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Archive für März 2011

“Verfahren” von Ludwig Laher

Welcher Willkür und welchen Bürokratismusmühlen ist man ausgesetzt, wenn man um Asyl ansucht? Jelena ist Kosovo-Serbin und gerät in ihrer Heimat zwischen die Fronten. Sie ist unvorstellbarer Gewalt ausgesetzt, verliert ihre Familie und landet in der Psychiatrie. Mit dem Scheitern eines zweiten Selbstmordversuches verliert sie auch den letzten Rest Selbstachtung und auf Anraten ihrer Ärztin gelingt ihr mit letzter Kraft die Flucht über die grüne Grenze nach Österreich. Sie wird in völlig traumatisiertem Zustand aufgegriffen und gerät nun in die Mühlen des österreichischen Asylgesetzes.

Ludwig Laher schreibt sehr eindringlich und thematisiert ein sehr aktuelles Problem - die Asylpolitik. Die traurige Geschichte der Jelena - sicherlich kein Einzelfall - wird aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet und bedient sich der Autor mehrerer Stilmittel. Sachlich nüchtern, fast reportagenhaft berichtet er über die Zustände bei Gericht und der Abwicklung der Verfahren, wobei dem Begriff Verfahren mehrere Bedeutungen zukommt: Zum einen „Gerichtsverfahren“, aber auch das Verfahren (=der Umgang) mit den Asylwerbern und nicht zuletzt die Situation der heimatlosen Jelena, die ebenso als „verfahren“ bezeichnet werden kann.

Zu Wort kommt ein Asylrichter, der aus seinem beruflichen Alltag erzählt … sehr selbstgerecht, sich selber als Menschenfreund bezeichnend, weil er hin und wieder - willkürlich - einen positiven Bescheid ausstellt. Am Richtertisch entscheidet er über Leben anderer - es liegt in seinem Ermessen, ob der Mensch vor ihm (der der Einfachheit halber auf das Kürzel AW für Asylwerber, egal ob männlich oder weiblich, reduziert wird) bleiben darf oder nicht, ob dieser lügt, oder die Wahrheit sagt. Gerade dieser “Ermessensspielraum” macht die Angelegenheit so schwierig und zeigt auf, dass es hier keine Gerechtigkeit gibt, zeigt aber auch, dass den Vollstreckern unserer Gesetze die Hände gebunden sind.

Ludwig Laher bietet keine Lösung an und deutet auch an, wie vielschichtig die Thematik ist. Er möchte aufrütteln und zum Nachdenken animieren und wehrt sich gegen die Massenabfertigung, Anonymität und völligem Fehlen von Menschlichkeit, die sich bei den Gerichten abspielt. Jeder Fall ist ein Einzelfall und ein Einzelschicksal und kann nicht pauschal beurteilt werden.

Ein nicht einfach zu lesendes, aber sehr lesenswertes Buch!

Christine

Haymon Verlag 2011, Hardcover 19,90 €, 180 Seiten, ISBN: 978-3852186801

Neuerscheinungen April

“Reisen in 1001 Nacht” von Pier Paolo Pasolini

Diese hier zum ersten Mal ins Deutsche übertragenen Texte zeugen von seiner Suche nach dem Authentischen, dem Widersprüchlichen, dem für Europa Beispielgebenden und Hoffnungmachenden. 

“Apulien” von Katja Büllmann

Dieses Buch erzählt von einem noch zu entdeckenden Landstrich im Südosten Italiens, es erzählt von seiner Geschichte, seinen Traditionen, Ritualen und seiner Kultur. Hier kommen die Menschen selbst zu Wort, …

Neuerscheinungen April

“Das Licht der Flüsse: Eine Sommererzählung” von Robert Louis Stevenson

Stevensons Debüt endlich auf Deutsch – ein Stück hochkomische, leichte und erhellende Literatur über die zeitlose Magie einer kleinen Reise, über das Aufbrechen, Ankommen und die großen Fragen des Lebens. 

“Blüten des Augenblicks” von Ko Un

Diese »Blüten des Augenblicks« wirken so belebend, als stünde man vor einem Wasserfall, sie stärken wie bester Ginseng, erfrischen wie der frischeste grüne Tee. 

“Der Nachsommer” von Adalbert Stifter

nachsommer.jpgEin Roman zum Zeit-entschleunigen!

Im ersten Kapitel „Die Häuslichkeit“ wird die elterliche Wohnung des Ich-Erzählers Heinrich beschrieben. Das Familienleben der Drendorfs, welche aus dem Vater, der Mutter, Heinrich und der jüngeren Schwester besteht, wird dargestellt. Da Heinrich schon als Kind eine Erbschaft macht und zudem von zu Hause auch nicht gerade verarmt ist, kann sich sein Vater zu sehr weisen Erziehungsmethoden entschließen: Seine Kinder sollen früh den „guten“ Umgang mit Geld erlernen, selber wirtschaften können, und vor allem Heinrich soll alleine heraus finden, was er erlernen und was er aus seinem Leben machen möchte.

„Jedes Ding und jeder Mensch, pflegte er zu sagen, könne nur eins sein, dieses aber muß er ganz sein.“

Heinrich entschließt sich auf Reisen zu gehen, um das heraus zu finden.

„… man solle mich nur gehen lassen, es werde sich aus dem Unbestimmten schon entwickeln, wozu ich taugen werde, und welche Rolle ich auf der Welt einzunehmen hätte.“

Und so zieht der Protagonist hinaus in die Welt. Auf seinen Wanderungen kommt er eines Tages kurz vor einem Gewitter an einem wunderschönen „Rosenhof“ vorbei, wo er auf seine Bitte hin zum Schutze vor dem kurz bevorstehenden Unwetter unterkommt. Sein Gastfreund, das zeigt sich in den nächsten Tagen, die Heinrich dort verweilt, ist ein Kunstliebhaber, der alte Schätze wieder restauriert, ein Naturliebhaber, ein Gartenfreund, ein Vogelfreund … er wird zum Mentor des Ich-Erzählers.

Es ist diese absolute Sorgfalt des Freiherrn, weshalb seine „Dinge“ so gut aussehen, wachsen und gedeihen. Er sorgt bis ins kleinste Detail für alles, was das „Ding“ zum Erhalt und zum Leben braucht, eine Haltung die uns heute im 21. Jahrhundert wieder abhanden gekommen ist. Teilweise scheint diese Behandlung der „Dinge“ als penibel, aber noch unsere Großväter achteten mehr auf ihre „Dinge“. Und dieser ernorme Aufwand, der auf dem „Rosenhof“ beispielsweise für das Gedeihen der Rosen betrieben wird, zahlt sich aus, denn so herrlich wird man nirgends eine Rosenwand blühen sehen.

“…, daß jedes Wissen Ausläufe hat, die man oft nicht ahnt, und wie man die kleinsten Dinge nicht vernachlässigen soll, wenn man auch noch nicht weiß, wie sie mit den größeren zusammenhängen.“

Im Laufe der nächsten Jahre wird Heinrich im „Rosenhof“ immer wieder gut aufgenommen, verlebt viele Wochen auf dem Anwesen, lernt, verweilt und bildet seinen Geist. Dabei lernt er viele neue Menschen kennen, den Meister der Zeichnungen, den Gärtner, den Ziehsohn des Alten und seine Mutter nebst Schwester, geht in den Gewohnheiten dieses inneren Kosmos voll auf und lernt ein anderes Leben kennen.

Stifter beschreibt alles bis ins letzte Detail, auch oft in der Wiederholung, dies vielleicht auch aus pädagogischen Zwecken, mit dem Hinblick, da derzeit vieles zu sehr vermischt, zu oberflächlich betrachtet wurde, zu schnell abgetan, und nicht mehr von innen erwachsen konnte. “Der Nachsommer” stellt höchstwahrscheinlich so eine Art Traum dar, wie Stifter als Ästhet seine Welt wahrhaben mochte oder gar gewahr nahm, so als ob alles eins wäre. So in etwa, dass auch der Mensch völlig in dieser Harmonie untergeht und sich nicht abhebt vom Ganzen, die absolute Schönheit ohne Makel. Und dabei ist er kein Verfechter des Neuen:

” …, daß jenes Neue, welches bleiben soll, weil es gut ist - … - nur allgemach Platz finden, und ohne zu große Störung sich einbürgern möchte. So ist der Übergang ein längerer aber er ist ein ruhigerer und seine Folgen sind dauernder.“

Selbst in den letzten Seiten wird ein neuer Kitt ins Altbewährte integriert (zum abdichten der Wintergärten), um das alt Traditionelle noch besser machen zu können.

Das Werk ist eine äußerst konsequent durchgeführte Komposition bis hin zum Perfektionismus, der eine Art der Dauerüberholung vorsieht. Und der anscheinend zu emotionsgeladene übertriebene Schluss, die totale Veredelung, fügt sich dabei ebenso in diesen Kosmos ein, wie die scheinbaren leblosen Figuren. Denn alles läuft auf die Liebe hinaus, und das erinnert mich stark an den 1. Korinther Brief und das Hohelied der Liebe, eine Bergpredigt auf Stifter-Art, in der alle ihren Platz finden und die Harmonie/Liebe das oberste Gebot ist.

W. G. Sebald beschreibt es wie folgt in seinem Essay Band „Die Beschreibung des Unglücks“:

„Es ist also schon so gesehen nicht sehr sinnvoll, Stifters Prosa-Idylle mit resignativem Eskapismus gleichzusetzen, und erst recht nicht, wenn man bedenkt, daß der Nachsommer nicht bloß die sogenannte Realität, sondern sogar die Intentionen und das Verfahren des utopischen Genres hinter sich läßt. Hier soll nicht allein die bestmögliche Verfassung der Gesellschaft als Gegenstück zu ihrer tatsächlichen Korrumpiertheit bestimmt werden, vielmehr wird, weit radikaler, eine Auslösung aus der Unheimlichkeit der Zeit überhaupt angestrebt. Stifters Bilderbogen einer beruhigten domestischen Seligkeit trägt durchaus – was bisher kaum erkannt worden ist – eschatologische Züge. Die Prosa des Nachsommers liest sich wie ein Katalog letzter Dinge, denn alles erscheint in ihr unterm Aspekt des Todes beziehungsweise der Ewigkeit.“ (Bis an den Rand der Natur/Versuch über Stifter)

Krümel

Albatros Patmos Verlag 2007, Hardcover 9,95 €, 761 Seiten, ISBN: 978-3-491-96191-3

“Nordlicht” von Melitta Breznik

Der Arbeitsalltag im Krankenhaus, der immer mehr aus Zettelkram und Bürokratie besteht, erschöpft die Neurologin Anna, und aus ihrer Ehe mit ihrem um einiges älteren Mann ist die Luft raus. Und so beschließt die Ärztin, sich eine Auszeit zu nehmen. Zu ihrer inneren Stimmung passend fährt sie im Herbst auf die Lofoten, das fehlende Tageslicht entspricht ihrem Gemüt und sie hofft, dort die innere Ruhe wiederzufinden. Sie richtet sich in einer Hütte ein, lebt einsam und zurückgezogen, knüpft nur die wichtigsten Kontakte zur Bevölkerung. Bis Dezember verharrt sie dort und verbringt die Zeit mit Lesen und Schlafen, Nichtstun und Nachdenken. Ständiger Begleiter sind die Tagebuchaufzeichnungen ihres bereits verstorbenen Vaters, der während des 2. Weltkrieges in Norwegen stationiert war und stets befangen und nie offen über diese Zeit reden konnte. Mit zunehmendem Tageslicht hebt sich ihre Stimmung und steigt auch ihr Bedürfnis nach sozialen Kontakten, nach Menschen, nach Aufgaben. Am Nachbarhof lernt sie Giske kennen, die dort im Haus ihrer Mutter lebt. Auch sie hat eine gescheiterte Ehe hinter sich und blickt zudem auf eine sehr schwere Kindheit als ungeliebtes und von allen geächtetes „Deutschenbalg“ zurück.

Die Ausgangssituation dieses Romans hat mich gleich angesprochen und finde ich die Charakterisierung der rastlosen, überlasteten Ärztin Anna, ihren inneren Beweggründen und äußeren Umständen in den ersten Kapiteln sehr gelungen. Die Entscheidung, alles hinter sich zu lassen, hat sie sich nicht leicht gemacht und findet sie offenbar in ihrem Domizil in Norwegen die innere Ruhe und Ausgewogenheit, die sie sucht. Die Stimmung des „Nordlichts“ wird wunderbar eingefangen und auf Annas Gemüt projiziert, anhand von Rückblenden wird aus ihrer Kindheit erzählt, dem schweigenden Vater, den unausgesprochenen Kriegsgräueln und die dadurch sehr belastete familiäre Situation.
Doch mit dem Auftreten von Giske verliert der Roman an Stimmung und an Atmosphäre. Zu oft wird in der Vergangenheit gestöbert, zu oft wird die Vergangenheit verantwortlich für die Gegenwart gemacht, und ein sehr melancholischer Grundton nimmt überhand. Anna selber tritt im zweiten Teil des Buches in den Hintergrund, was ich sehr schade fand. Die Verknüpfung der beiden Frauenschicksale gelang meiner Meinung nach nicht, alles wirkt konstruiert und bemüht und das (sehr triviale) Ende setzt dieser Entwicklung leider noch das i-Tüpfelchen auf.

Der Name Melitta Breznik war neu für mich, es war das Cover, das mich in der Bücherei sozusagen ansprang. Die Österreicherin Melitta Breznik ist 1961 geboren, studierte Medizin und hat seit dem Jahr Jahr 2004 eine Praxis als Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie in der Schweizer Stadt Chur.

Christine

Luchterhand Literaturverlag 2009, Hardcover 17,95 €, 256 Seiten, ISBN: 978-3630872872

“Als ich lernte zu fliegen” von Roopa Farooki

Roopa Farooki, eine mir bis dahin völlig unbekannte Autorin, führte mich in die Welt der in London lebenden Murphy-Geschwister. Eine Welt in deren Mittelpunkt die autistische 19 jährige Yasmin steht, deren Bedürfnissen sich das Leben der anderen stets unterzuordnen, zumindest anzupassen, hatte. Asif Murphy ist 23 Jahre alt. Der Not gehorchend hat er sein Studium abgebrochen und erduldet nun einen langweiligen, ihn unterfordernden Büroalltag. Sein Leben ist völlig anders als das von anderen in seinem Alter. Seit dem plötzlichen Tod der Mutter kümmert er sich aufopfernd um Yasmin, die am Asperger Syndrom, einer leichteren Ausprägungsform von Autismus, leidet. Sie hat Inselbegabungen, sieht beispielsweise Musik als Farben und erinnert sich minutiös an vergangene Erlebnisse. Sie braucht einen ganz geregelten Tagesablauf, Veränderungen kann sie nur schwer verkraften. Lila, die andere Murphy-Schwester, 1 Jahr jünger als Asif, ist ihm keine Stütze. Sie hält das alles nicht mehr aus. Sie will nicht mehr fremdbestimmt leben. Sie will leben wie Gleichaltrige, will ins Kino gehen, sich mit Freunden treffen. In manchen Momenten hat sie das Gefühl die Schwester oder deren Krankheit zu hassen. Nun lebt sie ihr eigenes Leben mit wechselnden Partnern und Jobs – und Neurodermitis. Doch als Yasmin davon berichtet, dass ein Fernsehteam in einer Dokumentation über sie und ihre Krankheit berichten will, bringt das die Geschwister an den Rand einer Katastrophe, denn Yasmin hat einen Plan. Die schwierige Situation, in der sich die Geschwister befinden, wird von der Autorin auf ganz beeindruckende Weise nachvollziehbar und berührend zugleich beschrieben, ebenso die problematische Kindheit von Asif und Lila, die nicht ohne psysischische Folgen blieb. So unterschiedlich die Geschwister auch in ihrem Wesen beschrieben sind, konnte ich für alle sofort viel Sympathie empfinden. Auch die etwas spezielle Lila, konnte ich mit ihrer Flucht aus der Familie sehr gut verstehen. Mit wechselnden Erzählperspektiven und Zeitschienen lässt Roopa Farooki ihre Leser Anteil haben am problematischen Alltag der Geschwister und sie baut Verständnis für jedes der Familienmitglieder auf eine sehr feinfühlige Art auf, ohne dabei auf irgendeine Art belehrend zu sein. Oft wird sie sehr deutlich, manchmal sogar drastisch, z.B. wenn sie von Lilas extremer Neurodermitis berichtet. Aber immer erzählt Roopa Farooki bildhaft, einfühlsam und ruhig. Auch wenn ich hier öfter über Krankheiten, psychische Probleme, familiäre Sorgen und auch Wut schrieb ist dies kein tief trauriger problemüberladener Roman. Es gab durchaus auch witzige Begebenheiten, die mich zum Lachen brachten. Mit diesem Buch habe ich eine neue Autorin entdeckt, von der ich gern mehr lesen würde. Die hier vorgefundene Mischung aus Leichtigkeit des Erzählens und Tiefe der Gedanken hat mir ausgesprochen gut gefallen. Dieses Buch empfehle ich gern weiter.

Über den Autor (Quelle: Lübbe.de)
Roopa Farooki wurde in Lahore geboren und wuchs in London auf. Sie machte ihren Abschluss am New College, Oxford und arbeitete in der Werbebranche, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete. Roopa lebt jetzt in Südfrankreich mit ihrem Mann und ihren Söhnen. Ihr erster Roman “Kardamom und Honig” stand auf der Shortlist zum “Orange New Writers Award” 2007

Heike

Bastei Lübbe Verlag 2010, Übersetzung: Maria Andreas-Hoole, Hardcover 16,95 €, 300 Seiten, ISBN: 978-3785760444

Neuerscheinungen April

“Orkus, Reise zu den Toten” von Gerhard Roth

32 Jahre lang hat Gerhard Roth an seinen beiden Romanzyklen “Die Archive des Schweigens” und “Orkus” gearbeitet ein einzigartiger Kosmos der Literatur und des Denkens, der neben klassischen Romanen auch dokumentarische und essayistische Bände umfasst. Der Band “Orkus” ist der Schlussstein dieser monumentalen Arbeit …

“Orkus” von Gerhard Roth

“Orkus” ist der Schlussstein dieser monumentalen Arbeit und nicht überbietbarer Endpunkt: ein autobiographischer Roman, in dem das Leben des Autors mit dem seiner Figuren auf faszinierende Weise verschmilzt. “Orkus” ist die Essenz eines Schriftstellerlebens: ein Buch über das Wesen des Menschen, die Wahrnehmung der Welt, die Suche nach einer anderen Wirklichkeit. Eine lange Reise zu den Toten und der grandiose Versuch, das Leben zu verstehen, ohne es zu zerstören. 

“Sommerlügen” von Bernhard Schlink

Wie auch in seinen anderen Büchern beschäftigt sich Bernhard Schlink in seinem neuesten Buch mit Vergangenheitsbewältigung. Doch diesmal geht es nicht um politische – deutsche – Vergangenheitsbewältigung sondern um private. Auf 7 Schauplätzen, vorwiegend in Deutschland und New York – setzen sich seine hauptsächlich männlichen Helden mit ihren Leben auseinander, mit Vergangenem und Gegenwärtigem. Sei es das Ende einer Beziehung, das Eintreten eines großen Erfolges, der bevorstehende Tod aufgrund einer Krebserkrankung oder die Begleiterscheinungen des Äter-Werdens, angesichts einer Zäsur, die im Leben eintritt, wird die Lüge zum Mittel, um Unangenehmem aus dem Weg zu gehen, Entscheidungen hinauszuzögern oder Geschehenes zu beschönigen. „Sommerlügen“ nennt sie der Autor, denn eingebettet in einem Rahmen von Sommerwind, idyllischer Landschaft, Urlaub und Unbeschwertheit lügt es sich offenbar ein bisschen leichter, doch die hier präsentierten Lügen ziehen weite Kreise und greifen ganz tief und massiv in das Leben der Figuren ein.

Bernhard Schlink versteht das schriftstellerische Handwerk. Prägnant, schnörkellos und flott erzählt er seine Geschichten, erklärt die Beweggründe und Entscheidungen seiner Figuren, nimmt den Leser an die Hand und führt ihn durch die Geschichten, ohne dass sich dieser selbst allzu viele Gedanken machen muss. Gedanken worüber eigentlich? Es sind keine schwerwiegenden Probleme, mit denen die Figuren – die durchwegs der gehobenen Mittelschicht entstammen - kämpfen, vielmehr sind es Befindlichkeitsstörungen und Sinnkrisen. Diesem „Jammern auf hohem Niveau“ wurde ich schnell müde, keine der Figuren ging mir ans Herz, kein Schicksal berührte mich tiefer, zudem es sich bei den Personen durchwegs um klischeebehaftete Stereotypen handelt. Ein stets durchklingender erhobener Zeigefinger hinsichtlich moralischem Anspruch macht diesen Erzählband für mich zu einem Buch, das man nicht wirklich gelesen haben muss.

Christine

Diogenes Verlag 2010, Hardcover 19,90 €, 288 Seiten, ISBN: 978-3257067538

Neuerscheinungen April

“Umgang mit Größen” von Walter Kempowski

Von Goethe zu Thomas Bernhard, von Adalbert Stifter zu Johannes Mario Simmel: Walter Kempowski war ein passionierter Leser und beschäftigte sich gerne mit seinen »Konkurrenten«. Seine »Kollegenporträts« bestechen durch ihre radikale Subjektivität und ihre Mischung aus Bewunderung und Respektlosigkeit. Ein ungemein anregendes Buch und ein origineller Streifzug durch die Welt der Literaten. 

“Sonnenwende” von Edgar Rai

Tom glaubt an die Liebe, und weil er seit Jahren mit Helen zusammen und ihr dabei auch noch treu ist, halten seine Freunde ihn für nicht ganz normal. Vor allem Wladimir, für den jede Frau ein Verfallsdatum trägt. Das Wort „Beziehung“ hat auf ihn dieselbe Wirkung wie Knoblauch auf einen Vampir …

“Heldenangst” von Gabriel Chevallier

Dieses Buch ist sicher nicht das, was man sonst von Gabriel Chevallier gewohnt ist. Der 1895 in Lyon geborene und 1969 in Cannes verstorbene Autor wurde weltbekannt durch seinen Roman „Clochemerle“. Als „Heldenangst“ in einer Neuausgabe im Jahre 2008 erschien, da wurde dieses Buch begeistert gefeiert. Ursprünglich wurde der Roman zuerst im Jahre 1930 veröffentlicht.

Anhand des jungen Studenten Jean Dartemont schildert Chevallier die Schrecken des ersten Krieges, Schrecken, die auch stellvertretend für die Schrecken aller Kriege stehen könnten. Er beschreibt die Angst der „normalen“ Soldaten, die von ihren Generälen immer wieder in sinnlose Gefechte geschickt werden und die dafür einen erschreckend hohen Blutzoll zahlen mussten. Es ist gerade die grenzenlose Dummheit und Selbstüberschätzung degenerierter Generäle auf beiden Seiten, die diesen ersten Weltkrieg zu einem militärtaktischen Desaster werden ließ. Willkür und Borniertheit der Armeeführung war an der Tagesordnung.

Gabriel Chevallier beschreibt die Dinge so wie sie waren. Er beschreibt sehr anschaulich die grenzenlose Angst der Soldaten, er beschreibt die Kälte und die grassierenden Durchfallerkrankungen und er macht dabei sehr deutlich, dass das Leben des Einzelnen absolut nichts zählt und überhaupt nichts mehr wert ist. Es ist diese schonungslose Offenheit, die dieses Buch zu einem beeindruckenden Leseerlebnis werden lässt. „Heldenangst“ geht weiter als „Im Westen nichts Neues“, es versucht das Unbegreifbare begreifbar zu machen und mit jedem Satz merkt man, dass der Autor eigenes Erleben niedergeschrieben hat. War er doch selbst, nur mit einer kurzen Unterbrechung, vier Jahre Infanterist in diesem Krieg.

Erwähnenswert ist noch, dass dieses Buch bei seinem Erscheinen aufgrund seiner direkten Sprache einen Skandal auslöste. 1939 wurde dieses Buch im Angesicht des drohenden Krieges zurückgezogen. Sollte wohl niemand davon beeinflusst werden, dass Krieg gleichbedeutend mit Angst ist. Auf diese sehr einfache Formel läuft in „Heldenangst“ eigentlich alles hinaus.

Ein beeindruckend und bedrückendes Buch, sehr empfehlenswert.

Jan

Nagel & Kimche Verlag 2010, Übersetzung: Stefan Glock, Hardcover 24,90 €, 425 Seiten, ISBN: 978-3312004416