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Archive für April 2011
Neuerscheinungen Mai
30.4.2011 von Krümel.
“Stücke” von Federico García Lorca
Die Stücke des bedeutendsten spanischen Dramatikers der Moderne in einem Band. Federico García Lorca, Spaniens bedeutendster Dramatiker der Moderne, verband andalusische Tradition mit avantgardistischer Ästhetik. So schuf er ein Theater, das trotz seiner Universalität tief in der iberischen Kultur verwurzelt bleibt. Seine Stücke drehen sich um Liebe …
“Giorgio Vasari” von Gerd Blum
Die facettenreiche und anschauliche Biographie führt den Leser in das letzte Jahrhundert der Renaissance, das Vasari als Höhepunkt der Kunst aller Länder und Zeiten folgenreich feierte.
“137: C. G. Jung, Wolfgang Pauli und die Suche nach der kosmischen Zahl” von Arthur I. Miller
In einer spannenden Doppelbiografie erzählt Arthur I. Miller die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft, die sich um die Faszination der Zahlen und das geheimnisvolle Grenzgebiet zwischen der Physik und der Psychologie des Unbewussten drehte.
Geschrieben in Bücher-Tipps, Literaturthemen | Keine Kommentare »
“Erebos” von Ursula Poznanski
28.4.2011 von Krümel.
Eigenartiges geschieht an einer Londoner Schule. Schüler kommen nicht mehr zum Unterricht, sie schwänzen das Basketball Training, sind ständig müde, Freundschaften drohen zu zerbrechen. Aber keiner spricht darüber. Hängt das mit der DVD zusammen, die unter der Hand weitergereicht wird? Nick Dunmore geht in die 9. Klasse und möchte unbedingt wissen was ES ist. Als Brynne ihm die DVD unter dem Mantel der Verschwiegenheit gibt, löst sich für ihn das Rätsel und endlich weiß er, es ist ein Spiel. EREBOS. Aber es hat strenge Regeln. Es darf mit keinem darüber gesprochen werden. Es muss allein gespielt werden. Man muss seine Aufgaben erfüllen, sonst ist man raus, endgültig, unwiderruflich. Schnell gerät Nick in den Sog des Spiels, er ist förmlich süchtig danach und schlägt alle Warnungen in den Wind. Aber Spiel und Realität vermischen sich immer mehr, bis Nick eines Tages erkennen muss, Erebos ist alles andere als ein harmloses Computerspiel.
Jugendbücher sind nicht unbedingt mein Lieblingsgenre. Als mir aber von verschiedenen Seiten Erebos empfohlen wurde, ging es mir allmählich wie Nick. Ich wollte es haben, wollte wissen, was es mit dem Buch auf sich hat, warum es meine Bekannten im gestandenen Erwachsenenalter so gefesselt hat. Ich war sehr skeptisch, denn Computerspiele interessieren mich überhaupt nicht. Aber dann war das Buch endlich da, zum Glück an einem Wochenende und ich begann zu lesen. Was dann mit mir geschah, ist der Kunstfertigkeit der Autorin zuzuschreiben. Für 24 Stunden tauchte ich in die Welt von Erebos ein. Ähnlich wie es Nick mit dem Spiel erging, erging es mir mit dem Buch. Schon nach kurzer Zeit war ich im Sog der Handlung, die recht ruhig beginnt, sich aber stetig steigert und ständig zwischen Spiel und Realität wechselt, um später in eine von mir unerwartete Richtung zu gehen. Bildlich sah die Spielebenen vor mir und wie Nick süchtig von Level zu Level hastete, las ich mich von Kapitel zu Kapitel. Für einen ganzen Tag erledigte ich nur die allernotwendigsten Arbeiten und war für meine Mitmenschen sicher eine Zumutung. Von der Spannung her kann dieses Jugendbuch problemlos mit den besten Thrillern mithalten. Die Charaktere der Protagonisten sind lebendig und nicht stereotyp, das Buch liest sich ungemein flüssig. Die Autorin hat es geschafft, mich in eine für mich unbekannte Welt zu locken, in der ich neben einem Computerspiel, das scheinbar mitdenken kann, auch noch Werwölfe, Vampire, Dunkelelfen und Trolle kennen lernte. Diese phantasievoll ausgestattete Welt hat mich gleichermaßen fasziniert und schockiert. Als besonderes Bonbon gibt es nicht nur durch den Titel kleine Fingerzeige hin zur griechischen Mythologie. Alles in allem legt Ursula Poznanski mit diesem Jugendbuch eine schlüssige, ausgezeichnet facettierte und vor allem authentisch wirkende Geschichte von ungeheurer Sogkraft vor, die ohne erhobenen Zeigefinger auskommt, trotzdem pädagogisch wirkt und sicher auch den einen oder anderen Wenig-Leser begeistern kann.
„Erebos“ ist eine fantastisch erzählte und äußerst spannende Geschichte für junge und jung gebliebene Leser. Die Altersangabe 12-13 Jahre, kann man ganz getrost mit dem Vorsatz „ab“ versehen. Es hat mich lange kein Buch mehr in einen solche Leserausch versetzt wie dieses.
Über den Autor (Quelle: amazon.de)
Ursula Poznanski wurde 1968 in Wien geboren. Sie ist als Journalistin für medizinische Zeitschriften tätig. Lebt mit ihrer Familie im Süden von Wien. Ihre Bücher zeichnen sich durch sprühenden Witz und Ideenreichtum aus.
Heike
Loewe Verlag 2010, Taschenbuch 14,90 €, 485 Seiten, ISBN: 978-3785569573
Geschrieben in Krimi/Thriller, Heike | Keine Kommentare »
“Freiheit” von Jonathan Franzen
26.4.2011 von Krümel.
Anhand der Berglunds, einer typischen amerikanischen Familie mit schwedischen Wurzeln erzählt Franzen in seinem neuen Epos den “American Way of Life” des beginnenden 21. Jh. Im Zentrum die Ehe zwischen dem ruhigen, verlässlichen, vernünftigen Walter Berglund und seiner Frau Patty, ehemals erfolgreiche Basketballspielerin, Tochter aus angesehenem Hause, in Jugendjahren vergewaltigt, nun ganz darauf bedacht, den beiden Kindern Joey und Jessica eine gute Mutter zu sein. Am Rande des Geschehens aber nicht unerheblich ist die Figur des zur Exzentrik neigenden Musikers Richard Katz. Walter als sein bester Freund und moralischer Rückhalt und Patty, die sich zeit ihrer Bekanntschaft zu ihm hingezogen fühlt. In Rückblenden wird von der Geschichte der Familien erzählt, aber auch von den großen Erwartungen, die in die Nachkommen gesetzt werden und wurden. Sex, Drugs und Alcohol scheinen nicht nur bei Richard Katz auf der Tagesordnung zu stehen. Der Leser begleitet die Familie bei ihrem zweifelhaften Aufstieg bis zu ihrem Zerfall.
Es sind die typischen Themen der zeitgenössischen amerikanischen Literatur, denen sich Jonathan Franzen bedient. In teils sehr gelungenen, authentischen Passagen gelingt es ihm großartig, das amerikanische Lebensgefühl einzufangen. Die europäischen Wurzeln, der Drang, sich von diesen zu lösen, die Beschreibung des American Way of Life (die meiner Meinung nach Franzen ganz hervorragend gelingt!), sehr zeitkritisch und ungewohnt satirisch in Bezug auf Politik, Globalisierung, Gesellschaft, Kapitalismus usw. Inwiefern hier mit Stereotypen und mit Klischees gearbeitet wird, kann ich schwer beurteilen, aber ich fand, dass Franzen den Puls der Zeit sehr gut trifft und mir schon begreiflich machen konnte, wie die Amerikaner (oder der Großteil davon) so ticken.
In allen möglichen Varianten und Definitionen wird man mit dem dem Begriff “Freiheit” konfrontiert, ohne dass dieser überstrapaziert wird. Sei es politische, persönliche, sexuelle Freiheit oder Gedanken- und Meinungsfreiheit. Sei es die Freiheit,selber eine Entscheidung zu treffen oder auch die Freiheit dies nicht zu tun und die Konsequenzen auf sich zukommen zu lassen. Und trotzdem gibt es die allgemein gültige Freiheit nicht bzw. stellt sich heraus, dass die persönlich empfundene Freiheit mit vielen Unfreiheiten verbunden ist.
Ein großes Minus gibt es einerseits für das allzuvorhersehbare und wenig originelle Ende, für die eine oder andere Länge im Buch, aber auch für die teilweise grottenschlechte deutsche Übersetzung.
Christine
Rowohlt Verlag 2010, Übersetzung: Bettina Abarbanell und Eike Schönfeld, Hardcover 24,95 €, 736 Seiten, ISBN: 978-3498021290
Geschrieben in Christine †, Roman | Keine Kommentare »
Neuerscheinungen Mai
23.4.2011 von Krümel.
“Die Radiofamilie” von Ingeborg Bachmann

Im Herbst des Jahres 1951 tritt eine »kettenrauchende Meerfrau mit Engelhaar, die mehr flüsterte als sprach« in die Hörspielabteilung des amerikanischen Besatzungssenders Rot-Weiß-Rot in Wien ein. Ingeborg Bachmann, so der Name der jungen Frau, wird für die nächsten beiden Jahre das Unterhaltungsprogramm des Senders prägen und die Radiofamilie Floriani zur bekanntesten und beliebtesten Sendung der Nachkriegszeit machen …
“Auftritt der Geister” von Jean-Jacques Schuhl

Schuhl macht in diesem schmalen und dichten Meisterwerk ein zentrales Merkmal der Gegenwart erfahrbar: Die Realität ist brüchig geworden, jedes ihrer Teile verweist in die Vergangenheit wie in die Zukunft, auf diese Bilder und jene Filmszenen und diese Literatur. Das Resultat: Geister betreten die Bühne und beherrschen sie.
“Als ich unter Sternen schlief” von Pius Alibek

Ein Lebensweg vom Orient in den Westen, lebendig und farbig erzählt wie ein Roman – eine Geschichte von glücklicher Kindheitsheimat, Entwurzelung und vitalem Neuanfang. Seine Kindheit im gerade in die Unabhängigkeit entlassenen Irak der 50er Jahre gleicht einer orientalischen Erzählung: Pius wächst behütet und abenteuerlich zugleich mit elf Geschwistern in einer Familie auf, …
“Savoir-Vivre” von Hédi Kaddour

Ein perfekter Mann Hédi Kaddour erzählt die atemberaubende Geschichte eines Mannes, der ein unaussprechliches Geheimnis verbirgt - in einer Zeit, in der die äußere Erscheinung als Ausdruck innerer Haltung galt. London 1930: Der französische Journalist Max Goffard ist fasziniert von William Strether, einem hochdekorierten Helden des Ersten Weltkriegs …
Geschrieben in Bücher-Tipps, Literaturthemen | Keine Kommentare »
„Die Sanfte“ von Fjodor Dostojewski
21.4.2011 von Krümel.
Der Ich-Erzähler und Pfandleiher heiratet seine Kundin.
Sie ist gerade mal 16 Jahre, sehr schön und ein Opfer des frühen Todes der Eltern. Durch die Aufnahme bei Tanten fand sie zwar eine Unterkunft, die sie aber mehr als Putzfrau einstufen denn als eine Verwandte. Auch klingt es heraus, dass sie gebildeter ist und von höherem Stande entspringt als der Erzähler, was sie, die Sanfte als williges Opfer für seine Verfehlungen macht. Denn mit seinem Geld, was er zum von in Not geratene Menschen erzielt, (wie auch sie einst den Schmuck ihrer Mutter verpfändet hat) kauft er sie bei den Tanten los. Sein Beruf wird immer zwischen ihnen stehen!
Er selber ist auch ein Opfer der Zeit, denn zu seinem Beruf ist er durch die Missachtung des Ehrenkodex gekommen. Man wirft ihm Feigheit vor, weil er sich nicht duelliert hat, sondern eine geringe Verfehlung mit Hinwegsehen begegnet ist. So wurde er aus dem Regiment und Stand verstoßen, mit 3000 Rubeln musste er neu beginnen und er wählte den Weg des geringsten Widerstandes, obwohl er widersteht …
In dieser Erzählung findet der Leser gleich zwei Opfer-Täter und deren Geschichte. Auffallend hierzu ist die Ähnlichkeit der „Kreutzersonate“ von Tolstoi sowie der Roman seiner Frau Tolstaja „Eine Frage der Schuld“. Alle Drei, also auch „Die Sanfte“ von Dostojewski, sind sehr empfehlenswerte Erzählungen, die ich gerne gelesen habe.
Krümel
Anaconda Verlag Köln 2010, OT: Krotkaja 1876, Übersetzung: Alexander Eliasberg, Hardcover 2,95 €, 78 Seiten, ISBN: 978-3-86647-501-4
Geschrieben in Klassiker, Krümel | 3 Kommentare »
“Theo. Antworten aus dem Kinderzimmer” von Daniel Glattauer
19.4.2011 von Krümel.
Theo hats gut. Theo hat einen Onkel, der Journalist ist und Daniel Glattauer heißt und im Jahr 1994, als Theo geboren wurde, Kolumnen für eine österreichische Tageszeitung schrieb. Daniel Glattauer war beeindruckt von diesem so kleinen und doch so perfekten Lebewesen („Er lag im Brutkasten, maß 47,5 Zentimeter Länge und behauptete 2570 Gramm Körpergewicht. Neugeborener ging es nicht. Er war seiner geplanten Gegenwärtigkeit im Lichte der Welt stolze dreißig Tage voraus. Ein Vorsprung, den er bis heute nicht eingebüßt hat.“) Glattauer beschließt, das Heranwachsen seines Neffen publizistisch zu begleiten, herausgekommen sind regelmäßige Kolumnen über den heranwachsenden Jungen bis zu einem Alter von 14 Jahren oder eben bis 2008, die nun in diesem vorliegenden Buch gesammelt nachzulesen sind.
Daniel Glattauer hat gut beobachtet und erzählt liebevoll und ausführlich über Theos Leidenschaft für Autos und fürs Einkaufen, Urlaube am Meer, Begegnungen mit Erwachsenen, die der kleine Kerl ganz schön auf Trab hält. Die schulischen Erfolge finden ebenso Niederschlag wie die Haustiere, die er hält und seine Karriere am Fußballplatz. Die ersten 3 Lebensjahre werden fast lückenlos und in kurzen zeitlichen Abständen beschrieben, während die restlichen 11 Jahre rückblickend in einem jährlichen Bericht festgehalten werden.
Ich kann mir gut vorstellen, dass dieses Buch – häppchenweise genossen (oder eben in regelmäßigen Kolumnen) - ein netter und kurzweiliger Begleiter ist. Ich habe es (leider?) in einem gelesen und habe mich nach einigen Kapiteln „abgelesen“. Glattauer erzählt nichts Neues und fand ich seine Glossen nur bedingt witzig. Aber vielleicht bin ich nach bzw. mitten in der Erziehung von 3 Kindern derart hartgesotten und abgebrüht, dass mich seine neckischen Kinderantworten, philosophischen Abgründe und kindliche Logik nicht mehr begeistern können? Sei es wie es sei, als Geschenk für werdende Eltern allemal geeignet, aber die Erziehung und das Leben mit Kindern ist im „wirklichen Leben“ spannender, interessanter, kurzweiliger und meistens auch lustiger! Einen Vorteil aber hat das Buch: Man kann es zuklappen, ganz hinten ins Regals stellen, oder sogar verkaufen oder verschenken.
Christine
Deuticke Verlag 2010, Hardcover 14,90 €, 268 Seiten, ISBN: 978-3552061408
Geschrieben in Erzählung/en, Christine † | Keine Kommentare »
Neuerscheinungen Mai
16.4.2011 von Krümel.
“Der Mann, der ins KZ einbrach” von Denis Avey

Denis Avey wollte mit eigenen Augen sehen, was hinter den Lagermauern geschah. Jahrzehntelang konnte er nicht darüber sprechen. Jetzt, am Abend seines Lebens, erzählt er gemeinsam mit dem BBC-Reporter Rob Broomby seine Geschichte. Eine unglaubliche Überlebensgeschichte voller jugendlicher Waghalsigkeit und echtem Mut. Seine Geschichte ist ein Vermächtnis.
“Vorgefühl der nahen Nacht” von Laurent Seksik

Im September 1940 kommt Stefan Zweig mit seiner zweiten Ehefrau, der dreißig Jahre jüngeren Lotte Altmann, nach Brasilien. Mit seiner ethnischen Buntheit ist dieses Land für ihn ein Gegenentwurf zum in Europa herrschenden Rassenwahn. Voller Hoffnung quartiert er sich nördlich von Rio ein …
“Jener Tag im Winter” von Caryl Phillips

„Jener Tag im Winter” ist das mitreißende Psychogramm eines Mannes in der Krise, die nur oberflächlich eine Midlife-Crisis mit all ihren tragikomischen Auswüchsen ist. Caryl Phillips hat einen bezwingenden, weil psychologisch überaus glaubwürdigen Roman vorgelegt, verfasst in einer präzisen Sprache, die in ihrer Konsequenz staunen macht.
“Ein Amerikaner” von Henry Roth

»Ein Amerikaner» ist der krönende Abschluss seines Werks, in dem Roth nicht nur die dreißiger Jahre in Amerika wiederaufleben lässt, sondern auch seiner Ehefrau, der Pianistin und Komponistin Muriel Parker, ein Denkmal setzt.
Geschrieben in Bücher-Tipps, Literaturthemen | Keine Kommentare »
“Ein französischer Roman” von Frédéric Beigbeder
14.4.2011 von Krümel.
Vor einigen Jahren wurde der französische Autor Frederic Beigbeder auf offener Straße erwischt, als er gerade Kokain schnupfte. 48 Stunden wurde er in polizeilichen Gewahrsam genommen. Ein Erfahrung die ihn veranlasste eine Rückschau auf sein Leben vorzunehmen. Allerdings konzipierte er diesen Blick auf sein Leben als Roman. Insofern ist auch nicht klar, was nun erfunden und was nun autobiographischer Natur ist.
An einer Stelle seines Buches sagt Beigbeder:
„Was hier erzählt wird, ist nicht unbedingt die Wirklichkeit, aber es ist meine Kindheit, wie ich sie wahrgenommen und tastend rekonstruiert habe.“
Genau genommen schaut Beigbeder nicht auf sein gesamtes Leben zurück, vielmehr versucht er sich an einer Bestandsaufnahme seiner Kindheit. Eingangs schrieb er noch dass er eigentlich keine Erinnerungen an seine Kindheit hätte.
In diesem Buch lernt man das „Entfant terrible“ der neueren französischen Literatur von einer ganz anderen Seite kennen. Hier provoziert Beigbeder nicht, hier wirkt er nicht cool oder distanziert und die Gesellschaft verachtend, hier, in diesem Buch scheint sich Beigbeder wirklich zu öffnen. Hier beschreibt er, wie sehr er unter der Scheidung seiner Eltern gelitten hat und versucht Antworten im Hinblick auf seine eigene Scheidung zu finden. Keine billige Rechtfertigung, vielmehr suchend und tastend nach echten Antworten.
In diesem Buch lernt man einen anderen Beigbeder kennen. Es scheint so, als sei dieses Buch von einem anderen Autor als dem Autor von „39,90“ geschrieben. Beigbeder von einer sehr sensiblen, verletzlichen Seite ist eine ganz neue Leseerfahrung. Auch den oftmals bei Beigbeder anzutreffenden Sarkasmus, findet man in „Ein französischer Roman“ nur in sehr leichten Ansätzen. Ein Autor auf der Suche nach sich selbst? Man könnte es fast vermuten.
Ein sehr interessantes Leseerlebnis, durchaus empfehlenswert.
Frederic Beigbeder wurde 1965 in Neuilly-sur-Seine geboren. Er studierte Politikwissenschaft und lebt als Kritiker und Schriftsteller in Paris.
Jan
Piper Verlag 2010, Übersetzung: Brigitte Große, Hardcover 19,95 €, 245 Seiten, ISBN: 978-3492054140
Geschrieben in Jan, Roman | Keine Kommentare »
„Vier Arten meinen Vater zu beerdigen“ von Liane Dirks
12.4.2011 von Krümel.
Dies ist bestimmt ein Roman, der die Leserwelt in zumindest zwei Lager spaltet. Die einen werden das Buch nach ein paar Seiten beiseitelegen, die anderen werden es zuende lesen. Ich gehöre zu der zweiten Gruppe, da ich ja wusste was mich bei Dirks erwartet, und zwar Minimalismus auf höchstem Niveau.
Auf 240 Seiten schildert die Autorin in diesem Werk gleich drei Generationen, den Großvater Johannes Dirks, seinen Sohn Günther Dirks und dann die zwei Töchter von Günther, wobei die >Kleine< auch gleichzeitig die Erzählerin ist. Und so wird das vergangene Jahrhundert anhand derer abgehandelt. Der Mittelpunkt stellt im Roman Günther dar, der nicht nur von seinem Vater gequält und missbraucht wird, sondern im II. Weltkrieg gleich ein ähnliches Schicksal erleidet. Was kann er seinen Töchtern mit diesem Hintergrund bieten? Er, der selber ein menschliches Wrack ist. Als er nach dem Krieg als Koch für längere Zeit auf Barbados mit seiner Familie lebt, eskaliert die Situation!
Zum Schluss liegt Günther auf Barbados im Sterben und die >Kleine< kehrt Heim …
Eindrucksvoll schildert die Autorin das Leben von Günther, ein Opfer, welches zum Täter wird. Durch ihren minimalistischen Stil, im grunde wirft sie mit lauter Bildern um sich, entsteht eine wahre plastische Erzählung, ja ein Kopfkino der feinsten Art. Und Zweidrittel des Buches hat es mich tief in seinem Bann gezogen. Der Schluss dann, als sie ihre eigene Geschichte erzählt und man sie als das letzte vorhandene Opfer wahrnehmen sollte, da versagt ihre Stimme. Das betitelte Beerdigungsritual wird nicht mehr von dieser Fülle getragen.
Krümel
Büchergilde Gutenberg 2002, Hardcover vergriffen, 245 Seiten, ISBN: 3-7632-5331-9
Geschrieben in deutschsprachige Gegenwartsliteratur, Krümel | Keine Kommentare »
Neuerscheinungen Mai
9.4.2011 von Krümel.
“Toscana mia” von Robert Gernhardt

Seit den siebziger Jahren verbrachte Robert Gernhardt, der große Lyriker, Schriftsteller, Maler und Zeichner, einen Teil seiner Zeit in der Toskana. In zahllosen Gedichten, Erzählungen, in Roman und Theaterstück, in Zeichnungen und Gemälden verdichtete und malte er Hügel und Haine, Licht und Schatten, Menschen und Tiere dieser einzigartigen Landschaft.
“Wir hauen die Natur entzwei” von Daniil Ivanovic Charms

Dieser Band versammelt so viele seiner Stücke wie sonst keiner je zuvor. Vieles gibt es hier erstmals auf Deutsch zu entdecken, alle
Komik, alle Tragik, alle Größe des Charms’schen Werkes ist in dieser Ausgabe versammelt.
“Lysis” von Jana Revedin

Lysis erzählt von Menschen, die sich finden, weil sie nach niemandem suchten.
Geschrieben in Bücher-Tipps, Literaturthemen | 1 Kommentar »




