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Archive für Mai 2011
“Der Hexenturm” von Deana Zinßmeister
31.5.2011 von Krümel.
Im Saarland um 1618. In Deana Zinßmeisters Roman „Das Hexenmal“ lernte der Leser die Geschichte der fünf jungen Eichsfelder Johann, Franziska, Katharina, Clemens und Burghard kennen, die auf der Flucht vor der Anklage der Hexerei ihre Heimat verlassen mussten. In diesem Buch, das direkt die Handlung des Vorgängers aufgreift, treffen wir die Fünf wieder und begleiten sie auf ihrer Flucht durch Hessen bis hin ins Saarland. Auf dem Gestüt Rehmringer werden sie, trotz des Todes des alten Pferdehändlers, von dessen Witwe freundlich aufgenommen und finden Arbeit und Unterkunft. Dies ist für einige Alteingesessene auf dem Hof und den der Witwe nahestehenden Amtsmann Johann von Baßy ein Dorn im Auge. Sie müssen auf der Hut sein, denn die Hexenverfolgung wird auch in ihrer neuen Heimat zelebriert. Zur gleichen Zeit ist auch der dem Leser aus dem 1. Teils der Geschichte bekannte Magier Barnabas unterwegs, in seinem Gefolge Sevatius und eine Kinderhexe.
Wie schon im „Hexenmal“ ist die Geschichte durch verschiedene Handlungsstränge geprägt. Durch nicht zu lange Kapitel hält Deana Zinßmeister die Spannung und vermeidet Längen. Ihr angenehmer und flüssig zu lesender Schreibstil ließ mich als Leser förmlich durch das Buch eilen. Die Autorin legt auch in diesem Roman großen Wert auf Details, das macht ihre Geschichten so beeindruckend authentisch. Das Alltagsleben, die damit verbundenen Schwierigkeiten, Sorgen und Nöte werden nachvollziehbar. Die belegten historischen Persönlichkeiten, die ihre Auftritte in dem Roman haben, lassen Geschichte lebendig werden.
In diesem Roman werden zwar immer wieder die Schicksale der Protagonisten in Rückblenden erzählt, so dass man ihn auch ohne Kenntnis des 1. Teils lesen und verstehen kann. Um aber die Entwicklung der Charaktere nachvollziehen zu können, sehe ich es als hilfreich an „Das Hexenmal“ gelesen zu haben. Die Story und auch die Charaktere haben in diesem 2. Teil für mich deutlich an Tiefe gewonnen. Besonders gelungen fand ich die Person des Magier Barnabas, der in seiner Bösartigkeit auch Skrupel hatte, die immer wieder deutlich wurden. Nur ganz wenige Charaktere bleiben etwas eindimensional, wie z.B. Servatius, der in jeder Beziehung einfach nur böse war. Aber letztlich war er in seinem Tun und Denken auch wieder überzeugend. Auch das Zusammenleben in der Gruppe wurde durch die Autorin realistisch und als nicht einfach beschrieben. Gab es doch im Verlauf der Handlung manch kritische Situationen für die Protagonisten zu meistern, an denen die Freundschaft der einstigen Zweckgemeinschaft zu zerbrechen drohte. Es kamen aber nicht nur die die in dem Roman zu Wort, die die konsequente Hexenverfolgung predigten und gnadenlos vollzogen. Auch die Lichtfänger konnten Akzente setzen und einen Hauch von Hoffnung hinterlassen.
Nach dem ich mit „Das Hexenmal“ ein wenig haderte, weil mir die Handlungsstränge zu losgelöst voneinander erschienen, hat sich das in „Der Hexenturm“ völlig relativiert. Ich habe mich sehr gern von Deana Zinßmeister durch dieses dunkle Kapitel unserer Geschichte führen lassen und freue mich schon auf die nächste „Zeitreise“ mit ihr. Ich kann diesen schnörkellosen historischen Roman jedem Liebhaber dieses Genres empfehlen.
Heike
Goldmann Verlag 2010, Taschenbuch 9,99 €, 448 Seiten, ISBN: 978-3442472482
Geschrieben in History/Fantasy, Heike | Keine Kommentare »
Neuerscheinungen Juni
28.5.2011 von Krümel.
“Zu einem Preis” von James Tiptree Jr
Dieser Band der Serie “Gesammelte Erzählungen von James Tiptree Jr.” umspannt das Werk der Schriftstellerin von Mitte der 70er-Jahre bis Mitte der 80er-Jahre. Herausragend sind hier die verfilmte Novelle “Die Schraubenfliegen-Lösung” (The Srewfly Solution) neu übersetzt, sowie erstmals auf Deutsch, die Novelle “Zu einem Preis” …
“James Tiptree Jr.” von Julie Phillips
Tiptrees geheimnisvolle Identität faszinierte die Fans und gab Anlass zu vielen Spekulationen, freilich glaubten alle, sie sei ein Mann. Die Aufdeckung noch zu Lebzeiten war ein Schlag: Diese knappen, harten und frechen Kurzgeschichten, die nur allzu häufig mit dem Tod endeten, waren von einer alten Dame mit weißen Federlöckchen geschrieben worden …
“Auf den Schwingen der Freiheit” von Jeff Guidry
Eine tiefbewegende Geschichte über Liebe, Vertrauen, Hoffnung und eine außergewöhnliche Freundschaft …
“Für ein Lied und hundert Lieder” von Liao Yiwu
Liao Yiwu zeigt sich in diesem eindrucksvollen Buch abermals als einer der ganz großen Autoren Chinas, als einer der sprach- und bildmächtigsten Schriftsteller unserer Zeit.
Geschrieben in Bücher-Tipps, Literaturthemen | Keine Kommentare »
“Unvollständige Erinnerungen” von Inge Jens
26.5.2011 von Krümel.
Inge Jens wurde 1927 in Hamburg geboren. Sie studierte Germanistik, Anglistik und Pädagogik. 1953 promovierte sie.
Es wäre unfair und auch unredlich, würde man Inge Jens jeweils nur auf ihre Stellung als „die Ehefrau von Walter Jens“ versuchen zu definieren. Inge Jens ist weitaus mehr, eine selbständige und emanzipierte Frau, die nur zufällig mit Walter Jens verheiratet ist. Schließlich war es Inge Jens, die die Tagebücher von Thomas Mann herausbrachte – es war nicht Walter Jens der sich dieser gewaltigen Arbeit unterzog.
In dieser Autobiographie schaut Inge Jens auf ein langes und interessantes Leben zurück. Anfangs geschieht dieses sehr distanziert, fast schon kühl. Am Ende aber, als sie sich intensiv mit der Demenzerkrankung ihres Mannes befasst, da öffnet sie sich, da schildert sie wie es ist mit einem Partner zu leben, der schwer demenzkrank ist. Hervorzuheben ist, dass sie sich hier nicht als die Ehefrau gibt, die sich ohne Ende grenzenlos aufopfert; ganz im Gegenteil. Sie macht deutlich, wie schwer es ihr fällt, ihr eigenes Leben aufgrund dieser Krankheit stark zu beschneiden, sie schildert ihre Gereiztheit, ihre Ungeduld – aber gerade auch aus diesen sehr menschlichen und sehr persönlichen Schilderungen vermag man zwischen den Zeilen die große Hingabe zu lesen, die sie mit ihrem Mann verbindet. Gerade der letzte Teil dieser Autobiographie berührt.
Inge Jens ist ohne Frage eine der ExpertenInnen für in Bezug auf Katia Mann und auf deren Mutter. Ihre Bücher „Frau Thomas Mann“ und „Katias Mutter“ gehören in meinen Augen in die oberste Klasse der Biographieliteratur.
Inge Jens hat den Spagat geschafft. Den Spagat zwischen Mutter und Ehefrau auf der einen Seite und der Arbeit als Biographin und Schriftstellerin auf der anderen Seite.
Eine faszinierende Autobiographie die uneingeschränkt empfohlen werden kann.
Jan
rororo Verlag 2010, Taschenbuch 9,95 €, 320 Seiten, ISBN: 978-3499626104
Geschrieben in Biographie, Jan | Keine Kommentare »
“Der Zauberberg” von Thomas Mann
24.5.2011 von Krümel.
Hans Castorp, früh verwaist, hat gerade sein Studium als Schiffbauingenieur beendet und fährt für 3 Wochen nach Davos, um seinen Vetter Joachim Ziemßen zu besuchen, der dort im internationalen Sanatorium „Berghof“ seine Lungenerkrankung kuriert. Anfangs fühlt er sich fast wie ein Fremdkörper bei „Denen da oben“. Er hat Schwierigkeiten mit der Eingewöhnung, auch die ungewohnte Höhenlage macht im zu schaffen. Hofrat Behrens, leitender Arzt im „Berghof“, attestiert ihm bereits bei der ersten Begegnung, er sei total anämisch. Im Sanatorium lernt Hans den Humanisten Settembrini kennen, der ihm beizeiten rät, den Berg mit all seiner Morbidität zu verlassen. Aber Hans verliebt sich in die femme fatal, Clawdia Chauchat. Als Hans Castorp während seines Besuches infolge einer Erkältung selbst immer mehr Anzeichen für eine „schwere“ Erkrankung an sich entdeckt, lässt er sich eingehend untersuchen und nimmt, nachdem eine feuchte Stelle in seiner Lunge diagnostiziert wurde, von der geplanten Abreise Abstand und bleibt. Insgesamt 7 Jahre verbringt er in dem Sanatorium zwischen üppigen Mahlzeiten, Liegekuren und anregenden Gesprächen.
Der ursprünglich als Novelle konzipierte Roman entstand in der Zeit von 1913-1924 und sollte das groteske Gegenstück zu „Tod in Venedig“ sein. Inspiriert wurde Mann dazu während eines Besuches bei seiner Ehefrau, die sich wegen eines Lungenleidens in einem Davoser Sanatorium aufhielt. Dies war meine erst vollständige Begegnung mit dem Zauberberg, in jüngeren Jahren verfügte ich noch nicht über das Durchhaltevermögen, das einem dieser Roman abverlangt. Dabei ist es keinesfalls eine kompliziert gesponnene Handlung, die den Leser fordert, es ist das Textverständnis. Ungezählte Anspielungen, Bezüge, Symbole und Metaphern aus Philosophie, Mythologie, Theologie und Musik müssen erkannt und in ihren Zusammenhang mit dem Text gebracht werden. Ich bin keineswegs so vermessen, zu behaupten, ich hätte sie alle erkannt. Mir stellt sich eher die Frage, ob das vollständige Verstehen des Werkes wirklich möglich ist. Aber ich denke, mit jedem Lesen nähert man sich dem Kern des Buchs ein Stückchen mehr und so ist ein re-read schon vorprogrammiert. Deshalb werde ich hier keine Bewertung abgeben, sondern nur ein paar meiner Gedanken zum Zauberberg formulieren. Der wunderbare Umgang mit der Sprache, der Thomas Mann zu eigen ist, macht das Lesen des Romans zum Erlebnis. Stellenweise wirkt sie sehr künstlerisch künstlich, aufgesetzt und verkopft, dann wieder bissig ironisch, aber diese Art zu schreiben ist wohl einmalig. Oft wird der Leser vom Erzähler direkt angesprochen. Da sind Momente, in denen man förmlich spürt, wie nahe dieser seinem Protagonisten steht. Andererseits gibt es wieder Passagen, in denen der Erzähler ihn völlig neutral und mit großer Distanziertheit betrachtet. Dieser Spagat zwischen Nähe und Distanz ist grandios gelungen. Einen großen Teil von „Der Zauberberg“ nehmen Betrachtungen von Zeit und Raum, Leben und Tod ein, sei dies in Gedankenspielen des Hans Castorp während seiner Liegekuren, in der Unterhaltung mit seinem Vetter, Joachim Ziemßen, in den Gesprächen mit seinen um ihn buhlenden Mentoren Settembrini und Naphta, oder in deren oft hitzig geführten Debatten. Diese in die Handlung implizierten Gedankengänge sind es wert, Zeit darauf zu verwenden, sie mitzugehen und weiterzuspinnen.
Die im Roman agierenden Figuren kommen in meinen Augen alle nicht über menschliches Mittelmaß hinaus, ein Punkt, der bei Hans Castorp direkt angesprochen wird. Aber gerade diese Mittelmäßigkeit wurde von Thomas ganz phantastisch umgesetzt. Vor dem Hintergrund von Krankheit und Tod, als Metapher für Untergang und Verfall, fehlt es an der Lichtgestalt, der positiv besetzten Person und trotzdem leidet das Werk darunter nicht.
Ein weiterer Aspekt, der mich stark beeindruckt hat, ist der Handlungsort, diese scheinbare Parallelwelt, in der die Uhren anders ticken und die Zeit sich nicht an die physikalischen Gesetze hält. Nur selten wird die Hermetik des Berghofs verlassen, kaum wird über den Tellerrand geschaut. Auch dem Zeitfluss passt sich der Roman an. Liest man über Hans Castorps ersten Aufenthaltstag im Sanatorium über 3 Kapitel, vergehen die folgenden sieben Jahre in nur vier weiteren Kapiteln. Abschließend kann ich für mich feststellen, dass ich froh bin, dieses literarische Meisterwerk gelesen zu haben, es war eine wirkliche Bereicherung meines Leserlebens, ich werde wieder zu dem Buch greifen – vielleicht in sieben Jahren.
Über den Autor (Quelle: Amazon.de)
Bis heute gilt er vielen als der Inbegriff der deutschen Literatur: Thomas Mann (1875-1955), der Literaturnobelpreisträger von 1929. Diese höchste Auszeichnung erhielt er für seinen ersten Roman “Die Buddenbrooks”, ein Jahrhundertwerk, das als Schlüsselroman seiner Zeit gilt. Kurz nach diesem Triumph begann für Thomas Mann die Zeit des Exils, zunächst in der Schweiz, unterbrochen von Reisen in die USA, wo ihm 1938 die Ehrendoktorwürde der Columbia University, New York, verliehen wurde. 1941 siedelte er nach Kalifornien über, drei Jahre später wurde er amerikanischer Staatsbürger. 1952 kehrte Thomas Mann in die Schweiz zurück, wo er 1955 starb. Zu seinen bekanntesten Werken gehören “Der Tod in Venedig”, “Der Zauberberg” und “Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull”.
Heike
Geschrieben in Klassiker, Heike | Keine Kommentare »
Neuerscheinungen Juni
21.5.2011 von Krümel.
“Das Buch der Snobs” von William Makepeace Thackeray
Er schläft in weißen Glacéhandschuhen, tischt auf bis zum Bankrott und kämpft erbittert um seine gesellschaftliche Stellung: der Snob. Heute in aller Munde, wurde der Typus des arroganten Selbstdarstellers überhaupt erst mit diesem Buch populär. Thackerays vergnügliche «Snobologie» liegt hier in einer neuen, erstmals vollständigen Übersetzung vor.
“Der Mann, der zu viel wusste” von Gilbert Keith Chesterton
Horne Fisher ist scheinbar zufällig immer zur Stelle, wenn einflussreiche Persönlichkeiten unter Mordverdacht geraten: ob bei einem Jagdausflug mit dem Finanzminister, bei einer Golfpartie in einer orientalischen Oase oder auf einem feudalen Kostümfest. Mit feinstem britischem Humor erzählt Gilbert Keith Chesterton von brisanten Kapitalverbrechen unter Aristokraten.
“Mademoiselle de Maupin” von Théophile Gautier
Der Künstler d’Albert findet in der als Kavalier verkleideten Rosalinde sein Idealbild der Schönheit. Sie selbst verstrickt sich in eine Welt zwischen den Geschlechterrollen. So erscheint sie als draufgängerisch gefährlicher Duellant und später als schüchterne Jungfrau. Ein Wechselspiel der Identitäten und ein hinreißend frivoler, lässiger Roman.
Geschrieben in Bücher-Tipps, Literaturthemen | Keine Kommentare »
“Der Schmuck der Lady Catherine” von Joan Aiken
19.5.2011 von Krümel.
Von Joan Aiken gibt es mehrere Roman, die Randfiguren aus Jane Austens Werken in den Mittelpunkt heben. Mit 17, als ich alle Jane Austens durch hatte, war “Jane Fairfax” willkommener Lesestoff. “Das Mädchen aus Paris” mit seiner platten Wiederholung von Charlotte Brontes “Villette” hat mich dann nur genervt. Erst letztes Jahr habe ich das Austen-Bronte-freie “Du und Ich” gelesen, einen netten, wenig anspruchsvollen Roman, der mich ganz gut unterhalten hat. Das Mängelexemplar “Der Schmuck der Lady Catherine” hab’ ich daher mit dem Gefühl “Naja, seichte Unterhaltung für zwischendurch” eingepackt. Und es hat die Erwartungen diesbezüglich nicht enttäuscht .
Im Mittelpunkt stehen Lady Catherine de Bourgh, die unsympatisch-tryannische Tante Darcys, ihre Tochter Anne, Fitzwilliam, sowie die Schwestern Maria Lucas und Charlotte Collins: Gestalten, die in “Stolz und Vorurteil” Nebenrollen spielen. Drumherum gesellen sich eine Handvoll neuer Charaktere: das zwielichtige Geschwisterpaar Delaval, das schwule Malerpaar Tom & Tom, der Gartenbursche Joss. Aiken übernimmt die Charakterzeichnung Austens ohne im Entfernten an deren Ironie heranzukommen (Catherines Bruder ein müder, alberner Versuch), ihre eigenen Charaktere bleiben dagegen blass. Nicht mal die Delavals schaffen es richtige Gauner zu sein, der titelgebende Schmuck ist niemals in ernster Gefahr. Die Handlung ist vorhersehbar à la Rosamunde Pilcher, das Ende dagegen so absurd, dass man hier tatsächlich Ironie vermuten könnte, wenn das Buch vorher irgendwo selbstironisch, statt trivial nachahmend wäre. Der als 10jähriger Phantasiewelten schaffende Bruder Lady Catherines zeigt, dass Aiken sich nicht nur mit dem Werk Jane Austens, sondern auch mit dem Leben der Brontes auskennt.
Immerhin: ich überlege ernsthaft “Stolz und Vorurteil” mal wieder zu lesen.
Fällt in die Kategorie: so schlecht, dass ich mich eigentlich schon wieder ganz gut amüsiert habe.
Kerstin
Diogenes Verlag 2005, Übersetzung: Renate Orth-Guttmann, Taschenbuch vergriffen, 214 Seiten, ISBN: 978-3257234428
Geschrieben in Kerstin, Roman | 1 Kommentar »
„Rauch“ von Iwan Turgenjew
17.5.2011 von Krümel.
Im 19. Jahrhundert ist die deutsche Stadt Baden-Baden ein angesagter Treffpunkt für Russen, die dem Westen zugeneigt sind. Und so trifft auch unser Protagonist Litwinow in Baden ein. Er wird in eine „intellektuelle“ russische Gesellschaft eingeführt, aus der er sich nur mit rollenden Augenbrauen verabschieden kann. Nur Potugin bleibt als Leidensgenosse daraus übrig. Mit diesem führt er ein sehr aussagekräftiges politisches Gespräch, reine Kritik am russischen Volk und System wird ausgesprochen, doch so ganz kann der Leser den Inhalt des Romans noch nicht folgen. Erst ein Blumenstrauß und eine Reise in die Vergangenheit eröffnen dann die Liebesgeschichte.
Litwinow, der zur Badener-Zeit mit Tatjana verlobt ist, trifft seine Jugendliebe Irina wieder, eine verhängnisvolle Begegnung!
>>, daß aus dieser ganzen toten Vergangenheit, aus all diesen – in Rauch aufgegangen und in Staub zerfallenen – Anfängen und Hoffnungen, ein lebendiges, unzerstörbares Etwas geblieben ist: Meine Liebe zu dir.<<
Der Roman ist sehr politisch und gesellschaftskritisch, und ich würde einmal sagen, dadurch zeichnet er sich aus. Große Gefühle und Emotionen transportiert er allerdings nicht. Es bleibt bei einer ganz großen Distanziertheit zwischen dem Erzähler und seinen Figuren, sie werden wie aus der Ferne beschrieben und ihre Gefühle erreichen dadurch den Leser nicht. Mich hat diese fehlende Atmosphäre beim Lesen sehr irritiert. Dies kann nun an der Übersetzung des Freiherrn von Kruedener-Struve liegen oder aber, dazu tendiere ich nun nach Beendigung des Romans, daran, dass auch die Figuren mehr der Übertragung gelten und eher als Spielfiguren der Gesellschaftskritik dienen als Inhalt einer Geschichte. Doch ohne einen Vergleich kann ich darüber nur spekulieren, auffallend ist auf jedem Fall Turgenjews Kritik am russischem Adel, wie dekadent und wie ein Fähnlein im Wind er in jener Zeit auftritt. Ferner Kritik an den damals von sich selber ernannten Möchte-gerne-Intellektuellen, die wohl nicht mehr als viel heiße Luft verschossen.
Krümel
Kiepenheuer Verlag Berlin 1941, OT: DYM, Übersetzung: Freiherr von Kruedener-Struve, gebundene Ausgabe 315 Seiten
Geschrieben in Klassiker, Krümel | Keine Kommentare »
Neuerscheinungen Juni
14.5.2011 von Krümel.
“Die Pforte des Lichts” von Julián Sánchez

Ein packender Thriller, der in die geheime Welt des mittelalterlichen Spaniens entführt – auf den Spuren der Kabbalisten.
“Der Duft des Sommers” von Joyce Maynard

Eine Kleinstadt in New Hampshire: Adele, liebenswert, sensibel und seit ihrer Scheidung todunglücklich, lebt mit ihrem 13-jährigen Sohn Henry völlig zurückgezogen in einem kleinen Haus, das sie nur selten verlässt. Bis Henry sie zu einem Einkaufstrip überredet, …
“Die Zeit der Zugvögel” von Katja Kallio

Mit nordisch-berührender Tiefenschärfe erzählt Katja Kallio von einer Frau und einer Familie auf der Suche nach Antworten auf die ungelösten Fragen ihres Lebens.
“Die Party bei den Jacks” von Thomas Wolfe

Dieses erstmals ins Deutsche übersetzte Prosajuwel führt uns empor in die höchsten Sphären von Manhattan – mitten hinein in die Glamourwelt der Schönen und Reichen. Starlets und Damen von Welt, Broker und Magnaten, Privatiers und Parvenüs geben sich auf einer Penthouse-Party die Ehre.
Geschrieben in Bücher-Tipps, Literaturthemen | Keine Kommentare »
“Das Haus zur besonderen Verwendung” von John Boyne
12.5.2011 von Krümel.
Russland 1915. Georgi Daniilowitsch Jatschmenew, Sohn eines russischen Landarbeiters, rettete dem Vetter des Zaren Nikolaus II. bei einem Attentat das Leben. In Anerkennung dieser Leistung wurde er an den Zarenhof nach St. Petersburg geholt, wo er Leibwächter und Begleiter des kranken Zarewitsch wurde. Durch den engen Kontakt zur Zarenfamilie lernte er bald die Zarentochter Anastasia kennen. Beide verliebten sich ineinander. Da aber diese Liebe schon aufgrund der Herkunft Georgis keine Zukunft haben konnte, blieb sie ein wohlbehütetes Geheimnis. In den folgenden Jahren kam es zu politischen Unruhen in Russland, die sich letztlich in der Oktoberrevolution entluden und Georgi war fest entschlossen, für Anastasia alles zu tun, was in seinen Kräften stand, um sie zu retten. Der Zar hatte bereits abgedankt, als die gesamte Familie schließlich nach Jekaterinburg in Haus zur besonderen Verwendung deportiert wurden.
London 1981. Georgi ist inzwischen schon 82 Jahre alt, sitzt am Sterbebett seiner Frau Soja und sinniert über die Vergangenheit. Die Gedanken gehen zurück in sein Dorf Kaschin. Er denkt über sein Leben im Winterpalais, die Zarenfamilie, die Zeit nach seiner Flucht aus Russland und die Ehe mit Soja nach.
In diesem Roman greift John Boyne die Legende um das Überleben der Zarentochter Anastasia auf. Er erzählt sie aus der Sicht seines Protagonisten Georgi, dieser berichtet auf einer Handlungsebene über die letzten Jahre der Zarenherrschaft in Russland, auf einer weiteren über sein Leben nach den Geschehnissen in Jekaterinburg bis hinein in die Gegenwart und der Leser erlebt förmlich mit, wie aus Georgi und Soja GeorgiundSoja wurden, wie sie selbst nannten, um die Nähe zu demonstrieren, die beide verband. John Boyne hält sich genau an die historisch vorgegebenen Eckpunkte und verknüpft Realität mit Fiktion. Denn wissenschaftlich ist spätestens seit den 1990er Jahren bewiesen, was in jener Nacht im Haus zur besonderen Verwendung geschah. Aber trotzdem ist dieser Roman etwas Besonderes. Er führt den Leser durch Krieg und Revolution ohne Action-Szenen und lässt uns an einer großen Liebe teilhaben, ohne dabei ins Kitschige abzudriften. Es herrschen die leiseren und besinnlicheren Töne in diesem Buch, das mich sehr berührt hat. Immer wieder gibt es Anspielungen auf Tolstois „Anna Karenina“, so z.B. der erste Satz in Boynes Roman oder die Eislaufszene. Sehr gut hat mir auch der Aufbau des Romans gefallen, die zwei Handlungsstränge, die sich immer mehr annähern, um sich dann zu gegebenen Zeitpunkt zu vereinen. Die vielen Zeitsprüngen bauten eher Spannung auf, als sie beim Lesen hinderlich gewesen sein könnten. Es wirkte auch nicht störend, dass ich schon sehr zeitig den Ausgang des Romans hätte vorhersagen können. Die Geschichte war so abwechslungsreich und interessant und sprachlich eindrucksvoll geschrieben, dass es eine Freude war, sie zu lesen. Der Charakter des männlichen Protagonisten Georgi war fein herausgearbeitet und glaubhaft beschrieben. Besonders seine Naivität, mit der er nach St. Petersburg kam und wie er die ihm fremde, luxuriöse Welt entdeckte, schilderte der Autor meisterlich. Die Charaktere der Zarenfamilie, das ist mein einziger kleiner Kritikpunkt, waren mir persönlich etwas zu weich, zu menschenfreundlich, zu volksnah.
„Das Haus zur besonderen Verwendung“ ist ein ausgesprochen schöner Roman, der besonders durch seine Sprache besticht. Wenn die Realität auch nicht so war, wie im Roman geschildert, hätte sie doch genau so gewesen sein können.
Über den Autor (Quelle: Amazon.de)
John Boyne wurde 1971 in Dublin, Irland, geboren, wo er auch heute lebt. Er studierte “Englische Literatur’ und ‘Kreatives Schreiben’ in Dublin und Norwich. Er ist der Autor von sechs Romanen, darunter “Der Junge im gestreiften Pyjama”, der zwei Irische Buchpreise gewann, für den “British Book Award” nominiert war und vor kurzem verfilmt wurde. John Boynes Romane wurden in über vierzig Sprachen übersetzt.
Heike
Arche Verlag 2010, Übersetzung: Fritz Schneider, Hardcover 24,90 €, 560 Seiten, ISBN: 978-3716026427
Geschrieben in History/Fantasy, Heike | Keine Kommentare »
“Ludwigs Zimmer” von Alois Hotschnig
10.5.2011 von Krümel.
Kurt Weber erbt von seinem Großonkel Georg bzw. seiner Großtante Anna ein altes Haus in Landskron. Die Familie war sehr groß und gab es unzählige Familientreffen, an die er sich aber nicht sehr gerne erinnert. Er versuchte – wie so oft in seinem Leben – dies allem zu entkommen. Als er nun dieses Haus bezieht, wird er schief angesehen von den alt eingesessenen Nachbarn. Viel zu wenig hätte er sich gekümmert um seine Verwandtschaft, jeder seiner Schritte wird bemängelt, kommentiert und begutachtet. Viele Bäume stehen rund ums Haus, Kurt beginnt sie zu fällen. Jeder dieser Bäume steht für einen Verwandten. Kurt erinnert sich an lange Spaziergänge mit Georg, der ihm die Familiengeschichte erzählt. Mit der Erkundung der Räume und der hinterlassenen Habseligkeiten werden diese Erinnerungen wieder wach, Kurt dringt immer tiefer in die Familiengeschichte ein, verstörende Abgründe werden bloß gelegt, mysteriöse Todesfälle, und eine sehr belastete Vergangenheit, die bis in die NS-Zeit zurückreicht ranken sich um „Ludwigs Zimmer“.
Das Buch ist fast durchgehend als innerer Monolog eines deprimierten, einsamen, hoffnungslosen, sich vom Leben nichts erwartenden Protagonisten geschrieben und liest sich demgemäß unbehaglich. Das Aufstöbern alter Erinnerungen geht einher mit einer Reise in die Vergangenheit seiner Vorfahren, mit jeder Seite dringt Kurt tiefer vor, verwebt sich immer mehr, blickt hinter das Schweigen, das seine Kindheit so geprägt hat.
Mir war das Buch dann doch etwas zu pessimistisch und lastet der Mantel des Schweigens, der Unbehaglichkeit und der Verstörung zu schwer auf diesem Buch und ich kann es deshalb, obwohl literarisch sehr ausgefeilt, nur eingeschränkt weiterempfehlen.
Christine
Haymon Verlag 2011, Sondereinband 9,95 €, 134 Seiten, ISBN: 978-3852188539
Geschrieben in deutschsprachige Gegenwartsliteratur, Christine † | Keine Kommentare »








