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Archive für Oktober 2011

“1Q84 Buch 3″ von Haruki Murakami

1q84a.jpgDie Jagd nach Aomame geht weiter und zu den zwei Ebenen (Tengo und Aomame) kommt nun eine dritte ins Spiel „Ushikawa“. Er sucht im Namen der Vorreiter nach der Mörderin des Leaders, und kommt ihr auch ziemlich nahe. Dadurch ist dieser Teil wieder sehr spannend, obwohl im Grunde gar nicht viel geschieht: Tengo reist gemächlich zu seinem Vater ins Sanatorium, Aomame sitzt in ihrer Wohnung fest, einzig Ushikawas Leben bewegt sich. Dennoch ist das Buch alles andere als langweilig und liest sich sehr flott.

>>Er hatte -… - als Blatt eines Baumes das Licht seines Bewusstseins gelöscht, alle Türen seines Gedächtnisses abgesperrt und gewartet, dass der Winter kam.<<

Allerdings fehlt diesem Band der Zauber, der in Buch 1 und 3 noch vorhanden war. Vielleicht liegt es daran, dass es hier keine Übertragungen gibt und dadurch die Handlung teilweise sehr unrealistisch wirkt. Manchmal hatte ich tatsächlich das Gefühl, ich läse einen Fantasy-Roman.

>>Wenn ein Phänomen nun offensichtlich existierte - … - blieb eigentlich nichts anderes übrig, als dessen Realität anzuerkennen. … Realität entstand nicht durch Prinzipien und Logik, sondern Realität war zuerst da, und erst im Zusammenhang mit ihr ergaben sich die Prinzipien und die Logik.<<

Fazit: Man muss die Dinge so nehmen wie sie sind/erscheinen, damit leben und ggf. seine Einstellung zu den Dingen ändern!

Krümel

DuMont Buchverlag 2011, Übersetzung: Ursula Grafe, Hardcover 24 €, 571 Seiten, ISBN: 978-3-8321-9588-5

Neuerscheinungen im November

“Schmidts Einsicht” von Louis Begley

Schmidt hat alles: Nach seiner vorzeitigen Pensionierung ist der frühere Anwalt Direktor einer Stiftung; eine Aufgabe, die ihn auf Reisen um die Welt schickt. Seine Hoffnung auf ein Enkelkind scheint sich zu erfüllen, die Frauen liegen ihm nach wie vor zu Füßen. Einerseits. Andererseits   …

“Meistererzählungen” von Irène Némirovsky

Der vorliegende Band versammelt neun Erzählungen, ausgewählt nach den großen Themen, um die das literarische Schaffen von Irène Némirovsky zeitlebens kreiste. Aufgenommen wurde auch »Rausch«, jene Erzählung, die schon beim Erscheinen 1934 von der Kritik als »meisterlich« bezeichnet wurde.

“Waldwinter” von Paul Keller

1902 erschien dieser Roman zum ersten Mal. Er begründete die Popularität dieses schlesischen Schriftstellers, der aber in heutiger Zeit in Vergessenheit geraten ist.

In diesem Buch schildert Paul Keller die Erlebnisse eines Schriftstellers, der sich in den Wintermonaten in der Burg eines Freundes einquartiert. Er nimmt regen Anteil am Leben der Dorfbewohner und natürlich auch am Leben der Burgbewohner. Das Leben gestaltet sich ruhig und erst als eine junge Frau nach dem Tode ihrer Mutter ebenfalls in der Burg aufgenommen wird, ändert sich das Leben des Schriftstellers von Grund auf.

Paul Keller hat sich eines Themas angenommen, dass auch in heutiger Zeit durchaus noch aktuell ist. Es geht darum, dass ein Mensch versucht wieder zu sich selbst zu finden, sich auf die wirklich wesentlichen Dinge des Lebens zu konzentrieren, weg vom oberflächlichen Treiben einer hektischen Welt.

Paul Keller ist ein blendender Erzähler, jemand der die Sprache beherrscht, der ruhig erzählt, der nie dazu neigt zu schnell oder zu hektisch erzählen zu wollen. Es ist nicht nur die erzählerische Ruhe die dieses Buch zu einem sehr schönen Leseerlebnis werden lässt, es ist auch die großartige Beschreibung damaliger Lebensform, die dem Leser eine Welt eröffnet, die er nur vom Hörensagen kennt. Paul Keller verbreitet eine ganz besondere Stimmung, die ohne Frage an Ganghofer oder auch an Marlitt erinnert.

Eines steht aber wohl fest: Paul Keller ist zu Unrecht in heutiger Zeit vergessen.

Jan

Bergstadt Verlag 2000, Broschur 10 €, 315 Seiten, ISBN: 978-3870570767

“Marina” von Carlos Ruiz Zafón

Was erwartet man als Leser, wenn man ein Buch mit dem Titel “Marina” bekommt? Gepaart mit dem Klappentext: “[…] und erzählt in unvergleichlicher Weise die dramatische Geschichte eines jungen Mannes, der um sein Glück und seine große Liebe kämpft.” hat sich mein romantisches Herz auf eine wunderschöne Liebesgeschichte gefreut. Vielversprechend war auch der Beginn:

>>Wir alle haben im Dachgeschoss der Seele ein Geheimnis unter Verschluss. Das hier ist das meine.<<

Das romantische Herz blieb am Ende traurig zurück, weil seine Erwartungen gänzlich enttäuscht wurden. “Marina” ist schon eine Liebesgeschichte. Auch. Aber auch ein Krimi, eine Biographie und eine Gruselgeschichte (für mich eher Horror, aber ich bin da auch eher zart besaitet).

Um was geht es?

Óscar lernt bei seinen Streifzügen durch Barcelona das Mädchen Marina kennen. Mit ihr zusammen verfolgt er eines Tages eine geheimnisvolle Dame in Schwarz. Als die beiden versuchen, hinter ihr Geheimnis zu kommen, überschlagen sich die Ereignisse und die harmlose Neugierde von Marina und Óscar führt sie in einen Albtraum.

Keine Frage, Zafón gelingt es wieder eine sehr spannende Geschichte zu erzählen. Er läßt das Barcelona seiner Kindheit lebendig werden. Aber ab einem bestimmten Punkt wird es zu unrealistisch, zu fantastisch, sodass mir Lesefreude arg getrübt wurde. Ohne zu viel verraten zu wollen, ähneln die Motive des Buches “Frankenstein”. Einzig die Neugierde, wie es mit Óscar und Marina am Ende ausgeht, konnte mich zum Weiterlesen animieren.

Schade, weniger wäre an dieser Stelle mehr gewesen.

Sabine

Fischer Verlag 2011, Übersetzung: Peter Schwaar, Hardcover 19,95 €, 352 Seiten, ISBN: 978-3100954015

“Und nehmen was kommt” von Ludwig Laher

Die Kindheit des Roma-Mädchens Monika ist geprägt von einem ständig betrunkenen Vater und einer völlig überforderten Mutter, Armut, Hunger, von geistiger und körperlicher Verwahrlosung und Vernachlässigung. Welche Zukunft hat ein Mädchen, dem keinerlei Bildung oder Weltgewandtheit zuteil wurden? – Eigentlich keine. Und so landet Monika im Kinderheim, macht erste Drogenerfahrungen und lässt sich durch das schnelle Geld am Straßenstrich blenden. Sie wird von einem Zuhälter zum nächsten weitergereicht, ihre Gutgläubigkeit und Naivität, ihre absolute Ahnungslosigkeit was die Dinge des Lebens anbelangt, bringen sie immer näher an den Abgrund, jeder selten auftauchende Lichtblick wird zu einer weiteren herben Enttäuschung. Alkohol und Drogen machen ihr dieses Leben zumindest ertragbar, oft sieht sie den letzten Ausweg nur noch im Suizid, doch auch diese Versuche misslingen.

Ludwig Laher, bekannt dafür, stets heikle Themen (Asylthematik in „Verfahren“ oder Behinderung in „Einleben“) in Angriff zu nehmen, erzählt fast dokumentarisch und sehr im Detail den traurigen Lebensweg der Monika und zugleich eine Gesellschaftsstudie über das Leben der Roma. Mit feiner psychologischer Klinge lässt er den Leser teilhaben an diesem fast unabwendbaren Schicksal einer eigentlich starken Frau mit viel Selbstdisziplin, die aber dem Leben nicht gewachsen ist, die den Weg aus der Schlinge einfach nicht findet und immer an die falschen Personen – meist Männer – gerät. Insgesamt ein fesselndes Buch, wenn auch an manchen Stellen zu viel erklärt, zu viel dokumentiert wird, dem Leser kaum Raum für eigene Gedanken gegeben wird und ein etwas märchenhaft anmutender Schluss den Lesegenuss etwas schmälern.

Ludwig Laher wurde Ende 1955 in Linz an der Donau geboren. Nach Volksschule und Gymnasium studierte er in Salzburg Germanistik, Anglistik und Klassische Philologie, unterrichtete an einem Salzburger Gymnasium, immer wieder auch als Lehrbeauftragter an div. Universitäten. Derzeit arbeitet er parallel als Autor und Lehrer. Zuletzt erschien das Buch “Verfahren”, das es auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2011 schaffte.

Christine

Haymon Verlag 2011, Broschur 9,95 €, 221 Seiten, ISBN: 978-3852188850

Neuerscheinungen im November

“Schneeland” von Yasunari Kawabata

Eines der Hauptwerke des japanischen Nobelpreisträgers für Literatur Yasunari Kawabata (1899–1972) ist von Tobias Cheung neu, erstmals textgetreu übersetzt worden. Kawabatas »Schneeland« liegt jenseits hoher Berge, fern von Tokyo. Shimamura, ein Müßiggänger und Ästhet aus Tokyo, fährt mit dem Zug zu einem der dortigen Kurorte, wo er Komako, eine Geisha, trifft, …

“Monsieur Teste” von Paul Valéry

Monsieur Teste, das ist die berühmteste Figur, die Paul Valéry erfunden hat, eine der wenigen Schlüsselfiguren der Moderne überhaupt. Rilke sah in dem schmalen Büchlein die »stärkste Romanessenz, die je destilliert worden ist«. Durch Jahrzehnte hat sich Valéry nicht von seiner Erfindung trennen können und …

Neuerscheinungen im November

“Mikrogramme” von Robert Walser

In diesem Band werden circa 15 Mikrogramme in der Originalgröße und -farbe wiedergegeben. Auf die Abbildung folgt jeweils die Transkription. 

“Silence” von John Cage

“Silence” bleibt einer der zentralen Texte der experimentellen Literatur.

„Der Mensch erscheint im Holozän“ von Max Frisch

holozan.jpgHerr Geiser, 74, Witwer, lebt alleine in einem Tal in den Tessiner Alpen. Ein Unwetter trennt nun zu Beginn der Geschichte das Tal von der Außenwelt ab und der Leser taucht in die Welt des Herrn Geiser ein:

Sehr sachlich analysiert Herr Geiser seine Situation, er listet die vorhandenen Lebensmittel auf und schreibt nebenher eine Liste über Donnerarten, die das Unwetter im Laufe der Tage über das Tal krachen lässt.

Nachdem er diese Donnerarten niedergeschrieben hat, entwickelt Herr Geiser ein großes Interesse an Wissen, vorwiegend geologisches Wissen, über die Erdgeschichte, aber auch über Dinosaurier und das Tessin. Er sammelt Fachwissen aus Lexika, später schneidet er sogar die einzelnen Artikel aus den Büchern heraus, und all sein „Wissen“ wird an den Wänden seines Hauses befestigt.

„Ob es Gott gibt, wenn es einmal kein menschliches Hirn mehr gibt, das sich eine Schöpfung ohne Schöpfer nicht denken kann, …“

Die Ebene, die sich speziell um den Witwer dreht, ist von einer präzisen Anmut gezeichnet, und spiegelt ein Menschenschicksal. Die philosophischen Gedanken des Herrn Geiser verkörpern eine weitere Ebene und darüber hinaus sind die Zettel an der Wand eine Ebene, die alles umfasst. Somit vereint dieses schmale Büchlein nicht nur einen Mikrokosmos eines einzelnen, sondern auch den Makrokosmos.

„Manchmal fragt sich Herr sich Herr Geiser, was er denn eigentlich wissen will, was er sich vom Wissen überhaupt verspricht.“

Meine Gedanken: Vielleicht erscheint der Mensch auf seinen geistigen Höhepunkt im Holozän, doch könnte es sein, dass all sein Wissen nicht an der Tatsache vorbeiführt, dass wir das gleiche Schicksal der Dinosaurier erleiden und ihnen folgen werden. Ist der Mensch genauso endlich wie der Mikrokosmos des Herrn Geiser?

„Was heißt Holozän! Die Natur braucht keine Namen. Das weiß Herr geiser. Die Gesteine brauchen sein Gedächtnis nicht.“

Krümel

Suhrkamp Verlag 2011, Taschenbuch 7 €, 146 Seiten, ISBN: 978-3-518-46238-6

“Der Mond und die Eiszeit” von Tomas Tranströmer

Tomas Tranströmer stand schon lange auf der Liste der Favoriten für den Literaturnobelpreis. Warum ich aber erst jetzt seine Gedichte lese, nachdem es durch die Welt ging, er bekomme diese Auszeichnung, weiß ich nicht. Immerhin habe ich den inzwischen vergriffenen Gedichtband „Der Mond und die Eiszeit“ aus der Reihe „Serie Piper“ zwei Tage vor der Bekanntgabe des Nobelpreises antiquarisch geordert. Also, gelesen hätte ich diese Gedichte sowieso, und jetzt lese ich sie und bin froh, obwohl, bange hätte ich werden können, denn da gibt es ein Gedicht über Schreibhemmung. Überdrüssig aller Wörter, denn sie können nicht eins zu eins die reale Welt darstellen, von der der Schreibende in dem Gedicht doch erzählen will, und weil er keine Worte findet, zeichnet Tranströmer in Bildern, erzählt, wie das literarische Ich auf eine schneebedeckte Insel fährt. „Das Wilde hat keine Wörter.“, heißt es, ja, diese Insel ist von natürlicher Wildnis, aber sie vom Schnee umhüllt ist, bleibt verborgen. Der Schreiber findet keine Worte. Nur die Sprache ist da, Rehhufen im Schnee – eines ist hier entlanggelaufen erzählt die Sprache der Natur.

Mein erster Eindruck der Gedichte des Frischgekürten: Er erzählt in eindrucksvollen Bildern, die gedeutet werden müssen. Lyrik muss man sich selbst erarbeiten, ich kann hier nur meine subjektiven nicht allgemeingültigen Eindrücke schildern. Ein Gedicht habe ich auf Anhieb lieb gewonnen: „Skizze im Oktober“. Ein klappriger rostiger Schleppdampfer, schrottreif, ist wie „eine schwere erloschene Lampe in der Kälte.“ Er nähert sich der Erde, dem Land, indem er vom Meer in einen Fluss einfährt. Die wilden Farben der Blätter künden den Tod an. In der zweiten Strophe kommt der Mensch ins Spiel. Tintenpilze, die durch Grasnarben schießen, sind wie hilfesuchende Finger von jemanden, der nun unter der Erde liegt. Wir werden eins mit der Erde, will das Gedicht uns sagen. Mich haben diese Bilder, wie Tranströmer sie lakonisch, aber trotzdem wuchtig malt, sehr beeindruckt. Dieses Gedicht zählt von Anbeginn schon zu meinen liebsten. In einem anderen Gedicht heißt es über den Tod: „ Doch im stillen wird der Anzug genäht.“

Ein jeder kennt das Gedicht „Ein Gleiches“: „Über allen Gipfeln / Ist Ruh.“ In diesem Gedicht geht der Spannungsbogen vom Himmel bis unter die Erde: „Warte nur, balde / Ruhest du auch“. In dem Gedicht „Atempause Juli“ von Tomas Tranströmer liegt jemand unter hohen Bäumen und schaut in die hohen Zweige. Er fühlt, er sitze „ in einem Schleudersitz, der in Zeitlupentempo wegfliegt.“ In der zweiten Strophe ist das Gedicht inhaltlich zur Erde geschwenkt, auf einem Bootssteg, der schneller altert als der Mensch. Und dann, man merkt vielleicht, dass Tranströmer Schwede ist, immer wieder Wasser, das Meer, die Kälte, in der dritten Strophe also die Vorstellung, wenn jemand mit einem Boot „über die glitzernden Buchten fährt“, dann wird derjenige „in einer blauen Lampe einschlummern“, und, im letzten Vers so eine typische bildhafte Fantasie Tranströmers: “..während die Inseln über das Glas kriechen wie große Nachtfalter.“ Geniales Bild. Wie sollen wir das aber entschlüsseln? Es geht hier wohl auch um den Tod. Die blaue Lampe könnte der kalte Tod sein, das Meer der Sarg unter den Schwingen des Nachtfalters. Alles muss man nicht verstehen, dass Entscheidende ist, Tranströmers Bilder bringen unsere Fantasie in Bewegung. Wir begegnen auch den Blick von ganz unten bis in die weiten des Kosmos: „Wir blicken nach oben: der Sternenhimmel durch das Abflussgitter.“

In diesem Band sind auch einige kurze Prosastücke enthalten, die wie seine Lyrik ebenso von knapper Verdichtung und assoziativwirkenden Bildern geprägt sind. Es sind wunderbare Bilder. Oder wundersame? In einem Gedicht schauen „Satelitenaugen“ auf den rauhen Boden der Erde, der kein Spiegelbild zulässt. „Nur die gröbsten Geister“, so heißt es, „spiegeln sich drauf: der Mond und die Eiszeit.“

mArtinus

Piper Verlag 1996, Broschur vergriffen, 118 Seiten, ISBN: 978-3492113793

Neuerscheinungen im November

“Odyssee” von Homer

Vom frischen Wind und der Sorgfalt der Neuübertragung – erstmals 2007 als großformatiger, illustrierter Band bei Manesse erschienen – profitiert nun auch die handliche und preiswerte Hardcover-Ausgabe des kanonischen Großklassikers.

“Novalis” von Prof. Dr. Gerhard Schulz

Gerhard Schulz erzählt in seiner Biographie das Leben des Schriftstellers, Dichters, Philosophen und Bergbauingenieurs Novalis immer mit Bezug auf dessen vielgestaltiges Werk, dem die Trennung von Geistes- und Naturwissenschaften noch völlig fremd war.