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Archive für September 2011

“Ein anderes Leben” von Per Olov Enquist

Per Olov Enquist wurde 1934 in einem nordschwedischen Dorf geboren. Er lebt in Stockholm. Er arbeitete als Theater- und Literaturkritiker und zählt ohne Frage heute zu den bedeutendsten europäischen Autoren.

Per Olov Enquist erzählt aus seinem Leben. An sich ist das ja nichts Ungewöhnliches, wenn ein Schriftsteller seine Autobiographie schreibt. Diese Autobiographie von Enquist allerdings unterscheidet sich dann doch von den Erinnerungen so vieler seiner Kolleginnen und Kollegen. Denn Enquist schreibt nicht in der Ich-Form, nein, er erzählt sein Leben so, als würde er nur über jemanden berichten, Enquist hat dieses Buch in der dritten Person geschrieben. Dadurch liest es sich wie ein Roman. Und die von ihm gewählte Erzählweise führt in jedem Falle auch dazu, dass er das „ich“ eben nicht pausenlos in den Mittelpunkt oder auf einen Sockel stellt. Vielleicht sieht man das eigene Leben, den eigenen Lebensweg auch kritischer, wenn man es quasi von außen, fast so wie ein Zuschauer und Begleiter, anschaut.

Es ist ein beeindruckendes Buch geworden, ein Buch das auch hinter die Kulissen schaut, ein Buch das nichts und niemanden schont und das auch die Fehler der verantwortlichen Handelnden auflistet und diesen dann ein wenig von ihrem (verdienten?) Glanz nimmt.

Per Olov Enquist hat ein aufregendes Leben gelebt, war immer neugierig und hat sich nicht mit Vordergründigem abspeisen lassen, er wollte den Dingen immer auf den Grund, manchmal auch noch etwas tiefer, gehen. Mit hohlen Phrasen hat er sich nie zufrieden gegeben. Trotzdem meint man herauszulesen, dass Enquist ein eher schüchterner Mensch ist, der sich nicht in die Öffentlichkeit drängt, der aber immer dann aufsteht wenn es etwas zu sagen gibt, etwas das nicht im Verborgenen bleiben soll. Er kratzt auch am Lack des eigenen Landes, dessen ach so hehre Einstellung wohl oft auch nur mehr Wunschdenken gewesen ist.

Ein sehr lesenswertes Buch – unterscheidet es sich doch so wohltuenden von diesen schlimmen, sich selbst beweihräuchernden Lebenserinnerungen-Schreiberlingen und- schreiberlingenginnen.

Jan

Fischer Verlag 2011, Übersetzung: Wolfgang Butt, Taschenbuch 9,95 €, 541 Seiten, ISBN: 978-3596186006

“Mein Freund Stieg Larsson” von Kurdo Baksi

Durch Zufall bin ich auf dieses Buch gestoßen – sofort war mein Interesse geweckt, mehr über den Menschen zu erfahren, der mit der Millennium – Trilogie eine ungeheuer spannende Krimi – Serie geschaffen hatte. Was war das für ein Mensch? Wieviel von ihm finden wir in den Büchern wieder?

Kurdo Baksi war viele Jahre lang ein treuer Begleiter von Stieg Larsson – nicht nur beruflich, sondern auch privat. Wenn sie unter sich waren, haben sie sich als „Großer Bruder, kleiner Bruder“ bezeichnet.
Was mich sehr beeindruckt hat, war der Kampfgeist von Stieg Larsson – er wollte die Gesellschaft in Schweden (und eigentlich der ganzen Welt) verändern, Ungerechtigkeiten abschaffen. Er ging offen (trotz vielerlei Bedrohungen) gegen Rassismus und Frauenfeindlichkeit vor.

Mit dieser Biographie wird zweierlei deutlich – zum einen kann man sehen, wie facettenreich das Wirken von Stieg Larsson war. Und zum anderen hat mit seinem Tod Schweden einen großen Menschenrechtler verloren, dem es nicht darum ging, in der Öffentlichkeit zu stehen und sich den A**** in Talkshows breit zu sitzen, sondern der wirklich etwas erreichen wollte und unermesslich an seinem Traum einer gerechteren Welt arbeitete. Es ist müßig darüber zu spekulieren, ob ihn dieser Kampf am Ende das Leben kostete. Aber sicherlich hätten ihm mehr Schlaf, weniger Kaffee und weniger Zigaretten mehr Lebenszeit geschenkt …

Obwohl das Ende des Buches von Vornherein klar ist, ging es mir beim Lesen so, dass ich die Ereignisse bremsen wollte, je näher November 2004 in den Fokus geriet. Stieg Larsson starb kurz bevor einige seiner arbeitsreichen Früchte reif waren – die Ernte und den Erfolg durfte er nicht mehr erleben.

Kurdo Bakso bringt dem Leser den Journalisten Stieg Larsson näher – vom Privatmenschen erfährt der Leser kaum etwas – aber es bleibt die Frage, wann der Mann Zeit für ein Privatleben gehabt haben soll – er lebte für seinen Beruf, seine Vision und entspannte sich nachts beim Schreiben.

Aber er beleuchtet auch den Schriftsteller Stieg Larsson und die Parallelen zwischen seiner Trilogie und dem Autoren. Er zeigt auf, wie viel Stieg Larsson in seinen Hauptprotagonisten steckt und welche einschneidenden Erlebnisse seiner Biographie darin verarbeitet werden.

Sabine

Heyne Verlag 2010, Übersetzung: Susanne Dahmann, Hardcover 18,95 €, 224 Seiten, ISBN: 978-3453170650

Biographien - Challenge

vom 1. Oktober 2011 bis 30. September 2012

Es sind zu lesen 6 Biographien aus 9 Themen:

• Literatur
• bildene Kunst und Musik
• Religion und Philosophie
• Naturwissenschaft, Technik und Medizin
• Politik und Wirtschaft
• besondere Leistung oder besonderes Schicksal ( z. B. Sport oder Krankheit)
• Biographie einer Institution, Landes, Stadt, Fluss u.a.
• Romanbiographie
• Autobiographie

Die Teilnehmer melden sich bitte im Krümel-Forum im entsprechenden Forum an (das geht auch als Gast). Dort kann man im einem persönlichen Ordner eine Bücherliste erstellen, oder aber man liest einfach drauf los. Die Liste darf selbstverständlich auch geändert werden.

Zu den 6 Biographien muss jeweils eine Buchbesprechung in dem entsprechenden Forum eingestellt werden.

Für den Gewinner gibt es einen Gutschein von Amazon über 20 Euro. Wobei der Gewinner nicht gleichzusetzen ist mit dem Schnellsten, der ganz schnell mal 6 Biographien gelesen hat, sondern hier erwartet man Engagement und Diskussionsfreude, eben eine Bereicherung für die Challenge. Der Gewinner wird von einer unabhängigen Jurie gewählt.

Neuerscheinungen im Oktober

“An den Flüssen, die strömen” von António Lobo Antunes

In seinem persönlichsten, ergreifendsten Buch erzählt der weltberühmte Schriftsteller António Lobo Antunes ganz offen von seiner Erkrankung an Krebs. Er berichtet von den zwei langen Wochen, die »Senhor Antunes«, sein literarisches Alter Ego, in einem Krankenhaus verbringt, mit seinem Schicksal hadert, sich Operation und Behandlung unterzieht, sein Leben Revue passieren lässt und – letztlich – seine Todesangst überwindet.
“Die Zeit der Trauer” von Joyce C. Oates

Nie zuvor hat Oates so tiefen Einblick in ihr Innerstes gegeben. Hier tut sie es, bewegend, klug und überraschend. Wir lernen eine andere Joyce Carol Oates kennen: eine starke Frau, die am Ende sagen kann “Dies ist jetzt mein Leben”. 

“Die Unsterblichen” von Ketil Bjørnstad

Nach dem Erfolg mit seiner Romantrilogie um den jungen Pianisten Aksel Vinding ist “Die Unsterblichen” Ketil Bjørnstads persönlichstes Buch. Es ist eine Bestandsaufnahme, nicht nur eines Lebens, sondern einer ganzen Generation. Die Menschen scheinen alterslos, nahezu unsterblich – doch zu welchem Preis? 

“Einsteins Versprechen” von Francesc Miralles

Kurz vor seinem Tod machte Albert Einstein eine revolutionäre Entdeckung. Er fand heraus, was die Welt im Innersten zusammenhält. Doch er behielt diese Wahrheit für sich. Einsteins junge Biographin Sarah und Drehbuchautor Javier suchen nach dem Geheimnis des Genies. Ihre magische Reise in die Vergangenheit führt sie um die halbe Welt.

“Stiller” von Max Frisch

stiller.jpgDie große Identitätskrise oder die Verurteilung zum Ich ohne Wandlungsmöglichkeit!

„Einer“ wird in der Schweiz verhaftet, da er „Stiller“ sein soll und irgendetwas auf dem Kerbholz (Spionage oder so) haben soll. Was allerdings unwesentlich ist, vielmehr dass dieser Einer fortwährend diese Identität abstreitet. Nun sitzt er in Untersuchungshaft und alle, der Verteidiger (dieser spricht ihn gleich mit „Stiller“ an – Situationskomik pur), der Staatsanwalt und gar seine Frau, Schwager, seine Freunde, sein Vater, alle lassen nicht davon ab, dass „Einer“ „Stiller“ ist. Nur dieser streitet das vehement ab, erzählt Geschichten über Geschichten, nennt sich Mr. White und schreibt den ersten Teil des Buches nieder.

>>… - diese Unmöglichkeit ist es, was uns verurteilt, zu bleiben, wie unsere Gefährten uns sehen und spiegeln, sie, die vorgeben, mich zu kennen, sie, die sich als meine Freunde bezeichnen und nimmer gestatten, daß ich mich wandle, …<<

Der Leser ist zunächst verunsichert, möchte er doch als neutraler Leser nicht diesen Fehler begehen und sieht den Verlauf der Handlung eher skeptisch. Später neigt man dann auch zu der Annahme, dass „Stiller“ „Stiller“ ist, aber es gibt auch immer wieder Situationen, bei denen man wieder zweifelt – was den Figuren im Buch nie in den Sinn kommt – wenn beispielsweise ein Zahn vorhanden ist, der gar nicht mehr vorhanden sein sollte.

Eindeutig wird die Identität nicht geklärt, aber spielt das eine große Rolle?

Im Buch geht es in der Hauptsache um die Beziehung zwischen Stiller und Julika. Fasziniert von diesem zarten blassen Wesen mit dem roten Haar, heiratet Stiller seine Göttin. Auch sie ist ihm still ergeben, aber das große Glück der Beiden bleibt aus. Sie erkrankt an Tuberkulose, muss in die Berge zu einer Kur, und er verlässt sie.
Als Begründung für diese Handlung wird immer wieder der Spanische Bürgerkrieg in der Vordergrund geschoben, in dem Stiller seine Pflicht nicht erfüllt und die „Feinde“ nicht erschossen hat. Schuldkomplexe tun sich auf und er ergreift die Flucht nach Amerika. Er bleibt sieben Jahre weg und nun hat man „Einen“ gefasst, der wie „Stiller“ aussieht.

Und es spielt doch gar keine Rolle, ob „Einer“ „Stiller“ ist oder nicht! Fakt ist doch, falls „Stiller“ „Stiller“ ist, hat er diese Identität abgelegt, oder er wünscht es sich diese Identität ablegen zu können, weil er damit nicht mehr leben wollte und konnte. Natürlich hat „Stiller“ dann eine Identitätskrise, wenn er „Stiller“ ist. Aber dies wird von außen nicht erkannt, geschweige akzeptiert. Einzig von Rolf dem Staatsanwalt, doch das klärende Gespräch wird erst geführt als Stiller zu Stiller verurteilt wird, damit leben muss und alles von vorne beginnt.

>>Sie (Julika und alle anderen) kann ihn nicht aus dem Bildnis befreien, das sie von ihm gemacht hat – dadurch steht sie auf der Seite der Gesellschaft und nicht auf der Seite ihres Mannes.<< (Wiki zu „Stiller“)

Ein beeindruckendes Werk, welches mir von den bisher gelesenen Büchern von Frisch („Homo Faber“, „Mein Name sei Gantenbein“ und „Der Mensch erscheint im Holozän“) am besten gefallen hat.

Krümel

Suhrkamp Verlag 2004, Sonderausgabe in Originalausstattung 1954, Hardcover 15 €, 577 Seiten, ISBN: 3-518-41661-8

“Perlmanns Schweigen” von Pascal Mercier

Erzählt wird die Geschichte Perlmanns, dessen Leidenschaft als renommierter Sprachwissenschaftler erloschen ist und sich durch seine Schwäche im Durchsetzen nicht imstande fühlt, es seinen Kollegen zu erklären. Und deshalb wird er an einem Seminar teilnehmen, wo neue Ideen besprochen werden sollen. Ideen, die Perlmann seit Monaten nicht aufs Papier gebracht hat. Die Erwartungshaltung seiner Kollegen treibt ihn in die Enge und zwingt ihn zu Handlungen, die seinen erfolgreichen Lebenslauf vernichten werden.
Mercier erschafft hier ein detailliertes Psychogramm, dass stellenweise an Dostojewskis “Schuld und Sühne” erinnert. Brilliant beschrieben die Hoffnungslosigkeit, die treibende Angst aufzufliegen, die ihn am Rand des Selbstmordes treiben. Allerdings braucht es einige Zeit, bevor der Roman an Fahrt gewinnt, Merciers Präzision lässt das Buch langatmig wirken, Wiederholungen stellen sich ein. Teil eins ist als Vorbereitung zu verstehen, Teil zwei als Ausführung, der wesentlich rasanter erzählt wird. Ein Krimi der Extraklasse.

Patrick

btb Verlag 1997, Taschenbuch 13 €, 640 Seiten, ISBN: 978-3442721351

Neuerscheinungen im Oktober

“Pans Stunde” von Norbert Hummelt

Pans Stunde bricht während der schwülen sommerlichen Mittagsstille an. Dann ruht der bocksbeinige Gott, und wer ihn stört, den versetzt er in Angst und »panischen« Schrecken. Dieser mythischen Stunde hat der Schriftsteller Norbert Hummelt seinen neuen Gedichtband gewidmet. In Versen lotet er die tiefe Spannung dieser Stunde aus, die von Trunkenheit und Erotik, von Schrecken und Glück, von Idylle und Dämonie gezeichnet ist.

“Unser Vater Charles Dickens” von Mary und Charly Dickens

Charles Dickens’ heiterste Seiten Die hier erstmals übersetzten Erinnerungen der Kinder an ihren Vater zeigen Dickens von einer unbekannten Seite. Alexander Pechmann hat sie mit Notizen und Briefen des Dichters zu einem lebendigen und liebenswerten Porträt zusammengestellt. 

“Hans Christian Andersen” von Heinrich Detering

Hans Christian Andersen (1805 - 1875) hat die Stigmatisierung und Traumata seines abenteuerlichen Lebens in Kunst verwandelt. Und so wurde der Exzentriker und Außenseiter zu einem der weltliterarisch wirkungsmächtigsten Dichter seiner Zeit.

Neuerscheinungen im Oktober

“Märchen - Dekamerone” von Michael Köhlmeier

Wenn der Sagen- und Märchenkenner Michael Köhlmeier zu erzählen beginnt, werden sie plötzlich zu lebendigen Gestalten: Alibaba und die vierzig Räuber, Robin Hood, Hans im Glück oder die drei kleinen Schweinchen.

“Tochter der Sünde” von Iny Lorentz

Die ehemalige Wanderhure Marie lebt glücklich auf Burg Kibitzstein. Ihre Kinder sind erwachsen, die Töchter bereits verheiratet, und nun soll auch ihr Sohn Falko unter die Haube. Doch Falko ist ein Heißsporn, und als er sich bei einem Turnier erbitterte Feinde macht, …

“Zu guter Letzt” von Edward St Aubyn

»Zu guter Letzt« ist der brillante Kulminationspunkt der Melrose-Saga – einer der stärksten  literarischen Auseinandersetzungen mit dem Trauma Familie, die je geschrieben wurde. Und auch dieser abschließende Roman ist wieder ein Meisterwerk, eine funkelnde schwarze Komödie voller tiefer emotionaler Wahrheit. 

“Ein Moment fürs Leben” von Cecelia Ahern

Was machst du, wenn dein Leben sich mit dir treffen will? Gehst du hin?
Mit ihrer verzaubernden Phantasie und ihrem unnachahmlichen Humor erzählt Cecelia Ahern von der wichtigsten Begegnung, die es für uns geben kann: mit dem eigenen Leben. 

„Die Augenbliche des Herrn Faustini“ von Wolfgang Hermann

faustini.jpgKleine Alltäglichkeiten werden zum Mittelpunkt des Lebens!

Denn Herr Faustini hat sich selber verloren. Er weiß nicht mehr, wann es genau begonnen hat, aber es hat sich in seinem Inneren ein Riss aufgetan, so dass er sich selber beobachten kann. Er steht neben sich und ruht nicht mehr in sich: >>er sieht sich selbst beim Leben zu<<. Und das ist ein ganz unangenehmer Zustand! Herr Faustini sieht sich gezwungen eine Psychotherapie zu belegen.

Frau Nussbächle, seine Therapeutin, hört sich seine Sachlage sehr ernst und gewissenhaft an, doch da sie selber dringend Abwechslung braucht, schickt sie ihren Patienten auf eine Reise. Und so tippt Herr Faustini mit dem Zeigefinger auf eine Landkarte – es geht nach „Edenkoben“!

>>Würde es in einem Netzkartenleben außer der Zeit des Fahrplans noch den Augenblick geben? Die Zeit, die immerzu nachwuchs, würde sich in einem Netzkartenleben ordnungsgemäß nach Fahrplan abrollen. Aber wo würden in der sich von selbst abrollenden Zeit die Augenblicke bleiben?<<

Die Erzählung wird in einem einmalig idyllisch-ironischen Ton geschrieben, der nur manchmal etwas zur Melancholie neigt und in der Regel heiter ist.

Herr Faustini lernt auf seiner Reise den Kleinbahnliebhaber Emil kennen, tanzt auf der „Rheingold“ zur Goldhochzeit und sieht die Frau mit dem wehenden Gang …

>>Wie konnte er erwarten, dass sich für ihn, den Unruhegeist, die Parallelen im Unendlichen berühren, dass die Dinge aus der Stille zu sprechen anheben, oder vielmehr im Lärm der Dinge die große Stille wachsen würde, die alles zur Ruhe brächte?<<

Ganz zu Beginn liest der Protagonist in einem Magazin über sein Heimatsdorf „Dornbirn“, welches in Wirklichkeit ganz anders aussieht als das Hochglanz-Magazin es vortäuscht. So verhält es sich auch mit den Alltäglichkeiten, die Reise verhilft unserem Helden zu einem Blick „auf die kleinen Dinge der Welt“, was letztlich sehr heilsam wirkt …

Krümel

Haymon Verlag 2011, Hardcover 17,90 €, 135 Seiten, ISBN:978-3-85218-696-2

“Letzte Ausfahrt vor der Grenze” von Irene Prugger

Das Leben ist wie eine Autobahn …. es gibt immer wieder die Möglichkeit, die breite, geradlinige und sicher ans Ziel bringende Straße zu verlassen, um sich über eine verzweigte, schmale Ausfahrt einen neuen Weg zu suchen, oder aber auf der sicheren, bekannten Fahrbahn bleiben, die einem sicher und komplikationslos ans Ziel bringt. Ein Zurück gibt es nicht, die Entscheidung verbleibt beim Fahrer, der Beifahrer muss mit ….. dieser Vergleich fällt mir ein, nachdem ich diese Kurzgeschichtensammlung gelesen habe. Die 18 Stories lesen sich rasch weg, unter dem Motto „eine geht noch“ habe ich sie binnen 24 Stunden gelesen. Sie sind sehr unterschiedlich und abwechslungsreich, obwohl sie doch vom gleichen Thema handeln: Beziehungen, bevorzugt langjährige Paarbeziehungen mit all ihren Schikanen. Die Charaktere sind aus dem Alltag gegriffen, man erkennt Herrn Huber und Frau Maier aus der Nachbarschaft wieder, und hin und wieder auch sich selber. Die Geschichten können jederzeit und jeden Tag irgendwo in der Nähe passieren, und doch wird es nicht langweilig, sie zu lesen! Sei es das Ehepaar, das sich nach vielen Ehejahren eine Woche getrennten Urlaub gönnt, eine Politikergattin, die genug vom Schattendasein hat und sich einen Geliebten zulegt und dabei einen kapitalen Fehler macht, ein Selbstmörder, der für 3 Stunden Zugverspätung sorgt, der ledige Bauer, der alle Liebeshoffnung auf eine Osteuropäerin aus dem Internet setzt oder die Lehrerin, die alle Hoffnungen in einen kleinen Jungen setzt ….. Mit einem ordentlichen Schuss Witz und Ironie garniert verleiht die Autorin jeder Geschichte trotz schnökelloser, oft nüchtern-distanzierter Erzählweise einen besonderen Charme und auch Tiefgang und lässt sie nicht “alltäglich” wirken. Einzig das sich ständig wiederholende Rollenbild, das man in vielen der Geschichten vorfindet - beruflich erfolgreicher Mann, der sich die eine oder andere Freiheit herausnimmt und duldsame, schweigende, fast demütige Frau die sich um Haushalt und Kinder kümmert - hat mich am Ende doch gestört. Insgesamt ein nettes Büchlein für Zwischendurch!

Irene Prugger: geb. 1959 in Hall/Tirol. Seit 1988 freie Journalistin und Schriftstellerin, verfasst Prosa, Hörspiele und Theatertexte.

Christine

Haymon Verlag 2011, Hardcover 19,90 €, 184 Seiten, ISBN: 978-3852186993