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“Nordlicht” von Melitta Breznik
Der Arbeitsalltag im Krankenhaus, der immer mehr aus Zettelkram und Bürokratie besteht, erschöpft die Neurologin Anna, und aus ihrer Ehe mit ihrem um einiges älteren Mann ist die Luft raus. Und so beschließt die Ärztin, sich eine Auszeit zu nehmen. Zu ihrer inneren Stimmung passend fährt sie im Herbst auf die Lofoten, das fehlende Tageslicht entspricht ihrem Gemüt und sie hofft, dort die innere Ruhe wiederzufinden. Sie richtet sich in einer Hütte ein, lebt einsam und zurückgezogen, knüpft nur die wichtigsten Kontakte zur Bevölkerung. Bis Dezember verharrt sie dort und verbringt die Zeit mit Lesen und Schlafen, Nichtstun und Nachdenken. Ständiger Begleiter sind die Tagebuchaufzeichnungen ihres bereits verstorbenen Vaters, der während des 2. Weltkrieges in Norwegen stationiert war und stets befangen und nie offen über diese Zeit reden konnte. Mit zunehmendem Tageslicht hebt sich ihre Stimmung und steigt auch ihr Bedürfnis nach sozialen Kontakten, nach Menschen, nach Aufgaben. Am Nachbarhof lernt sie Giske kennen, die dort im Haus ihrer Mutter lebt. Auch sie hat eine gescheiterte Ehe hinter sich und blickt zudem auf eine sehr schwere Kindheit als ungeliebtes und von allen geächtetes „Deutschenbalg“ zurück.
Die Ausgangssituation dieses Romans hat mich gleich angesprochen und finde ich die Charakterisierung der rastlosen, überlasteten Ärztin Anna, ihren inneren Beweggründen und äußeren Umständen in den ersten Kapiteln sehr gelungen. Die Entscheidung, alles hinter sich zu lassen, hat sie sich nicht leicht gemacht und findet sie offenbar in ihrem Domizil in Norwegen die innere Ruhe und Ausgewogenheit, die sie sucht. Die Stimmung des „Nordlichts“ wird wunderbar eingefangen und auf Annas Gemüt projiziert, anhand von Rückblenden wird aus ihrer Kindheit erzählt, dem schweigenden Vater, den unausgesprochenen Kriegsgräueln und die dadurch sehr belastete familiäre Situation.
Doch mit dem Auftreten von Giske verliert der Roman an Stimmung und an Atmosphäre. Zu oft wird in der Vergangenheit gestöbert, zu oft wird die Vergangenheit verantwortlich für die Gegenwart gemacht, und ein sehr melancholischer Grundton nimmt überhand. Anna selber tritt im zweiten Teil des Buches in den Hintergrund, was ich sehr schade fand. Die Verknüpfung der beiden Frauenschicksale gelang meiner Meinung nach nicht, alles wirkt konstruiert und bemüht und das (sehr triviale) Ende setzt dieser Entwicklung leider noch das i-Tüpfelchen auf.
Der Name Melitta Breznik war neu für mich, es war das Cover, das mich in der Bücherei sozusagen ansprang. Die Österreicherin Melitta Breznik ist 1961 geboren, studierte Medizin und hat seit dem Jahr Jahr 2004 eine Praxis als Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie in der Schweizer Stadt Chur.
Christine
Luchterhand Literaturverlag 2009, Hardcover 17,95 €, 256 Seiten, ISBN: 978-3630872872

