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Archive für Juli 2011

Neuerscheinungen August

“EisTau” von Ilija Trojanow

Ilija Trojanows neuer Roman erzählt mit gewaltiger Wortkunst von einem Mann, der auszieht, um für die Gletscher zu kämpfen. Ein poetischer und leidenschaftlicher Roman über die Erhabenheit der Natur und die Gefährdung unserer Welt. 

“Jáchymov” von Josef Haslinger

Sie begegnen sich zufällig: der Verleger und die Tänzerin. Er sucht Heilung im alten Kurhotel von Jáchymov und stößt dabei auf das Grauen dieses Ortes. Die Tänzerin beginnt ihm eine Geschichte zu erzählen, die sie ihr Leben lang begleitet hat. Es ist die Tragödie ihres Vaters …

“Je schneller ich gehe, desto kleiner bin ich” von Kjersti Annesdatter Skomsvold

Mathea Martinsen ist fast hundert Jahre alt, lebt am Stadtrand von Oslo und hat gerade ihren geliebten Mann verloren. Für wen soll sie nach dem Tod des schrulligen Statistikers jetzt ihre Ohrenwärmer stricken? Mit wem kann sie nun über das Leben philosophieren? Matheas Versuche, ins Leben zurückzufinden, rühren und amüsieren zu Tränen. 

“Der Geruch der Erinnerung” von Molly Birnbaum

Molly Birnbaum hat es erlebt: Nach einem Autounfall verlor sie Geruchs- und Geschmackssinn eine Katastrophe! Nicht nur ihren Plan, eine Kochschule zu besuchen, musste sie aufgeben, sondern auch schnell feststellen, dass jeder erdenkliche Lebensbereich mit Gerüchen verbunden ist sie riecht weder den Mann, in den sie sich verliebt, noch …

“Wasserwelten” von Siegfried Lenz

wasserwelten.jpg>>Hier aus dem Watt, …, soll sich … der Aufbruch vollzogen haben: wer atmen konnte und all das, erhob sich eines Tages vom Meeresboden, wanderte über den amphibischen Gürtel an den Strand, wusch sich den Schlamm ab, entfachte ein Feuer und kochte Kaffee.<< (Meer und Küste)

Stimmungen der See

In dieser Geschichte treffen sich drei Männer zur Flucht. Sie haben vor mit einem Ruderboot hinaus auf´s Meer um einen Fischkutter zu treffen. Dieser Kutter soll sie über die Ostsee nach Schweden bringen, in die Freiheit, in die neue Zukunft … Aber der Fischkutter kommt nicht! - Kommt nicht – nein er ist nicht in Hörweite, geschweige Sichtweite.
Und obwohl die Männer Nordländer sind, etwas rauh und mundfaul, bringt Lenz wunderbar diese tiefe kühle Emotion rüber. Man bemerkt die völlige Anspannung der Drei, dass ihre Nerven zum Bersten sind und wie sie in ihr tragisches Schicksal treiben …

Einstein überquert die Elbe bei Hamburg

Diese Geschichte präsentiert sich wie ein Kunstwerk, Strich für Strich erahnt man langsam die Handlung, die Emotionen der Figuren, eine dichte Atmosphäre tut sich auf …

Beispielsweise so: Eine Fähre (Strich), eine Frau, (Strich), eine Frau auf der Fähre – eine schwangere Frau – eine hochschwangere Frau – auf der Fähre – die kurz vor der Geburt steht – auf der Überfahrt – wahrscheinlich gebiert sie währenddessen – doch sie will es unterdrücken. Ist das die Frau von Einstein? Kollidiert die Fähre mit einem Dampfer? … lest selber!

Ich habe die für sich stehenden Geschichten in diesem Werk allesamt gerne gelesen, doch gibt es davon nicht all zu viele. Zum größten Teil besteht das Buch aus Auszügen aus Romanen von Lenz. Und diese Bruchstücke aus ihrem Kontext gerissen standen ziemlich hilflos im freien Raum. Nach einer Weile habe ich diese überschlagen und nur noch die in sich geschlossenen Geschichten gelesen.

Krümel

Hoffmann und Campe Verlag 2010, Hardcover 22 €, 351 Seiten, ISBN: 978-3-455-40048-9

“Dat Leven is en Achterbahn” von Hermann Bärthel

Hermann Bärthel wurde 1932 in Hamburg geboren. Sein Abitur machte er an einem Abendgymnasium und studierte dann Germanistik, Anglistik und Erziehungswissenschaften. Bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1995 war er Lehrer am Gymnasium Hamburg-Meiendorf.

In seinen Geschichten schildert der Autor in humorvoller Art den Alltag seiner Mitmenschen. Dabei trifft er fast jedes Mal den Kern der Dinge punktgenau. In diesem vorliegenden Buch beschreibt er den Alltag, der von der Werbung und den Klischees in der Werbung beherrscht wird. Er schnallt die Werbung auf den Prüfstand und hat sie dabei so fest an den Balken geschnürt, dass die Werbung ihm nicht durch die Lappen gehen kann. Sie – die Werbung – muss sich mehr oder weniger hilflos gefallen lassen wie ihr in bestem Hamburger Platt ordentlich die Leviten gelesen werden. Ein hinreißendes Buch, zum Schmunzeln – aber auch diese durchweg heiteren Episoden laden zum Nachdenken ein.

Da es sich um ein Buch in Plattdeutscher Sprache handelt wäre es doch mal etwas anderes , wenn man das Wesentliche dieser Buchvorstellung auch in Hamburger Platt schreibt:

In sine Geschicht vertellt us de Schriever in sin humorige Art und Wiis wat da weer mit de Alltag von de anner Lüüd. He sächt wat los weer in de Welt vun de Werbung un wat se us as den Wohrheid vertellen. He hädd da all so utklamüstert as dat weer. Dor blivt nichts voor den Dör. Een Book dat Sposs mogt, da aver oak son beeten ton nodenken anregen deit. Een Book nich nur för den Hamburgers, een Book för all den Lüüd die se mogt, die plattdütsche Sprock.

Ein kleiner Spass mehr nicht. Ich spreche zwar Platt, kenne mich aber in der plattdeutschen Schreibweise nur sehr unzureichend aus. In jedem Falle eignen sich die Geschichten von Hermann Bärthel auch sehr gut zum vorlesen.

Hermann Bärtel wurde insbesondere auch bekannt durch die plattdeutsche Hörfunksendung „Hör mol beten to“.

Für alle, die die plattdeutsche Sprache mögen ganz sicher ein schönes Leseerlebnis.

Jan

Quickborn Verlag 2008, Taschenbuch 8,80 €, 158 Seiten, ISBN: 978-3876513324

Neuerscheinungen August

Die Frau, die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte” von Rafik Schami

In seinem neuen, persönlichsten Buch erzählt er, wie er zu einem der beliebtesten Erzähler Deutschlands wurde. Er berichtet von seiner Kindheit in Damaskus, als es noch Geschichtenerzähler gab, die im Kaffeehaus ihr Garn gesponnen haben, er zeichnet ein liebevolles Porträt seines Großvaters, und er macht sich Gedanken darüber, wie die Märchen in die Welt gekommen sind.

“Meine Zeit der Trauer” von Joyce Carol Oates

Nie zuvor hat Oates so tiefen Einblick in ihr Innerstes gegeben. Hier tut sie es, bewegend, klug und überraschend. Wir lernen eine andere Joyce Carol Oates kennen: eine starke Frau, die am Ende sagen kann »Dies ist jetzt mein Leben«. 

“Drei Bauern auf dem Weg zum Tanz” von Richard Powers

Richard Powers arbeitete als Programmierer in den Docks von Boston. Während der Nachtschicht las er Thomas Manns »Zauberberg«. Als er im Museum die berühmte Fotografie des Kölner August Sanders von drei jungen Männer aus dem Jahr 1914 entdeckt, denkt er, dem Jahrhundert in die Augen zu schauen. Der Erzähler Richard Powers war geboren …

“Gerron” von Charles Lewinsky

Charles Lewinsky erzählt die faktenreiche und doch erfundene Biographie des Schauspielers Kurt Gerron, der dem Holocaust zum Opfer fiel - ein literarisch brillanter und berührender Roman. 

Neuerscheinungen August

“Die fetten Jahre” von Chan Koonchung

Der große Roman über China und seine neue Rolle in der Welt. Der Staatskapitalismus hat gesiegt, der Gigant des Ostens ist die Weltmacht Nummer eins, Starbucks heißt jetzt Wang Wang - doch ein Mann und eine Frau wollen den Preis für den neuen Wohlstand nicht akzeptieren. Während der Westen unter einer erneuten Wirtschaftskrise leidet, floriert der Kapitalismus chinesischer Prägung.

“Die Nacht der Erinnerungen” von Antonio Muñoz Molina

Madrid 1935/36, am Vorabend des Spanischen Bürgerkriegs: Ignacio Abel, ein erfolgreicher Architekt, beginnt eine leidenschaftliche Affäre mit der attraktiven Amerikanerin Judith Biely. Als Ignacios Frau das Verhältnis entdeckt, versucht sie, sich umzubringen. Judith, geschockt und geplagt von Gewissensbissen, verschwindet spurlos. Auf der Suche nach …

“Leichtes Beben” von Peter Henning

Ein Mann stattet seiner verstorbenen Mutter einen letzten Besuch ab, legt nichts ahnend seine Hand auf ihre Stirn und fürchtet plötzlich um sein Leben. Einem anderen läuft ein Junge vors Auto und zwingt ihn damit auf eine gemeinsame Odyssee. Ein Engländer reist zu seiner Scheidung nach Zürich und begegnet einer geheimnisvollen Schönen, die ihm den Seelenfrieden raubt …

“Ich gegen dich” von Jenny Downham

Ein spannender Roman über die Liebe, die Lust am Leben und die Entdeckung des eigenen Muts, den man nicht mehr aus der Hand legt, bis zur allerletzten Zeile.

“Die Frau, für die ich den Computer erfand ” von Friedrich Christian Delius

„Nie war Delius so heiter, entspannt und politisch unkorrekt.“ So urteilte die BERLINER ZEITUNG über dieses Buch – und sie hat damit vollkommen Recht. In diesem Buch geht es um den (zum großen Teil erfundenen?) autobiographischen Monolog des Erfinders des Computers, Konrad Zuse (1910 – 1995). Grundlage dieses Monologs ist ein Gespräch des Autors im Sommer 1985 mit Konrad Zuse und der Vortrag Zuses aus dem Jahre 1994 zum Thema „Faust, Mephisto und der Computer“ (Vortrag offenbar verschollen lt. Delius) sowie dessen Buch „Der Computer – Mein Lebenswerk“ aus dem Jahre 1984.

Inwieweit es sich hier um tatsächliche autobiographische Erfahrungen oder um Fiktion handelt, das mag dahin gestellt bleiben und ist auch für das Lesevergnügen an diesem Buch auch kaum von Belang.

Wer aber ist nun die Frau, um die es hier geht. Man mag es kaum glauben, aber bei der Frau handelt es sich um Ada Lovelace (1815 – 1852), die Tochter Lord Byrons. Die Programmiersprache „Ada“ wurde nach ihr benannt. Ada Lovelace hat zudem die mechanische Rechenmaschine „Analytical Engine“ mehrmals schriftlich kommentiert und war so etwas wie die erste weibliche Programmiererin.

Der „vermeintliche“ Konrad Zuse nimmt kein Blatt vor den Mund und manchmal kommentiert er Ereignisse und Personen bissig, in einigen Fällen sogar ätzend, fast an der Grenze zur Bösartigkeit (hier sein als Beispiel Goethe und dessen „Faust“ angeführt). Dieses Buch ist ein wahres Lesevergnügen, dabei eben alles andere als „politisch korrekt“ (wie die BERLINER ZEITUNG so richtig feststellte) – es ist auch ein Rundumschlag gegen die Computerhörigkeit in unserer Zeit.

Dieses Buch ist höchst unterhaltsam und nebenbei erfährt der Leser so allerlei Wissenswertes über die Dinge die zur Erfindung des Computers führten.

Friedrich Christian Delius ist ein wunderbarer Erzähler, der mit diesem Buch seine Leserschaft glänzend unterhält. An keiner Stelle, zu keiner Zeit wird dieses Buch und natürlich auch seine Leser ein Opfer irgendwelcher „Langeweile-Dämonen“ – nein, ganz im Gegenteil. Das sehr flüssige geschriebene Buch lässt sich wunderbar „in einem Rutsch“ lesen. Sehr empfehlenswert für denjenigen, der anspruchsvolle Unterhaltung schätzt.

Jan

rororo Verlag (2009 als Hardcover) 2011, Taschenbuch 8,99 €, 288 Seiten, ISBN: 978-3499252396

“Erinnerungen einer Überflüssigen” von Lena Christ

Der autobiographische Roman der bayerischen Schriftstellerin umfasst ihr Leben bis zum frühen Erwachsenenalter im Oberbayern im späten 19. Jahrhundert:
Lena Christ ist ein uneheliches Kind, die Mutter ist nach München gezogen, das Kind wächst zunächst bei den Großeltern auf dem Land auf. Doch als ihre Mutter heiratet, nimmt sie ihr Kind zu sich, statt Lausdirndl-Leben bei den Großeltern, ist die Achtjährige nun Haushaltshilfe, Kindsmagd, später Köchin und Kellnerin im Wirthaus der Schwiegervaters. Beschimpfungen und Misshandlungen durch die Mutter sind an der Tagesordnung: das ledige Kind wird weiterhin als Schande empfunden und bekommt dies zu spüren. Mehrfach versucht Lena daraus auszubrechen. Zu den Großeltern, ins Kloster, als Angestellte eines anderen Wirtshauses. Doch immer wieder kehrt Sie zurück; teils unter Zwang, teils freiwillig.
Mit 20 heiratet Sie Benno, doch aus dieser endgültige Ausbruch aus dem Elternhaus steht unter schlechten Vorzeichen…

Der Titel und das Wissen um Lena Christs Biographie lässt ahnen, dass es nicht viel Fröhliches zu lesen geben wird. Ein Kind steht im Zentrum des Romans, das als überflüssig empfunden wird und sich selbst ebenso empfindet. Trotz allem versucht Lena sich immer wieder der Mutter zu nähern, meist nur um so rüder zurückgestossen zu werden: durch seelische und körperliche Verletzung. Das Bild nach außen muss gewahrt bleiben - so behauptet die Mutter an ihrem 10. Hochzeitstag, es sei ihr 20., um ihr lediges Kind als eheliches auszugeben. Und das obwohl ihr Mann gerade mal 35 Jahre ist!
Traurig ist das Buch also, tragisch, mitreißend, belastend, fesselnd. Eines jedoch mit Sicherheit ebensowenig wie seine Autorin: Überflüssig.

Lena Christs Buch zeigt exemplarisch ein Frauenleben, der heutige Leser erfährt aber sehr viel über die Lebensumstände und Bräuche in München und Oberbayern. Allein die Darstellung des Klosterlebens ist spannender als viele Reportagen und erlaubt einen tiefen Einblick in die Zeit, ihr religiöses Leben und ihren Umgang mit Behinderten.
Hatte ich bei der Rumpelhanni vor dem Bairisch gewarnt, kann ich diese Warnung hier stark abgeschwächen: das Buch ist bei weitem nicht so dialog- und daher dialektlastig.
So spreche ich eine klare Empfehlung für dieses Buch, für Lena Christ aus.

Kerstin

Deutscher Taschenbuch Verlag 1999, TB 8,90 €, 240 Seiten, ISBN: 978-3423126571

Neuerscheinungen August

“Kain” von José Saramago

“Die Geschichte der Menschheit ist die Geschichte ihrer Uneinigkeiten mit Gott, weder versteht er uns, noch verstehen wir ihn”, heißt es in Saramagos »Kain«, und es könnte das Motto des Buches sein. Saramago schickt seinen Helden nach dem von ihm begangenen Brudermord an die unterschiedlichsten Schauplätze des Alten Testaments …

“Unterm Scheffel” von Maarten ’t Hart

Alexander Goudveyl blickt als Pianist auf eine ansehnliche Karriere zurück. Eines Abends wird der verheiratete Musiker nach einem Konzert von einer jungen Frau angesprochen. Sie interessiert sich für eines seiner Konzerte. Wenig später schon besucht sie ihn zu Hause,

“Mama, jetzt nicht!” von Daniel Glattauer

In seinen „Kolumnen aus dem Alltag“, die über viele Jahre in der österreichischen Tageszeitung „Der Standard“ erschienen sind, würdigt Glattauer bislang in ihrer Bedeutung unterschätzte feierliche Anlässe („Weltverdauungstag“), beschreibt die Tücken des öffentlichen Privatlebens im Zeitalter der Handys …

“Die Schwester” von Sándor Márai

Vor dem Hintergrund eines fernen Krieges erzählt Sándor Márais  dunkel funkelnder Roman von einer unerfüllten Liebe, deren Schmerz unerhörte Folgen hat. 

„Sommernacht“ Erzählungen von Elizabeth Bowen

sommernacht.jpgDas neue Haus

Diese Short Story wird in Dialogform transportiert. Wortführend ist zunächst die männliche Seite, der Bruder, und der Leser seine Sicht vorgetragen bekommt: Seine Schwester ist altbacken, für eine Heirat zu alt geworden, eine alte Jungfer eben, vielleicht etwas dümmlich und nicht gerade das, was sich eben ein Mann unter eine gute Partie oder Frau vorstellt. Aus diesem Grund redet er auch betont überheblich, mit einem gönnerhaften Lächeln im Gesicht. Ihre Zukunft sieht er in dem gerade neu bezogenem Haus, an seiner Seite, in der gewohnten Zweier-Gemeinschaft.
Dann übernimmt ganz überraschend die Schwester das Zepter des Gesprächs an sich …

Nur wenige Seiten ist diese Geschichte lang, aber mit so viel Atmosphäre und Dichte, von der so mancher Roman träumt. Und die Pointe vom Feinsten!

Was Menschen Übles tun

Dies ist eine sehr raffinierte Geschichte, deren Plott ich nicht vorweg nehmen möchte. Bowen zeichnet hier geschickt eine Charaktere einer einsamen Frau, setzt damit wieder eine tiefe Atmosphäre, in der der Leser richtig hinein gezogen wird … Doch Achtung, eine Short Story ist erst eine gute Short Story, wenn da ein guter überraschender Wendepunkt kommt ;-) Klasse Geschichte!

Es gab aber auch Erzählungen, die mir nicht so gut gefielen, beispielsweise „Charity“. In dieser Geschichte gibt es zwar einzelne Stimmungen, aber letztendlich sind sie nicht ausgereift. Es fehlt nicht an Fülle aber an Stimmigkeit. Mir schien es gerade bei dieser Geschichte, dass hier die Kürze nicht das richtige Maß für die Dichte des zu Erzählenden gewesen ist. Wäre ein ganzer Roman daraus entstanden, die vielen Figuren mit stichfesten Empfinden beschrieben … Mir fehlte dabei einfach das Runde, das Abgeschlossene.

Die Thematik der Geschichten kreisten alle um Konventionen, deren Überschreitungen oder Anpassungen. Insgesamt hat mich dieses Buch erreicht, und mir deutlich gemacht, dass ich von der Autorin noch einige Dinge lesen wollte und lesen werde.

Elizabeth Bowen wurde 1899 in Dublin geboren. Sie studierte nach dem I. Weltkrieg in London Kunst und veröffentlichte 1923 ihren ersten Erzählband. Insgesamt veröffentlichte sie 27 Bücher, wobei „Der letzte September“ von 1929 aber erst 2001 ins Deutsche übersetzt wurde. Ihr letzter Roman erschien 1968. 1973 verstarb die Autorin in England.

Krümel

Schöffling & Co. Verlag 2007, Übersetzung: Sigrid Ruschmeier mit einem Nachwort von Elsemarie Maletzke, Hardcover , 252 Seiten, ISBN: 978-389561-245-9

“Rohrkrepierer - Eine Jugend auf St. Pauli” von Konrad Lorenz

Kalle durchlebt im St. Pauli der Nachkriegszeit eine besondere Kindheit: besonders dreckig, hungrig, spießig und versaut. Er wächst im Spannungsfeld von Mutter, Großmutter und dem aus der Gefangenschaft heimkehrenden Vater auf. Kalles Entwicklung passiert in einer Welt aus Kleinbürgern, Prostitution und Seeleuten. Er lernt auch den Trennungsschmerz der ersten Liebe kennen.

Der Autor Konrad Lorenz wurde 1942 in St. Pauli am Hein-Köllisch-Platz geboren. Er studierte Schiffsmaschinenbau und fuhr dann als Ingenieur zur See.

Konrad Lorenz hat einen autobiographischen Roman geschrieben, einen Roman, der authentisch ehrlich und bodenständig wirkt. Er vermeidet die großen Worte und Gesten, er schreibt mehr so, wie ihm der „Schnabel gewachsen“ ist. Dadurch gewinnt dieses Buch seinen ganz besonderen Reiz. Hier schreibt jemand über St. Pauli der diesen Stadtteil wirklich kennt und wohl auch verinnerlicht hat. Konrad Lorenz akzeptiert die Menschen so wie sie sind, egal ob Prostituierte, Penner oder Kleinbürger. Sein Blick auf die Menschen ist nicht durch irgendwelche Vorurteile getrübt – allein schon aus diesem Grunde wirkt dieses Buch so überzeugend.

Durch dieses Buch lernt man das Nachkriegs-St. Pauli wirklich kennen. Keine wissenschaftliche Studie hätte hier mehr bewirken können. Die Menschen in diesem Buch „leben“ – und man merkt mit jedem Satz, die Zuneigung des Autors zu seinen handelnden Personen. Für jede Bürgerin für jeden Bürger von St. Pauli ist dieses Buch fast so etwas wie ein „unbedingtes Muss“.

Als sehr gelungen fand ich die plattdeutschen Sprechsequenzen. So manche direkte Rede ist in plattdeutscher Sprache geschrieben, und zwar Hamburger Platt. Ihren besonderen Reiz entfaltet diese Sprache erst dann, wenn man sich diese Sequenzen selbst laut vorliest. Ein sehr lesenswertes Buch, nicht nur für Hamburger oder St. Paulianer. Allerdings hätte man die eine oder andere Stelle etwas mehr kürzen können – ein paar wenige Längen hat dieses Buch schon, aber das schmälert den Lesegenuss in keiner Weise.

Jan

Edition Temmen 2011, Broschüre 12,90 €, 375 Seiten, ISBN: 978-3837820058