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“Freiheit” von Jonathan Franzen
Anhand der Berglunds, einer typischen amerikanischen Familie mit schwedischen Wurzeln erzählt Franzen in seinem neuen Epos den “American Way of Life” des beginnenden 21. Jh. Im Zentrum die Ehe zwischen dem ruhigen, verlässlichen, vernünftigen Walter Berglund und seiner Frau Patty, ehemals erfolgreiche Basketballspielerin, Tochter aus angesehenem Hause, in Jugendjahren vergewaltigt, nun ganz darauf bedacht, den beiden Kindern Joey und Jessica eine gute Mutter zu sein. Am Rande des Geschehens aber nicht unerheblich ist die Figur des zur Exzentrik neigenden Musikers Richard Katz. Walter als sein bester Freund und moralischer Rückhalt und Patty, die sich zeit ihrer Bekanntschaft zu ihm hingezogen fühlt. In Rückblenden wird von der Geschichte der Familien erzählt, aber auch von den großen Erwartungen, die in die Nachkommen gesetzt werden und wurden. Sex, Drugs und Alcohol scheinen nicht nur bei Richard Katz auf der Tagesordnung zu stehen. Der Leser begleitet die Familie bei ihrem zweifelhaften Aufstieg bis zu ihrem Zerfall.
Es sind die typischen Themen der zeitgenössischen amerikanischen Literatur, denen sich Jonathan Franzen bedient. In teils sehr gelungenen, authentischen Passagen gelingt es ihm großartig, das amerikanische Lebensgefühl einzufangen. Die europäischen Wurzeln, der Drang, sich von diesen zu lösen, die Beschreibung des American Way of Life (die meiner Meinung nach Franzen ganz hervorragend gelingt!), sehr zeitkritisch und ungewohnt satirisch in Bezug auf Politik, Globalisierung, Gesellschaft, Kapitalismus usw. Inwiefern hier mit Stereotypen und mit Klischees gearbeitet wird, kann ich schwer beurteilen, aber ich fand, dass Franzen den Puls der Zeit sehr gut trifft und mir schon begreiflich machen konnte, wie die Amerikaner (oder der Großteil davon) so ticken.
In allen möglichen Varianten und Definitionen wird man mit dem dem Begriff “Freiheit” konfrontiert, ohne dass dieser überstrapaziert wird. Sei es politische, persönliche, sexuelle Freiheit oder Gedanken- und Meinungsfreiheit. Sei es die Freiheit,selber eine Entscheidung zu treffen oder auch die Freiheit dies nicht zu tun und die Konsequenzen auf sich zukommen zu lassen. Und trotzdem gibt es die allgemein gültige Freiheit nicht bzw. stellt sich heraus, dass die persönlich empfundene Freiheit mit vielen Unfreiheiten verbunden ist.
Ein großes Minus gibt es einerseits für das allzuvorhersehbare und wenig originelle Ende, für die eine oder andere Länge im Buch, aber auch für die teilweise grottenschlechte deutsche Übersetzung.
Christine
Rowohlt Verlag 2010, Übersetzung: Bettina Abarbanell und Eike Schönfeld, Hardcover 24,95 €, 736 Seiten, ISBN: 978-3498021290

