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“1Q84″ von Haruki Murakami
Ein typischer Murakami, äußerst spannend und mysteriös, melodisch geschrieben oder übersetzt, aber eben leider noch nicht vollkommen!
Das Buch wird aus zwei Ebenen her beschrieben und diese wechseln kapitelweise. Die eine Ebene handelt vom Protagonisten Tengo: Ein 30 jähriger Mathematiklehrer und angehender Schriftsteller. Die typisch männliche Murakami Besetzung – häuslich, unentschlossen, etwas schlampige Bekleidung und eher ein Frauenfreund als Draufgänger. Die Andere wird von Aomame getragen – das genaue weibliche Gegenteil – taff, eigentlich gutaussehnend, willensstark, aber tief innerlich sehr verletzlich. Natürlich wieder das perfekte Paar.
Tengo hat als Schriftsteller schon einige Werke geschrieben, er reicht sie auch regelmäßig bei Roman-Debüt-Preisen ein und sein künftiger Verleger hält auch große Stücke auf ihn, aber irgendwas fehlt immer in seinen Romanen – Lebendigkeit. Doch dann taucht die 17 jährige Fukaeri auf. Sie reicht einen Roman für den Wettbewerb ein, der vom Inhalt, von der Geschichte her, spannend und lebendig ist, nur am Stil mangelt es ihr. Kurzer Hand entschließt sich der Verleger, dass Tengo ihren Roman überarbeiten soll.
Fukaeri erzählt in ihrem Buch ihre eigene Geschichte, eine Geschichte die bald auf beiden Ebenen überschwappt und „1Q84“ immer spannender macht.
>>Am Himmel standen zwei Monde. Ein großer und ein kleiner. Nebeneinander. Der große war der ihr vertraute gute alte Mond. Er war fast voll und gelb. Aber neben ihm befand sich ein weitere Mond, der ihr ganz und gar nicht vertraut war.<<
Diesmal besitzt das Buch ein Leitmotiv, denn direkt zu Beginn in Kapitel 7 geht es um folgende Ausgangsstellung: Aomame ist Auftragskillerin und beseitigt Männer, die Frauen oder Mädchen missbrauchen und misshandeln. In ihrer Ebene geht es immer um die Frage, ob dieses Richten gut oder schlecht ist. Inwieweit ist es richtig, dass man das Böse vernichtet um das Gute zu stützen, wie die Natur mit dieser Frage umgeht und ob dieser Dualismus nur in der menschlichen Moralverstellung seine Gültigkeit hat.
>>Die Gene denken nicht in Kategorien von Gut und Schlecht. Wir haben Glück oder Pech mit ihnen, aber sie wissen nichts davon. Denn wir sind nicht mehr als ein Mittel zum Zweck. Für die Gene zählt nur, was für sie selbst den größten Nutzen bringt.<<
Mit dem Leader, eine weitere Figur im späteren Verlauf der Handlung, findet dann der Roman sein „Böses“. Und wenn man das „Gute“ schützen möchte, sollte man das „Böse“ aus der Welt schaffen! Doch von dieser Figur erhält der Leser folgende Betrachtung:
>>Gut und Böse sind keine festen, unveränderlichen Größen, sondern Aspekte, die ständig je nach Perspektive wechseln, was in einem Moment gut ist, kann im nächsten böse sein. Und umgekehrt …
Entscheidend ist das Gleichgewicht zwischen den sich in unablässiger Bewegung befindlichen Kategorien von Gut und Böse zu halten. Bekommt eine Seite das Übergewicht, wird es schwierig eine realistische Moral aufrechtzuerhalten. Das Gleichgewicht an sich ist das Gute.<<
Außer ein paar übertriebene Wiederholungen in der Mitte, wo allmählich die beiden Ebenen verschmelzen, bin ich der Meinung, dass „1Q84“ zeigt, dass Murakami wirklich auf der Höhe seines Schaffens angekommen ist! Äußerst spannend, eine gut umflochtene Handlung, aussagekräftige Metaphern und gute Symbol-Übertragungen, auch die Figuren sind überzeugend und lebendig, all das macht dieses Buch wirklich zu einem Lesegenuss, und sorgt für angenehme Unterhaltung.
Jetzt bleibt uns Lesern nur noch bis Oktober (2011) zu warten, um voller Erwartung den dritten Teil lesen zu dürfen, in der Hoffnung, dass sich alles auflöst und der Roman perfekt abgerundet wird.
>>(Der zweite Mond) Er wirkt wie ein unerwünschtes Kind, hässliches Kind, das entfernte arme Verwandte jemanden durch die Macht irgendwelcher Umstände aufgedrängt hatte.<<
Krümel
DuMont Verlag 2010, Übersetzung: Ursula Gräfe, Hardcover 32 €, 1024 Seiten, ISBN: 978-3-8321-9587-8

