.
Wolfgang Niedecken macht auch deutlich, dass man Stellung beziehen muss will man nicht als unzufriedener Mitläufer enden. Engagement ist nicht nur für diese oder jene Sache wichtig sondern auch für einen selbst.
Dieses Erinnerungsbuch ist eine Autobiographie der besonderen Art. Hier schreibt jemand der um seine Fehler und Irrtümer weiß, der sich aber nie gescheut diese einzugestehen und der immer nach seinem ganz persönlichen Weg gesucht hat – auch wenn er dabei auf die Nase bekommen hat.
Sehr lesenswert; ist es doch auch ein Stück erlebter und aufgeschriebener Rockgeschichte. Und es ist ein Buch eines Mannes, der aus seiner kritischen Liebe zu seiner Heimatstadt Köln keinen Hehl macht.
Übrigens: Der Besuch eines BAP-Konzert lohnt sich immer……ich habe diese Gruppe schon viele Male live erleben dürfen; es war nie langweilig.
Jan
Hoffmann und Campe Verlag 2011, Hardcover 24 €, 527 Seiten, ISBN: 978-3455501773
Geschrieben in Biographie, Jan | Keine Kommentare »
“Rot und Schwarz” von Stendhal
16.11.2011 von Krümel.
Ich begann meine Lektüre mit der Albatros Ausgabe, die von Walter Widmer übersetzt ist, und kam gar nicht in das Buch hinein. Die Sprache war kompliziert gesetzt und sehr umständlich zu lesen.
>>Will ich von ihnen und auch vor mir geachtet sein, so muß ich ihnen zeigen, daß meine Armut mit ihren Reichtum einen Handel eingegangen ist, daß aber mein Herz himmelhoch über ihrer frechen Anmaßung erhaben ist und ihre kleinlichen Bezeugungen von Gunst oder Verachtung es nicht erreichen können.<<
Zudem hatte ich von Anfang an Schwierigkeiten mit dem Protagonisten, denn ich konnte seinen Charakter nicht nachvollziehen. Alleine auf Juliens Erziehung und Kindheit, was evtl. das Zornige und Aufbrausende erklärte, auch die Gier nach Anerkennung war verständlich, aber all diese Hinterlist, das Berechenbare, erklärte dann das Jämmerliche und Weinende nicht. Woher stammt der ganze Hass? Auch sein ganzes Äußere, zierlich, weiches Gesicht, sinnlich und schüchtern, passte nicht zur Gestalt, die da im Buch vorgestellt wurde.
Nach dem ersten Viertel las ich dann in der dtv Ausgabe, übersetzt von Elisabeth Edl, weiter. Sprachlich scheint diese Übersetzung näher am Werk zu sein, und sie liest sich auch wesentlich flüssiger. In dieser Ausgabe ist ein ausführliches Nachwort zu finden, was so einiges Unklare im Werk aufschlüsselt und versucht ins helle Licht zu rücken. Dennoch war ich nie irgendwie begeistert vom Werk als es mir dort nahegelegt wurde.
>>Nicht nur Beyles (Stendhal) Freunde, auch die meisten Zeitungskritiker nahmen vor allem Anstoß an der, ihrer Meinung nach, übertriebenen, unwahrscheinlichen Figur der Mathilde, an dem widerwärtigen Arrivisten Julien, der verzerrten, outrierten Darstellung der Pariser Gesellschaft. … Nur wenige Zeitgenossen konnten Stendhals Roman positive Seiten abgewinnen, zu ihnen gehörte Balzac.<<
Die einzige Erklärung für die Missgestaltung der Figuren im Buch scheint mir, dass Stendhal hier eher Übertragungen entwirft um seine Gesellschaftskritik anzubringen als wirkliche Charakteren zu entwickeln.
Nur mit Mühe und Ausdauer habe ich dieses Werk beendet und schon jetzt ist es mir vom Inhalt her nur vage im Gedächtnis. Es hat also keinen bleibenden Eindruck hinterlassen.
Krümel
Deutscher Taschenbuch Verlag 2010, OT: Le Rouge et le Noir, Übersetzung: Elisabeth Edl, TB €, 872 Seiten, ISBN: 978-3-423-13525-2
Geschrieben in Klassiker, Krümel | 3 Kommentare »
“Sieben Jahre” von Peter Stamm
14.11.2011 von Krümel.
Dieses Buch war für mich wie ein Sog.
Alex, der sich selbst nicht wahr nehmen kann, der sich ein freies Leben wünscht, aber keine Ahnung hat, wie er dieses leben soll. Er läuft mit und funktioniert, bleibt dabei in der Mittelmässigkeit stecken, merkt zwar, dass es nicht das ist was er möchte, weiß nicht wie anders und wenig Energie hat, einen Weg zu finden. Er gibt eine mittelmässige Diplomarbeit ab, erst danach fließt es aus ihm heraus, kommen die Ideen, erst ohne alle Zwänge kann er wirklich zum Gestalter werden. Er stürzt sich ohne große Erwartungen und Vorstellungen in eine Beziehung mit Soja, er kennt sie, irgendwie wird erwartet, dass die beiden zusammen kommen. Er hinterfragt nichts. Auch sein Verhältnis zu Iwona lebt er einfach aus, denkt kaum darüber nach, merkt nur, er “braucht” sie, daher benutzt er sie, kann sich mit ihr wenigstens ab und an frei fühlen. Aber Iwona fordert auch nicht.
Alex schafft sich ständig sein eigenes Gefängnis - vielleicht fühlt er sich daher auch bei der Besichtigung des Gefänisses Chateau d’If eher geborgen als eingesperrt. Sonja ist wohl für ihn insofern die richtige Frau, da er ihre Lebensentwürfe einfach mitleben kann; heiraten, eigenes Büro, Erfolg, großes Auto, Haus am See, Kind.
Auch Sonja steht sich selbst im Weg. Eigentlich träumt sie davon, Architektur zu leben. Mit Alex sucht sie sich einen Mann, der ihr, egal was sie tun wird, nicht im Weg stehen wird, der mitläuft. Aber letztendlich schafft auch sie es nicht, ihren Weg zu gehen. Sie kommt aus Marseille zurück und funktioniert ebenfalls. Ich bin überzeugt, dass sie Alex auf ihre Art liebt; und doch kann ich nachvollziehen, warum sie ihm sein Verhältnis zu Iwona immer wieder verzeihen kann. Besitzanspruch an den Partner, glühende Leidenschaft, Familienglück sind nicht die Dinge, die wichtig für sie sind, und doch beginnt sie mit Alex ein Leben, das dies behinhalten sollte.
Am fatalsten stellt sich in dem Buch Iwona dar. Iwona, die irgendwann beschließt, sie liebt Alex und er ist ihr Mann. Nichts, aber auch gar nichts kann sie davon abbringen. Wahrscheinlich sieht sie die Demütigungen, die Alex ihr zufügt gar nicht. Sie erwartet nichts, sie fordert nichts - ob sie sich etwas in ihrem Leben wünscht, erfahren wir leider nicht - sie lebt einfach ihr Leben und wirkt dabei wie tot. Aber ist sie unglücklich?
Ich finde es einfach grandios wie Peter Stamm diese drei Menschen darstellt. Endlich mal keine Prototypen von Helden, Versagern und Menschen, die ihr Leben anpacken oder untergehen; Beschreibungen der Liebe und wie wir sie uns gemeinhin so vorstellen. Hier steckt für mich eine ungeheure Sensibilität. Für mich ein ganz, ganz tolles Buch.
Wenn dieses Buch hier als das schwächste von seinen Werken bezeichnet wird, bin ich auf die anderen gespannt!
Sigrid
S. Fischer Verlag 2009, Hardcover 18,95 €, 297 Seiten, ISBN: 978-3100751263
Geschrieben in Sigrid, Roman | Keine Kommentare »








